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Interview: ASHES YOU LEAVE
Titel: Schönheit in Flammen

Aus einem bisher sträflich eher unbeachteten Fleck der schwermetallischen Weltkarte stammen Ashes You Leave. 1995 gegründet, entwickelten sich diese kroatischen Gothic Metal-Ästheten über die Jahre zu einem der eigenständigsten Vertreter ihrer Musikgattung.

Was sich auf ihrem ´95er Debütalbum „The Passage Back To Life“ erstmals abzeichnete, nahm mit den Nachfolgern „Desperate Existence“ (1999) und dem ein Jahr später erschienenen dritten Album „The Inheritance Of Sin And Shame“ gar prächtig schimmernde Klangfarben an, welche ein künstlerisch wertvolles Bandportrait verzieren. Dieses erfährt mit der Veröffentlichung des jetzt aktuellen neuen Albums „Fire“ und der nicht nur aus dem Titel hervorgehenden flammenden Leidenschaft von Ashes You Leave für ihre Stilistik eine erhellende Beleuchtung.

Innerhalb der Band hat sich seit der damaligen Veröffentlichung von „The Inheritance Of Sin And Shame“ eine ganze Menge getan, was aufgrund der Aktualität des neuen Albums unbedingt von mir in Erfahrung gebracht werden will.

So bringt auch mein bereits zweites Interviewgespräch mit Gitarrenmeister Neven Mendrila zwei aufrichtige Dunkelherzen erneut dazu, im Dreivierteltakt zu schlagen.

Dem eigentlichen Markenzeichen der melancholisch klingenden sieben Aschepropheten, die Violine, wurde auf dem neuen Werk gesteigerter Spielraum ermöglicht, was die Wirkung der Songs potenziert.

„Die Violine war ja schon immer mehr oder weniger in unseren Songs vertreten, doch dieses Mal brachten wir sie regelrecht zum Leben. Wir ließen ihr größtmöglichen Entfaltungsspielraum, was sie uns mit herrlichen Klangerlebnissen dankte. Daher werden wir zukünftig noch mehr Sorgfalt darauf legen. Ein großartiges Instrument, mit dem man bei entsprechend versierter Handhabung eine breite Vielfalt an Emotionen darstellen kann und welches unseren Sound auch niemals verlassen wird.“

Apropos, dem Bandnamen nach zu urteilen bleibt ja einst nicht gerade viel von uns allen übrig. Neven gewährt daher Einblick in seine Überzeugungen. „Ashes You Leave steht für das Verlassen des Geistes seiner vormalig sterblichen Hülle, er passt somit sehr gut zu unserer Musik und zu unserem eigentlichen Gesamtkonzept und der unheimlichen Atmosphäre in unseren Liedern. Ich bin fest davon überzeugt, dass es mehr gibt als das, was sich während unseres Lebens abspielt. Es muss. Wir alle tragen etwas unzerstörbares in uns, irgendetwas, dass in uns weiter fließt, eine dauerhafte ewige Lebenskraft hinter allem. Doch keiner weiß es mit Sicherheit und es existiert nur ein Weg, um es herauszufinden.“

Der aktuelle Albumtitel weiß aufgrund seiner Bedeutung Nevens letzte Aussage adäquat zu ergänzen.

„Wir ließen den Song `Fire` zum Albumtitel werden, denn der Text des Stücks beschreibt dieses natürliche Hoch, dass einem widerfährt, wenn man etwas endlich gefunden hat, wonach man lange gesucht hat – bestens beschrieben in der Textzeile `Ride the wave, all in flames`: Fange diese emotionalen Wellen ein und reite auf ihnen.“

Hört sich gut an. Das Frontcover von „Fire“ hingegen sieht sich gut an. Neven erläutert dessen ,feurige‘ Bedeutung:

„Entgegen deiner Einschätzung zeigt es nicht die Abbildung eines nackten kleinen Mädchens, sondern eine 22-jährige Freundin der Band. Unser Fotograf lichtete sie auf ihren Wunsch hin in dieser Pose ab und wir hinterlegten das Bild mit Flammen. Es soll das Feuer versinnbildlichen, welches die grenzenlose Schönheit der Welt immer mehr verbrennt. Der nackte Körper harmoniert visuell gut mit dem Feuer dahinter. Die Idee dazu brachte Bero an, nachdem wir uns entschieden hatten, das Album nach dem Song `Fire` zu betiteln.“

Letzterer beschreibt nämlich u.a. die lodernde Feuersglut der Gefühle. „Das Lied beinhaltet auch Betrachtungsweisen der Liebe und handelt davon, wie das am Anfang einer leidenschaftlichen Zweierbeziehung entstehende Feuer einen nach und nach verbrennen kann. Die meisten unserer Stücke basieren sogar auf den verschiedensten Resultaten entstandener Liebesbeziehungen. Oftmals wird gegebenes Vertrauen miss- und verbraucht, Enttäuschungen führen zu zwischenmenschlichen Dramen und obwohl das Ende der jeweiligen Beziehung oftmals tragisch erscheint, kehren wir immer wieder unter neuen Gegebenheiten zum Ausgangspunkt zurück.“

Der Gitarrist geht noch tiefer in sich: „Seit diesem Album sind wir als Band sowohl in musikalischen als auch lyrischen Belangen um einiges gereift. So ist das neue Material etwas schneller ausgefallen, was die Stücke um einiges dynamischer als die älteren wirken lässt. Auch sind die neuen Songs kürzer beziehungsweise effektiver als die vorangegangenen ausgefallen, was aus gesteigertem Kompositions- und Arrangementanspruch resultiert, sozusagen Reduzierung auf das Notwendige zugunsten seiner selbst. Obwohl der Fan natürlich immer noch tiefe Spuren aus unserer langsammusikalischen und doomigen Ära auf `Fire` verfolgen kann, verabschieden sich Ashes You Leave doch langsam aber sicher von ihrem alten akustischen Erscheinungsbild, was Raum für eine neue und härtere Musizierperiode macht“, beschreibt der langjährige Saitenmann den vollzogenen Entwicklungsprozess von Ashes You Leave.

Und letzterer machte auch vor den Texten nicht halt, wie zu erfahren ist. „Die Lyrics auf `Fire` sind direkter, als dies zuvor jemals bei uns der Fall war. Sie ergänzen die Atmosphäre des Albums in Perfektion, denn trotz ihrer Deutlichkeit fließt jede Zeile geradezu in die nächste über. Dies erreichten wir dadurch, dass diesmal mehr Bandmitglieder als noch auf dem letzten Album in den Songwritingprozess integriert wurden. Während ich für `The Inheritance Of Sin And Shame` noch sämtliche Texte außer für das Lied `When Withered Flowers` verfasste, schrieb ich für `Fire` nur noch fünf Songtexte, sowohl für den Titelsong als auch für die Stücke `Hurt`, `Manservant`, `Don`t Forget The Planets` und `A Crimson Shade`. Unser Gitarrist Bero übernahm `In Vain`, Sängerin Marina `Free` und unser ehemaliger Bassist Vanja schrieb den Text zu `Ready To Cry`. Diese Zusammenarbeit verleiht den aktuellen Lyrics eine interessante Diversivität.“

Der Grund für die Veröffentlichungspause nach „The Inheritance Of Sin And Shame“ entsprang laut Neven einer ins Land gegangenen Bedachtheit innerhalb der Band. „Wir entschlossen uns, dieses neue Material in aller Ruhe auszuarbeiten und nichts zu überstürzen. Die Stücke sollten sich entfalten können, wachsen und reifen, einer Entwicklungseigendynamik Raum lassen. Deswegen wurden einige von ihnen auch im Vorfeld schon live auf ihre Wirkung hin getestet und die Reaktion des Publikums abgewartet. Wir tourten wirklich viel in der den Aufnahmen zu `Fire` vorhergehenden Zeit, was u.a. zu einer gesteigerten atmosphärischen Gesamtwirkung der neuen Songs führte. Die aktuellen Kompositionen sind deshalb als die bisher ausgereiftesten und durchdachtesten zu sehen.“

Dazu führten aber auch einige Line-Up-Veränderungen, wie Neven berichtet.

„Da wir wie gesagt sehr viel mehr als in der Vergangenheit tourten und auch einige große Shows bestritten, litt die Chemie der alten Bandbesetzung unter dem damit einhergegangenen Stress, dem anscheinend nicht alle in der Band gewachsen waren. So musste unsere alte Sängerin Dunja durch eine neue Dame ersetzt werden. Wir suchten lange und probierten viele aus, bis wir uns dann für Marina entschieden, aber dafür funktioniert es mit ihr prima. Auch fand mit Damir Cenčić ein altes, vor Jahren gegangenes Bandmitglied zurück zu Ashes You Leave, so verfügen wir nun auch erstmals über einen permanenten Keyboarder in unseren Reihen. Kristijan, der Bassist, welcher noch auf ` The Inheritance Of Sin And Shame` spielte, verließ uns ebenfalls. Danach hatten wir ebenso wie mit dem zu besetzenden Posten der Sängerin einiges an Neufindungsarbeit zu leisten. Im Moment bestehen Ashes You Leave aus Marina (vocals), Marta (violins), Bero (guitars), Damir Cenčić (keyboards), Domagoj Galin (bass), Gordan Cenčić (drums) und mir als Gitarristen. Am meisten Schwierigkeiten hatten wir mit dem nach Kristijan in die Band gekommenen neuen Tieftöner, Vanja, er verließ uns genau zwei (!!!) Tage, bevor wir das 2002er Wave Gotik Treffen spielen sollten. Glücklicherweise brachten wir es hin, in Domagoj noch rechtzeitig jemanden aufzutreiben, der die Band komplettierte. Nun ist er fest bei uns eingestiegen. Obwohl ich schon öfter der (fälschlichen) Annahme war, ein jeweiliges Line-Up würde so bestehen bleiben, glaube ich nun eine beständige Bandbesetzung gefunden zu haben“, gibt er lachend von sich – und knüpft an:

„Doch all dies brachte frisches Blut herein, weswegen solche gravierenden Veränderungen einfach ab und zu sein müssen. Nun geht es mit stetiger Entwicklungssteigerung weiter nach vorne.“

Für das neue Album benötigten Neven und Ashes You Leave wie immer bisher keine besonderen Inspirationen. „Sicherlich wurden einige kleinere Erlebnisse realer oder gedanklicher Natur herausgepickt und weiterhin verarbeitet, aber nichts nennenswertes.“

Die Aufnahmen im Studio Bedekovcina, außerhalb von Zagreb, verliefen in ungewöhnlicher Manier, wie zu erfahren war. „Da einige von uns noch ihren Studienverpflichtungen und Jobs nachzukommen haben, hatten nicht alle Bandmitglieder gleichzeitig Freiraum für die Aufnahmen zu `Fire`. So enterten einige schon vorab das Bedekovcina, um mit den Aufnahmesessions für Schlagzeug, Gitarren und Bass zu beginnen. In den dann darauffolgenden beiden Wochen stieß der Rest der Band dazu, um bei seiner Ankuft die gerade fertig gewordenen Bandkollegen aus dem Studio zu verabschieden. So arbeiteten wir während der Aufnahmen eigentlich nie als vollständige Band zusammen, trotzdem gelang alles nach unseren Vorstellungen.“

Das Aufnahmestudio lieferte neben einem bleibenden Eindruck auch die nötige Atmosphäre, wie ich von Neven erfahre.

„Wir hatten allesamt eine tolle Zeit dort und alle waren beziehungsweise sind sich einig, dass das Bedekovcina hervorragend für uns geeignet war. Es ist in einem sehr alten Haus untergebracht, welches ein eigenartiges, aber dadurch ein sehr geheimnis- und reizvolles Flair verströmt. Irgendwie mutet das Gebäude wie ein verfallenes Geisterhaus an, welches man aus Horrorfilmen so kennt. In den Aufnahmepausen wurde es daher von uns regelmäßig bis in die letzten Winkel seiner Räumlichkeiten erkundet.“

Neven möchte auch den dort ansässigen Produzenten zu verdienten Ehren gelangen lassen.

„Danijel Drakulic ist ein bekannter Producer. Er hat bis jetzt schon eine ganze Menge an einheimischen Acts und Künstlern zu hörenswerten Sounds verholfen, darunter Metal und auch Mainstream. Danijel steuerte durch seine große fachliche Erfahrung als auch immense Einbringungsfreude viele gute Ideen zu unseren Songs bei, welche hervorragend verwendet werden konnten.“

Alles in allem kamen die Musiker auch gut mit Schwierigkeiten zurecht während des Aufnahmeprozesses. „Wie immer bisher bei unseren Studioaufenthalten tauchten auch diesmal wieder einige Hindernisse auf, so hatten wir beispielsweise einige anfängliche Probleme mit dem Gitarrensound. Doch wir wären nicht wir, wenn wir solche Dinge nicht auch diesmal in den Griff bekommen hätten. So klang der Gitarrensound nämlich hinterher sogar noch um vieles besser als anfangs erwartet.“

© Markus Eck, 10.10.2002

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