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Interview: ATRITAS
Titel: Spiritueller Mystizismus

1997 in Basel gegründet, dürfen sich Atritas getrost zu den versiertesten Schwarzmetall-Kompetenzen ihrer Heimat zählen.

„Where Witches Burnt“, das überragende Debütalbum dieser dunkel gesonnenen Schweizer Eidgenossen, erfährt derzeit seine erneute Veröffentlichung auf einem Label. Ursprünglich war diese musikalisch wertvolle Melodic Black Metal-Perle nämlich als Eigenpressung erhältlich.

Da das ergötzlich bombastisch arrangierte und mit sinfonischen Höhepunkten ganz und gar nicht geizende Hammeralbum samt seinen fesselnd epischen Atmosphären bis heute nichts von der restlos betörenden Ausstrahlung verloren hat, führte für mich kein Weg an einer ausführlichen Interview-Befragung dieser sechsköpfigen Geifer-Garde vorbei.

„Die Band und das Wirken der einzelnen Mitglieder darin ist uns sehr wichtig, da wir mit unserer Zusammenarbeit ein Refugium erschaffen haben, in das wir uns von all dem Alltagsstress und den Humanoiden zurückziehen können. Wir verbringen viel Zeit damit, Musik zu machen, da uns darin niemand zensieren kann oder uns verbietet, zu tun und zu lassen, was wir wollen“, äußert sich Sänger Gier zu Beginn.

Der recht auskunftsfreudige Vokalist knüpft an eine kurze Schweigepause an:

„Da ich mich selbst sehr für die spirituellen und mystischen Begebenheiten des Daseins interessiere und mich damit beschäftige, hat das Ganze einen großen Stellenwert in unserem Schaffen. Vor allem im Textlichen. Und Black Metal ist die beste Art von Musik, genau dies alles auszudrücken. Allerdings sehe ich uns nicht in der Rolle eines verdammten Missionars, der die Menschen bekehren, und ihnen den `richtigen Weg` zeigen will. Für mich selbst steht die Akzeptanz des Individuums an erster Stelle – sowie eine Art Respekt dafür. Auch wenn ich nur selten Verständnis für gewisse Ansichten aufbringen kann, muss doch jeder sein Leben selber Leben und sich nicht auf die Worte anderer stützen.“

Wie Gier darauf folgend berichtet, saßen die späteren Gruppenmitglieder vor der Bandgründung meist in einem Park in Basel herum, haben sich betrunken und Black Metal gehört. Was der Autor auch vollkommen in Ordnung findet, wenn bei solcherlei Treiben am Ende eine Killertruppe wie Atritas herauskommt. Wir erfahren also:

„Eines Tages, im alkoholischen Delirium, kam uns, also unserem Drummer Ork und mir, der Gedanke, selber eine Band zu gründen. Unser Ziel damals war es wie heute noch, Musik zu machen, die in erster Linie uns selbst gefällt. Wir wollten einfach nur spielen. Das Motto war: `Egal, auch wenn es niemanden interessiert, wir müssen mit unserem Schaffen zufrieden sein und uns muss die Musik ansprechen. Doch damals waren wir noch ziemliche Dilettanten an unseren Instrumenten und von daher würde ich sagen, dass wir diesem Ziel aus meiner Sicht viel näher gekommen sind.“

„Where Witches Burnt“ wurde in den Iguana Studios mit Christoph Brandes in Freiburg aufgenommen. Der Vokalist informiert hierzu, resümierend:

„Geplant und gebucht waren damals zehn Tage Studioaufenthalt, alles inklusive. Als dann die Aufnahmen im Gange waren und der Herr Brandes eine genauere Ahnung hatte, um was es uns eigentlich genau ging, meinte er, dass es in der kurzen Zeit nicht wirklich realisierbar sei. So wurden dann 21 Tage draus. Die Arbeit hat grossen Spass gemacht, auch weil Christoph uns immer angepeitscht hat, nicht mit dem Minimalen zufrieden zu sein. Das hat sich sicher positiv auf die Aufnahme ausgewirkt.“

Für Gitarrist Swart ist es laut eigener Aussage sehr schwierig, die eigene Musik zu beschreiben:

„Grundsätzlich spielen wir atmosphärischen Black Metal mit Keyboards und markantem Gesang. Das beinhaltet viele Wechsel zwischen aggressiven, düsteren oder melancholischen Parts, welche abrupt ineinander übergehen. Am besten aber, man kauft sich die Scheibe und hört sich das Ganze selber an.“

Die Songs von Atritas bestehen oftmals aus vielen verschiedenen Riffs und nicht nur aus zwei oder drei, die sich immer wiederholen, so Gier:

„Da es uns selber anödet, einen bestimmten Part lange zu spielen, ist es typisch, dass viele Wechsel vorkommen. Auch der ständige Wechsel zwischen geblasteten Parts, Midtempi und langsamen Stellen ist bei uns typisch. Denn unsere Songs entstehen sowohl aus dem Bauch heraus als auch aus durchdachten Ideen heraus. Am Anfang steht immer eine Idee mit einem Ursprungsriff, darauf wird dann der ganze Song mehr oder weniger aus dem Bauch heraus aufgebaut, und zwar von der ganzen Band. Es ist in der Historie von Atritas noch nie vorgekommen, dass ein einzelnes Bandmitglied einen ganzen Song fertig komponiert in den Proberaum gebracht hat und der dann so übernommen wurde. Dazu sind die Musikgeschmäcker der einzelnen Mitglieder zu unterschiedlich, und ein Song ist erst dann fertig, wenn alle damit zufrieden sind.“

Axeman Swart expliziert dazu anhängend: „Gewöhnlich wird an den einzelnen Songs lange gearbeitet und experimentiert. Wenn uns etwas nicht passt fliegt es wieder raus. Die Musik entsteht immer zuerst. Erst wenn sie steht, wird der Gesang hinzugefügt.“

Wie der gute Gier zur Aussage seines Bandkollegen noch anfügt, war es den Schweizern beim Komponieren der Tracks für „Where Witches Burnt“ wichtig, Einflüsse gerade von anderen Bands des Genres so gering wie möglich zu halten.

„Ganz ausschließen kann man diese nie, gerade für den Hörer nicht. Wir versuchen eine eigenständige Art von Black Metal zu kreieren der sich von der breiten Masse abgliedert und trotzdem eindeutig als Black Metal empfunden wird. Laut den meisten Review-Schreibern ist uns das glaube ich auch ziemlich gut gelungen.“

Der Sänger ergänzt: „Nun, die Reaktionen auf das Debütalbum waren fast alle durchwegs positiv und übertrafen all unsere Erwartungen. Es gab ein oder zwei schlechte Benotungen in Reviews, die allerdings hauptsächlich darauf zurückzuführen sind, dass wir Keyboards in unserer Musik verwenden oder dass den Schreibern der Gesang zu extrem war. Wir selber sind verdammt stolz auf die Scheibe, auch wenn es jetzt im Nachhinein bestimmte Dinge gibt, die wir anders machen würden.“

An den Plattendeal mit Cartel Media sind die sechs Schweizer Schwarzmetaller eigentlich ohne große Mühe gekommen, wie Saitenmann Swart im Folgenden erläutert.

„Wir hatten einen Song auf dem Sampler von Arising Realm, einem österreichischen Underground-Heft. Dadurch wurden sie auf uns aufmerksam. Nachdem sie die ganze CD gehört hatten, boten sie uns einen Deal an. Es gab schon Interesse von anderen Labels, die sich zum Teil allerdings an der Tatsache störten, dass die CD von uns selbst schon an Magazine verschickt und auch verkauft worden war, also eigentlich schon veröffentlicht war. Ein Fehler, den wir sicher nicht mehr machen werden. Wir erhoffen uns nun vor allem eine bessere Distribution. Zuvor war unsere CD nur über uns oder ausgesuchte Geschäfte erhältlich. Außerdem hoffen wir, dass Cartel uns durch ihre Kontakte zusätzliche Aufmerksamkeit und auch Auftritte im Ausland verschaffen können, da wir doch meist noch auf heimischem Boden auftreten.“

Gier gibt hierzu ergänzend zu Protokoll: „Cartel Media sind ein junges, aufstrebendes Label mit Ambitionen. Bis jetzt sind wir mit ihrer Arbeit sehr zufrieden.“ Im Anschluss daran sprechen Gier und ich über die Live-Situation vergangener und kommender Tage.

„Für unsere Verhältnisse waren es ziemlich viele Konzerte in 2005, vor allem gegen Ende des Jahres. Die Gigs liefen eigentlich durchwegs gut. Highlight war sicherlich, das wir als Vorband von Naglfar, Hypocrisy, Exodus und Wintersun auftreten durften. Es sind auch schon wieder einige Auftritte in Aussicht. Unter anderem spielen wir auf dem `Baden in Blut`- und am `Metal Forces`-Festival in Deutschland. Da wir aber im September 2006 wieder ins Studio gehen, konzentrieren wir uns hauptsächlich darauf, dann gut vorbereitet zu sein. Daher werden wir bis dahin die Anzahl der Live-Auftritte beschränkt halten. Es werden für die Aufnahmen wieder die Iguana Studios sein, wie das letzte Mal beim „Where Witches Burnt“-Album. Voraussichtlich werden acht neue Songs und ein älteres Stück, das neu eingespielt wird, aufgenommen. Eine spezielle Tour-Planung zur aktuellen Album-Wiederveröffentlichung gibt es nicht, dafür fehlt uns schlicht die Kohle. Infos zu unseren Live-Aktivitäten findet man immer auf unserer Homepage, falls sich jemand dafür interessiert.“

Gitarrist Swart ergänzt hierzu: „Eine `besondere` Show wird bei uns nicht geboten. Wir treten mit Corpsepaint und haufenweise Nieten auf, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Dazu wird gebangt und gepost, was das Zeug hält. Wir wollen vor allem mit unserer Musik überzeugen und nicht mit einer inszenierten Show.“

Diese Einstellung untermauern Atritas nicht zuletzt auch damit, dass sie sich laut Aussage von Gier keine Gedanken machen, wer ihre Musik nun hört und wer nicht:

„In dem Sinne will ich auch gar kein bestimmtes Publikum ansprechen, da wir wie schon gesagt, die Musik in erster Linie für uns schreiben und uns freuen, wenn unser Schaffen bei Anderen Anklingen findet. Den Hörerkreis nach Alter oder Optik auszusuchen wäre verdammt überheblich.“

Kreischmeister Gier philosophiert mit mir anschließend über den Stellenwert der Atritas-Songtexte im direkten Vergleich zur Musik auf „Where Witches Burnt“. Der Vokalist eröffnet dazu:

„Abgesehen von zwei Texten, die ein enger Freund der Band geschrieben hat, stammen alle Texte von mir. Ich beteilige mich sehr stark am Songwriting und sehe meine Stärke auch eher darin. Daher würde ich sagen, dass das Musikalische bei uns dem Lyrischen klar übergeordnet ist. Die Texte sollten aber in jedem Fall der Stimmung der Musik entsprechen und sie ergänzen. Unsere Lyriken drehen sich um die Verehrung der Natur, des Fleisches, der Sünden, sowie dem Tier im Menschen. Ich lese viele Bücher, die sich um die genannten Themen drehen. Bei dem belasse ich es dann aber auch. Ich praktiziere keine satanischen Rituale und nehme auch an keinen Teil. Dafür ist mein Wissen meines Erachtens zu gering.“

Ob die Hörer sich mit den Songtexten auseinandersetzen, das bedeutet dem Shouter letztlich nichts.

„Das muss jeder selber wissen ob er sich damit auseinandersetzten will. Wenn ich mir eine CD anhöre, ist für mich die Musik das Entscheidende. Wenn mir eine Scheibe gefällt, lese ich schon auch mal den Text durch, doch dies ist dann zweitrangig.

Das Frontcover-Artwork von „Where Witches Burnt“ wird der überragenden Qualität der Musik von Atritas meiner Meinung nach nicht ganz gerecht.

Die Band selbst sieht dies jedoch ganz anders. Gier lässt diesbezüglich wissen:

„Wir sind sehr zufrieden. Das Bild wurde von einem jungen Schweizer Künstler gemalt und zwar exakt so, wie es in unserer Vorstellung war. Ich war und bin noch immer absolut von dessen Wirkung und Effekt überzeugt. Auch das Booklet-Layout, das ein Kollege von unserem zweiten Gitarristen Baal gemacht hat, gefällt mir noch immer. Ist halt Geschmackssache. Markus, ich habe abschließend zu danken für das Interview. Hat Spaß gemacht, deine Fragen zu beantworten. Möchte mich an dieser Stelle auch nochmals bei allen bedanken, die uns stets unterstützt haben.“

© Markus Eck, 23.01.2006

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