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Interview: AUTUMNBLAZE
Titel: Pure Emotionen

„Wenn ich durch strömenden Regen laufe und bis auf die Knochen nass werde“, antwortet mir Autumnblaze-Gitarrist und -Sänger Markus Baltes ganz spontan auf die Frage, wann er denn mal so richtig glücklich sei. Ein sehr aussagekräftiges Statement, welches die gefühlsbetonte Musik des Hauptkomponisten dieser enorm eigenständigen Melancholie-Rocker adäquat unterstreicht.

Größte Angst hingegen hat er davor, das jemand, der ihm sehr nahe steht, plötzlich stirbt oder sehr krank wird. Ein überaus emotionaler Mensch also. Eben genau wie die Songs seiner Band, die nun mit „Words Are Not What They Seem“ ein neues Album veröffentlicht. Aufgrund der vordergründig schwermütig wirkenden Gesamtstimmung der neuen Klänge hatte sich Markus meiner Frage zu stellen, ob er primär ein melancholischer Typ sei.

Der sportliche Saarländer verneint entschieden: „Es stellt sich dabei auch die Frage, was man gemeinhin unter einem melancholischen Menschen versteht. Geht man vom Duden aus, so findet man folgendes: `Ein Melancholiker ist jemand, der zur Schwermut neigt.` Das kommt bei mir durchaus vor. Jedoch wäre es falsch zu behaupten, ich wäre ein primär melancholischer Mensch.“

Doch hin und wieder fühlt er sich dennoch melancholisch.

„Ursache können sogar ganz banale Dinge sein, wie zum Beispiel ein Doppelfehler beim Tennisspiel.“ Doch in der Melancholie kann er durchaus schwelgen, wie er weiter erklärt: „Aber sie hat meiner Meinung nach nichts mit Traurigkeit zu tun. Melancholie ist wahrscheinlich eher eine Form menschlicher Eitelkeit.“

Geht es darum, welche spezielle Klientel von Hörern den individuellen Sound seiner Band eigentlich im Allgemeinen so konsumiert, ist der Sänger ratlos. Er bekennt: „Wenn ich das wüsste. Vielleicht sind es Menschen, die noch auf der Suche nach etwas sind und die nicht alles, was sie von den Medien vorgekaut bekommen, für gut und richtig erachten. Vielleicht sind es Menschen, die noch Fragen stellen – mündige Menschen, die der Masse die kalte Schulter zeigen. Man sieht, ich hege Hoffnung für die Autumnblaze-Hörer.“

Das neue Album ist unerwartet frisch und stellenweise überraschend hart ausgefallen; Markus nennt spezielle Gründe hierfür. „Der frische Wind kommt mit Sicherheit vom neuen Bandgefüge, denn obwohl ich wie immer alle Songs geschrieben und arrangiert habe, waren mir meine Jungs eine große Hilfe und das Ergebnis ist auch ein Resultat der gesamten Band. Stellenweise sind zwar ein paar härtere Riffs zu finden, aber das gab es auf anderen Alben auch schon. Das würde ich nicht überbewerten.“

Und doch war es von Anfang an Markus’ hauptsächliches Bestreben, das neue Album „Words Are Not What They Seem“ so abwechslungsreich wie nur möglich zu gestalten.

„Die Grenzen sollten wieder einmal durchbrochen werden und der Autumnblaze-Sound durch neue Elemente bereichert werden. Dazu war es ganz wichtig bei diesem Album mit einer kompletten Band zu arbeiten und ich denke, gerade durch diese Arbeitsweise ist es uns gelungen, viel mehr kleine Details in die Musik einzubauen.“

So sind die Arrangements laut seiner Aussage ausufernder, es gibt mehr Raum für Instrumentalpassagen sowie mehr spielerische Details zu entdecken und auch der Sound der Scheibe unterscheidet sich von den Vorgängerwerken.

„Insgesamt sind es viele Kleinigkeiten, die man entdecken kann und die das Album auf lange Sicht interessant machen.“

Die Keyboard-Linien auf dem neuen Werk sind dermaßen nah am Klang eines Pianos bzw. Flügels, dass die Atmosphäre der neuen Stücke bezwingend ist. Wie hat Markus nur all diese wunderbaren Tastentonfolgen hinbekommen? „Eingebung. Das trifft es am besten. Ich bin kein gelernter Keyboarder oder Pianist, aber gerade deshalb finde ich wahrscheinlich auch ein paar Tastenfolgen, die jenseits der Norm liegen. Ich lasse mich treiben, probiere aus und irgendwann stellt sich dann ein Gleichgewicht zwischen Geist und Tönen ein. Dann ist die Melodie perfekt.“

Normalerweise schreibt der Gitarre spielende Vokalist die Songs von Autumnblaze ohne spezielle Ziele im Hinterkopf zu haben. „Bei der Auswahl der neuen Songs war es mir jedoch sehr wichtig, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird, d.h. ich wollte ein möglichst abwechslungsreiches Album haben.“

Die Inspirationen für all die Texte der neuen Songs holt sich mein Dialogpartner laut eigenem Bekunden aus der eigenen Fantasie, mit welcher er hin und wieder auch die Realität interpretiert.

„Eine weitere Inspirationsquelle für die Texte war dieses Mal aber auch `Twin Peaks`. Es gibt einige Texte, die sich einerseits auf bestimmte Szenen oder Ereignisse daraus beziehen, gleichzeitig aber auch sehr persönlich sind. Es gibt viel zu entdecken, wenn man sich auf das Album einlässt. Und das ist nicht nur eine Floskel.“

Zwischen den neuen Kompositionen haben Autumnblaze daher auch eine Coverversion des Soundtracks dieser amerikanischen Mystery Thriller-Fernsehserie verstaut.

Markus offenbart hierzu, dass er die weltberühmte Serie als Jugendlicher geradezu eingesaugt hatte. Und, nachdem er sie einige Jahre aus dem Bewusstsein verloren hatte, vor ein paar Jahren wieder für sich entdeckte.

Kein Wunder – die ebenso geheimnisvolle wie phantastische und düstere Serie wurde schließlich zur meistdiskutierten der wohl gesamten Fernsehgeschichte.

„Daraus ist dann tiefe Liebe geworden. Ich liebe das ganze Mysterium darin und ich liebe die ätherische Musik dazu. Deshalb auch die Interpretation und mir ist auch wichtig, dass man Interpretation dazu sagt, denn es ist eine sehr eigene Version geworden, die sich jeder anhören sollte.“

Der Albumtitel „Words Are Not What They Seem“ hat vielerlei Bedeutungen. „Auf der einen Seite bedeutet er, dass es mehrere Verständnisebenen gibt, nicht nur eine. Das bezieht sich einerseits auf die Texte, welche ganz bewusst auf verschiedene Interpretationen angelegt sind und zum anderen auf die Kommunikation untereinander. Worte sind nur Hülsen. Die Wahrheit – ein großes Wort, vielleicht nur Luftblase – lässt sich jedoch nicht den Worten selbst, sondern jenseits davon ablesen.“

Das Album-Frontcover seiner neuen Veröffentlichung hat Markus bereits tief ins Herz geschlossen. „Ich wollte ein starkes Symbol, das – wie du schon sagtest – zeitlos sein sollte. Viele wird es überraschen, dass Niklas Sundin dieses Cover gemacht hat. Die Meisten kennen ja nur seinen üblichen Stil, der eher ein bisschen moderner ist. Da ich aber mit Niklas schon seit zehn Jahren in mehr oder weniger nahen Kontakt stehe, weiß ich, dass er einen unglaublich interessanten Zeichenstil besitzt, der so ein wenig an den Stil vom englischen Dichter und Maler William Blake angelehnt ist. Deshalb habe ich schließlich mit ihm zusammen die Coveridee ausgearbeitet und er hat meine Ideen wirklich perfekt umgesetzt.“

© Markus Eck, 19.09.2004

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