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Interview: AGATHODAIMON
Titel: Stimmige Geschlossenheit

Bereits 1995 aus dem unheiligen Taufbecken gehoben, zählt diese Mainzer Gesandtschaft definitiv zu den Überlebenden der damalig auch in Deutschland üppig einher schwappenden Black Metal-Welle.

Viel passierte in den Reihen der Band bis heute, die sich einst im Dunstkreis von Nocte Obducta gründete. Doch Agathodaimon gaben bis heute niemals auf. Sogar ganz im Gegenteil, ihr Schaffen geriet der Formation immer reifer, immer gehaltvoller und dabei insgesamt immer noch tiefgründiger, wie sie auch wieder mit dem neuen Langspiel-Spuk „In Darkness“ aufzeigen können.

„,In Darkness‘ ist ein deutlicher Schritt zurück zu unseren Wurzeln, also wieder weitaus enger mit Black Metal verzahnt als es das vorhergehende Album ,Phoenix‘ war. Die Scheibe atmet ein gewisses Retro-Feeling, ohne dabei antiquiert zu klingen - schließlich schreiben wir nicht mehr das Jahr 1995. Rückblickend hatten wir uns mit dem letzten Album einen Schritt zu weit von dem entfernt, was Agathodaimon ausmacht, und haben uns deswegen bewusst auf die Wirkung der Musik konzentriert. ,Phoenix‘ klingt für meine Begriffe sehr konstruiert und kopflastig. Keinesfalls ein schlechtes Album, aber im Nachhinein würde ich das Feeling bemängeln, denn manche Songs hatten nicht die Ausstrahlung, die ich mir für unsere Musik wünsche. Damals war diese Ausrichtung logisch und vielleicht auch nötig, aber mittlerweile denken wir etwas anders“, konstatiert Gitarrist und Klarsänger Martin ,Sathonys‘ Wickler.

Insofern ist „In Darkness“ weit bauchlastiger ausgefallen, so der Axeman.

„Wir haben die Songs teilweise sehr spartanisch begonnen und nach und nach ausgebaut, bis eine gewisse Balance im Sound und der Ausstrahlung der Musik erreicht war. Die Scheibe wirkt in sich geschlossen sehr stimmig und rund, obwohl wir nach wie vor ein weites Spektrum an Klängen und Stilistiken verarbeitet haben.“

Der Genre-Bereich Dark Metal, so Sathonys, ist seiner persönlichen Meinung nach an sich weniger stilistisch definiert als beispielsweise Black- oder Death Metal.

„Es lässt sich bestimmt einfacher eine Scheibe ins Death Metal-Genre einordnen als mit Nachdruck zu sagen, ja, das ist eindeutig ,Dark Metal‘. Solchen sehe ich als Kunstbegriff an, der einige bestimmte Charakteristiken aufweist, aber eher die Gesamtstimmung einer Scheibe widerspiegelt, als durch instrumentale Elemente klar definiert wird. Im Allgemeinen dient diese Einordnung wohl eher als Krückstock für Journalisten in Bezug auf Bands, die nicht eindeutig einem Genre zuzuordnen sind, aber auf die eine oder andere Art düstere Musik spielen. Für uns heißt es in erster Linie, das wir uns zwar durchaus mancher Stilistik bedienen, aber nicht zwangsläufig einer Stilistik zugehörig fühlen. Die zugrunde liegende Stimmung eines Songs ist wichtig, nicht die Art, wie diese erreicht wird.“

Die aktuelle stilistische Mixtur auf „In Darkness“ kann durch überraschend hohe Eigenständigkeit und hervorragend durchdachte Strukturen überzeugen. Im Kern ist der Entstehungsprozess bis zum fertigen Song bei Agathodaimon ein Gruppenresultat, wie von Sathonys zu erfahren ist.

„Das nackte Songwriting beziehungsweise das Gerüst an sich liefert die Gitarrenfraktion, also Thilo und ich. Aber natürlich trägt jeder zum Endresultat bei. Einige Songs beispielsweise besitzen Elemente aus den frühen Tagen der Band, die wir frisch aufgearbeitet haben und die im Gruppenkontext nun erstmals wieder Sinn machten. Die Initialzündung für mich bei der Arbeit am neuen Album war die Neufassung von ,Dusk Of An Infinite Shade‘, eines Songs, welchen wir bereits zu Demozeiten komponiert hatten, also aus der Zeit mit unserem rumänischen Sänger Vlad stammt. Seit damals hatten wir einige Versuche gewagt, den Song für ein Album wiederzubeleben, aber das Resultat klang jeweils einfach nicht homogen oder organisch genug. Mit der aktuellen Besetzung aber wirkte alles stimmig, und war für mich Beweis genug, dass wir die stilistische Ausrichtung der Scheibe entsprechend definieren können. Die stilistische Vielfalt ergibt sich somit zum Einen aus manch alter Komponente und der damit einhergehenden Fokussierung auf die Weiterführung dieser musikalischen Ausrichtung, als auch natürlich unserer individuellen indirekten Einflüsse oder geschmacklichen Vorlieben. Und sowohl Thilo als ich haben unterschiedliche Herangehensweisen an einen Song; er geht mehr über die musiktheoretische Schiene und Harmonielehre, während ich einen eher anachronistischen Ansatz verfolge und Black Metal als Freiraum für klangliche Individualität sehe. Ich bin beispielsweise absolut schmerzfrei, eher unlogisch vorzugehen, Dissonanzen einzubauen oder einfach nach Gefühl zu agieren, wenn mich das Endresultat im Ganzen überzeugt.“

Wie erwähnt, stand als erster Track zum neuen Album-Dreher „In Darkness“ die Neufassung dieses alten Songs im Raum, als auch die kollektive Entscheidung, das neue Material deutlich düsterer als „Phoenix“ ausfallen zu lassen. Agathodaimon wollten gezielt altmodischer und reduzierter arbeiten, wie diesbezüglich in Erfahrung zu bringen ist.

„Wir hatten uns im Vorfeld der Arbeiten mehrere Male zwecks Abstimmung über die Ausrichtung unterhalten, denn das eigentliche Songwriting beziehungsweise die Vorarbeit passiert weniger im Proberaum als in Eigenarbeit. Darauf erfolgt dann eine erste Vorproduktion am heimischen Rechner, mehr oder minder detailliert. Einige Songs haben wir auch direkt im Studio quasi vorproduziert, um ein mehr oder minder aussagekräftiges Bild zu erhalten, ob diese auch so funktionieren würden. Als nächster Schritt steht dann meist die Feinarbeit an Keyboards beziehungsweise Effekten sowie die klangliche Ausrichtung generell an, als auch die Gesangslinien sowie Ausarbeitung der Texte, welche meist zuletzt entstehen.“

Das neue Material der Formation ist sowieso nicht selten überraschend catchy, was die berührend melancholischen Melodie-Aufbauten angeht. Der langjährige Griffbrettschrubber äußert hierzu: 


„Das für mich immer wieder Überraschende ist eigentlich, dass die Musik manchmal eine gewisse Eigendynamik aufweist. Es gibt im Entstehungsprozess für mich anfangs mitunter einen Punkt, an dem ich denke ,passt das eigentlich, geht das zu weit?‘, aber wenn sich der Song weiter entwickelt, relativiert sich der Eindruck meist beziehungsweise gliedert sich der Song mehr und mehr in unser musikalisches Spektrum ein. Was die Melodieführung angeht, so steht oftmals erst eine Melodie im Raum, um die sich der Song legt, also quasi die Basis darstellt, auch wenn diese sich vielleicht in späterem Zeitpunkt in den Riffs verliert oder nicht mehr offensichtlich der Ursprung des Songs ist. Und nicht zu vergessen, Thilo hat einen musikalischen Background, der sich auch aus dem melodischen Heavy Metal-Sektor speist. Damit ziehen wir ihn zwar gelegentlich auf, aber letztendlich bin ich immer wieder aufs Neue überrascht, das man dies seinen Songs nicht anmerkt, beziehungsweise diese ,Happy Metal‘-Komponente völlig fehlt. Ich frage mich beispielsweise bis heute, warum man sich Bands wie Freedom Call freiwillig anhört. Aber wie schon erwähnt, die Atmosphäre steht im Vordergrund, und diese definiert sich nunmal eher durch Melodie als durch Rhythmik.“

Welche Bands oder Soundtracks ihn und seine Band für die neue Musik beeinflusst haben, falls überhaupt, das ist für den Mann schwer zu sagen, wie er darlegt.

„In erster Linie war ich die letzten Jahre eher auf ältere Alben fokussiert und habe mich durch meine Plattensammlung gewühlt, um alte Scheiben auszugraben, primär im härteren Sektor. Aber auch andere Musik wie die Comeback-Scheibe von Alice In Chains, ,Black Turns Way To Blue‘, haben mich begeistert. Hauptsache düster, der Härtegrad ist nicht entscheidend. Was Soundtracks angeht, nun, die Werke von Hans Zimmer zu ,Inception‘, ,Dark Knight‘ etc. sind immer sehr beeindruckend, ebenfalls seine Pionierarbeit als Klangtüftler. Bei Inception hatte er beispielsweise mit klassischen Instrumenten gearbeitet und diese dann modifiziert und verfremdet, was für mich auch die Herangehensweise und Wahrnehmung von Synthie-Sounds beeinflusste. Übrigens haben wir auch eine Gastmusikerin an der Violine, da gerade Saiteninstrumente noch etwas zu künstlich klingen, wenn sie aus der Retorte kommen. Auch wenn die Technik hier mittlerweile einiges zu bieten hat.“

Das am meisten Spannende für ihn ist natürlich, immer wieder zu beobachten, wie sich neue Songs entwickeln, informiert Sathonys nachfolgend ergänzend.

„Gleichzeitig ist das auch die aufreibendste Sache, da es selten diktatorische Entscheidungen gibt, sondern die Songs in Gruppendynamik entstehen. Bei Schlagzeug und Bass ist das meist noch recht einfach, beim Gesang naturgemäß schwerer. Oftmals ist es ja so, dass Thilo und ich eine gewisse Vorstellung haben, wie die Gesangslinien aussehen sollten. Wenn unser Sänger Ash dann seine Vorschläge in musikalischer oder textlicher Form einbringt, ist eine Abwägung der einzelnen Varianten nicht immer leicht. Vorneweg hatte ich beispielsweise die Absicht, möglichst wenig klaren Gesang einzubringen. Aber Ash hatte einige gute Ideen, die wir dann letztendlich umgesetzt haben, und die auch für eine größere Dynamik sorgen. Aber ich hadere immer sehr lange mit Änderungen an Songs- man trägt ja eine bestimmte Vorstellung im Kopf, und das über einen langen Zeitraum. Wenn sich diese gefühlt gravierend ändert, dann dauert es bei mir sehr lange, bis ich mich von der ursprünglichen Variante lösen kann. In solchen Fällen wägen wir dann nach dem Mehrheitsprinzip ab, außer der jeweilige Songwriter kann sich mit dem Vorschlag gar nicht anfreunden. Auch unser Produzent Kohle ist hier hilfreich, da er unsere Musik schon lange kennt und die Songs unvoreingenommen beziehungsweise unparteiisch wahrnimmt. Ansonsten war für mich die Arbeit an den Keys/Synthies das spannendste Element, da wir, Thilo und ich, diese zum Großteil selbst erarbeiteten. Wobei Thilo hier schon sehr detailliert und punktgenau arbeitet, während ich da noch rudimentärer zu Werke gehe und zusammen mit unserem Produzent Kohle dann an den finalen Sounds und Arrangements arbeite. Das ist dann meist ein toller Moment, wenn der quäkende Billig-Synthie der heimischen Workstation gegen stimmige Sounds getauscht wird.“

Welchen speziellen Hintergründe beziehungsweise Inhalte haben die neuen Songtexte hauptsächlich - gibt es dabei eventuell sogar einen gemeinsamen Nenner?

„Nein, auch diese sind sehr vielschichtig. Einer von Thilos Songs namens ,I’ve Risen‘ erinnert mich beispielsweise stark an Emperor-Zeiten, als Mortiis noch mit von der Partie war. Auch die Texte von Ash sind eher old-school und okkult angehaucht. Manche Texte stammen teilweise noch von unserem alten Sänger Vlad, manche sind in rumänischer Sprache, und wir haben auch wieder nach langer Zeit einen deutschen Text verarbeitet. Oft haben die Texte aber nicht unbedingt eine klare Message oder Geschichte, sondern unterstützen die Musik in ihrer Wirkung oder lassen viel Raum für Interpretation. ,Favourite Sin‘ beispielsweise ist vom Aufbau etwas gestückelt, da er Zitate enthält. Unter anderem von Michail Bakunin, einem russischen Revolutionär, oder dem rumänischen Dichter George Bacovia, aber auch Passagen aus der Offenbarung Johannis. Genug Abwechslung sollte es somit auch auf textlicher Ebene geben.“

Wir gehen nachfolgend zu den Einflüssen und Inspirationen über, die für die Lyriken der neuen Kompositionen von Relevanz waren. Sathonys:

„Wenn wir bei ,Favourite Sin‘ bleiben, so war die Inspiration wohl der Film ,Im Auftrag des Teufels‘ mit Al Pacino, welcher den Song letztendlich als mehr oder minder offene Religionskritik initiierte. Meist aber bietet die Musik die größte Inspiration, und definiert den Text über dessen zugrunde liegende Stimmung und die eigene Vorstellungskraft. Ich will nicht behaupten, dass mir die Musik visuelle Welten öffnet, aber manche Bilder oder Inspiration für die textliche Ausrichtung liefert sie durchaus.“

Und worin sieht der Agathodaimon-Musiker mittlerweile die ganz speziellen Stärken seiner Band, nach all den Jahren des Musizierens?

„Ich denke, wir haben eine recht klare Vorstellung dessen, was Agathodaimon ausmacht, und die Chemie innerhalb der Band ist wirklich gut - wir haben da schon ganz andere Zeiten durchlaufen. Gerade die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt untereinander ist ein wichtiger Faktor. Kleinere Spannungen gibt es wohl immer mal wieder, aber die sind eher der Kreativität zuträglich. In der Vergangenheit hatten wir aber hin und wieder Konstellationen, wo einzelne Mitglieder aneinander gerieten, und das kann sehr kräfteraubend sein - zumal ich mich selbst immer als ausgleichendes Element einzubringen versuche, um die Balance zu wahren. Es macht keinen Spaß, in einer Band zu agieren, in der sich die Mitglieder untereinander nicht verstehen. So etwas ist machbar, wenn das große Geld im Spiel ist und sich die Musiker nur auf der Bühne treffen und danach wieder getrennte Wege gehen, aber bei einer Band wie der unseren verbringt man zwangsläufig viel Zeit miteinander - zwar ohne das große Geld, aber dafür mit entsprechendem Spaß-Faktor.“

Für den verbleibenden Rest von 2013 erhoffen sich die Mainzer Dunkelmetaller laut Aussage des Gitarristen nun erstmal, dass das Album bei ihren Fans gut ankommen wird. Und dass die Entwicklung, welche Agathodaimon seit der letzten Scheibe gingen, auch entsprechend verstanden und gemocht wird.

„Und natürlich wollen wir die neuen Songs auch live vorstellen. Sobald wir mit den Nachwehen des Albums wie Promotion, Planen beziehungsweise Umsetzen eines Videoclips etc. fertig sind, wollen wir uns verstärkt um Auftritte kümmern. Und sind dann gespannt auf den Dialog mit den Fans.“

© Markus Eck, 10.06.2013

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