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Interview: ANCIENT CEREMONY
Titel: Tanz der Teufel

Das dritte musikalische Testament wird verlesen. Verkünder sind Ancient Ceremony aus Trier, die sich für diese famose Scheibe wirklich die schwarzen Seelen aus den besessenen Leibern gehaucht haben.

Und den Hörern stockt schnell der Atem, als die ersten Töne erklingen. Denn in Form von „The Third Testament“ ist der beständigen Trierer Band ein wahres Horror Black Death Metal-Monster von gefährlichster Erscheinung geglückt.

Das deutsche HorrOrchester unter Sänger und Schwarzmagier Chris Anderle ist für seine stilistische metallische Linientreue nicht ohne Grund bereits weit über die Landesgrenzen bekannt geworden und mittlerweile auch sehr beliebt in den Reihen der anvisierten metallischen Klientel.

Denn der qualitativ hochwertige und melodische Open Minded-Black Metal der talentierten Satansjünger strotzt stellenweise nur so vor Todesblei-Bestandteilen höchster Legierungsgüte und vielen beängstigend unheilschwangeren Atmosphären.

Was sich schon auf der letzten teuflischen Ejakulation „Synagoga Diabolica“ ankündigte, das hat nun seinen erneuten vorläufigen Höhepunkt gefunden.

Beängstigend gruseliger Todesstahl mit vielen schwarzmetallischen Einflüssen, der mit einer gigantischen Grundhärte unweigerlich in die bebenden Sinne fährt.

Die Melodien der neuen Stücke scheinen in ihrer verführerischen Schönheit erneut geradezu aus dem spirituellen Waffenarchiv Satans entnommen zu sein.

Chris Anderle, der rundum geradlinige schwarze Oberpriester dieser höllischen Gesandtschaft, hat daher allen Grund, sehr zufrieden mit den derzeitigen Geschicken seines besessenen Dämonenorchesters zu sein.

„Die musikalische Entwicklung sollte jede(r) individuell an unseren jeweiligen Veröffentlichungen für sich selbst einordnen. Meiner Meinung nach sind wir nach einem zwischenzeitlichen Durchhänger (beispielsweise einige Tracks auf `Fallen Angel’s Symphony`) auf einem besseren Wege denn je. Menschlich ist es sicher nicht immer leicht. Man gewinnt durch die Musik beziehungsweise die Band Freunde hinzu, verliert aber auch sehr viele. Mit diesen zahlreichen privaten Enttäuschungen komme ich aber sehr gut klar – der Rest der Band denke ich ebenfalls –, da diese in mein Bild, das ich mir im Laufe der Jahre vom Großteil der menschlichen Rasse gemacht habe, passen. Und mich eigentlich sogar bestätigen. Was wiederum Energien und Motivationen freisetzt, die sich produktiv auf die Kreativität auswirken.“

Und es scheint, als hätten Ancient Ceremony auch in Sachen Line-Up eine beständige Konstante zu verzeichnen. „Die Band besteht derzeit aus den festen Mitgliedern meiner Person (Satanic Screams and Eerie Evocations), dem Gitarristen Patrick Meyer, Bassist Jones und Keyboarder Christoph Rath. Im Studio halfen Drummer Michael `Steini` Stein, Anne Nilles (Angel Choirs - also Frauengesang) und Melanie Willems (Darkside Whispers – Frauengeflüster, gesprochene Parts) aus.“

Das war ja nicht immer so, wie man weiß:

„Nach einem in den Anfangsjahren recht konstanten Line-Up hatten wir in der Zeit zwischen den letzten Alben in der Tat einige Formationswechsel zu verzeichnen. Diese wurden bewusst herbeigeführt, da wir musikalisch wieder deutlich härter, düsterer, extremer und somit auch intensiver klingen wollten. Zudem wollte ich einfach den schwierigen, aber auch entscheidenden Schritt weg von der regionalen Kultband hin zum Act von internationalem Format vorantreiben, was uns glücklicherweise gelungen ist. Die in der Vergangenheit aus unserem Line-Up ausgeschiedenen Kreaturen haben sich – warum auch immer – letztlich fast alle als nicht in der Lage erwiesen, diesen Schritt für sich und auch die Band mitgehen zu können. Und da alles, was die Band in ihrer Fortentwicklung blockiert so gut es geht verhindert werden muss, waren die relativ zahlreichen Trennungen halt die logische Konsequenz. Von der Gründungsformation aus dem Jahre 1991 habe nur ich überlebt; die derzeit aus vier festen Mitgliedern bestehende Band (Jones – Bass, Patrick – Gitarre, Christoph – Keyboard und ich) ist aber recht gefestigt. Bei der Drummersuche gibt es inzwischen interessante Kandidaten, ein zweiter Gitarrist eignet sich gerade unser Songmaterial an und durch die gemachten Erfahrungen belassen wir es in punkto Sängerin lieber wieder bei Sessiondamen für’s Studio und evtl. auch für die Bühne.“

Chris bringt auch gleich noch den Herkunftsort von Ancient Ceremony näher. „Die Wiege der Band liegt in meinem Heimatort Neumagen, dem kränksten Dorf in Deutschland, dem Sodom der Moderne – mit mir als Hohepriester, haha! Die Band insgesamt ist in der Region Trier ansässig und es gibt hier schon eine zahlenmäßig relativ starke Szene für Black- und auch Death-Metal. Ergo existieren auch genügend Bands dieser Genres hier, von denen mir auch ein paar musikalisch zusagen. Spontan fallen mir da unsere Kumpels von Torment Of Souls ein, deren Debüt demnächst auf unserem ehemaligen Label Alister Rec. erscheint. Jetzt hier aber großartig Namen zu nennen macht nicht so sehr viel Sinn, da die Bands praktisch alle noch im `regionalen Stadium` befindlich sind.“

Ancient Ceremony sind seit sage und schreibe fast zehn Jahren ihren unheiligen Idealen treu. Chris:

„Die Idee zur Bandgründung kam FJK und mir bereits 1989, die eigentliche Geburtstunde von Ancient Ceremony datiert aber aus dem Jahre 1991, als wir ein ordentliches Line-Up zusammengestellt hatten und erste Eigenkompositionen in Angriff nahmen. Ziel war es von Beginn an, extreme Metalklänge mit düsteren Elementen musikalischer und textlicher Natur zu verbinden. Man könnte das als so was wie `extremer, düsterer Satanischer Metal mit Niveau` bezeichnen, wobei das jetzt zugegebenermaßen etwas vage klingt. Jedenfalls habe ich das Bandziel nie aus den Augen verloren und unter dem Namen Ancient Ceremony wird das auch nicht geschehen. Weitere Triebfedern sind natürlich der Spaß am Metal plus dem Drumherum (obwohl dies früher mehr ins Gewicht fiel, da die Szene damals einfach um ein Vielfaches cooler war) sowie eine gewisse Exzentrik – dieses Bedürfnis, dem Inneren, dem morbiden Seelenleben eine äußere Ausdrucksform zu verschaffen. Zum Glück haben wir unser `Endziel` noch nicht erreicht, denn dies würde zwangsläufig zur Auflösung der Band führen – es gäbe dann keine Steigerungsmöglichkeiten mehr. Da werden wir – ähnlich wie beispielsweise gerade Emperor – konsequent sein. `The Third Testament` stellt in sämtlichen Belangen unseren mit Abstand besten Release dar und war ergo ein sehr großer Schritt in Richtung dieses Endstadiums. Neider und Feinde der Band dürfen sich also (wenn auch nur kurzfristig) freuen, haha – werden auf der anderen Seite aber auch gerade durch unseren neuesten Erguss einen kräftigen Tritt in ihre falschen, doppelzüngigen Fressen erhalten.“

Der Bandname lässt vielerlei Interpretationen zu, Chris bringt Dunkel ins Licht: „Er soll Assoziationen an die musikalischen Ausdrucksformen, die hinter der Band stehen und die ihre Intentionen sind, wecken. Der Name hat aber auch pragmatische Gründe, da wir ursprünglich `Ceremony` hießen und als kurz vor unserem ersten Demo (Februar 1993) eine holländische Band unter eben diesem Namen eine 7“ rausbrachte fügten wir dann das `Ancient` zu.“ Der aktuelle Albumtitel ist schon sehr aussagekräftig. Drittes Album - Drittes Testament?

Chris hierzu: „Ja, denn eigentlich ist es ja unser drittes reguläres Album, denn `Synagoga Diabolica` ist aufgrund der geringen Spielzeit eher als ein Mittelding aus Mini-CD und Longplay zu betrachten. Das wollte ich damit vermitteln und habe dann halt noch eine markante Alliteration daraus gebastelt, die das textliche Konzept prägnant wiedergeben kann.“ Liest man die Texte des neuen Werkes durch, ist man schnell gefesselt... „Ich habe nach biblischem Konzept hier verschiedene Satanistische Aspekte in den Lyrics vermittelt und habe dazu Zitate aus z.B. dem Alten Testament, Goethe’s `Faust` oder der `Satanic Bible` integriert beziehungsweise leicht abgewandelt. Die Texte stellen in ihrer Gesamtheit für mich persönlich so etwas wie ein `von mir verfasstes drittes Testament` dar, wenn auch logischerweise in stark komprimierter Form. Von den inhaltlichen Aussagen der Bibel – speziell des Neuen Testamentes – unterscheiden sich diese Geschichten dann aber doch etwas... Ebenso wie die Auflagenstärke der neuen CD leider nicht die vom angeblichen `Buch der Bücher` erreichen wird.“

Das wird auch mit anderen Erzeugnissen leider fast unmöglich zu erreichen sein. Chris steht jedenfalls wie in der Vergangenheit enorm hinter seiner stockdunklen Horde, das zählt.

Hat er denn persönliche Favoriten auf dem Album? „Das ist nicht leicht zu beantworten und auch stimmungsabhängig. Auf `The Third Testament` befinden sich für mich jedenfalls mehr persönliche Faves als auf einer anderen Platte von uns. Auch die Stücke, bei denen ich vor dem Studio etwas skeptisch war sind letztlich fast alle geil geworden und ich finde, dass auch für die Fans mehrere Optionen in punkto persönliche Favoriten dabei sind. Gaben doch die Vorabhörer bisher unterschiedliche Resultate auf diese Frage ab. `Litanies In Blood` ist in meinen Augen das bisher vermutlich beste Ancient Ceremony–Stück überhaupt, extrem druckvoll, brachial und trotzdem phasenweise auch ungemein dunkel. Auf Platz zwei meiner Favoritenliste folgt dann der Opener `Al Shaitan Mahrid`, ein Song, der den kombinierten Dualismus zwischen `extrem und düster` optimal abbildet.“ „Ex Insula Angelorum“ ist ja z.B. ein sehr apokalyptischer Track.

Hierzu Chris: „`Apokalyptisch` trifft es wunderbar, das hast du gut erkannt. Die Bibel schließt ja mit der Apokalypse und daher war es nur konsequent, dass ich dies für den Text des Intros etwas aufgreife und daran anknüpfe. Es stellt die Einführung in die textliche Thematik auf `The Third Testament` dar; die Musik stammt aus der Feder von Jones, während ich die Vokal-Komposition kreiert habe. Verfasst habe ich den Text, als ich mir nach längerer Zeit wieder den Film `Das Omen III` angesehen hatte.“ Eine adäquate Inspiration, die Chris da beflügelt hat. Auch der beängstigend klingende Track „Litanies In Blood“, dessen Text sehr hasserfüllt zu sein scheint, ist sehr interessant... „Passend zum Charakter dieses Stückes ist auch der Text recht aggressiv ausgefallen. Er beschreibt aber auch eine Schwarze Messe nach meinem Konzept und da gibt es nun mal wenige Parallelen zum Kuchenausblasen beim Kindergeburtstag... Eingeweihte wissen, was es damit auf sich hat – dem Rest wird es sich vermutlich niemals erschließen; es geht dabei jedenfalls um ein Prinzip aus der Satanischen Magie.“

Jetzt schaltet sich noch Bassist Jones ein: „Ich finde alle Stücke auf ihre Art ziemlich geil, durch ihre Charakteristik sind sie aber natürlich unterschiedlich anzusehen. Bei `Litanies In Blood` z.B. reiht sich gnadenlos Riff an Riff, da wird mit dem Hammer auf den Zuhörer eingeprügelt – während mein zweiter Favorit `A Black Requiem` auf andere Art seine Vorzüge darstellt. Hier gefällt mir u.a. der längere Keyboardpart. Ziel von `The Third Testament` war es, den Unterschied zwischen brutalen, direkten Songs und einzelnen düsteren, teils ruhigeren Parts klarer und deutlicher als auf `Synagoga Diabolica` wiederzugeben und somit die `Ancient Ceremony-Atmosphäre` über die gesamte Länge des Albums zu erzeugen.“

Chris ist in Szenekreisen als versierter und wissender Satanist/Okkultist bekannt, dessen Passionen für diese Sache weit über das Musikalische hinausgehen. „Ich würde meine Existenz als die Schnittmenge aus den beiden Lebensstilen `Metal` und `Satanismus` bezeichnen. Diese zwei Wege haben sich sehr fest in Weltbild eingebrannt und wirken – wenn auch teils unterbewusst – in praktisch alle Bereiche meines Daseins mit hinein. Sowohl der Satanismus als auch die leidenschaftliche Beschäftigung mit der und für die Musik haben meinen Horizont sehr erweitert, aber speziell die `dunkle Seite` birgt manchmal auch `Gefahren` in sich. Da ich beide Bereiche auch nach über 10 Jahren in Theorie und Praxis noch zunehmend intensiviere weiß ich, dass z.B. der Spaßfaktor an der Musik oder auch den manchmal damit verknüpften, teils etwas profaneren Aspekten des Lebens die Ernsthaftigkeit des Okkulten kompensieren kann – so dass sie sich gut, produktiv und konstruktiv für mich ergänzen. Über die genauen Praktiken werde ich mich hier jetzt nicht äußern, aber vielleicht sehe ich ja den einen oder anderen mal nächtens auf einem Friedhof oder in einem Kellergewölbe zur konspirativen Zusammenkunft...“

Die damaligen Reaktionen von Fans, Bekannten und Freunden von Chris, nachdem dieser in Hans Meisers damaliger – wirklich schlecht gemachter – Talkshow mitgemacht hat, waren überraschend gut ausgefallen.

„Die Sendung wurde teils recht ausgiebig in diversen Internetforen diskutiert; die Reaktionen, die mir zuteil wurden waren zu 80 % positiv – obwohl mich das eher am Rande interessiert, da für mich meist nur die Aussagen einiger bestimmter Leute relevant sind. Ich fand die Sendung gar nicht mal so schlecht und habe auch bereits im Orkus geäußert, dass ich unter gewissen Umständen nochmals einer ähnlichen Show beiwohnen würde. Sehr wichtig war für mich, dass es eine Live-Ausstrahlung war, denn somit wurden die Möglichkeiten zur Manipulation stark eingeschränkt. Zudem haben sie mir eine sexy Redakteurin zu den Vorgesprächen geschickt, meine Bedingungen erfüllt (sonst wäre ich niemals hingegangen!) und mich finanziell richtig gut dafür entlohnt. Auch promo-technisch war der Termin optimal, lag er doch eine Woche nach der VÖ von `Synagoga Diabolica`.“

Chris gab darin u.a. an, des öfteren frisches Blut zu trinken ... viele fragten sich danach verdutzt, ob dies nur Show und ein Schock-Effekt für ein sensationsgeiles Publikum war. Der Meister klärt uns auf: „Sagen wir es mal so: Blut ist eine spirituelle Währung, mit der ich mich selbst zuweilen belohne...! Ich liebe es, zu polarisieren – dieses `love us or hate us` zu provozieren. Und das ist auch eine Triebfeder, die Band immer weiter voran zu treiben. Speziell Metal muss polarisieren, sonst verliert er zuviel von seiner ursprünglichen Aussageabsicht – von diesem `luziferianischen Geist`, der immer auch eine Grundlage der Werke von Ancient Ceremony war und sein wird.“

Im Studio waren ja diverse Gastmusiker am Werk, von denen mich Anne Nilles mit ihrer Gesangsleistung am nachhaltigsten beeindruckt hat. „Anne ist meine Nachbarin und ich habe sie spontan engagiert, als die ursprünglich vorgesehene Sängerin wegen einer längerfristigen Stimmbanderkrankung ausfiel. Sie hat ihre Sache super gemacht und die Parts in Rekordzeit runtergeträllert – ohne daß wir auch nur einmal mit ihr proben waren. In manchen Passagen erinnert sie an einen Engel und ich schließe mich der Meinung einiger Pre-Listener an, daß der lateinische Choral gegen Ende von `A Black Requiem` der bisher wohl beste Frauengesangspart überhaupt bei Ancient Ceremony ist. Es kam uns unzweifelhaft zugute, daß Anne neben ihrem großen Talent auch eine sehr gute Gesangsausbildung genossen hat. Eine Dauerlösung stellt sie für uns trotz allem nicht dar, zumal sie eigentlich in anderen Musikrichtungen aktiv ist und demnächst wohl in Essen Musical studieren wird. Das mit dem spontanen Engagement trifft auch auf Melanie Willems zu, die die gesprochenen beziehungsweise geflüsterten Parts übernahm und mit deren Arbeit wir ebenfalls sehr zufrieden sein können. Sie ist die Freundin von Jones und da die beiden Anfang Januar ihre erste `Saat` des Bösen“ in die Welt gesetzt haben (eine Tochter, die sie schändlicherweise entgegen meinem Anraten nicht Ishtar genannt haben... Poser!) hat sie glaube ich momentan andere Sorgen, als die Frage, ob sie auf der nächsten CD mitwirken wird. Steini ist für mich der Drum-Gott unserer Region hier (und ich denke, ich stehe mit dieser Meinung nicht alleine) und auch privat ein Supertyp. Er steht voll auf unsere neuen Stücke und ist bisher auch für die nächsten Aufnahmen eingeplant. Live ist es für ihn jedoch immer etwas problematisch, da er noch in mehreren anderen Bands aktiv ist und zudem als Schlagzeuglehrer an einem Musikkonservatorium nicht freimachen kann, wann er will.“

Das Songwriting für „The Third Testament“ nahm doch einige Zeit in Anspruch, wie Chris berichtet.

„Der Track `The Ultimate Nemesis` entstand bereits vor der Veröffentlichung von `Synagoga Diabolica`, der Rest wurde in dem Zeitraum zwischen der vorherigen Scheibe und den Aufnahmen zu `The Third Testament` geschaffen.“ Solche morbid-schönen Stücke wie die des neuen Werkes kann man wahrscheinlich nur in weltschmerz-getränkter Verfassung kreieren, voller Sehnsucht nach längst vergangenen Zeiten... „Meine Vokal-Kompositionen mache ich in der Regel erst, nachdem das Stück komplett fertig vorproduziert ist. Einzelne Parts stehen natürlich schon vorher, die meisten passe ich jedoch dann nach der Aussageabsicht der Texte und nach musikalischen Gesichtspunkten an. Für das nächste Album werde ich hier aber noch enger mit Jones zusammenarbeiten, soll heißen, dass wir hier und da auch mal den umgekehrten Weg einschlagen werden und die Musik sich vermehrt nach dem Text richtet.“

Jetzt klinkt sich Jones wieder ein. „Persönliche Geschehnisse haben teilweise schon auf die ein oder andere Art Einfluss auf manche Songs gehabt, rein abhängig davon würde ich ein Stück aber nicht machen. Ich schreibe Songs auf unterschiedliche Art und Weise. Wenn ich z.B. mal etwas aggressiver bin schnappe ich mir einfach meine Gitarre und prügele drauf los. So entsteht oftmals ein geiles Riff oder ganze Passagen, welche dann verfeinert und in einen Song integriert werden. Die Sache mit dem Songwriting kann aber auch anders laufen und ist manchmal gar recht locker. Bei mir zu Hause entsteht meist eine fast komplette Vorproduktion, welche primär von mir durchgeführt wird und dann nach der eben von Chris erwähnten Vorgehensweise zu dem Endprodukt führt. Diese Methode des Songwritings hat sich als die beste Variante ergeben, sie wird von allen Bandmitgliedern akzeptiert und auch in Zukunft beibehalten.“

Chris erwies sich beim Texten für „The Third Testament“ erneut als versierter Kenner okkulten Gedankengutes. „Die Lyrics entstammen wie üblich komplett meiner morbiden Gedankenwelt. Die Stücke `Seed Of Evil` und `On Khaos Wings` wurden von unserem Gitarristen Patrick geschrieben; die restlichen Tracks hat Jones komponiert. Die anderen Bandmitglieder sind kompositorisch allesamt weitaus begnadeter als ich, wohingegen meine Stärke im Arrangieren liegt – wir ergänzen uns also wunderbar. Das Überarbeiten neuer Lieder findet gemeinsam im Proberaum oder in Jones‘ kleinem Homestudio statt und beim Feinschliff bringen selbstverständlich auch Patrick oder Keyboarder Christoph noch Ideen mit ein.“

Wie sieht der Sänger eigentlich die neue Scheibe seiner Gruppe im direkten Vergleich mit der doch mannigfaltigen Konkurrenz?

„Auch wenn es nach außen hin nicht immer so wirkt, bin doch intern recht selbstkritisch, speziell wenn es um unsere Veröffentlichungen geht. `The Third Testament` stellt mich aber ungemein zufrieden und klingt ziemlich ausgereift. Die Scheibe ist meines Erachtens nach absolut konkurrenzfähig – wozu ohne Zweifel auch die in Zusammenarbeit mit Markus Stock aus der Klangschmiede Studio E (den ich menschlich und als Sound Engineer sehr schätze) entstandene druckvolle, differenzierte Produktion ihren gewichtigen Teil beiträgt. Wir haben unseren Stil weiter verfeinert, verbessert und zudem intensiviert. Was aber auch nötig war, haben doch ein paar – wenn auch wenige – Bands die Messlatte für dieses Genre inzwischen recht hoch gelegt. Ich denke da beispielsweise an die letzte Dimmu Borgir, die mich sehr positiv überrascht hat, war ich doch bisher kein so riesiger Fan dieser Formation. Natürlich haben wir mit `The Third Testament` keinen neuen Stil begründet (war auch nicht unsere Zielsetzung), aber wir klingen wieder ein Stückchen individueller und haben unseren Rahmen erneut etwas erweitert – Limitierungen gab es bei Ancient Ceremony eh nie und wird es auch nicht geben. Alles, was dem eingangs erwähnten Bandziel dienlich ist, darf Verwendung finden – und wir haben uns somit unsere eigene kleine Nische geschaffen.“

Was hören sich solche begnadeten Atmospheric/Epic/Black/Death-Metal-Songwriter wie Ancient Ceremony eigentlich privat an? Chris: „Ich bin neben diversen Metalbands (Slayer, Morbid Angel, Cradle Of Filth, Iron Maiden, Children of Bodom, King Diamond, Death usw.) auch ein großer Anhänger von Soundtracks (die Omen-Trilogie z.B. ist überragend und im Hintergrund tönt gerade `Sleepy Hollow`, einer der besten Filmscores die ich bis jetzt gehört habe). Aber ich höre auch sehr gerne Klassik – z.B. von Mozart – (sein `Requiem` ist vermutlich das beste Stück Musik aller Zeiten) oder Beethoven (die `Fünfte` rules), Rammstein und kranke Klänge im Stile der alten Diamanda Galas (optimale Begleitmusik für Schwarze Messen). Christoph kann dieser Klassikscheine auch viel abgewinnen und konsumiert neben altem Death-Metal auch harten Techno, während Patrick logischerweise auf Gitarrenfreaks wie Malmsteen und Vai, aber auch Nevermore oder Arch Enemy steht.“

Jones fügt bei: „Zum bewussten Hören von Musik fehlt mir in letzter Zeit etwas der notwendige Freiraum. Wenn ich nicht gerade mit dem Wechseln von Windeln oder Fertigmachen von Babyflaschen beschäftigt bin höre ich mir Sachen von Cradle of Filth, Dimmu Borgir und Death (R.I.P. Chuck) an. Aber auch andere Bands wie Symphony-X, Lacuna Coil, Fear Factory sowie Joe Satriani oder Michael Manring stehen in meinem Regal, welche schon – wenn auch sehr unterschiedlich – irgendwie ihre Spuren hinterlassen können, wenn auch meist unbewusst. Wir haben uns trotzdem unserem eigenen Stil von Scheibe zu Scheibe mehr angenähert, klingen kontinuierlich etwas ausgereifter. Das werden wir auch in Zukunft beibehalten, denn was bringt es dem Zuhörer, wenn er auf jeder CD immer nur das gleiche vorgesetzt bekommt?“

Die metallische Laufbahn von Chris gliederte sich wie bei den meisten Fans.

„Einstiegsdroge in den Metal waren für mich neben den alten Werken von Metallica primär meine Alltime-Faves Slayer. Ich ging dann recht schnell zu extremeren Tönen wie `Leprosy` von Death oder Kreator’s `Pleasure To Kill` über, zwei Alben, die ich übrigens auch heute noch sehr gerne höre. In unserem Genre sind sicherlich Cradle of Filth das Maß aller Dinge, obwohl ihre letzten Scheiben eher durchschnittlich waren – das Feuer ist bei ihnen unüberhörbar einfach etwas raus. Respekt habe ich vor der Entwicklung von Dimmu Borgir, die sich mit `Puritanical Euphoric Misanthropia` von einer ehemaligen Black Metal-Boygroup endgültig zu einem ernst zu nehmenden internationalen Topact gemausert haben.“

Auch Tieftöner Jones kann sich nachfolgend nicht hinter dem Berg halten:

„Nachdem ich im zarten Alter von elf Jahren Metallica´s `Kill Em All` zu hören bekam, war für mich der Startschuss gefallen. Es folgten Scheiben von Iron Maiden, Overkill, Sepultura und Megadeth, welche sicherlich alle irgendwo ihre `Spuren` hinterlassen haben und mich auch heute noch beeindrucken.“

Dem kann ich mich nur anschließen, denn bei mir war es ebenso. Chris ist ein überlegter Charakter und sieht daher die heutige Metalszene in einem realistischen Licht. Er gibt dahingehend zu Protokoll:

„Leider haben mittlerweile viele Gepflogenheiten aus rein kommerziell orientierten Bereichen auch im Metal Einzug gehalten, was sich auf manche Segmente nachteilig auswirkt. Der Markt ist völlig überschwemmt und die Qualität der Veröffentlichungen leidet offenkundig darunter. Selbst als Die-Hard Fan ist es praktisch unmöglich, noch den Überblick zu bewahren. Die junge Generation nimmt erschreckend oft nur eher oberflächliche Metal-Ideale an; die Lebenseinstellung `Metal` wird daher meistens auch nur begrenzt erfasst und umgesetzt. Dieser Vorwurf muss aber dahingehend abgeschwächt werden, dass solche Entwicklungen und teils bedenkliche Veränderungen halt leider typisch für unsere gesamtgesellschaftliche Situation sind. Jammern und ewig im Gestern leben nützt allerdings absolut nichts; ich bevorzuge es, mich den aktuellen Gegebenheiten zu stellen und die positiven Dinge für mich rauszufiltern. Für die tonnenweise geilen Erfahrungen, die ich zu Glanzzeiten des Metal (Ende 80er / Anfang 90er) sammeln durfte und die ich im besten Partyalter miterlebt habe, bin ich aber sehr dankbar und die kann mir niemand mehr wegnehmen.“

Der Autor kann sich auch diesen Ausführungen nur anschließen, denn genau so war es nun mal. Ancient Ceremony sind dem Ostblock sehr verbunden. Chris sagt einmal mehr, was er denkt, und das ist auch die Wahrheit:

„Ich glaube ich spreche für den Rest der Band mit, wenn ich sage, wir fühlen uns definitiv im ehemaligen Ostblock (beispielsweise Tschechien, Slowakei) am wohlsten. Denn das ist immer so ein bisschen eine kleine Reise in die kultige, eben erwähnte Zeit zurück, ohne das `Heute` – dem man sich ja meines Erachtens nach zu stellen hat – verlassen zu müssen. Dort gibt es meist das volle Programm: Fanatische Fans, tolle Stimmung, gut gefüllte Hallen, bildhübsche, nette, unzickige Frauen sowie billiges Bier... `Metalherz, was willst du mehr?` Im Februar werde ich mich übrigens auf Einladung unseres dortigen Lizenznehmers Irond Records höchstwahrscheinlich zur offiziellen CD-Präsentation nach Moskau begeben und ich bin mir ziemlich sicher, dort ähnlich positive Gegebenheiten vorzufinden. In Deutschland ist das regional sehr unterschiedlich. In manchen Gegenden wollen wir uns auch weiterhin präsentieren, macht es doch dort noch sehr viel Spaß zu spielen – in anderen Gebieten hingegen nicht mehr besonders, die werden wir in Zukunft auch vermehrt meiden. Die Szene hier ist einfach zu übersättigt, das Feeling lässt sich oftmals nur als entfremdet definieren. Und da ich ja auch für Labels arbeite und selbst eine Bookingagentur habe weiß ich, wovon ich spreche, wenn ich teils gar `korrupte` Machenschaften anprangere.“

Das alte Lied. Wann sind Ancient Ceremony denn das letzte Mal live aufgetreten? Chris resümiert:

„Unsere letzten Gigs waren die drei finalen Konzerte der 2001er Europatournee und bildeten einen versöhnlichen Abschluss für zwei Wochen, die selbstverständlich nicht nur von positiven Momenten gesegnet waren. Der Abschlussgig fand im Hellraiser in Leipzig statt. Cooler Laden, nette Veranstalter und eine super Backstage-Party mit interessanten jungen Damen sowie einem völligen, durch in Tschechien erworbenen Absinth hervorgerufenen Abschuss von unserem Roadie Denny und mir, hähem. Davor waren wir in Prag (in die goldene Stadt fahren wir immer wieder gerne) und in Bratislava (Das Tour-Highlight an sich!).“

Man kann es dem Mann 100%ig nachvollziehen. Die nächsten Gigs sind schon geplant, wie Chris zu berichten weiß.

„Ich bin derzeit mit der Planung beschäftigt und wir haben eine Tour für März/April oder Mai 2002 ins Auge gefasst. Angebote liegen vor, unterschrieben ist aber noch nichts. Im Sommer sind dann ein paar Festivals geplant, aber hier ist ebenfalls noch nicht alles zu 666 % in trockenen Tüchern. Definitiv ist hier bisher nur unsere Teilnahme an einem großen Open Air Ende Juni 2002 auf einem Flughafengelände in Polen, wo wir u.a. mit Marduk und Hypocrisy spielen werden. Anfragen haben wir ebenfalls für USA/Kanada und Südamerika – ein Traum von mir, den ich in jedem Fall verwirklichen will.“

Und dies ist Chris auch von ganzem Herzen zu wünschen, schließlich haben er und die Band hart an ihren Zielen gearbeitet. Mit der Plattenfirma war die Band bisher sehr gut beraten.

„Die Zusammenarbeit mit Trisol verlief bisher mustergültig und wir sind so zufrieden wie nie bei einem Label. Einzig im Bereich der Auslandspromotion sind sie etwas spät dran, aber auch das wird noch klappen. Nach jetzigem Stand der Dinge spricht von unserer Seite aus nichts gegen eine Verlängerung der Kooperation mit Trisol und ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam noch eine positive Zukunft vor uns haben.“

Die musikalische Zukunft wird laut Chris in erster Linie von künstlerischer Konsequenz begleitet sein. „Wir werden den begonnenen Pfad konsequent weiter beschreiten, unsere Arbeit und Vorgehensweise bandintern jedoch etwas umstrukturieren. Die Zeichen stehen jedenfalls auf Sturm. Jetzt heißt es, die sich bietenden Gelegenheiten beim Schopfe zu packen und die Früchte jahrelanger Arbeit und Leidenschaft verstärkt zu ernten. Hoffen wir, dass das gelingt.“ Wer drückt dafür nicht beide Daumen?

Letzte große Worte an die Fans? Klar: „Hört euch `The Third Testament` an und lasst das Album für sich sprechen, so oder so. Wem es nicht zusagt: OK, kein Problem, deine Eier(stöcke) holen wir uns, haha! Ich denke jedenfalls, dass die Scheibe auch für Leute interessant sein dürfte, die bisher nicht so zu unseren Megafans zählten; gebt ihr und uns also eine faire Chance und entscheidet dann selbst, es besteht ja kein Kaufzwang. Dank an dich, Markus, für dieses sehr intensive Interview. Ave Dominus Satanas.“

© Markus Eck, 28.12.2001

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