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Interview: ANNWN
Titel: Enorm gefühlsbetont

Annwn (sprich An:nøn), das sind seit 2007 hauptsächlich die Protagonisten Sabine Hornung und Tobias von Schmude.

Zusammen kreieren die beiden ebenso feinsinnigen wie anspruchsvollen Künstlerseelen herrlich lieblichen Mystic Folk, welchen sie den Hörern nun auf dem neuen Studioalbum „Aeon“ näher bringen wollen.

Hornung vokalisiert, spielt keltische Harfe und Akkordeon, während ihr männlicher Mitmusikant nicht nur seiner Laute verspielte Töne entlockt, sondern auch mit Theorbe und Bouzouki für edlen Wohlklang zu sorgen weiß. Doch auch mittels wohltuend niveauvoller Einbringungen von additionalen Celli-, Bratschen- und Flötentönen kann „Aeon“ die Sinne nachhaltig verzücken.

„Es ist immer schwer zu beurteilen warum oder wie eine gewisse musikalische Richtung oder Interpretation einen Menschen berühren könnte. Man hat zwar immer eine Idee, was man mit einem bestimmten Lied ausdrücken möchte, und mit welchen stilistischen Mitteln man dies zu erreichen versucht, aber eine konkrete Vorhersage ist hierbei meiner Meinung nach nicht wirklich möglich. Ich denke, was wir mittlerweile ganz gut hinbekommen, ist, dass wir uns ein gewisses Gespür erarbeitet haben, wie man Klanglandschaften – ganz ähnlich einem Soundtrack – im Sinne des Liedes in Verbindung mit den Lyriken gestalten kann. Ich persönlich stelle mir immer zuerst eine Art „Setting“, also eine Grundstimmung ähnlich einem Filmset mit Licht, Schatten und Requisiten vor und versuche dieses Bild dann weiter zu „malen“. Wenn man dann jemanden erreicht beziehungsweise sogar emotional berührt, dann ist das natürlich großartig, aber letztlich schwer planbar“, gibt Tobias preis.

Für seine Kollegin Sabine hingegen spielt die Emotionalität der Musik eine ganz wichtige Rolle:

„Die Geschichten, die unsere Lieder erzählen, sind Geschichten, die uns selbst als Musiker tief berühren. Es sind besondere Stimmungen oder Momente, in denen man sich wirklich verlieren kann. Und dann habe ich natürlich die Theorie, dass das Instrument Harfe eine ganz besondere Rolle spielt. Eine bekannte Harfenistin hat mir mal erzählt, dass dieses Instrument uns Menschen besonders anrührt, weil seine Schwingung recht genau der Eigenschwingung des menschlichen Körpers entspricht. Für einige mag das esoterisch klingen, aber es ist schon etwas dran. Und jeder, der mal eine Harfe „gespürt“ hat, wird mir sicher Recht geben. In jedem Falle bringt mich selbst dieser schöne weiche Klang immer wieder zum Träumen.“

Apropos Emotionen: Die „moderne“ Welt wird offenbar leider immer noch emotions- beziehungsweise leidenschaftsloser. Tobias geht hierzu gerne ins Detail: „Da ich beruflich mit Menschen arbeite (Dipl. Soz.Arb/Soz.Päd. in der Bildungsarbeit), stelle ich persönlich einen immer größeren „Controlling – und Messbarkeitswahn“ fest. Dies ist zwar nichts Neues, aber ich arbeite an der Basis und erlebe jeden Tag, was das gesellschaftliche Resultat hieraus ist. Viele Leute verlieren hierdurch ihre Wahrnehmung für ihre Umwelt und für sich selbst. Die Gesellschaft fordert immer mehr, dass man lediglich zu funktionieren hat – viele Menschen spüren sich hierdurch selbst nicht mehr. Klingt jetzt sehr transzendental – aber den genau gegenteiligen Effekt erlebe ich in meinem anderen Arbeitsfeld als Hochseilgartentrainer. Hier prallen die Teilnehmer auf genau das Gegenteilige – hier müssen sie sich mit Instinktresten, körperlicher Wahrnehmung und Fluchtreflexen (beispielsweise Höhenangst) auseinandersetzten. Dieses „Natürliche Menschliche“ ist für viele Leute absolut unbekanntes Gebiet. Ebenso hat sich das mediale Umfeld massiv verändert. Durch den ungehinderten Zugang beziehungsweise das Dauerbombardement durch die Massenmedien hat sich das Konsumverhalten massiv verändert. Es werden nur wenige Dinge noch bewusst wahrgenommen. Eine besondere Rolle spielt für mich hierbei der Faktor der „illegalen Downloads“ – es geht nicht darum, dass Musik quasi unvergütet Verbreitung findet, eher sehe ich das Problem in der undefinierten Masse. Es hat in der Musikszene so etwas schon immer gegeben – aber in einer anderen Qualität. Die Tape-trading-Szene der 80er Jahre war das Fundament der Entwicklung der Rock- und Metalszene weltweit. Das erste Brennen von CDs in den 90ern fällt für mich auch noch unter Tape-Trading. Hier wurde Musik für Freunde als bewusste Handlung zielgerichtet verbreitet – nach dem Motto: „Das musst du dir mal anhören…“ Bei Downloads findet diese Selektion nicht mehr statt, hier wird der Ordner XY herunter geladen (weil es die Bandbreite des Anschlusses zulässt) ohne zu wissen, welche Bands, Songs oder Genres man da jetzt hat.“

Laut Sabine ist wohl jeder, der morgens aufsteht, um sein tägliches Brot zu verdienen, einem immer stärker werdenden Termin- und Konkurrenzdruck ausgesetzt.

„Die Geschwindigkeit der Kommunikation hat sich in den letzten Jahren vervielfacht, das führt zu einem wahren Informationsbombardement. Noch dazu sieht die Situation auf dem Arbeitsmarkt immer schlechter aus, und oft ist die Zukunft ungewiss. Ich denke, sehr viele Menschen sind im Grunde sehr frustriert von diesen Entwicklungen. Die Frage ist letztlich nur, ob man sich selbst die Zeit gönnt, aus dieser Tretmühle der Gesellschaft auszubrechen beziehungsweise ob wir in der Lage sind, uns Ruhe und Entspannung zu suchen, oder ob wir uns in dieser Frustration verlieren. Ich denke nicht, dass die Menschen grundsätzlich emotionsloser geworden sind, ich denke nur, die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre ist eine Reaktion auf die zunehmende Entfremdung von unseren Wurzeln und von den Dingen, die jeder Mensch benötigt, wie das Salz in der Suppe: Ein paar Träume, Emotionen und Anerkennung – etwas, für das es sich zu leben lohnt und das uns glücklich macht. Daher kann ich nur hoffen, dass irgendwann der Tag kommt und die Gesellschaft aufwacht und feststellt, dass wir in einer Sackgasse stecken.“

Zurück zur Musik an sich; das wichtigste Motto bei Annwn, so Tobias, lautet hierbei:

„Es dauert so lange, wie es dauert. Wir haben beide einen sehr hohen Anspruch an uns selbst, und wir geben nur Dinge heraus, mit denen wir selbst zufrieden sind. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig nach den üblichen Künstlerphrasen, muss aber etwas differenzierter gesehen werden. Wie Du schon sagtest – Emotionalität und Atmosphäre sind der Kern und die Essenz unserer Musik – dies bedeutet für uns, dass beispielsweise die Wahl der Tonart oder das Tempo einen Titel völlig ruinieren können. Wir nehmen uns die Zeit, diese Faktoren sehr sorgfältig abzuwägen. Stress, Termindruck oder idiotische Deadlines gehen mit Emotionalität nur schwer einher. Annwn leistet sich im Grunde nur einen Luxus: Die Zeit, vernünftig zu arbeiten. Des Weiteren arbeiten wir viel mit Gastmusikern. Wenn wir ein gewisses Instrument verwenden wollen, suchen wir uns jemanden, der dieses Instrument beherrscht. Auch wenn es teilweise wirtschaftlichem Selbstmord gleichkommt – egal, wenn der Song es braucht, bekommt er es. Da schließen wir nur selten Kompromisse. Was „Aeon“ für mich persönlich ausmacht, ist die Symbiose aus Altem und Neuem. Wir sind extrem puristisch, was die Instrumentierungen angeht. Die Chöre auf „Diu Vi Salvi“ haben wir von einigen Solisten aus dem Raum Mainz einsingen lassen, und für „Rebab“ und „Saz In El Rey“ haben wir einen fantastischen Musiker von der Orientalischen Musikakademie Mannheim ins Studio geholt. Cello, Geige, Bratsche und Fiddle wurden ebenso wie diverse Holzbläser und vieles mehr eingebunden. So haben wir auf „Aeon“ mit insgesamt 19 Musikern gearbeitet. Die Gesamtanzahl der verwendeten Instrumente liegt irgendwo um die 30. Was das besagte „Neue“ angeht – wir haben keinerlei Scheu davor, bei einigen Songs Orchester-Arrangements und Chöre einzubinden. Gerade die Kombination aus puristischen Instrumenten und fetten Klangflächen finden wir sehr reizvoll. Diese „Overdubs, oder auch Samples haben bei uns aber eine ganz klare Rolle: Sie unterstützen ausschließlich die echten Instrumente! Kein Sample im Alleingang. Wir verschließen uns da nicht den Möglichkeiten uns auszudrücken. Eines fernen Tages werden wir mal ein echtes Orchester aufnehmen. Bis dahin muss aber noch ein wenig gespart werden. Und bis dahin wird man uns die Verwendung dieser Klänge bestimmt verzeihen. Wir wollen lediglich keine „künstlichen“ Elemente wie Elektroklänge verwenden.“

Letzten Endes hat die beiden der Erfolg ihres Debütalbums „Orbis Alia“ motiviert, um ihren Weg konsequent weiterzuverfolgen, so Sabine: „An dieser Stelle geht wirklich ein riesiges Dankeschön an alle, die uns unterstützt und Mut gemacht haben! Im Grunde haben wir auf „Aeon“ all das umgesetzt, was uns bereits damals vorschwebte, aber aus dem Nichts heraus zunächst einmal nicht zu realisieren war. Solch eine Musik muss einfach wachsen. In „Aeon“ sind letztlich die Erfahrungen von „Orbis Alia“ und unseren Live-Auftritten in voller Besetzung eingeflossen. So kam auch der oben erwähnte unterstützende Einsatz von dezenten Samples zustande. Das ganze Album dreht sich letztlich um Stimmungen, wie Tobias das schon sagte. Oft halten die Songs auch ganz besondere Augenblicke fest, die uns besonders kostbar oder wichtig waren. Auch die Auswahl der Stücke ist für uns so eine Art Nostalgie-Trip, da jedes Stück seine eigene kleine Geschichte beinhaltet. Deshalb haben wir im Booklet auch zu den Texten immer ein paar erläuternde Worte geschrieben. Es ist natürlich eines, sich das Ganze so auszudenken, aber das Tollste in der Produktion war für mich persönlich der Prozess des Recordings. Da kamen all diese phantastischen Musiker nach und nach ins Studio und gaben den Liedern etwas von ihrem eigenen Stil, ihrer eigenen Note. Bei so vielen kreativen Menschen ist das Ergebnis kaum vorhersehbar, und die Entstehung eines jeden Stückes war immer wieder aufs Neue faszinierend. Wie eine Geburt. Anders als bei „Orbis Alia“ hatten wir bei „Aeon“ die Möglichkeit, die Optik des Albums passend zur Musik zu gestalten. Es gab eine denkwürdige Fotosession bei Benita Heldmann in Hildesheim, die sich dann mit den Aufnahmen und ihrem Computer eingeschlossen hat und mit diesen fantastischen Collagen wieder aus ihrem Arbeitszimmer herauskam. Ich bin seit Jahren ein riesiger Fan ihrer Arbeit und bin stolz und glücklich, dass sie mit uns arbeiten wollte. Uns war die liebevolle Gestaltung der CD extrem wichtig, auch ein Booklet mit Songtexten, auf die uns in der Vergangenheit einige angesprochen haben. Die aufwendige Gestaltung ist letztlich ein Dankeschön an alle, die uns mit „Orbis Alia“ unterstützt haben! Produktionstechnisch ist soweit alles beim Alten geblieben. Wir waren wieder im DFG-Studio bei Dirk Freyer, der ja schon „Orbis Alia“ mit uns produziert hat und mittlerweile im Grunde zur Band gehört. Wir sind musikalisch absolut auf einer Wellenlänge, ich denke, das merkt man.“

Wie Tobias zu berichten weiß, versuchten Annwn sich bislang in der konkreten Produktion eines Albums von Vielem abzuschirmen.

„Das Album soll sich ja nach uns anhören – nicht nach jemandem, dessen CD wir in diesem Zeitraum rauf und runterhören. So etwas passiert sehr schnell. Man ist der Meinung, man hat da eine ganz tolle Idee, die man dann im Heimstudio aufnimmt. Dann fährt man am nächsten Morgen zur Arbeit und stellt fest, dass die Band XY im Radio oder auf CD dann die eigene komponierte Melodie spielt. Also noch mal von vorne, heißt es dann. Manchmal passiert da sehr viel unbewusst und ist kein böser Wille – am besten ist es, sich während der Vorproduktion und beim Schreiben gänzlich abzuschotten.“

Da gibt es, wie Sabine ergänzt, aber natürlich trotzdem so viele grundlegende Einflüsse, dass sie diese kaum zu nennen wüsste.

„Von den polyphonen Gesängen Korsikas, die wir in Diu Vi Salvi Regina aufgenommen haben, über diverse Filmmusiken und eine Vielzahl von Folk- und Mittelalter-Bands, die ich unmöglich alle aufzählen kann. Letztlich finde ich jede Form von emotionaler Musik sehr inspirierend, daher sind es oft auch nur Stimmungen, die mir im Gedächtnis bleiben, weniger ihre konkrete Umsetzung. Da muss schon jeder Musiker seine eigene Sprache finden.“

Höre ich die feingeistigen und tiefgründigen Leidenschaftslieder von Annwn, fühle ich mich massiv an die Kunst von Loreena McKennitt erinnert. Sabine expliziert nach meiner Anmerkung:

„Ganz ehrlich, es ist natürlich nicht ganz leicht, als Harfe spielende Frau mit klassisch angehauchtem Gesang an diesem Vergleich vorbeizukommen. Loreena McKennitt kommt ja aus der Ecke Irish Folk, und diese Einflüsse haben wir natürlich auch (bei mir persönlich waren es Clannad), wenngleich wir natürlich stärker in der mittelalterlichen Musik verhaftet sind. Ihre Musik dreht sich ebenso um Stimmungen, wie unsere Musik es tut. Ich glaube darin liegt die größte Parallele, und der Vergleich ehrt uns natürlich, denn sie ist eine fantastische Musikerin.“

Laut Tobias haben Annwn keine regelmäßigen Probentermine wie man sich das bei einer Band mit Proberaum und so vorstellt. „Wir treffen uns natürlich immer wieder zum Spielen, aber jeder Mitmusiker bekommt von uns eine entsprechend für ihn und sein Instrument vorbereitete Playback-CD, nach welcher er sich auf das Programm selber vorbereitet. Soll heißen, er kann für sich arbeiten, wann und wo er möchte. Trotzdem treffen wir uns natürlich wann immer es geht und spielen das Programm gemeinsam durch. Da wir im Live-Line-Up mehrere Berufsmusiker haben, ist es termin- und zeitmäßig kaum anders machbar. Die Erfahrung zeigt aber, dass mit unserer speziellen Probentechnik das Zusammenspiel extrem harmonisch und rund ist, als ob keiner von uns jemals etwas anderes macht. Ich sag’ ja, wir haben tolle Leute – wofür ich unglaublich dankbar bin.“

Und Sabine kann sich dem nur anschließen: „Unsere Mitmusiker sind phantastische Instrumentalisten und noch dazu großartige Menschen. Wir sind überglücklich, eine solche Besetzung gefunden zu haben. Die zuvor beschriebene, recht individuelle Probenregelung ist allein aufgrund der Distanz zwischen den Musikern gar nicht anders zu machen. Ich selbst bin ja leider 250 km ab vom Schuss. Es funktioniert aber wirklich klasse. Bei Annwn geht es nicht darum, sich als Solist in den Vordergrund zu stellen. Jeder Song bekommt nur soviel – oder auch so wenig – von einem Instrument, wie er braucht. Es gibt auch Stücke, die nur von der Hälfte der Band gespielt werden. Das ist bei uns kein Problem, da wir alle das gemeinsame Ziel im Sinn haben. Außerdem haben sich nach kürzester Zeit innerhalb der Band Freundschaften entwickelt. Alle Musiker helfen und unterstützen einander und verbringen auch privat mal Zeit miteinander; traumhaft! Das sieht man nicht zuletzt auch live an unseren grinsenden Gesichtern.“

Hierzu kann Tobias für seinen Teil ganz klar sagen, dass er noch nie mit so tollen Leuten gearbeitet hat.

„Klingt wieder nach einer hohlen Phrase, ist es aber nicht. Normalerweise wird es immer spannend, wenn in einer Band verschiedene Charaktere aufeinanderprallen. Hier geht es dann um persönliche Standpunkte, Ego, Zuverlässigkeit, Identifikation mit der Musik etc. In unserem Fall haben wir mit Eva, Barbara, Chris und Chrissy ein echtes Dreamteam gefunden. Alle ziehen am gleichen Strang und identifizieren sich mit der Musik. Jetzt wird sich jeder sagen, dass dies doch eine ganz normale Sache ist – aber eine derartige Zusammenarbeit und Professionalität ist sehr selten. Jeder stellt sein Instrument in den Dienst der Musik. Perfekt.“

Wir gehen über zum täglichen Ausleben von Leidenschaften.

„Ich bin ein extrem leidenschaftlicher Mensch, der nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ funktioniert. Ich kann mich zu 100 % in dem verlieren, was ich tue, vergesse die Zeit darüber und alle anstehenden Termine. Ich bin der Meinung, Gefühle sind dazu da, sie zu zeigen, und auch, sie gegebenenfalls zu teilen, womit wir dann wieder beim Thema sind. Na ja, für meine Leidenschaftlichkeit handle ich mir manchmal auch Ärger ein, weil andere mir nicht immer folgen können oder ich dazu neige, zuviel zu erwarten“, gibt Sabine mir offen preis.

Wie sie im Weiteren offenbart, ist sie durch Annwn endlich „angekommen“. „Ich habe früher in diversen Gruppen beziehungsweise Projekten gespielt und sehr viele unterschiedliche Musikrichtungen ausprobiert, aber auf Dauer hat mir dann doch immer irgendetwas gefehlt. Durch Annwn habe ich zum ersten Mal feststellen dürfen, wie toll es ist, wenn auf der Bühne völlige Harmonie herrscht. Ich bin sehr glücklich, dass das so ist, und möchte es nach Möglichkeit auch nicht wieder hergeben. Was unsere musikalischen Ziele betrifft, bin ich mir gar nicht mal sicher, ob Annwn die so grundlegend verändert hat. Sie sind jetzt nur erreichbar geworden! Na gut, wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich eingestehen, dass ich auch privat dazu neige, mehr ruhige Musik zu hören, als das früher der Fall war. Um in der Musik Gefühle transportieren zu können, muss man selbst natürlich auch irgendwo seine innere Mitte finden. Wahrscheinlich höre ich daher nur noch dann Musik, wenn ich sie voll und ganz genießen und mich darauf konzentrieren kann – bei meinem Terminkalender ist das leider nicht allzu oft der Fall.“

So genau kann Tobias gar nicht sagen, wie die Geschichte mit dem kreativen „Löwenanteil“ bei der Gruppe in der Regel so vor sich geht: „Diese Frage zielt schon irgendwie auf Rollenverteilung und künstlerische Leitung ab. Die Recherche und Songauswahl findet zwischen mir und Sabine statt. Wer jetzt fürs aktuelle Werk genau wie viel vorgelegt hat kann ich dir überhaupt nicht sagen. Die Eigenkompositionen wurden von Sabine geschrieben. Es lagen neben dem von uns gemeinsam recherchiertem Material noch weitere Eigenkompositionen vor, unter anderem von mir, wobei wir dann bei der Songauswahl für das Album immer gemeinsam entscheiden, welcher Song es nun auf das Album schafft, beziehungsweise welcher am besten zu Annwn passt.“

Er ergänzt noch: „Wenn es ein guter Song für Annwn ist, kommt er drauf. Manchmal passt ein Song aber stattdessen besser zu unserem anderen Projekt Albion, das eine etwas andere Gangart verfolgt. Bei der Adaption der Songs leistet natürlich Sabine die meiste Arbeit, immerhin muss sie ihn singen und dabei noch Harfe spielen. Also die Auswahl der Tonarten etc. obliegt natürlich ihr. Bei den Arrangements legt mal der eine, mal der andere von uns etwas vor. Im Grunde spielen Sabine und ich uns da blind die Bälle zu – wir liegen da in 99 % auf einer Linie. Der Rest ist entweder Gemeinschaftsarbeit, oder der eine hat der Arbeit des anderen einfach nichts mehr hinzuzufügen.“

Arbeitsteilung ist bei einer solchen Produktion schon wirklich wichtig, so Sabine:

„Man darf natürlich nicht vergessen, dass auch Dirk Freyer, der die Alben ja mit uns gemeinsam produziert, einigen künstlerischen Input in den Topf wirft. Auch jeder der Musiker ist an dem kreativen Prozess beteiligt. Dass einige Songs auf Aeon aus meiner Feder stammen, war im Grunde ein Zufall. „The Ballad Of Oriana“ von Lord Tennyson wollte ich schon lange mal vertonen, und Tobi hatte auch gleich Arrangement-Ideen dazu, als ich mit der Vorproduktion ankam, daher war die Sache von Anfang an klar. Auch die Geschichte von „Swan Maiden“ ist sozusagen eine meiner Altlasten. Ich finde die Sage von der verliebten Schwanenjungfrau wunderschön, und die Melodie dazu ist mir eines Tages einfach eingefallen – wenn ich mich recht entsinne, in irgendeiner sehr unpassenden Situation beim Autofahren, als meine Gedanken mal wieder spazieren gingen. „Eternity“ wiederum nimmt Bezug auf ein ganz besonderes Erlebnis an einem ganz besonderen Ort. Der Song ist aus einer konkreten Stimmung heraus in nur einem Tag entstanden. Oft sind es solche Erlebnisse, die dafür sorgen, dass der Prozess des Komponierens mitunter sehr schnell vonstatten geht. Überhaupt habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Songs am besten werden, wenn sie aus einem Guss sind.“

Nachdem die neue Platte jetzt endlich fertig ist: Fühlen sich Annwn von einem großen Druck befreit? Für Tobias schwer zu beantworten:

„Es kommt immer darauf an, wann man diese Frage gestellt bekommt. Logischerweise gibt es im Laufe einer solchen Produktion immer mal wieder das eine oder andere kleine Problem. In aller Regel wächst man ja an der Lösung dieser Probleme, auch wenn immer erst mal Stress aufkommt – den wir eigentlich immer vermeiden wollen. Rückblickend ist man natürlich immer froh, wenn man einen solchen Batzen Arbeit vom Hals hat, aber Druck macht man sich ja bekanntlich in der Regel immer selbst. Wenn du mir am ersten Tag nach der Abgabe des Masters diese Frage gestellt hättest, hätte ich dir eventuell eine sehr klare Antwort gegeben, aber wenn man sich ein paar Tage später das Ergebnis seiner Arbeit mit Distanz und klarem Kopf anschaut, und sich denkt: „Alles ist gut..“, dann fängt man recht schnell mit der Recherche für das dritte Album an.“

Sabine wiederum meint hierzu: „Ich denke mal, ich fühle mich insofern befreit, als dass ich froh bin, all die Arbeit nun endlich hinter mir zu haben und mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Wir sind schon ziemliche Perfektionisten, und dem eigenen Anspruch muss man ja erst einmal gerecht werden. Die Aufnahmen haben sich wegen der recht großen Zahl von Musikern über mehr als zwei Monate hingezogen. Dazu kommt natürlich noch die Zeit der Vorproduktion, die sich über einen etwas längeren Zeitraum hinzog und ja sowieso erstmal eine Ideensammlung ist. Die Aufnahmezeit war im Grunde sogar vergleichbar kurz, wenn man bedenkt, dass wir für all die Gastmusiker Aufnahmetermine finden mussten. Viele von ihnen sind ständig unterwegs und kommen teilweise von weit her, das war also gar nicht so leicht. Der Aufnahmeprozess als solcher war ein Traum und unglaublich kreativ. Ich für meinen Teil kann im Grunde gar nicht genug davon bekommen. Nur die merkwürdige Pizza-Diät, die uns jedes Mal als Begleiterscheinung plagt, muss ich nicht ständig haben“, scherzt sie.

Tobias glaubt nicht an das „perfekte Album“: „Aber gerade in der „Unperfektion“ liegt der Charme vieler Alben. Klar denkt man an der einen oder anderen Stelle, ob man nicht etwas hätte anders machen können – vielleicht eine andere Rhythmik, oder ein anderer Anschlag. Es sind in meinem Fall lediglich Nuancen. Ich bin glücklich und zufrieden mit dem Album. Unsere Stärke ist definitiv, dass wir Musik machen, die Leute berührt – emotional also relevant ist. Nicht jeder ist dafür zugänglich, aber es ist auch nicht unser Ziel, populäre Musik ohne Ecken und Kanten zu machen. Was mein persönliches Manko angeht – ich bin ein extrem kritischer Mensch und gehe mit mir und meiner Arbeit extrem streng ins Gericht. Strenger, als ich es bei anderen sein würde – obwohl man mir manchmal nachsagt, ein ziemlicher Schleifer zu sein. Mein Problem und größte Schwäche (abseits vom Album) ist, dass ich meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst nur schwer oder nicht gerecht werden kann. Solange ich kein Yngwie Malmsteen an der Laute bin oder nicht (mindestens) filmmusikreife Orchesterarrangements setze, würde ich dies als Manko ansehen. Auf den zweiten Blick würde man aber ganz klar sagen müssen, dass man sich damit häufiger selbst im Weg steht, als dass es nützt. Was das Album angeht – Luft nach oben ist in vielen Bereichen auch natürlich vorhanden. Wir versuchen aus den Erfahrungen anderer Produktionen von uns zu lernen und die Erfahrungen mit ins nächste Album herüber zu nehmen.“

Sabine gibt Tobias recht: „Auch ich finde noch einige Stellen, wo ich mir denke „Hm… Das hättest du auf der Harfe auch etwas anders spielen können“ oder mir gefällt die Gesangsintonation nicht hundertprozentig. Aber das ist ganz normal so. Der Mensch ist ja keine Maschine und es hat ja auch keinen Sinn, ein Album steril zu machen. Unsere größte Stärke ist sicher, dass wir mit unserer Musik bei vielen Menschen Emotionen wecken beziehungsweise dass man sich in der Musik verlieren kann. Die von dir erfragten Schwächen – nun ja, ich für meinen Teil erwarte sehnsüchtig den Tag, an dem mein Gehirn es endlich schafft, die Gesangsrhythmik komplett von der Rhythmik des Harfespiels abzukoppeln. Aber wahrscheinlich wären meine Mitmusiker dann nicht mehr meine Freunde. Ach ja, eine ganz wichtige Stärke des neuen Albums hätte ich da noch, aber die ist nicht auf unserem Mist gewachsen. Ich bin extrem glücklich, dass Benita Heldmann sich bereit erklärt hat, Fotos, Artwork und Collagen dafür zu machen und ich denke, sie hat es wirklich meisterhaft verstanden, unserer Musik ein Gesicht zu geben. Sie ist eine tolle Künstlerin!“

Wir gehen zu den Liedertexten über beziehungsweise wie die Musiker von Annwn zu ihren Lyriken finden. Sabine erzählt mir:

„Ich bin ein großer Fan von guter Literatur und verehre die Gedichte von Alfred Lord Tennyson schon seit langem. Meiner Meinung nach gibt es kaum einen Dichter, der es so gut versteht, in seinen Versen Gefühle auszudrücken. Er hat auch durchaus einen Hang zum Dramatischen, den ich ehrlich gesagt teile. Ich liebe seine Sprache, seine Wortwahl, die Rhythmik der Verse. Ich komme schon wieder ins Schwärmen. Als studierte Historikerin habe ich natürlich auch einen ausgeprägten Sinn für Geschichte, der auch alte Überlieferungen und Mythen mit einschließt. Alte Legenden haben oft eine Art Moral, die sie in sehr fantastischen Geschichten verpacken. Meiner Meinung nach genau der Stoff, aus dem Lieder gemacht werden. Wie inspirierend so etwas sein kann, sieht man ja nicht zuletzt bei Tolkien, der ja auch in starkem Maße aus der Mythologie geschöpft hat. Dann gibt es da natürlich auch noch Stücke, die sich auf einen ganz besonderen Moment beziehen, „Eternity“ beispielsweise. Ich war eines morgens auf dem Weg zur Arbeit (einer Ausgrabung auf dem keltischen Ringwall von Otzenhausen), der Nebel stieg langsam aus dem Tal auf, und in dem Moment, als ich auf der gigantischen Nordmauer stand, lag die Siedlung im Nebel gefangen, während über mir die Morgensonne durchbrach. Ein Moment, wie er wohl nur einmal alle zehn Jahre zu erleben ist. Von dem Gefühl, in diesem einen verzauberten Moment die alten Bewohner der Befestigung wie durch einen Schleier greifen zu können, handelt das Lied. Auch bei den traditionellen Stücken ist es mir immer sehr wichtig, die Stimmung der Lieder einzufangen und mich beim Singen voll und ganz hineinzuversetzen, so dass sie im Grunde dann fast schon zu eigenen Stücken werden.“

Ich frage Tobias nach dem eigentlichen Antrieb in ihm, um genau diese Art von solcherlei Musik zu kreieren. Er verkündet: „Antrieb ist so ein „geplantes“ Wort, ich habe an anderer Stelle schon erwähnt, dass ich denke, dass man Musik nur glaubhaft und unverfälscht rüberbringen kann, wenn sie irgendwie von alleine zu einem kommt. Ich habe ein Faible für emotionale Musik – sie muss für mich immer irgendein Gefühl transportieren. Hierbei ist es nicht relevant, ob es Weltmusik, rotziger Folk oder finnischer Black Metal ist – sie muss Bilder zeichnen und die Geschichte muss mich ansprechen.“

Sabine sieht dies ganz genauso. „Es gibt da keinen bewussten Antrieb, sondern die Musik fließt einfach aus einem heraus. Wenn dem nicht so wäre, würde es sehr schwer fallen, bei all dem authentisch zu bleiben. Ich mache Musik, deren Stil mir selbst gefällt und die mir entspricht.“

Hat ihre Musik beziehungsweise das ganze Drumherum die beiden Protagonisten über die Jahre als Menschen beziehungsweise Charaktere eigentlich irgendwie verändert? Tobias hofft innig: „Als Charakter hat sie mich hoffentlich nicht verändert. Ich halte nicht viel von Musikern, welche aufgrund eines gewissen Erfolgs den Bodenkontakt verlieren. Auf der anderen Seite gibt einem der Zuspruch der Leute, welche unsere Musik mögen, natürlich auch eine gewisse Zuversicht in dem, was man da so musikalisch anstellt. Man geht schon selbstbewusster beziehungsweise mit einem positiveren Gefühl an die Dinge heran. Man ruht irgendwie mehr in sich selbst. Alle kann man natürlich nicht erreichen, aber der Zuspruch einiger Leute kann schon einiges verändern. Es ist schon eine intensive Erfahrung, wenn man aus der halben Welt Emails bekommt, und sich Leute beispielsweise aus Russland oder Japan als „Fan“ bezeichnen (obwohl ich dieses Wort nicht mag) und sich für die Musik bedanken. Oder als nach einem Auftritt eine Frau mittleren Alters zu uns kam und sich bedankte – sie habe sehr lange im Krankenhaus gelegen und eine Freundin habe ihr „Orbis Alia“ mitgebracht. Sie sagte, dass unsere Musik ihr geholfen habe gesund zu werden. So was muss man erst einmal verarbeiten, ich zumindest.“

Und Sabine hat laut eigener Aussage, seit es Annwn gibt, persönlich ganz extrem das Gefühl, ein reicher Mensch zu sein.

„Ich habe das Privileg, etwas tun zu können, das mich glücklich macht. Was will man mehr?! Das mag auf den ersten Blick egoistisch klingen, aber wenn man selbst das Gefühl hat, reich zu sein, hat man gleichzeitig viel mehr zu geben. Das Leben wird intensiver, und es ist einfach ein wunderschönes Gefühl, andere Menschen berühren zu können. Wenn mir dann andere sagen, unsere Musik hätte ihnen geholfen, dann ist das für mich das schönste Geschenk.“

Thema Freizeit: Tobias hat Mühe, freie Zeit für sich zu finden.

„Freizeit ist so ein Begriff, der als Musiker mit Job wirklich sehr abstrakt werden kann. Im Moment schaufele ich mir aber die Zeit frei um viel zu klettern und im Hochseilgarten „herumzuhängen“ – wobei dies aber auch ein Nebenbereich meines Jobs als Sozialarbeiter ist. Also auch wieder Arbeit, na ja nicht ganz. Aber Lesen ist mir wichtig, sehr wichtig sogar. Wen ich nicht am Tag mindestens eine Stunde lese, dreh’ ich durch.“

Sabine meint hingegen: „Freizeit ist echt so ein spezielles Ding, schließlich bin ich als Archäologin in einem eigenen Forschungsprojekt tätig und muss mich darum kümmern, dass der Laden läuft. Es gibt auch immer mal zwischendurch andere Projekte, die einiges an Zeit in Anspruch nehmen. Mein großes Glück ist es aber, dass mir das, was ich tue, wirklich sehr viel Spaß macht und ich die Arbeit nicht zwangsweise als belastend empfinde – es sei denn, der Stress nimmt wirklich überhand. Ich denke mal, ich bin ein waschechter Workaholic. Aber ein gutes Buch weiß ich auch immer zu schätzen oder eine gute DVD. Ich bin ein riesiger Fan von BBC Period Dramas! Und wenn ich mal ganz viel Zeit habe, koche ich auch sehr gerne.“

In der Vorweihnachtszeit stehen für Annwn laut Sabine erstmal eine Reihe von Kirchenkonzerten an: „Eigentlich geht das sogar bis Ostern, wenn ich drüber nachdenke. In eine Kirche passt unsere Musik ja hervorragend und ich liebe das Spiel mit der Akustik dort. Dann geht es schon wieder los mit Auftritten bei einigen Mittelalter-Events. Mittelfristig planen wir eine Club-Tour, das wird dann wohl nächstes Jahr in der zweiten Jahreshälfte aktuell. Grundsätzlich wird es wie in der Vergangenheit live zwei unterschiedliche Konzepte geben: Annwn unplugged (meist in Kirchen) beziehungsweise plugged mit elektronischer Unterstützung durch Sequenzer, was ja für die Umsetzung der ganzen atmosphärischen Klangarten unumgänglich ist.“

Abschließend erkundige ich mich noch nach bestimmten Zielen meiner beiden Gesprächspartner für das kommende Jahr 2010. Tobias winkt lässig ab. „Immer mit der Ruhe – was passiert, das passiert! Wir werden einige Dinge auf den Weg bringen und bereiten das eine und das andere vor, aber konkrete „Klassenziele“ sind, glaube ich, nicht planbar. Wir bleiben am Ball, aber bleiben realistisch.“

Sabine indes kann sich schon bereits vorstellen, dass Annwn 2010 damit anfangen werden, Material für das nächste Album zu sammeln. „Aber locker, ohne Stress. Einige Ideen hätten wir da schon, und wenn mal etwas Ruhe ist, könnte man ja das eine oder andere Stück schon mal vorproduzieren. Das Wichtigste aber ist, in 2010 erstmal Auftritte zu spielen und nach der langen Produktionszeit wieder mehr direkten Kontakt zum Publikum zu haben. Ansonsten habe ich weder Erwartungen noch hohe Ziele. Ich lasse mich einfach überraschen und freue mich über all die schönen Dinge und Momente, die unsere Musik uns beschert.“

© Markus Eck, 30.10.2009

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