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Interview: ATROCITY
Titel: Bombastische Atmosphären

Als sie ihr Debütalbum „Hallucinations“ im berühmten amerikanischen Morrisound-Studio mit Produzentenlegende Scott Burns aufnahmen und 1990 veröffentlichten, hatte auch die – damalig noch junge – einheimische Death Metal-Szene endlich ihre eigenen vorzeigbaren Helden.

Und favorisierten Atrocity anfänglich noch zwar experimentelle, jedoch von rabiat ausgelebter Lust an Härte angetriebene Klänge, wandelte sich die schwäbische Bruderschaft mit den Jahren zu einer der beständigsten und wandelbarsten Gruppen der deutschen Rock- und Schwermetallgilde.

Nun haben Atrocity mit dem sagenhaften Konzeptalbum „Atlantis“ erneut unter Beweis gestellt, dass das kreative Feuer im Innern des etablierten Quintetts immer noch lichterloh brennt.

Sänger Alex Krull betreibt daneben mitsamt der Band das immer bekannter werdende Stuttgarter Mastersound-Studio.

Dort nehmen sich Alex und der im Frühjahr 2003 zur Band zurückgekehrte Gitarrist Thorsten ,Tosso‘ Bauer samt dem zweiten Gitarristen Matthi Röderer gerne Zeit für ein entspanntes Gespräch zu ihrem neuen Monumentalopus.

„Wir haben all unser Herzblut, sämtliche Energie und Ideen in die neue Scheibe gesteckt und haben jetzt erst mal unseren Job getan. Jetzt sind wir natürlich gespannt wie das neue Album bei den Fans ankommt und haben allergrößte Lust darauf, das Material live zu spielen. Wenn man über Jahre hinweg so intensiv zusammenarbeitet wie wir, schweißt das natürlich zusammen und jede neue Veröffentlichung ist wie ein neues Baby von fünf Vätern“, lässt mich Tosso zu Beginn wissen, und leitet damit indirekt zu seinem Bandkollegen Alex über, der kürzlich Papa geworden ist.

Meinem nachträglichen Glückwunsch zu seinem Söhnchen Leon entgegnet dieser freudig: „Vater zu werden ist ein unglaubliches Gefühl, das man nicht so einfach beschreiben kann, wenn man es selbst nicht erlebt hat. Ich bin wahnsinnig stolz auf meine kleine Familie, und mit welcher Bravour meine Frau Liv das alles gemeistert hat – immerhin hat sie kurz vor der Geburt unseres Sohnes die letzten Zeilen des aktuellen Leaves’ Eyes-Album `Lovelorn` eingesungen. Es wird einem natürlich bewusst, was man für eine Verantwortung für so ein junges Menschenleben hat und man macht sich darüber auch ernsthafte Gedanken. Man will natürlich ein guter Elternteil sein, um dem Kleinen eine möglichst schöne Kindheit zu bieten! Unser Sohn Leon Alexander ist aber auch ein ganz süßer Fratz“, lacht der Sänger herzhaft.

Wie Alex im Weiteren mit stetig perlendem Redefluss berichtet, war und ist die für seine vielen Projekte zur Verfügung stehende jeweilig knappe Zeit für ihn schon immer der größte Feind gewesen.

„Als sehr kreativer Mensch habe ich immer arge Zeitprobleme. Mir wirft man mittlerweile innerhalb von Atrocity vor, nur noch in Zyklen zu arbeiten, d.h. eine Woche Arbeit und danach eine Stunde Schlaf“, scherzt er.

Ganz so krass ist es damit aber noch nicht bestellt.

„Es war immer mein Traum mit und von der Musik zu leben, deshalb möchte ich mich nicht über Zeitdefizite beschweren. Das Mastersound-Studio haben wir als Band übrigens alle gemeinsam auf die Beine gestellt.“

Mit Saitenschrubber Matthias Röderer, genannt Matze, philosophiere ich anschließend über den immerwährenden Reiz am Metal, welcher in Atrocity wohl so schnell noch nicht nachlassen wird:

„In keiner anderen Art von Musik kann man trotz beschränkter stilistischer und kompositorischer Vorgaben ein derartig vielfältiges aber dennoch dichtes Klangerlebnis erzeugen.“

Eine laut seiner Aussage mit Blut- und Schweiß getränkte Musikmutation wie „Atlantis“ muss heutzutage zutatenreich zubereitet werden, um genussvoll auszufallen. Matze ergänzt hierzu noch:

„Da wir allesamt Gourmets sind, versuchen wir alles, uns und unseren Fans dieses musikalische Mahl so schmackhaft als möglich zu machen. Was die angesprochene Metal-Lebenseinstellung betrifft, kann ich dazu nur sagen, dass extreme Musik nach wie vor die Faszinierendste ist, die ich mir vorstellen kann und es nichts Schöneres auf dieser gottverdammten Welt gibt als Gitarre in einer Metalband zu spielen.“

Im aktuellen Infoblatt ihres Labels stellen sich die schwäbischen Sound-Allrounder entschlossen als „Atrocity, die etwas andere Metal-Band“ dar; nun, das musste Alex doch etwas eingehender definieren.

Und den Mann mit der überlangen Löwenmähne kotzt es laut eigenem Bekennen an, dass in einer Musikszene, in der angeblich nach Freiheit gestrebt wird und den Regeln der Gesellschaft entkommen werden will, selbst wieder irgendwelche Regeln aufgestellt werden und sich die Leute einreden, nur so und nicht anders darf eine Band klingen.

„Uns hat man oft krumm genommen, dass wir viele Fans in der Gothic- und Wave-Szene haben und vielleicht auch Teil dieser Szenen geworden sind. Das ist uns egal, und deshalb ziehen wir unser Ding durch wie wir es für richtig halten – und nicht wie andere darüber denken. Nur so ist man auch ehrlich zu sich selbst. Ich kenne mittlerweile genügend Musiker, die Gefangene ihres eigenen Musikstils und nicht gerade glücklich darüber sind. Diese Leute würden das natürlich nach außen hin nie sagen, was schon traurig genug ist. Bei uns kann das nicht passieren, wir haben schon sehr viele Extreme ausgelotet, und das ist gut so. Für uns steht jede Platte als Gesamtkunstwerk für sich selbst, was auch wichtig ist, um zum Beispiel einem Thema wie Atlantis gerecht zu werden. Wer die Band als solche nicht versteht, oder völlig daneben interpretieren will, was manchmal wirklich völlig lächerlich rüberkommt, ist selbst Schuld. Gerade Journalisten haben da ihre liebe Not mit uns, weil man uns nicht in irgendeine Schublade stecken kann, dabei wäre es so einfach. Deshalb das von dir hinterfragte Statement.“

Matze freut sich danach über die Fragestellung, wie Atrocity denn dann wohl einem Branchenfremden ihren vielfältigen Sound erläutern beziehungsweise empfehlen würden.

Denn damit sieht sich der Gitarrist zwangsläufig des Öfteren, beispielsweise bei seiner Verwandtschaft, konfrontiert.

„Das hängt natürlich ganz vom musikalischen Background der jeweiligen Person ab. Ich glaube, einen an Klassik oder Jazz orientierten Hörer könnte ich die Sache schon schmackhaft machen, da man da meist auf Leute trifft, die sich ernsthaft und intensiv mit Musik auseinandersetzen und auch die Intensität sowie Atmosphäre in unserer Musik nachvollziehen können. Beim sensationshungrigen Mainstream-Publikum benötigt man da eher einen Aufhänger, der für Aufsehen sorgt, also am Besten viel Video-Airplay und diversen Skandalen.“

Themenwechsel: Als Gitarrist Tosso zurückkehrte, sollte sich laut Alex so einiges innerhalb des Quintetts verändern, und das hauptsächlich im Songwriting-Prozess. Da kam gar so etwas wie eine Euphorie auf:

„Als ich mit der Idee ankam, dass wir das Atlantis-Konzept musikalisch umsetzen sollten, waren sofort alle in der Band begeistert. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, ein Konzeptalbum umzusetzen, und ich wollte unbedingt mit einem Konzept arbeiten. Als Tosso wieder dabei war, kam irgendwie wieder eine gewisse Ausgeglichenheit in die Band zurück. Er ist sehr wichtig für uns, nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch.“

Wie Atrocity erst jüngst bekannt gaben, wurden 90 % des zuvor schon feststehenden Songmaterials komplett verworfen und gänzlich neu komponiert. Kaum zu glauben, laut Alex aber wahr:

„Wir hatten ja durch unseren Studioumzug nach Stuttgart schon sehr viel Zeit verloren, wenn man die Planung und den gesamten Umbau hinzunimmt, was bestimmt über ein Jahr in Anspruch nahm. Dann haben wir beinahe wieder ein Jahr lang an neuen Songs geschrieben beziehungsweise neues Material gesammelt, um am Ende doch alles wieder über Bord zu schmeißen. Denn es wäre einfach nicht cool gewesen, das Material weiterhin zu verwenden, da wir es zusammen mit dem ausgeschiedenen Gitarristen Sebastian Schult und nicht mit Tosso geschrieben hatten. Ich wünsche Sebastian auf jeden Fall alles Gute.“

Bei Atrocity existiert ohnehin kein Hauptsongwriter im eigentlichen Sinne, ergänzt der Vokalist. Denn im Prinzip liefern die einzelnen Bandmitglieder ihre Ideen, welche dann gemeinsam von der ganzen Band ausgearbeitet werden.

„Das macht auch das gewisse Etwas in der Musik von Atrocity aus, da wir zum Teil doch einen sehr unterschiedlichen Musikgeschmack haben. Man mag es kaum glauben, es ist aber wahr. Atrocity ist sozusagen der gemeinsame Nenner. Wir haben, als Tosso nicht mehr in der Band war, mit Sebastian Schult als zweiten Gitarristen gearbeitet und beispielsweise auch in Mexiko getourt. Er hat sich auch richtig ins Zeug gelegt. Das Material war richtig klasse, nur wäre es wie gesagt uncool gewesen damit weiterzuarbeiten ohne Sebastian in der Band zu haben.“

Im Falle von „Atlantis“ waren aber wie erwähnt wieder verstärkt die beiden Gitarristen Matze und Tosso am Werk, was das musikalische Grundgerüst angeht. Alex erläutert: „Matze ist im Speziellen für viele der schweren orchestralen Parts verantwortlich, Tosso für die hymnisch melodiösen und rhythmischen Bestandteile. Aber auch unser Bassist Chris hat beispielsweise beim Song `Cold Black Days` an dessen Grundideen mitgefeilt. Mein Teil bestand hauptsächlich darin, die Songs den Lyrics zuzuordnen und zu arrangieren, die Gesangslinien dazuzusteuern und durch das Konzept den Rahmen gewissermaßen als Inspirationsquelle vorzugeben. Als leidenschaftlicher Hobbyschlagzeuger bin ich, was die Ausarbeitung der Schlagzeugarbeit angeht, natürlich auch immer gerne mit an vorderster Front dabei – sehr zum Leidwesen unseres Drummers Martin Schmidt“, bricht Alex in schallendes, aber wohlwollendes Gelächter aus.

Martin seinerseits mag neben der Schlagzeugarbeit sehr gerne die Arbeit mit Soundeffekten und Modulen und ist damit immer sehr beschäftigt, wie ergänzend von Alex zu erfahren ist.

Außerdem hat der Drummer den Multimedia-Part, den es auf dem neuen Album gibt, programmiert.

Bei Atrocity kann sich laut Rückblick von Matze jeder beteiligte Musiker vollkommen einbringen.

So hat es auch Tosso sichtlich gut getan, dort wieder kreativ tätig zu sein:

„Für mich war es vom Gefühl her so, als ob jemand von einer längeren Reise wieder zuhause angekommen ist und da weitermacht, wo er vorher aufgehört hatte. Es ist eine große Freude mit so einem begnadeten Gitarristen wie Tosso zusammen zu spielen, das entlockt auch in mir immer wieder das Biest und ich versuche da in nichts nachzustehen.“

Fünf Männer in einer Band; herrscht da nicht des Öfteren aufgrund differierender Ansichten im Songwriting ziemlich dicke Luft?

Jetzt fühlt sich Axeman Tosso wieder auf den Plan gerufen:

„Wie gesagt, jeder von uns bringt seine Ideen und seine Kreativität mit ein, allein schon daher wird es uns nie langweilig. Und über all die Jahre haben wir als Team gelernt, wie wir unsere Energien und Ideen zu bündeln haben.“ „Ab und zu gibt es natürlich Meinungsverschiedenheiten, das ist ganz normal und kann auch sehr befruchtend sein“, assistiert ihm Alex in dieser Hinsicht.

Das Vorgängeralbum „Gemini“ umfasste eine ganz andere Thematik, als mit dem aktuellen Werk „Atlantis“ geboten wird. Wie Alex dazu ausführt, wurde für einige Songs von „Gemini“ in gewissem Sinne die Magie von dunkler Erotik und ihr zugrunde liegenden Fantasien verarbeitet.

„Außerdem stand auch das zweisprachige Konzept im Vordergrund, was zweifellos einen großen Reiz für mich darstellte, textlich umgesetzt zu werden. Musikalisch haben wir auf `Gemini` sehr am Rhythmus orientierte Songs geschrieben, es gab daher viele elektronische Ausschmückungen.“

Bei „Atlantis“ verhält sich das jedoch anders:

„Das Album hat musikalisch gesehen ein enormes Spektrum: Sehr düster, sehr intensiv, Härte und Bombast stehen im Einklang. Es gibt zum einen mehr an Gitarren orientierte Elemente, zum anderen sehr orchestrale Parts mit Streichern und Chören. `Atlantis` hat musikalisch wie textlich einen enormen Tiefgang. Man kann sozusagen in die vorsintflutliche, raue Welt eintauchen und die Geschichte des Mythos von Atlantis erleben.“

Da es ohnehin lediglich eine Frage der Zeit war, kommen wir Männer an diesem Punkt des Gespräches nun auf spezielle Einflüsse zu sprechen, welche dem neuen Atrocity-Album zugrundeliegen. Matze spricht erstmal für sich:

„Es sind weniger musikalische Einflüsse die mir jetzt spontan und bewusst einfallen würden. Es handelt sich bei mir eher um eine Art Geisteshaltung, eine Rückbesinnung auf die Werte, die mich einst zum Metaller werden ließen, aber über die Jahre hinweg abgestumpft wurden. Dabei wurden in mir aufgestaute Energien auf rohe und ungestüme Weise wieder entfesselt.“

Bei Tosso sieht es da ganz anders aus, für ihn ist das neue Album viel eher das Ergebnis der Verarbeitung des Konzeptes um den Mythos Atlantis. „Interessanterweise erzeugt die Musik auf `Atlantis` ihrerseits wieder Bilder im Kopf des Hörers. Die Musik und das Konzept beeinflussen sich quasi gegenseitig. Besonders gut ist dies auch im Spannungsbogen der Songs `Clash Of The Titans`, `Apocalypse` und `Sunken Paradise` gelungen. Auch Leute, die sich mit der Thematik um Atlantis gar nicht beschäftigen, dürften von der Atmosphäre des Albums ergriffen sein.“

Es ist längst an der Zeit, die Gelegenheit zu nutzen und diesem faszinierenden Konzept auf den Grund zu gehen.

Alex wird hierfür in die Pflicht genommen. Der Sänger berichtet stolz:

„Der Spannungsbogen auf dem Album reicht von griechisch beeinflusster Göttermythologie bis hin zu dem sinnbildlichen Aufstieg und Fall des atlantischen Reiches aus verschiedenen Sichtweisen. Bei `Clash Of The Titans` wird musikalisch das letzte Gefecht von Atlantis dargestellt – bis zum bitteren Untergang. Natürlich geht es bei einem Song wie zum Beispiel `Enigma` auch darum, was sich hinter dem Mythos verbergen könnte. Auf der ganzen Welt gibt es Sintflutlegenden, die das erste Menschengeschlecht ausradiert haben, wie beispielsweise in der Bibel beschrieben, um ein gängiges Beispiel zu verwenden. Der Reiz der Sache liegt eigentlich darin, dass man ja nicht genau weiß, ob die `Gottesstrafe`, die angeblich eine ganze Hochkultur vernichtet hat, vielleicht eine Naturkatastrophe oder vielleicht sogar eine Meteoriteneinschlag gewesen ist. Man muss natürlich immer berücksichtigen, dass wir Musiker sind, und unser Interesse nicht darin liegt, quasi ein trockenes, wissenschaftliches Abbild von etwas zu beschreiben, sondern es geht uns vielmehr darum, wie bei einem Soundtrack Bilder von einem untergegangenen Mythos durch die Musik entstehen zu lassen. Wir wollten Atlantis im musikalischen Gewand zum Leben erwecken, und das auf sehr düstere Art und Weise, da dies auch unheimlich gut zu dem mystischen Thema passt. All diese Geheimnisse und Legenden, die sich um den versunkenen Kontinent ranken, geben bis heute in unserer angeblich so aufgeklärten Welt immer noch große Rätsel auf. Was hat man nicht alles schon im Zusammenhang mit Atlantis hineininterpretiert, gemutmaßt und gefachsimpelt. Aus diesem Grund haben wir auch auf der CD den groß angelegten Multimedia-Part, bei dem es Hintergrundinformationen zu jedem der einzelnen Songs gibt. Obendrein ist das Ganze auch optisch ein Leckerbissen geworden.“

Mit dem Thema Atlantis zu arbeiten, ist eigentlich schon eine ältere Idee, welche Alex genau dann mit Atrocity angehen wollte, wenn die Zeit seiner Meinung nach dafür reif ist.

„Ich habe noch einige andere Ideen im Kopf, die ich gerne mit der Band machen möchte. Bei Atlantis ist definitiv der Reiz des Verborgenen ein wichtiger Grund gewesen das Thema umzusetzen. Es gibt genügend Leute, die bis heute den Einfluss dieses versunkenen Inselreiches in verschiedener Hinsicht sehen. Außerdem passen die epischen Elemente und der Bombast in der Musik hervorragend zu der Geschichte.“

Historische Geschichten interessierten Herrn Krull seit jeher, wie dieser ergänzend bekennt. „Okkulte Dinge faszinierten mich aber in gewisser Weise auch schon seit ich denken kann. Atlantis passt also hervorragend in dieses Strickmuster. Man sollte aber auch andere Hintergedanken verstehen. Denn gerade Atlantis ist mit seinem tragischen Untergang auch ein abschreckendes Beispiel menschlichen Verfalls und Dekadenz. Sämtliche großen Reiche der Menschheitsgeschichte sind immer wieder am Höhepunkt ihrer Macht zugrunde gegangen: Das alte Rom, die Griechen, Ägypter, Mayas, Azteken usw. In dem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob ein großes Reich, das sich nur durch Gewalt und kriegerische Mitteln ausdehnen konnte, nicht sowieso dem Untergang geweiht ist. Wir müssen also heutzutage selbst aufpassen, dass uns nicht das gleiche Schicksal ereilt, und es irgendwann einmal in 11.500 Jahren heißt, es gab angeblich eine Weltmacht namens USA, die mit ihren Verbündeten aus Europa und mitsamt der ganzen Menschheit untergegangen ist.“

Alex zitiert in diesem Zusammenhang anschließend den bekannten Spruch, dass hinter jeder Legende ein Funken Wahrheit steckt.

Er wird merklich etwas ruhiger, was diesen Punkt anbelangt.

„Im Falle von Atlantis denke ich mir, es gibt soviel verschiedene Hinweise und unerklärliche Zusammenhänge auf dieser Welt, wie zum Beispiel Sprachverwandtschaften der Aztlan-Azteken zum Atlantis der griechischen Sage, den ähnlichen Pyramidenbau von Mayas und Ägyptern, Mumifizierung der Toten und andere Bräuche und Sitten, Höhlenmalereien, Symbole usw., dass dies schon enorme Zufälle wären.“

Und der Atrocity-Frontmann glaubt hierbei nicht an Zufälle. Dieser Meinung schließt sich der Autor übrigens vorbehaltlos an, der die unterhaltsamen Bücher von Erich von Däniken immer wieder sehr gerne liest. Alex hat nun wieder das Wort:

„Es gibt bei Atlantis viele geheimnisvolle, rätselhafte Dinge, die man im normalen Alltag nicht so einfach erfährt. Man sollte nicht immer nur blind auf das Vertrauen, was einem die Medien verzapfen. Man halte sich doch nur mal die Sache mit dem Irak-Krieg vor Augen – wo sind denn nun die Massenvernichtungswaffen? Im Prinzip haben Bush und seine Medienmaschine alle an der Nase herumgeführt. Die Leute sollen immer nur das glauben, was sofort und plausibel zu erklären ist. Es ist aber nicht immer der einfache Weg, der ans Ziel führt, und oftmals ist es im Leben so, dass man nur über Umwege ans Ziel kommt. Allerdings wurde mit Atlantis auch schon genügend Unfug betrieben, gerade weil man kein konkretes Ziel vor Augen hat. Im Dritten Reich wurde der Begriff für die Rassenideologie missbraucht, und auch im esoterischen Bereich gibt es die tollsten Auslegungen dieses Themas.“

Es liegt nahe, auch noch das artverwandte Thema Hyperborea anzuschneiden, und auch hierzu hatte der gut informierte Sänger noch einiges beizusteuern. „Salopp gesagt soll Hyperborea das Atlantis des Nordens sein, und angeblich wie Lemuria sogar noch vor Atlantis existiert haben. Vielleicht ist ja eigentlich mit Mu, Aztlan, Atlantioi und all den anderen versunkenen Reichen und legendären Mythen auf der ganzen Welt eigentlich nur eine einzige Ursprungsquelle gemeint. Himmelreiche wie Avalon, Asgard, der biblische Garten Eden usw. weißen ja im gewissen Maße die Parallelen zum Sitz der Götter und dem `verlorenen Paradies` auf, welches immer wieder mit Atlantis gleichgesetzt wird. Im Prinzip geht es darum, dass die Menschheit etwas `Wunderbares`, `Göttliches` verloren hat und gleichzeitig den Ursprung des eigenen Menschengeschlechts. Die Sehnsucht, das Paradies wieder zu finden beziehungsweise dort wieder zurückzukehren, dem Allmächtigen gegenüberzustehen und seine Ahnen wieder zu treffen, war und ist für eigentlich alle Weltreligionen das Fundament ihres Glaubens. Das macht das Thema Atlantis für gewisse Leute so gefährlich. Wenn Atlantis tatsächlich einmal als historisch belegt und bewiesen werden würde, und man zum Beispiel aufklären würde, dass die Menschen in der Frühzeit ihrer Geschichte etwas für Göttlich gehalten haben, was in Wahrheit aber völlig irdisch gewesen ist, und sie es nur anders interpretiert haben, weil sie keine bessere Erklärung dafür hatten, müsste man nicht nur die Weltgeschichte neu schreiben, sondern natürlich viele religiöse Aspekte völlig neu überdenken. Da das aber in keinster Weise von Interesse für die Gesellschaftskreise dieser Welt ist, wird es wahrscheinlich deswegen niemals eine vollständige Aufklärung über Atlantis und Mythen dieser Art geben beziehungsweise es immer nur als mythologischer Unfug abgetan werden. Lustigerweise haben in diesem Zusammenhang einmal sowjetische U-Boot-Forscher versucht, Atlantis auf den Grund zu kommen. Außer zweideutigen Bildern haben sie jedoch leider keine weiteren neuen Erkenntnisse liefern können.“

Nicht nur das ästhetische Frontcover zum neuen Album von Atrocity, sondern auch dessen gesamtes Layout wurde von der Fotografin Katja Piolka kreiert.

Laut Gitarrist Matze geschah letzteres aber natürlich in enger Absprache mit der gesamten Atrocity-Truppe:

„Denn hierbei müssen auch gleich solche Belange wie künftiges Bühnenoutfit und Videodreh mit berücksichtigt werden, damit aus vielen kleinen Puzzlestücken ein Gesamtkunstwerk entsteht, was der Größe des Projekts `Atlantis` gerecht wird.“

Alex hatte, wie er sich erinnert, beim dem neuen Album zugrunde liegenden Coverkonzept bereits im Vorfeld schon ziemlich konkrete Vorstellungen darüber, welche gemeinsam in der Band durchgesprochen wurden.

„Ich war dann beim finalen Gestalten des Artworks mit dabei und ständig im engen Kontakt mit der Designerin Katja, weil die visuelle Umsetzung für uns sehr wichtig ist.“

Und kein noch so großer Aufwand wurde gescheut, um den Fans ein zwar umfangreiches, aber dennoch vollkommen in sich geschlossenes Produkt zu bieten.

Im CD-Booklet sind gar alle Songtexte in „atlantisch“ abgedruckt:

„Man kann diese Schrift nach einer Weile erkennen und lesen, ein toller Effekt. Wer dennoch Hilfe brauchen sollte, kann die Legende, auf der die Schriftzeichen erklärt werden und die im Booklet abgebildet ist, zur Hilfe nehmen. Und wer auch selbst mit der Schrift arbeiten will, für den haben wir sie als Font auf die CD gepackt. Bei der Entwicklung der entsprechenden Schriftsymbole hat übrigens Liv mitgeholfen“, lässt Alex seiner Angetrauten gebührende Ehre zukommen.

Was sagt der Sänger übrigens den allzu kritischen Betrachtern der Bandkarriere seiner Truppe, die behaupten, Atrocity wären nur deswegen so richtig bekannt und erfolgreich geworden, weil sie auf dem Album „Werk 80“ diese 80s-Coverversions-Schiene mit den ganzen halbnackten Damen auf den Covern gefahren haben? Das ringt dem Bandleader von Atrocity lediglich ein weiteres lautes Lachen ab:

„Wenn es Leute gibt, die das tatsächlich behaupten sollten, dann sollten sie sich erst einmal unsere Geschichte als Band anschauen. Wir machen seit ganzen 18 Jahren Musik, haben ganz gewiss unseren Beitrag für diese Musikrichtung geleistet – uns auf irgendetwas zu reduzieren ist natürlich nicht nur äußerst banal und einfallslos, sondern auch reichlich dämlich. Mir geht das ehrlich gesagt am Arsch vorbei.“

Kurz vor Beendigung des Interviews kommen wir noch auf die künftige Live-Umsetzung des Atlantis-Konzeptes zu sprechen.

Laut Matze werden Atrocity zunächst diesen Sommer 2004 diverse Festivals spielen, beispielsweise das With Full Force-Open Air.

Danach geht es dann, so wie es für die Jungs momentan aussieht, im Herbst auf Europatournee sowie daran anschließend nach Mexiko und auch nach Südamerika.

„Natürlich werden wir versuchen, das Ganze auch visuell im Rahmen unserer Möglichkeiten umzusetzen. Das Album schreit ja förmlich danach. Manchmal denke ich, uns ist ein genialer Soundtrack zu einem noch genialeren Kinofilm gelungen.“

Wie Tosso sich nun auch wieder in die Runde einbringt, sollen die anstehenden Shows von Atrocity aber auf jeden Fall brutal, böse und bombastisch werden: „Eben genau so wie der Sound des Albums“, platzt es energisch aus dem Gitarristen heraus.

Das letzte Wort soll dann abschließend der fleißige Alex haben: „Wir wollen mit Atrocity jetzt richtig Gas geben. Und wir werden den Projektcharakter der Band beibehalten. Das bedeutet im Klartext, dass wir wahrscheinlich Dinge, die wir in der Vergangenheit begonnen haben, weiterspinnen werden. So zum Beispiel einen Nachfolger vom Ethno-Album `Calling The Rain` mit meiner Schwester Yasmin – wir haben schon acht Songs in der Hinterhand. Auch ein weiteres Album in der Art und Weise von `Werk 80` könnte durchaus reale Züge annehmen. Wann wir das genau machen können und ob wir das auch zeitlich umsetzen können, wissen wir noch nicht genau. Priorität hat natürlich jetzt erst einmal `Atlantis`.“

© Markus Eck, 26.03.2004

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