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Interview: ATRIUM NOCTIS
Titel: Mystische Visionen

Mit ihrem neuen Albumspuk, „The Eyes Of Medusa“ betitelt, schlagen diese im Jahr 2002 gegründeten Kölner Schwarzmetall-Symphoniker gezielt in die mittlerweile metertiefe Kerbe, welche einst von heutigen Genre-Giganten wie Dimmu Borgir oder Cradle Of Filth ins internationale Musikgeschehen geritzt wurde.

Und ihre zweite CD-Veröffentlichung zeigt die neuerdings als Sextett aufspielenden, betont düster geschminkten Dunkelromantiker von der lichtscheuesten und nachaktivsten Seite.

Ich habe die Ehre, Tastenspielerin Hydra Gorgonia ausgiebig über die kreativen Schultern schauen zu dürfen.

„Zum Zeitpunkt der Aufnahme von `The Eyes Of Medusa` bestand die Band seit drei Jahren. Und wo wir uns bei unserer ersten CD `Blackwards` noch an unseren Stil herangetastet haben, sind wir nun mit der neuen Scheibe eindeutig im sinfonischen Black Metal angelangt“, diktiert mir die Dame eingangs in den Block.

Auf `The Eyes Of Medusa` werden Todessehnsüchte und -Ängste in ihren vielfältigen Erscheinungsformen musikalisch und lyrisch dargestellt, so die Keyboarderin:

„Es geht dabei um die Kämpfe mit dem Bösen und die Faszination, die von ausgestrahlt wird. Als unsere Grundphilosophie könnte man es bezeichnen, mystische und kontrastreiche Stimmungen, sowohl musikalisch als auch lyrisch, zu erschaffen. Ich möchte dies als das Bedürfnis bezeichnen, Geschichten des Bösen und vom Tod zu erzählen. Da das Böse vielfältige Gesichter hat, ist es ein unermesslicher Pool an Ideen und Inspirationen. Besonders die Kämpfe und Visionen während des Überganges vom Leben zum Tod in eine musikalische und lyrische Gestalt zu fassen, üben für uns einen großen Reiz aus.“

Die aktuelle CD wurde laut Bekunden von Hydra Gorgonia bei Reglerdreher Oliver Weiskopf in dessen Stonehenge-Studio im Bonner Stadtbezirk Bad Godesberg aufgenommen. Hierzu ist außerdem noch ergänzend in Erfahrung zu bringen:

„Das Einspielen der Songs ging eigentlich recht zügig voran und war dann nach einigen Tagen erledigt. Das Abmischen hat die meiste Zeit gekostet und dauerte insgesamt drei Monate. Natürlich war das Einspielen anstrengend. Aber mit Oliver Weiskopf haben wir einen so einfühlsamen und kompetenten Produzenten gefunden, dass es faszinierend und beflügelnd zugleich war, die Songs bei ihm einzuspielen und zu mischen. Durch seine Arbeit ist noch eine weitere wichtige Facette zu den Songs hinzugekommen, die sie noch mehr zum Strahlen gebracht hat. Wir haben ihm wirklich viel zu verdanken.“

Wir gehen gleich im Anschluss zu den Einflüssen und Inspirationen über, welche für das neue Werk „The Eyes Of Medusa“ von Relevanz waren:

„Ich denke, dass sich die Einflüsse von Dimmu Borgir und Cradle Of Filth wohl kaum wegdiskutieren lassen werden. Aber genauso haben Gruppen wie Graveworm, Ad Inferna, Obsidian Gate, Satyricon, Hollenthon, Finntroll, Summoning, Empyrium und natürlich auch Mortiis ihre Spuren in unserem musikalischen Denken hinterlassen. Weiterhin bin ich selbst natürlich auch von Musikern der klassischen Musik wie Brahms, Beethoven und Chopin beeinflusst. Brahms ist für mich einer der ersten Black Metaller an sich. Seine Werke sind häufig von einer solchen Schwermut, Kraft und Traurigkeit durchtränkt, dass sie mich schon als Kind in ihren Bann gezogen haben. Ich glaube, dass es Brahms zuzutrauen gewesen wäre, in einem Anflug von Heiterkeit vielleicht ein Stück mit dem Titel `Das Grab ist meine Freude` zu schreiben. Ebenfalls wichtig für meine Entwicklung war damals das Album `Pictures At An Exhibition` von Emerson, Lake And Palmer. Neben vielen anderen Musikgruppen wurde das Werk `Bilder einer Ausstellung` von Mussorgsky meisterhaft in das Genre der Rockmusik transportiert. Später habe ich erst die Fassung von Mekong Delta gehört, die mich aber auch bis zum heutigen Tage nicht minder begeistert. Abschließend möchte ich aber an dieser Stelle noch die Musik von Hans Zimmer nennen, die eine unglaubliche Faszination auf mich ausübt.“

Inspirationen für die aktuellen Songs von Atrium Noctis an sich sind aber letztendlich immer Bilder, Geschichten, Gefühle und eigene Erlebnisse gewesen, so die Kölnerin.

Die neuen Liedtexte auf „The Eyes Of Medusa“ haben wenig miteinander gemeinsam, sie unterscheiden sich sogar in der Sprache untereinander, erzählt mir die Tastenspielerin nachfolgend. Somit:

„Der Song `Zerberon` ist ein schweres, nachdenkliches Lied, bei dem es um eine Kombination von mythologischen Motiven mit einer Darstellung der größten menschlichen Angst, der Angst vor dem Tod und der Frage, was danach kommt, geht. `Snow On Thy Epitaph` hingegen ist ein sehr emotionaler Text: Eine geliebte Person ist gestorben, woraufhin der Protagonist mit seinem Leben nicht mehr klarkommt. In diese Trauer wurde dann bewusst ein kleines surreales Horrorszenario eingebaut, da durch die Zusammenführung der Liebenden im ewigen Schattentanz doch noch ein kleines Happy End zu Stande kommt. `Day Of Rebirth` trägt autobiographische Züge. Die Kernaussage lässt sich aber im Groben so zusammenfassen: Egal, wie sehr du niedergetrampelt wirst, irgendwann kommt der Tag, an dem du aufsteigen wirst, wie Phoenix aus der Asche. `Last Gate` ist nicht eindeutig – nimmt man den Text wörtlich, ist es eine (aus verschiedenen Perspektiven erzählte) Kurzgeschichte über eine Gruppe von Reisenden, die von einem höhnischen Wesen mit übernatürlichen Kräften gestoppt wird. Geht man aber einen Schritt weiter, lässt sich hier auch eine Parallele zur Entwicklung der Menschheit sehen. Ein langer Weg, der bis hierhin beschritten wurde. Aber wo führt er hin? Sollte die Entwicklung so weitergehen, wird sich die Menschheit irgendwann selbst auslöschen oder möglicherweise auch durch Naturkatastrophen, Krankheiten etc. ihr Ende finden. `Chains Of Red Ice` ist eine Hommage an das russische Lebensgefühl. Im Text wird der Gegensatz zwischen dem Gefühl der Enge, der Unterdrückung und Einsperrung auf der einen Seite und der Warmherzigkeit, Heimat und Gemütlichkeit auf der anderen Seite dargestellt. Wir haben speziell dafür auch russische Textzeilen eingebaut. `Pandora's Kiss` zeigt, wie schnell Bösartigkeit und Selbstüberschätzung einen Menschen in den Wahnsinn treiben kann. Hier ist noch stärker als in `Zerberon` der mythologische Zusammenhang gegeben; die mythologische Pandora ist hier vermischt mit der Vorstellung der Verkörperung von Grausamkeit und Wahnsinn. `Ancient Whispers` stellt den Schluss des Albums dar und ist ein sehr ruhiger Song mit einem sanften Ausklang. Der Song rundet das Album ab, indem er an `Zerberon` anknüpft, den ewigen Kreislauf des Lebens darstellt (wenn auch wesentlich positiver), sowie die kurze Lebensspanne der Menschen im Vergleich zur Natur betont.“

Den Ausgangspunkt für einen Song stellt beim atmosphärischen Schaffen der Kölner immer erst einmal die Musik selbst dar, berichtet die Keyboarderin.

„So entsteht auch der Songtitel und häufig die Idee für eine mögliche Handlung. Unser Sänger Chim hat es hervorragend verstanden, diese Geschichten mit seinen eigenen Ideen und Vorstellungen zu verknüpfen und ihnen eine wunderschöne lyrische Form zu verleihen. Auf diese Weise wurde dieses Werk vollständig abgerundet. Die eingehende Beschäftigung mit der Mythologie und mit Lyrik, aber auch mit psychologischen Themen ist dabei unerlässlich. Chim hat sich als Student der englischen Literaturwissenschaft schon seit ewigen Zeiten mit diesen Themen beschäftigt, sie erforscht und studiert. Da wir lyrische Themen und Songtexte in der Regel einfach spannender und interessanter, aber auch in diesem Zusammenhang angemessener finden, als stumpfe Textorgien von Gewalt und Blut, ist ein Studium von verschiedenen literarischen Gattungen, neben den oben genannten Themen besonders für Chim immer eine Selbstverständlichkeit gewesen. Außerdem sind die Möglichkeiten hierbei besonders vielfältig, besonders was die Mehrdeutigkeit anbetrifft. Wenn man Musik, Kunst und Lyrik als einen Spiegel der Seele bezeichnen möchte, dann können wir also sagen, dass die Auseinandersetzung mit den Themen, die wir musikalisch und lyrisch beschreiben, nicht nur eingehenden Recherchen und persönlichem Interesse in den verschiedenen Gebieten unterliegen, sondern eigentlich eine lebenslange persönliche Auseinandersetzung beinhalten.“

Nun schaltet sich Chim noch selbst dazu ein: „Beschäftigt habe ich mich aber selbstverständlich mit jedem Thema ausführlich; sei es durch Lektüre über Mythologie, durch Lesen von Songtexten oder durch schlichtes Auseinandersetzen mit den Ideen, die ich im Kopf hatte.“

Danach übernimmt die Tastenfrau wieder das Ruder und gibt zu Protokoll:

„Ich beschäftige mich wieder mehr mit meinem alten `Steckenpferd`, der zeitgenössischen klassischen Musik. Neben Arvo Pärt sind die Vertreter der Minimal Music wie Steve Reich und Philip Glass für mich von Interesse. Eine Beschäftigung mit den russischen Klassikern wie Mussorgsky, Prokoffjev und Tschaikowsky wie auch die Auseinandersetzung mit folkloristischen Elementen anderer Kulturen und Epochen wird aber in diesem Jahr den Schwerpunkt ausmachen. Im Bereich der Kunst suchen wir nach Inspirationen für unser nächstes Booklet. Da die Bilder der großen Maler und Fotografen schlichtweg unbezahlbar sind, warten wir noch auf eine Eingebung. Vielleicht bringt dies ja die nächste Ausstellung `Zum Sterben schön!` im Kölner Museum Schnütgen mit sich.“

Wie sie mir dann nachfolgend noch erläutert, sind Atrium Noctis in ihrem musikalischen Ausdrucksstil viel sicherer geworden:

„Die Frage, die wir uns anfangs häufig gestellt haben, `Darf man das im Black Metal überhaupt so machen?`, sie tritt nun immer seltener auf. Wir beziehen uns heute mehr darauf, das zu spielen, was uns ein Bedürfnis ist, auszudrücken und was uns schlichtweg einfach gefällt. Wir haben ebenfalls die Faszination des mittleren Rhythmus-Tempi für uns entdeckt, weil in unseren Augen (und Ohren) das Böse selten durch die Reihen tobt, sondern schreitet. So bringen wir auch mehr helle und strahlende Elemente in die Musik mit ein, weil wir finden, dass schwarz auf weiß am Besten aussieht. Momentan arbeiten wir daran, die Gitarrenlinien noch härter und komplexer zu gestalten. Aus diesem Grunde haben wir uns vor einem halben Jahr entschlossen, Sturm als zweiten Gitarristen mit ins Team zu nehmen. An der ursprünglichen Besetzung hat sich seit der Gründung sonst nichts geändert: Scathar an der Gitarre, Fugger an den Drums, Orpheus am Bass und meine Wenigkeit an den Keys. Als Sänger ist Benny noch hinzugekommen.“

Was sie in letzter Zeit in Sachen Symphonic Black Metal sehr angesprochen hat, waren laut ihrer Aussage drei ganz spezielle Truppen, welche auch ich als höchst reizvoll erachte: Nämlich Fjoergyn, Bishop Of Hexen und Morgart.

Abschließend offenbaren sich mir noch die nächsten Ziele von Atrium Noctis, meine Gesprächspartnerin erzählt: „Das Wichtigste ist für uns erstmal, dass wir so ernsthaft und harmonisch weiterhin zusammenarbeiten wie bisher. Wenn alles so weiterläuft, werden wir wohl im nächsten Jahr wieder ins Studio gehen. Bis dahin haben wir hoffentlich einen Weg gefunden, unsere immensen Unkosten in Verbindung mit der Band zumindest halbwegs zu reduzieren. Außerdem wird es auch Zeit für uns, das wir uns im nächsten Jahr mal bei den einschlägigen Plattenlabels mit unserer Musik vorstellen. Wie die meisten Bands haben wir natürlich auch unsere kleineren und größeren Träume, die letztendlich auch unsere zukünftigen Schritte beeinflussen werden.“

© Markus Eck, 16.10.2006

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