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Interview: ABROGATION
Titel: Blutgetränkter Mittelalterstahl

Es gibt immer wieder Hartmetallbands, die stilistisch verdammt noch mal nicht exakt zu kategorisieren sind. Doch entströmt gerade solchen spielsturen Individualkapellen nicht genau zuletzt deshalb der größere, der größte Reiz?

Die Medieval Death Metal-Notenfolterknechte Abrogation aus Bad Laer zählen eindeutig zu dieser seltenen Spezies. Das normlose Totenquartett kann getrost für sich beanspruchen, seinen betont eigenständigen Stil in den letzten Jahren zu einer Art selbst inszenierten Reinkultur hinauf getrieben zu haben.

Das ebenso ungewöhnlich wie reizvoll gespielte Dunkelschwermetall des historieninteressierten Vierers ist somit als einmalig zu titulieren. Doch laut Bassist Rainer Wiezorek alias RW waren die zugrundeliegenden Einflüsse keine besonderen, unter welchen sich Abrogation in die heutige Richtung entwickelt haben:

„Es gibt da eigentlich nichts spezielles. Wir haben alle einen unterschiedlichen Musikgeschmack und das wirkt sich eben auch auf das Songschreiben aus. Das ist es ja auch, was es den Schreibern so schwer macht, Abrogation einzuordnen. Was für uns wiederum sehr gut ist, da wir, so denken wir, eine breite Zielgruppe erreichen. Was jetzt aber nicht gleich heißen soll, daß wir auf Kommerz aus sind – das ist mit unserer Musik sowieso nicht möglich, meine ich.“

Die über die Jahre doch merklich modifizierte Stilbildung von Abrogation resultierte laut Rainer auch nicht zuletzt aus unterschiedlichen Musikgeschmäckern der einzelnen Bandmitglieder.

„Wir haben alle einen anderen Musikgeschmack, was sich aber alles innerhalb des Metal bewegt, sprich von Black und Death über True Metal. Aber auch sogar Hardcore und Punk werden von einigen bei uns eingefahren. Und aus dem ganzen Sud hat sich eben unser Musikempfinden entwickelt und sich unser ureigenster Stil entwickelt. Kann schon sein, daß da hin und wieder Leute kommen und behaupten, alles was wir spielen, wäre doch schon mal irgendwo da gewesen. Aber da kommt der Punkt, den man vielleicht als Kalkül bezeichnen kann. Wir haben uns damals überlegt, was wir anders machen könnten, ohne dabei in den großen Topf des Vergleichens zu kommen, sprich in eine stilistische Schublade gesteckt zu werden! Danach haben wir überlegt, was bei den Fans eigentlich gut ankam (vor allem auch live) und siehe, es war `Im Namen Gottes`, ein Song von unserem ersten Demo `Screams Of Soul` (dazu muß gesagt werden das alle anderen Songs englisch vokalisiert waren) und da kam uns der Gedanke, ob es das eigentlich schon in der Form irgendwo gibt? Da uns nichts vergleichbares einfiel, haben wir uns gesagt, wenn andere Metal-Bands auf deutsch singen können, können wir das auch. Und ohne zu übertreiben, haben wir uns gesagt: Wenn, dann besser! Also war die musikalische Mischung unserer ersten Longplay CD `Handwerk des Todes` gefunden.“

Nachfolgend schlossen sie sich sozusagen regelmäßig am Wochenende in ihrem Proberaum „Hitschmiede“ ein und schrieben die ersten Songs zu „Handwerk des Todes“. Rainer erinnert sich zurück:

„Was dabei rauskam war einfach geil; Songs wie `Teufelsweib`, `Leichendieb`, `Der schwarze Tod` und vor allem der sagenumwogene `Erlkönig` vom ollen Goethe. Das sind Lieder, die liegen wie eine Droge im Ohr und wenn ich ehrlich bin, ist es mit dem Rest der CD genauso. Ich höre und spiele sie heute noch gerne, den anderen Jungs der Band geht es nicht anders.“

Auch mit ihrem aktuellen Album wollen Abrogation ein möglichst vielfältiges Auditorium erreichen, wie der Bassist mutig berichtet.

„Ich denke schon, daß wir ein sehr breites Publikum ansprechen, wenn sie sich denn mit uns auseinandersetzen. Was ja schon aufzeigt, wie unterschiedlich teilweise die Presse auf uns reagiert. So werden bestimmt diesmal wieder viele differierende Stilvergleiche gezogen, genauso wie es auch schon bei der `Handwerk des Todes` war – wo wir beispielsweise sogar mit Böhse Onkelz, Die Schinder, Eisregen usw. verglichen wurden. Heute werden Crematory, Tom Angelripper, In Extremo und Grave Digger herangezogen! Das alleine zeigt uns, daß wir ein sehr breites Publikum ansprechen. Und es macht sich auch bei unseren Konzerten bemerkbar, daß wir auch ziemlich viele Leute regelrecht begeistern, egal, ob Black, Death oder True Metal-Fans. Wir möchten, dass alle Spaß an unserer Mucke haben, so wie wir auch!“ Ein lobenswerter Wunsch, den bestimmt viele Fans teilen werden.

Nachfolgend erläutert der sympathische Tieftöner den neuen Albumtitel. „Der Titel `Das Blut der Toten` soll dem lyrischen Charakter der neuen Scheibe Ausdruck verleihen. Wir hatten auch noch einen anderen Titel zur Auswahl, `Tyrannei der Engel`, aber er hätte die Songs nicht in dem Sinne repräsentieren können. Es geht hauptsächlich über die dunkle Seite des tiefsten Mittelalters in unseren Texten und dafür ist der Titel einfach am besten gewesen. Das ist alles, so einfach kann es ein.“

Da er die Songtexte nun schon angesprochen hat, muß er sie auch ein wenig näher bringen. Und Rainer eröffnet recht Interessantes.

„Es geht um Hexenverfolgung, Kirchentyrannei, Folter, ja eben um das Mittelalter in seiner dunklen Art und Weise. Wir schreiben unsere Texte nicht über Wein, Weib und Gesang, was, so glaube ich, auch nicht zu unserer Art von Musik passen würde. Obwohl das bestimmt auch Spaß machen würde, aber dann müssten wir andere Mucke machen. Am besten ist es, man hört sich die Scheibe in aller Ruhe an und macht sich selbst ein Bild davon, weil es für mich schwer ist, die Texte in ihrer Gesamtwirkung zu erklären. Denn erst in Zusammenwirkung mit unserer Musik kommen sie zur vollen Entfaltung.“

Doch die Songtitel von „Das Blut der Toten“ kommentiert der Bassist dann doch gerne:

„`Das Blut der Toten` – da geht es um Kriegerschaft, Ritterheer, Mord, Tod und Hungersnot: `Die Ritterschaft im fremden Land, sie waren alle dem Blutrausch verbannt` und das alles im Namen der Kirche. `Tyrannei der Engel` – voll Neid, voll Zorn, voll Eifersucht verfolgen sie des Teufels Frucht, sind überall, s'gibt kein entrinnen, Du bist erkannt! `Feuersbrunst` – da geht es um die besagte Kraft der Feuersbrunst, wie sie sich durch alles hindurchfrisst: `Ob Mensch Ob Tier kein Kraut auf Erden kann gegen mich zum Sieger werden`. `Folterkammer` – hier geht es um die Greueltaten die es in dieser Einrichtung gab und es heute auch noch gibt! `Hexenriecher` – wer kennt ihn nicht, der willkürlich durch die Mengen geht und mit dem Finger auf sie zeigt, Du bist eine Hexe! `Drum gebt acht ihr Hexen und seit auf der Hut, wen er entlarvt den trifft der Kirchen Wut`. `Ablasskäufer` – mit Sünden anderer Geld scheffeln: `Wenn das Geld im Kasten klingt die Seele in den Himmel springt, ihr zahlt für alle Sünden ein und schon bald werden Eure Seelen rein`. `Der Schelm` – ja ein etwas lustiger Text über einen Narren, wie es ihn wohl überall gab und heut noch gibt. `Galgenberg` – es ist die Stätte die es überall gab im Mittelalter, wo Hinrichtungen stattfanden: `Aufgedunsene tote Leiber, an morschen Balken aufgereiht...`. `Angeklagt` – ein Weib vor dem hohen Gericht der Kirche, der Inquisition! `Engelmacherin` – es gab ein Gewerk im Mittelalter, das der Engelmacherin, wo ungebetene Schwangerschaften, beispielsweise in Klöstern vollendet oder beendet wurden. `Geisterstunde` – ein fiktiver Text, wie es sein könnte oder wie wir es schon erlebt haben?! Und zu guter letzt `Die letzte Nacht` – hier geht es um die letzte Nacht eines zur Hinrichtung Verurteilten.“

Die Band ist in dieser Hinsicht recht zufrieden mit dem Geleisteten.

„Obwohl kein roter Faden in den Songtexten existiert – es ist ja in dem Sinne auch kein Konzeptalbum, waren wir schon darauf bedacht die Songs in eine Richtung zu bringen, was die Texte angeht und wir denken mit den Themen auch eine gute Mischung gefunden zu haben.“ Der Verfasser pflichtet dem Viersaiter in dieser Hinsicht gerne bei.

Unter welchen Gesichtspunkten wurde denn das Frontcover der aktuellen Veröffentlichung von Michael Schindler erstellt?

„Das war eine sehr gute und einfache Zusammenarbeit. Ich hatte mich einfach im Internet umgeschaut und bin dabei auf Dragon Design gestoßen. Dann habe ich mit den anderen Jungs in der Band gesprochen. Sie fanden die Werke von Michael Schindler allesamt genauso gut wie ich und das brachte die Grundlage für unsere Zusammenarbeit. Ich rief ihn an und wir wurden uns schnell einig.“

Das optische Endresultat solcherlei Bemühungen gefällt Abrogation doch sehr, wie Rainer bekennt.

„Wir sind sogar sehr zufrieden damit. Michael hat viel dazu beigetragen. Ich sagte ihm, wie wir uns das so ungefähr vorstellten. Es sollte schon noch den Bezug zum `Handwerk des Todes` Album haben, zwecks Totenschädeln und dem gewissen Gevatter `Tod`! Er fragte mich, ob ich Ihm nicht ein paar Texte zu der Musik senden könnte, was ich dann auch tat. Und was dabei rauskam, hat uns echt vom Hocker gehauen! Er zauberte eine superbe Atmosphäre auf das Cover und integrierte auch vereinzelte Elemente, welche man mit vielen unserer Texte in Verbindung bringen kann. Einfach super! Hiermit nochmals ein Danke an Dragon Design!“

Das wird dort sicher auch gern angenommen. Den Bandnamen der Jungs wollte ich im Wörterbuch nachschlagen, dort ist er aber nicht aufgeführt. Wir erfahren:

„So ist er, kann ich da nur sagen, im falschen Buch nachgeschlagen. Ich hatte damals einen Namen gesucht, der zu den Texten unserer ersten Songs passte, welche ja alle noch in englisch gesungen waren. Die ersten Texte handelten noch von Krieg, Zerstörung, Wahnsinn – eben typisch für Death Metal. Und da mußte auch der Bandname passen. Was lag da näher als Abrogation? Ich fand den Namen damals im Lateinischen, und unser Poldi hat ihn nun auch im Englischen gefunden. Man glaubt es kaum, mit der selben Bedeutung.“ Die wird gleich nachgereicht. „Im Lateinischen bedeutet der Name ganz einfach `Abschaffung`. Und in der englischen Sprache so viel wie `Änderung`, `Abändern`. Was auch zu unseren damaligen Texten gut passte, da wir ja die Sachen über die wir schrieben nicht unbedingt gut fanden, sondern sie sozusagen an den Pranger stellten um den Faden zu den heutigen Texten zu spinnen.“ Dieser wurde gekonnt weitergesponnen.

Trotzdem können sich Abrogation nach all den Jahren noch immer voll mit ihrem Bandnamen identifizieren.

„Abrogation steht heutzutage mehr für die Band an sich. Wir, sprich Schwarte, Poldi, John Doe und RW, haben einen langen und schwierigen Weg hinter uns – mit allem was dazu gehört. Proberaumzerstörung durch Wolmirstedter Möchtegern-Nazis, die auch noch von der dort ansässigen Polizei gedeckt wurden bis hin zur Label-Abzocke durch Soundland Productions, welche im Underground bestimmt bei manch geprellter Band bereits bekannt sind. Diese negativen Erfahrungen sind es, die uns zusammenwachsen ließen und somit den Charakter und die Identifikation jedes einzelnen mit Abrogation ausmachen.“

Irgendwelche Bands als Kategorisierungshilfen zu nennen, um den stark individuell geprägten Sound seiner Truppe einzuordnen, ist nicht Rainers Ding.

„Du sagst es eigentlich schon selbst: Stark individuell! Was soll ich da noch sagen, es bedarf da keiner Vergleiche, oder? Es fällt uns genauso schwer wie der schreibenden Zunft, uns einzuordnen, aber das wollen wir auch gar nicht. Wir sind Abrogation und das sollte reichen – auch wenn es ein wenig arrogant rüberkommt, was wir aber nicht sind, oder?“ Bestimmt nicht.

Der Plattendeal mit dem aktuellen Label Grind Syndicate Media kam recht überraschend zustande.

„Das war ziemlich unspektakulär. Ich sendete zig Promo-Pakete zu sämtlichen Labels, wie das wohl viele kennen und auch tun. Was zurück kam, war nichts – nicht einmal ein Dankeschön. Kein Interesse, oder einfach nur eine bekackte Absage, nichts. Doch eines Tages, ich hatte bereits mit den Promos in meinem Kopf abgeschlossen, bekam ich eine E-Mail von Andy Siry. Und siehe da, er bekundete Interesse an uns. Nach persönlichem kennen lernen und lecker Essen war für beide Seiten klar, wir machen das zusammen. Wenige Wochen später war der Deal perfekt.“

Abrogation bereuen den gegangenen Schritt in keiner Weise und hoffen auf gute Zusammenarbeit mit Grind Syndicate Media. Rainer: „Ich denke, daß jede Band von ihrem Label erhofft, etwas gepusht zu werde, durch Werbung usw.! Wir hoffen doch sehr, daß das Label uns hilft bekannter zu werden, was ja allein schon ein guter Vertrieb bringen kann. Wir denken zum heutigen Zeitpunkt, daß wir mit Grind Syndicate Media einen guten Partner gefunden haben. Und bis jetzt besteht ein sehr gutes Verhältnis zwischen Label und Band. Was will man mehr?“

Zukunftspläne sind schon geschmiedet. Wir blicken voraus: „Gigs, Gigs, Gigs! Wir sind jetzt gerade dabei, schon wieder Songs für unser neue CD zu schreiben – es hört sich auch schon wieder einiges recht hitverdächtig an. Eine Songidee gibt es beispielsweise über den Hexenhammer, oder auch über die dunkle Seite von Zwergen! Vielleicht drehen wir ja auch wieder ein Video wie zu `Erlkönig` oder `Die Schlacht` vom Album `Handwerk des Todes`. Unsere neue Homepage www.abrogation.de ist ab sofort auch am Start. Da seid Ihr immer auf dem neuesten Stand über Abrogation, klickt euch ein!“

© Markus Eck, 08.07.2002

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