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Interview: ALTONA
Titel: Tief aus dem Innersten

Bereits 1996 bündelten im türkischen Kultur- und Wirtschaftszentrum Istanbul, mit 3.000-jähriger Historie eine der ältesten weltweiten Städte überhaupt, einige Enthusiasten ihre kreativen Kräfte, um ihre gemeinsamen musikalischen Vorlieben mit einer eigenen Band zu verwirklichen. Dennoch erschien das gleichnamige Debütalbum erst 2007. Favorisierten die Beteiligten anfänglich noch eine eher experimentell ausgerichtete Schaffensmischung aus Heavy- und Thrash Metal-Sounds, welche auch in diversen Coverversionen Entsprechung fand, kristallisierte sich bei Altona mit den Jahren ein ureigener Stil heraus.

Und dieser findet bislang nicht nur ausschließlich in der türkischen Heimat der Musiker großen Anklang, denn das hörbar beflissene Anspruchsquintett vom Bosporus bietet hochinteressanten Progressive Metal mit ergreifend emotionalen Ethno- und Folklorepassagen betont traditioneller Machart. Geschickt dabei eingeflochten werden von dem Melancholikertrupp um den stimmgewaltigen Sänger Vahdang Makaletia sowohl typisch anatolische als auch fernöstliche Melodiemuster überwiegend mystischer Natur, die nicht selten gar anhaltend verführerische Ohrwurmqualitäten innehaben.

Beim heimatlichen 2008er Istanbuler Uni Rock Open Air Festival spielten diese morgenländischen Beschwörer filigraner Spielkünste im Juni neben etablierten einheimischen Gruppen wie Pentagram auch mit bekannten Größen wie beispielsweise Testament, Opeth, Dark Tranquillity auf.

Bassist Onur Burgaz spielt seit 1999 eine tragende Rolle in der Band, wie er mir berichtet:

„Ich bestritt im Zuge dessen schon eine ganze Menge an Konzerten mit Altona. Doch daneben bin ich auch in anderen Musikstilen und Gruppen tätig. Es hat zwar so einige Jahre gedauert, bis wir sämtliche Songs für unser aktuelles Debütalbum fertig ausgearbeitet am Start hatten, doch nun ist die Freude bei uns umso größer darüber“, entfährt es ihm mit einem Lächeln auf den Lippen.

Eine tiefe spirituelle Verbundenheit seiner künstlerischen Seele mit den alten Traditionen und kulturellen Werten seiner Heimat möchte der Tieftöner dabei nicht von der Hand gewiesen haben. „Die türkischen Traditionen und Wurzeln sind für uns als Musiker von außerordentlicher Bedeutung und Relevanz. Wenn das nicht so wäre, würden Altona ehrlich gesagt auch gar nicht existieren.“

Wie der sensibel wirkende Onur nachfolgend gut gelaunt für mich beleuchtet, erhielten er und sein Progressive Metal-Ensemble aus ihrem Land bislang eine ganze Menge wohlwollender Rückmeldungen: „Die Aufmerksamkeit der Leute hier begann sich bereits nach unserem ersten Demo im Jahr 1996 breitenträchtig auf uns beziehungsweise unsere spezielle Musik zu fokussieren. Selbst eines der wichtigsten türkischen Heavy Metal-Fanzines, Sebek, erscheint seit fünf Jahren wöchentlich, bedachte uns bislang mit Lob. Als wir unser Debütalbum „Altona“ dann 2007 veröffentlichten, reagierten die Fans auf unsere neuen progressiven Nuancen sehr positiv überrascht – viele meinten gar, dass die Platte für den türkischen Progressive Metal ein immens wichtiges Werk sei. Derlei Begeisterung schlug sich glücklicherweise auch auf diverse Konzertberichte zu unseren bisherigen Auftritten nach der Veröffentlichung des Albums nieder.“

Natürlich erhielten die ausgeprägten Individualisten von Altona bisher auch eindeutig negativ gestimmtes Feedback auf ihre Kunst, doch, so Onur, dies respektiert seine Band stets mit charakterstarker Attitüde.

Doch auch aus deutschen Landen erreichten die Anatoliercombo erfreuliche Mitteilungen zu ihren Liedern. Onur expliziert hierzu mit bedächtig formulierter Stimme: „Gelobt wurde primär die Originalität der eingebrachten traditionellen Melodien beziehungsweise die ganz spezielle progressive Spielart unserer Musik. Bisher bekamen wir sogar Interviews in einigen Printmedien – wir hoffen, dass sich uns auf diesem medialen Sektor sogar noch mehr Möglichkeiten bieten.“

Nicht immer leicht fällt es den Bandmitgliedern laut Aussage von Onur, ihre Ideenvielfalt homogen unter einen Hut beziehungsweise Turban zu bringen. Jedoch, wie der Bassist dazu darlegt, besteht die schöpferische Herangehensweise innnerhalb von Altona hauptsächlich ohnehin darin, nach Kräften zu improvisieren, um die Lieder lebendig und fließend zu halten.

Er resümiert zu diesem Kontext: „Im Laufe des Jahres 2.000 machten uns erneut Besetzungswechsel zu schaffen, was natürlich auch den Kompositionsprozess für die Lieder markant veränderte. Doch dies sollte uns zum Vorteil gereichen, wie sich rasch herausstellte – so vertieften wir das bestehende Prozedere noch, dass jeder von uns seine Ideen bestmöglich im Gesamtsound verwirklichen kann. Wir wurden als Komponisten effektiver. Los ging es mit dem Song ‚Dead One’, welcher komplett aus solchen Improvisierungen entstand und welcher dabei auch unmittelbar die Entstehen der anderen Nummern für das Album beeinflusste.“

Lyrisch behandeln die Istanbuler laut Onur auf „Altona“ vielfältig melancholische Thematiken. „Die Scheibe ist kein Konzeptalbum, obwohl die Texte allesamt eher den traurigen Stimmungen zugewandt sind – hoffnungslosen Situationen beispielsweise oder schmerzlicher Trauerverarbeitung. Manch einer der Hörer wird das aufgrund der Melodien nachempfinden können. Der Song ‚Eternal Depth’ beispielsweise berichtet die Geschichte des Verschwindens eines uralten Dorfes im Osten der Türkei und ‚Dead One’ erzählt die Story eines Freundes, der Selbstmord beging. Bei uns entstehen stets zuerst die Texte, welche wir dann mit den musikalischen Ideen ummanteln.“

Zum Interviewzeitpunkt befindet sich der sehnsüchtige Fünfer gerade im Endspurt des Kompositionsprozesses für die Songs zum kommenden zweiten Album. Onur erläutert:

„Auf musikalischer Seite wird es da eine ganze Menge an Ethno-Melodien zu Hören geben. Geplant sind aktuell neun Stücke, und die Songtexte werden unverändert melancholische Stimmungen reflektieren. Wir selbst sind zwar große Fans von bekannten Bands wie beispielsweise Cynic, Uriah Heep, King Crimson, Queensrÿche, Atheist oder Black Sabbath, welche uns in Sachen Melodieführung hin und wieder auch ein wenig inspirieren – doch letztlich horchen wir beim Erarbeiten unserer Lieder primär auf unser aller Innerstes.“

© Markus Eck, 09.11.2008

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