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Interview: BATTLELORE
Titel: Organische Originalität

Für ihr drittes Studioalbum befleißigten sich diese verkleidungsfreudigen Finnen nicht nur einer vielfältigeren Kompositionsart: „Third Age Of The Sun“ klingt gleichzeitig auch um einiges homogener und in sich geschlossener als alles, was Battlelore zuvor kreierten.

Boten die beiden Albumvorgänger „…Where The Shadows Lie“ und „Sword´s Song“ also stark von Tolkiens Romanen beeinflussten Dark Epic Metal, bieten diese linientreuen Ausnahme-Musikanten aus dem Land der tausend Seen ihren Anhängern nun neue spannende Lied-Geschichten aus Mittelerde. Heroisch, verspielt melodisch und insgesamt fantastisch.

Und nicht nur musikalisch hat sich einiges bei dem mal kriegerischen, mal schwelgerischen Septett getan.

Sondern auch die lyrische Konzeption wurde in ihren einzelnen Bereichen nochmalig verfeinert.

Dies alles gilt es aktuell tiefgehender auszuleuchten.

Gitarrist und Haupt-Songtexter Jyri Vahvanen Jyri Vahvanen macht bei Battlelore nicht nur auch als Saitenhauer eine gute Figur, er liefert wie im diesmaligen Fall auch immer wieder gleichfalls durchdachte wie brauchbare Statements ab.

Jyri befindet sich zum Interviewzeitpunkt gerade bei einem heiteren Kaffeeklatsch mit seiner ganzen Familie, um im Beisein des neuen Bassisten Timo Honkanen dessen Eintritt in Battlelore zu feiern.

Der freundliche Axeman berichtet zur vergangenen Rotation des Besetzungskarussells: „Nachdem uns unser alter Sänger Patrik Mennander nach der Veröffentlichung unserer DVD `The Journey` im August 2004 verließ, um sich verstärkt seiner Karriere als professioneller Tätowierer zu widmen, entschied sich zu allem Unglück Anfang des nachfolgenden Jahres auch noch Miika Kokkola, der vorherige Tieftöner, Battlelore den Rücken zu kehren. Glücklicherweise fanden wir dann aber in zwei Session-Musikern, die uns auf Tour begleiteten und mit denen wir uns prima verstehen, innerhalb kürzester Zeit adäquaten Ersatz: Zum einen Timo als Viersaiter und Tomi Mykkänen als neuer Sänger und Uruk-Hai-Krieger. Wir Verbleibenden wussten um ihre große Leidenschaft für unsere Musik, von daher gestaltete sich die Neurekrutierung nicht schwierig.”

Jyri lacht anschließend mit sympathischer Ausstrahlung:

„Sicher etwas ungewöhnlich in unserem dogmatisch harten Metier, aber wir essen hier gerade Kuchen und sind richtig fröhlich. Aber wir haben ja schließlich auch allen Grund dazu.”

Die vollzogene Veränderung im Line-Up von Battlelore brachte auch die eingangs erwähnten musikalischen Veränderungen mit sich, wie von dem Gitarristen in Erfahrung zu bringen ist.

„Miika Kokkola war neben Patrik Mennander schließlich einer der Gründer der Band. Als die beiden von uns gingen, ging auch jeweilig ein Stück Spirit von Battlelore mit ihnen. Die beiden Neuen brachten durch ihre ebenfalls tief ausgeprägte Passion für die Werke Tolkiens eine Vielzahl an frischen und guten Ideen für unser Songwriting ein, was man auch deutlich aus `Third Age Of The Sun` heraushören kann. Dieses neue Album ist dadurch auf instrumenteller Ebene auch um ein Vielfaches organischer geworden, was durch die Produktion auf unsereren speziellen Wunsch hin perfekt zum Ausdruck gebracht wurde.”

Weiterhin führt Yyri mit gut gelaunter Manier aus, dass sich Battlelore für dieses dritte Album dazu entschlossen hatten, einen neuen Produzenten in die Pflicht zu nehmen.

„Wir entschieden uns für den in Metallerkreisen berühmten Terje Refsnes beziehungsweise sein etabliertes Sound Suite-Studio im französischen Marseille – eine gute Wahl, die wir nicht bereuen sollten, wie sich schnell herausstellte. Der Schwerpunkt der Aufnahmen lag diesmal bei den epischen Atmosphären und Stimmungen unserer neuen Stücke. Absichtlich haben wir deswegen diesmal auch keinen ultra-eingängigen Hit-Song gemacht. Es existierte auch keinerlei Zielvorgabe, wie die Instrumente nun gespielt werden sollten – wir ließen unserer `neuen` Kreativität vollständig freien Lauf. Im selben Atemzug quittierten wir auch jedwede synthetische Klangerzeugung, denn unsere neue Platte sollte wie gesagt authentisch, also organisch klingen.“

Der Finne ergänzt in diesem Zusammenhang mit merklich besonnener Stimme:

„Die meisten Bands sowie deren Produzenten möchten ihre Songs im Studio ja immer so rein und klar wie möglich produzieren lassen. Kleinste Spielfehler oder beispielsweise Defizite im Timing des Zusammenspiels werden dafür mit Computer-Hilfe ausgebessert. Genau das hatten wir jedoch nicht vor, denn wir wollten keinen `Plastiksound`. Uns war von enormer Wichtigkeit, dass man unser individuelles Spiel so authentisch und originalgetreu wie möglich nachhören kann.“

Speziell Jyri war dabei stets sehr fleißig, wie er nicht ohne Schöpferstolz resümiert, belohnte sich nach täglich getaner Gitarrenarbeit auch immer mit diversen Alkoholika.

„Ja, ich soff dort schon ganz schön was weg. Aber meine Gitarren-Parts für das Album gerieten mir trotzdem doch allesamt ziemlich gut, wie ich finde.“ Darauf von mir aus der Reserve gelockt, gibt er, recht verschmitzt wirkend, in diesem Kontext zusätzlich zu Protokoll: „Obwohl ich ansonsten kein erztypischer Die Hard-Metaller bin, erfülle ich das Metal-Klischee in Sachen Trinkfestigkeit wohl erschöpfend.“

Interessant ist es weiterhin für mich zu hören, ob innerhalb von Battlelore noch immer der grandiosen „Herr der Ringe“-Filmtrilogie des neuseeländischen Erfolgsregisseurs Peter Jackson gefrönt wird, nachdem der ganz große Medienrummel darum bereits wieder abgeflaut ist. Jyri bekennt noch:

„Natürlich. Viele Leute dachten, Battlelore wäre eine Band, die von dieser speziellen Publicity profitieren will, als wir 2002 unser damaliges Debütalbum `…Where The Shadows Lie` veröffentlichten. Mittlerweile ist der Hype um die Jackson-Filme vorbei, aber uns gibt es noch immer, was mich sehr freut. Es ist mir also schon auch eine gewisse Genugtuung, dies erleben und genießen zu dürfen. Als wir vor einigen Jahren anfingen, mit Battlelore Musik zu veröffentlichen, war es stellenweise schon sehr frustrierend für uns, den Journalisten immer und immer zu unterbreiten, wer wir sind und was genau wir eigentlich machen. Mit der Zeit wechselte diese ganze Ausfragerei dann irgendwann den inhaltlichen Kurs und nun interessiert es die Schreiber hauptsächlich, ob es uns nicht langweilen würde, immer wieder über Tolkien-Thematiken zu singen. Die Wahrheit ist, dass meine Songtexte eigentlich seit jeher nicht direkt die Welt und die Geschehnisse von Mittelerde wiedergeben, sondern dass mich J.R.R. Tolkiens Romane lediglich massiv inspirieren. Ich brauche bei Bedarf nur einen kleinen Blick auf die Landkarte von Mittelerde werfen, und schon werde ich kreativ und mir wachsen die besten Ideen im Kopf heran“, stellt der Mann klar.

Wir erfahren weiter: „Spezielle Vorgaben brauche ich da gar nicht mal. Die ganze Sache mit den bösen Orks, den lieblichen Elfen und den heldenhaft tapferen Halblingen ist ohnehin ausgelutscht genug, das muss ich ja nun nicht auch noch explizit verwursten. Viel reizvoller finde ich es doch dagegen, aus der Romanvorgabe eigene Geschichten entstehen zu lassen. Vor allem überlasse ich es gerne der individuellen Interpretation der Hörer, wie sie meine lyrischen Künste für sich auslegen. Deswegen nenne ich niemals spezielle Namen oder festgelegte Gegebenheiten in meinen Songtexten. So beispielsweise beim zweiten Track von `Third Age Of The Sun`, `Storm Of The Blades`: Wenn jemand nicht darüber informiert wäre, dass wir eine von Tolkien inspirierte Band sind, er würde es nach dem Lesen des Textes dieses Liedes auch nicht wissen. Obwohl `Storm Of The Blades` ein Song über eine gigantische und vor Waffen geradezu strotzende Schlacht ist, basiert er genau genommen auf keiner der Erzählungen Tolkiens, sondern schlägt lediglich in die gleiche epische Kerbe. Der Inhalt des Stückes entspringt gänzlich meiner Fantasie. Es geht darin um diese fiktive Figur, die zum Tode verurteilt ist: Sie kann wählen zwischen gehängt werden oder den Kopf abgeschlagen zu bekommen. Eine trostlose, eine hoffnungslose Lage. Doch dann erhält sie eine letzte Chance: Sie muss etwas unsagbar Gutes tun, um das Recht zu leben wiederzuerlangen. Doch genau wird diese Figur absichtlich nicht beschrieben. So weiß niemand der Hörer so ganz genau, ob es sich dabei letztlich um einen Ork, einen Zwerg, eine abtrünnige Elfe oder sonstiges handelt. Und die gestellte Aufgabe ist unermesslich schwer zu bewerkstelligen. Als die verurteilte Kreatur von der Mission zurückkehrt, ist der Ausgang der Sache ungewiss. Es soll eben so aufwühlend und spannend als möglich sein. Die Erzählweise erinnert bewusst an ein ausgeschmücktes Märchen. Mir ist es aber ohnehin am liebsten, wenn die Leute, die unsere Musik konsumieren, ohne jeden Vorbehalt an Battlelore rangehen und vordergründig Freude an unserer Kunst haben, bevor sie alles kritisch zerlegen.“

Wie der Gitarrist im Weiteren ausführt, bekam er bisher gleichfalls gutes als auch eher negatives Feedback für seine Art der Lyrik, die er für unsere finnischen Helden kreiert. Jyri legt hierzu dar:

„Einige Leute meinen trotzdem immer mal wieder, ich würde dabei viel zu offensichtlich vorgehen, damit die Geschichten von Battlelore auch ein dreijähriges Kind kapieren würde. Andere unserer Hörer wiederum sind ohnehin bestens über all die Inhalte der Ringtrilogie informiert und attestieren mir lobend eine anspruchsvoll imaginative Art und Weise, die Tolkiensche literarische Vorgabe eigenständig umzusetzen. So kann ich mit beiden Ausrichtungen der Kritiker sehr gut leben. Daher werde ich meine Vorgehensweise in dieser Sache auch erstmal exakt so beibehalten.“

Dafür spricht nicht zuletzt auch sein nachfolgend übermitteltes Bekenntnis, mit dem neunten Song „Cloaked In Her Unlight“ einen absoluten lyrischen Favoriten unter den 13 Kompositionen von „Third Age Of The Sun“ zu haben.

„Ich liebe diesen Text. Als die Mittelerde entstand, also ganz am Anfang von allem in Tolkiens sagenhafter Fantasiewelt, existierte dort ein gigantischer Dämon.“

Ein dunkles Biest, so geht Jyri dazu tiefer, welches über unermessliche Kräfte verfügte.

„Es war sozusagen die `Mutter` der riesigen Spinne Kankra, welche dem Helden Frodo in `Die Rückkehr des Königs`, also dem dritten Teil der weltberühmten Peter Jackson-Kinotrilogie, so sehr zusetzte. Auch in diesem Song werden aber keine Namen genannt. Lediglich noch das Spinnennetz kommt zur Sprache. Richtige Tolkien-Fanatiker erkennen aber wieder recht schnell, um was genau es hier geht beziehungsweise was lyrische Grundlage war.“

© Markus Eck, 11.07.2005

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