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Interview: AGRYPNIE
Titel: Künstlerischer Phoenixflug

„F51.4“, das erste Album des Mainzer Dunkelvokalisten Torsten Hirsch, ist ein sehr ungewöhnliches Werk geworden.

„F51.4“ schlägt voll in die künstlerische Kerbe, welche von seiner ehemaligen Hauptband Nocte Obducta hinterlassen wurde – nachdem diese sich schlussendlich mehr und mehr vom konventionellen Black Metal-Regelwerk verabschiedet hatten.

Apropos Regeln: Der „Unhold“, wie er sich selbst tituliert, geht auf seiner Scheibe nach allen Vorgaben der Eigenständigkeit vor. Der lateinische beziehungsweise griechische Begriff „Agrypnie“ steht für Schlaflosigkeit oder auch hohe Wachsamkeit – wie auch immer, Unhold Torsten hat seine schlaflosen Nächte auf jeden Fall musikalisch ertragreich für düsteres Liedgut genutzt.

„Cool, die erste Frage und ich habe keinen Schimmer was ich darauf antworten soll. Kann ich deine Frage mit einer Gegenfrage beantworten? Gibt es auch Aspekte in meiner beziehungsweise in der Musik im Allgemeinen die nichts mit Kunst zu tun haben? Meiner Meinung nach ist es beispielsweise auch Kunst, die Knöpfchen in einem Studio genau so zu drehen, dass am Ende etwas rauskommt was hörbar klingt. Man setze fünf verschiedene Produzenten ins selbe Studio unter denselben Bedingungen und es werden fünf verschiedene Resultate herauskommen. Shit, ich hoffe ich habe mich wenigstens halbwegs elegant aus der Frage heraus gewunden“, diktiert mir der Gesangsmann in den Schreibblock.

Darauf gekommen, selbst eine neue Band zu machen, ist Torsten laut eigenem Bekunden folgender Maßen:

„Das lag schlicht und ergreifend daran dass ich bei Nocte Obducta nur gesungen habe. Da ich aber selbst auch Songs schreibe und Gitarre spiele habe ich 2004 beschlossen so etwas wie ein Soloprojekt zu gründen. Kurz nach der `Gründung` kam mir dann gemeinsam mit Claudius von der Band Fated, einem guten Freund von mir, die Idee eine gemeinsame Split-Demo aufzunehmen. Alles sehr spartanisch an den eigenen Rechnern zu Hause, aber es war eine coole Sache. Daraufhin habe ich beschlossen mit Agrypnie weiterzumachen und mir ein Label zu suchen um ein richtiges Album aufnehmen zu können. Da ich mit Nocte Obducta die ganze Zeit relativ ausgelastet war, war Agrypnie für mich nur ein Soloprojekt welches ich nebenbei laufen ließ. Da es nun leider Nocte Obducta nicht mehr gibt, wird sich zeigen ob ich mir vielleicht Mitstreiter suche um die Songs auch live umzusetzen. Schauen wir mal.“

Der Sänger hätte es nie für möglich gehalten, wie er bekennt, dass er eines Tages dasitzen würde, auf fast zehn Jahre Bandgeschichte mit Nocte Obducta zurückschaut und gleichzeitig Interviews für sein Soloprojekt gibt. Torsten:

„Insofern sind meine musikalischen Ziele um Längen übertroffen worden, obgleich ich mir damals nie wirklich Ziele im eigentlichen Sinn gesteckt habe. Ich wollte einfach Musik machen und hab mir nicht weiter Gedanken darum gemacht wohin die Reise führen wird – vor allem in Anbetracht dessen dass ich anfangs nicht mal eine gescheite Band am Start hatte und ewig nach Mitmusikern suchen musste. Meine erste Hardcore-Band war auch nicht wirklich erfolgreich aber es war der erste Schritt in die richtige Richtung. Ich begann Songs zu schreiben und obwohl sie natürlich mit den Songs die ich heute schreibe nichts mehr zu tun haben, hatte ich Blut geleckt. Slayer- und Pearl Jam-Songs zu covern hatte seinen Reiz verloren und so nahm ich die ersten eigenen Songs auf. Damals noch sehr vorsintflutlich mit dem Tapedeck vor der Gitarrenbox, heute steht ja der Rechner zu Hause der die Sache um einiges erleichtert. Als ich schließlich bei Nocte Obducta den Gesang übernahm war dies auch nicht meine Traumvorstellung vom Posten in einer Band gewesen, denn ich wollte ja eigentlich Gitarre spielen. Es hat sich also alles anders entwickelt und ich bin heute sehr froh darüber und ich würde alles wieder genauso tun. Natürlich gibt es noch Ziele wie beispielsweise mal einen Gig außerhalb Europas zu spielen oder mal eine Tour zu bestreiten. Aber ich bin wirklich dankbar dafür was ich alles erfahren durfte und das ich mit Nocte Obducta all die Jahre sehr viel Spaß hatte. Was den Blick nach vorne angeht, so sieht heute alles etwas anders aus. Ich weiß mittlerweile was mir bei und an der Musik wichtig ist. Früher oder später möchte ich wie gesagt eventuell die Songs mit einer Band einem Publikum live präsentieren, aber primär geht es mir darum Lieder zu schreiben und diese zu veröffentlichen. Musik bedeutet für mich zu sehen wie einzelne Ideen zu einem Ganzen, zu einem Song verschmelzen und wie Rohfassungen der geschriebenen Songs dann später im Studio durch den Sound etc. ein neues Gewand bekommen. Erst danach kommen für mich die Konzerte, die ich allerdings auch nicht missen möchte.“

Mittels Agrypnie wieder als Musiker agieren zu können, bedeutet Torsten sehr viel, um nicht zu sagen alles, wie er zugibt.

„Ich halte alle Fäden in der Hand und habe die künstlerische Freiheit tun und lassen zu können was ich möchte. Dadurch dass Agrypnie keine Band mit Mitmusikern und Auftritten ist, interessiert es auch niemanden wenn ich mal ein paar Wochen die Gitarre und das Songwriting links liegen lasse – was allerdings ohnehin relativ selten passiert. Über die Musik bringe ich meine Gedanken und Gefühle zum Ausdruck und lasse ein Publikum daran teilhaben. Ich kann mit meiner Musik mir fremden Menschen einen kleinen Einblick in meine Seele geben, denen ich unter `normalen zwischenmenschlichen Beziehungen` diesen Einblick wahrscheinlich verwehren würde. Somit ist meine Musik etwas sehr Privates was ich teile. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Ventil über das ich mir Luft verschaffen kann. Meine Musik spiegelt meine Sicht der Dinge wider und das was ich sehe ist alles andere als positiv. Andernfalls würde ich wahrscheinlich Hippiemusik schreiben.“

Ich hake nach, wie der Sänger zu der „Szene“ an sich steht, in der er sich künstlerisch bewegt. Wir erfahren also: „Ich hatte gehofft du lässt diese Frage aus. Ehrlich gesagt beschäftige ich mich so gut es geht nicht mit diesem Thema. Es gibt für mich etwas was man vielleicht als Szene titulieren könnte. Darunter fällt das gemeinsame Rocken und Trinken mit befreundeten Bands, das Plaudern mit Fans und das Besuchen von guten Konzerten. Daran liegt mir viel und ich freue mich jedes Mal mit coolen Leuten eine gute Zeit zu verbringen. Woran mir allerdings nichts liegt ist das Zugehörigkeitsgefühl zu allen langhaarigen Metalheads und -Bands dieser Welt. Anfangs hab ich mir natürlich auch jeden Monat brav diverse Metalzeitungen gekauft und noch an etwas wie Underground und Zusammenhalt innerhalb der Szene etc. geglaubt. Aber mit der Zeit hat sich sehr schnell Ernüchterung eingestellt und ich war von der `Szene` angepisst. `Extreme Szenen`, wie sich ja die Metal-, vor allem die Black Metal-Szene gerne titulieren, sind leider auch Anlaufstelle extremer Idioten, Faschisten und anderer Menschen, die durch ihr `krasses` Auftreten anscheinend irgendwas zu kompensieren versuchen. Ich möchte natürlich nicht alles und jeden über einen Kamm scheren, aber es ist einfach so, dass ich viele Statements von Bands nicht verstehen kann – und Fans, die das alles für bare Münze nehmen noch viel weniger. Somit ist diese Szene, die augenscheinlich ja nur aus Individualisten besteht, eine Szene wie jede andere auch. Es gibt genauso viele Mitläufer die jeden Scheiß schlucken wie überall sonst auch. Auch durch das Auftreten so genannter NSBM-Bands habe ich mich irgendwann gefragt wie es mit einer Musikrichtung so weit kommen konnte. Ich finde es abstoßend, dass solche Bands Zuspruch finden und dabei ist es mir auch relativ scheißegal ob diese Bands durch ihr faschistoides Image nur davon ablenken wollen, dass sie Ihre Instrumente nicht richtig halten können, oder ob es die Bands ernst meinen. Manche Fans kümmert es überhaupt nicht was diese Bands propagieren und sie finden `nur` die Musik gut und solche Gleichgültigkeit finde ich wirklich traurig. Wie gesagt, ich schere nicht die komplette Szene mit allen Bands und Fans über einen Kamm. Aber irgendwann ist man es einfach leid sich über gewisse Dinge aufzuregen und Gedanken zu machen und man versucht sich soweit wie es geht von dem ganzen Kram zu distanzieren beziehungsweise man verliert auch einfach das Interesse daran.“

Wie der Mann weiter in diesem Kontext berichtet, ist er zwar gerne auf Konzerten unterwegs und macht auch gerne mal ordentlich einen drauf, allerdings fühlt er sich unter vielen Menschen nicht sonderlich wohl. Daher:

„Ich brauche meistens etwas Zeit um mich zu akklimatisieren und locker zu werden. Ich bevorzuge es eigentlich alleine oder im Kreis weniger Leute zu sein. Es macht für mich auch wenig Unterschied ob ich auf ein Konzert gehe um mir eine Band anzuschauen oder ob ich mit meiner eigenen Band ein Konzert gebe. Menschenmassen erzeugen bei mir eher ein Fluchtverhalten als das ich mich darin wohl fühle.“

Der Autor kennt es gut, dieses Gefühl. Doch weiter im Text: Die Aufnahmen zum neuen Agrypnie-Album waren etwas abenteuerlich und haben sich insgesamt über ein halbes Jahr hingezogen, so Torsten.

„Begonnen hat alles bei mir zu Hause, wo ich die Drums und die Keys programmiert habe. Nachdem das soweit fertig war habe ich ab Dezember 2005 bei Claudius (besagter Fated-Mastermind) die Gitarren und den Bass aufgenommen. Die Sache lief ziemlich reibungslos, war aber auch teilweise etwas stressig. Wir haben uns oft abends nach der Arbeit treffen müssen und haben manchmal nicht mehr als ein paar Parts aufnehmen können. So sind die Instrumente in mühsamer Kleinarbeit Spur um Spur aufgenommen worden. Anfangs war kein Land in Sicht und ich war irgendwann der Meinung dass das Album nie fertig werden würde. Ich habe ein halbes Jahr lang keinen anderen Gedanken im Kopf gehabt als die Fertigstellung desselben und was noch alles daran beziehungsweise dafür zu erledigen war. Und wenn das der erste Gedanke ist den man morgens nach dem Aufstehen hat und der letzte mit dem man abends ins Bett geht, wird man irgendwann echt kirre. Neben den Aufnahmen musste ich mich auch noch um Dinge wie die Gestaltung des Artworks kümmern und für Marcel die Storyboards für die Texte verfassen. Nachdem dann `just in time` die Saiteninstrumente fertig aufgenommen wurden, bin ich für fünf Tage in die Maranis Studios gefahren, wo wir bereits die letzten drei Nocte Obducta-Alben produziert haben. Dort haben wir die Vocals aufgenommen und alles gemischt und gemastert. Auch dort war die Arbeit alles andere als stressfrei, wie man im Studiotagebuch auf meiner Website nachlesen kann. Aber alles in allem bin ich mit dem Resultat verdammt zufrieden und die Strapazen haben keine bleibenden Schäden hinterlassen. Glaube ich.“

Eine klassische Entstehungsgeschichte gibt es laut Torsten in dem Sinn eigentlich nicht. Er erinnert sich:

„Ich habe die Songs geschrieben und die Themen um die sie sich drehen festgehalten, damit Marcel die Lyrics verfassen kann. Anschließend habe ich das Album aufgenommen. Relativ unspektakulär denke ich mal. Die Songs handeln wie ich bereits zuvor angemerkt habe über das, was ich sehe und fühle und daraus entstehen die einzelnen Kompositionen. Natürlich gibt es eine Gewichtung in den Themen und ich werde kaum einen Song veröffentlichen der von einer verschütteten Tasse Kaffee handelt. Alles worüber ich mir Gedanken mache, was ich sehe und fühle und was mir in meinem Leben widerfährt ist potentielle Thematik für meine Songs. Nicht mehr und nicht weniger.“

Über die genaue Bedeutung des Albumtitels „F51:4“ schweigt sich der Sänger leider beharrlich aus. Auch von anderen Bands als Inspirationsquelle möchte er sich eher distanzieren. „Man könnte jetzt natürlich ewig lange darüber philosophieren, inwieweit man durch Musikhören direkt oder indirekt von anderen Bands beeinflusst wird, oder wie meine CD klingen würde, wenn Nocte Obducta all die Jahre eine Grindcore-Band gewesen wäre. Natürlich waren die frühen Werke von Emperor und In The Woods etc. ein Grund für mich diese Musik spielen und schreiben zu wollen, aber knapp 10 bis 12 Jahre später hat sich mein Musikgeschmack auch anderweitig weiterentwickelt und ich höre mittlerweile verhältnismäßig wenig Black/Death Metal. Trotzdem liegt es mir im Blut diese Art von Musik zu schreiben, da ich dadurch ziemlich gut meine Gefühle zum Ausdruck bringen kann. Mir lag es noch nie, mich an mein Instrument zu setzen und mir zu sagen `So, heute schreibst du einen Song der nach XYZ klingt und die und die Atmosphäre vermittelt`. Ich setze mich hin, spiele Gitarre und plötzlich ist da eine Idee die mir gefällt. An dieser wird dann weitergearbeitet und je nachdem in welche Richtung sie läuft versuche ich sie mit Riffs zu verbinden die ebenso die Stimmung haben. Oder aber ich habe einen ätzenden Tag hinter mir und will nach dem ruhigen Part lieber einen Blastbeat der voll auf die Fresse haut. Songwriting ist für mich also eher eine Frage meiner persönlichen Stimmung und Laune als Einflüsse und Inspirationen. Ich kann nur eins mit Gewissheit sagen, zumindest über meine Art des Songwritings: Es lässt sich nicht pauschalisieren wie ich Lieder schreibe und es ist jedes Mal irgendwie anders. Klingt komisch, ist aber so.“

Die Themen der Songtexte des neuen Albums handeln also über das, was sich tagtäglich in seinen Gedanken abspielt, sowie darüber was um Torsten herum passiert oder was er alles so beobachtet.

„Ich kann relativ wenig mit Texten über die Ankunft Satans oder über Trolle und Wälder etc. anfangen (auch wenn Trolle und Wälder verdammt cool sind und ich auch manchmal, aber nur manchmal Texte über Satan etwas abgewinnen kann) und hätte auch keine Ambitionen solche Texte schreiben zu wollen. Meine Texte sind aber trotzdem allesamt sehr dunkel, drehen sich um negative Situationen und es findet sich wenig Hoffnung in ihnen. Um an dieser Stelle noch mal etwas zu verdeutlichen: Wenn ich von `meinen` Texten rede, in Bezug auf das Album `F51.4` sind die Texte von Marcel verfasst worden. Ich rede nur von `meinen` Texten, da die Thematiken und die Storyboards der Texte von mir stammen und Marcel sie `lediglich` umgesetzt hat. Ich möchte aber nicht, dass der Eindruck entsteht, ich habe an den eigentlichen Texten mitgeschrieben oder habe sie selbst verfasst. Ich bin auch diesmal sehr glücklich darüber dass Marcel mir die Texte geschrieben hat. Die Texte der Demo stammen auch aus seiner Feder. Denn Marcels Texte sind meiner Meinung nach die besten Texte, die es im deutschsprachigen Black Metal-Bereich überhaupt gibt. Allerdings beginne ich langsam selbst Texte zu verfassen und ich denke dass die Lyrics der nächsten Agrypnie-Scheibe komplett von mir sein werden.“

Die Texte auf dem aktuellen Album haben sogar einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Musik selbst bei Agrypnie, präzisiert der Urheber abschließend. „Die Lyriken geben Einblick in die Gedanken hinter den Songs und sie visualisieren die Thematiken, die sich meiner Meinung nach nur begrenzt durch die Musik an sich transportieren lassen. Natürlich vermittelt die Musik der Songs eine gewisse Grundstimmung, aber die Texte geben Aufschluss darüber, was in den Stücken genau passiert. Ich danke dir für das Interview.“

© Markus Eck, 27.09.2006

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