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Interview: AFTER FOREVER
Titel: Ein modernes Drama

Sowohl mit ihrem 2001er Album „Decipher“ als auch dem kürzlich veröffentlichten Minialbum „Exordium“ konnten diese niederländischen Symphonic Dark Metal-Enthusiasten Fans und Kritiker weitgehend überzeugen. Dies ermöglichte es der 1995 in Holland als Cover-Band gegründeten Formation, sich mehr und mehr im Bereich harter, aber niveauvoller Klänge zu etablieren.

Den aktuellen Auswurf machen After Forever mit ihrem neuen und dritten Langspieler „Invisible Circles“. Und dieser zeigt das auch lyrisch sehr anspruchsvolle Sextett auf dem bisherigen kreativen Zenit seiner Karriere. Und Frontfrau Floor Jansen sieht nicht nur toll aus, sie hat neben optischen Reizen auch ein ebenso intensives wie weites Stimmspektrum zu bieten.

„Sicherlich lege ich Wert auf mein Äußeres, in erster Linie will ich jedoch durch meinen künstlerischen Vortrag für mich stimmen. Die Bühnenpräsentation muss natürlich ebenso stimmen, sonst nützt das ganze gute Aussehen herzlich wenig“, weiß die attraktive 23-jährige Sängerin hinsichtlich meiner Frage nach der hilfreichen Optik ihrer Person zu relativieren.

Kurz vor dem Zeitpunkt unseres Interviews weilte die Band noch in Mexiko, um dort einige Gigs zu spielen.

„Dort gaben wir Songs von unserem Minialbum `Exordium`und diverse ältere Stücke zum Besten. Das neue Material von `Invisible Circles` behielten wir noch für uns, denn die Scheibe ist ein durchdachtes Konzeptalbum, und die Show dafür soll dieses Konzept entsprechend perfekt umsetzen – so werden wir daran noch intensiv in der nächsten Zeit arbeiten.“

Wie sich im Weiteren auftat, ist die von Floor angesprochene Konzeption des neuen Outputs nicht nur fesselnd, sondern auch hochaktuell bezogen.

„`Invisible Circles`, der Titel, steht stellvertretend für das ganze Konzept dahinter. Die fiktive Story erzählt von diversen Menschen, die ihr Leben in einer Art `Kreis` leben, aus dem scheinbar weder sie auszubrechen imstande sind, noch anderen das Eindringen ermöglicht wird. Innerhalb solcher imaginativen Verhaltenskreise begehen Leute immer wieder dieselben Fehler, ohne sich ihrer überhaupt so recht bewusst zu sein. Andererseits ist Außenstehenden dadurch die Möglichkeit verwehrt, Einblick in solche fehlerhaften oder gar destruktiven Verhaltensweisen zu erlangen – ein Teufelskreis, aus dem es scheinbar kein Entkommen zu geben scheint.“

Da Floor als Sängerin ihre Lyrics im Alleingang geschrieben hat, gibt es dazu noch einiges mehr über die zugrunde liegenden Beweggründe der tiefsinnigen Metal-Sopranistin zu erfahren.

„Immer, wenn ich mich für gewisse Dinge oder Ereignisse besonders interessiere, setze ich mich nach Zeit und Möglichkeit eingehend damit auseinander. Wenn ich meine Gedankengänge ausreichend bewältigt habe, möchte ich hin und wieder auch anderen davon erzählen – unsere Musik mit After Forever gibt mir dazu hervorragend Möglichkeit.“

Gitarrist Sander Commans arbeitet neben der Band als Lehrer, er sieht die mit dem Album dargelegte Problematik jeden Tag aufs Neue bei seinen Schülern. Floor:

„Viele Kinder vereinsamen seelisch durch mannigfaltige Computer-Nutzung zusehends. Sie sitzen in der Schule jeder für sich vor den Monitoren, erledigen zuhause ihre Hausaufgaben daran und sitzen im Anschluss daran oft stundenlang vor PC-Spielen oder sehen sich Filme darauf an. Eines Tages kam er mit diesem Thema zu mir und nach dem Gespräch darüber waren wir uns einig, darüber ein Konzept für das kommende Album zu erstellen. Ich machte mich mit den gewonnenen Eindrücken unmittelbar danach ans Schreiben der Texte, so sehr fesselte mich das Thema. Meine Idee basierte auf ein Mädchen, dessen Eltern eine korrekte Vorzeige-Familie über alles geht, und denen ihre Karrieren mehr bedeuten als inneres Glück. So kümmern sie sich nur sehr oberflächlich um ihr Kind, welches daraufhin massive mentale Defizite entwickelt und sich in surrealen Computer-Scheinwelten zu verlieren droht. Vater und Mutter merken diese tragische Entwicklung anfangs nicht, denn sie sind ja viel zu sehr mit dem Aufbau ihrer beruflichen Erfolgsleiter beschäftigt. Wie bereits dazu von mir erzählt, kommt es dann irgendwann gar soweit, dass weder das Mädchen sich seinen Eltern offenbaren kann, noch die Eltern in die Psyche ihrer Kleinen Einblick bekommen. Ein modernes Drama nimmt seinen Lauf.“

Mit „Invisible Circles“ wollten After Forever ihren gegenwärtigen Sound primär ein wenig härter gestalten, wie Floor nun mit erzählfreudiger Anmut bekennt.

„Wir merkten immer wieder, dass zwischen unseren Songs auf Platte und deren Live-Versionen ein gewichtiger Unterschied in Sachen Härte und Energie herrschte. Wir sind eine ausgesprochene Live-Truppe und drehen auf der Bühne immer ordentlich auf – und diese Dynamik sollte auf dem neuen Werk endlich mal voll rauskommen. Da unsere Lieder bekannter Weise sehr komplex und durchstrukturiert sind, konzentrierten wir uns daher darauf, diversen geeigneten Parts ein Mehr an Härte zu verleihen, ohne unser musikalisches Gesicht grob zu verändern oder gar zu verlieren. Simultan ließen wir meinem Gesang dieses Mal ein wenig mehr Entfaltungsspielraum, was die aktuellen Kompositionen meiner Meinung nach umso interessanter in ihrer Mischung macht. Schließlich sollte die Musik bestmöglich zur Story des Konzeptes passen.“

Daher drehte das Sextett laut Floor seinen mit Ideen gespickten Spieß in Sachen Songwriting erstmalig um, schrieb also für „Invisible Circles“ zuerst die Texte, denen dann die ummantelnde Musik auf den lyrischen Leib geschrieben wurde. Dies erwies sich überraschender Weise als sehr produktiv:

„Unsere neuen Songs sind durch diese Vorgehensweise eingängiger als noch zuvor ausgefallen. Es war eine tolle und auch lehrreiche Erfahrung, auf diese Weise Musik zu kreieren.“

© Markus Eck, 03.03.2004

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