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Interview: CANDLEMASS
Titel: Die Kerzen brennen wieder

Ähnlich wie ihre großen Vorbilder Black Sabbath für den Heavy Metal gelten diese Schweden in gleichbedeutendem Maße für das Doom Metal-Genre, was unduplizierbare Einzigartigkeit und allerhöchste Wertschätzung anbelangt. Das letzte „richtige“ Album dieser noch immer vollauf respektierten Doom-Größe aus Stockholm erschien 1992 unter dem Titel „Chapter VI“ – dann waren die glorreichen Tage epischer und zeitlos schöner Candlemass-Songs vorerst vorbei.

Die zwei Jahre darauf erschienene Best Of-Kompilation „As It Is, As It Was“ ließ bereits solche bösen Vorahnungen aufkommen. Als Bandboss und Tieftöner Leif Edling mit neuen Musikern 1998 jedoch „Dactylis Glomerata“ sowie ein Jahr später den beinahe ebenso enttäuschenden Albumnachfolger „From The 13th Sun“ veröffentlichte, und darauf mehr oder weniger belanglosen Stoner Doom feilbot, war der einst so große Name Candlemass für viele treue Anhänger gewissermaßen gestorben. Auch Edling hatte nach solcherlei musikalischen Debakeln wohl keine Lust mehr.

So musste man sich als Fan an den ersten vier Alben „Epicus Doomicus Metallicus“, „Nightfall“, „Ancient Dreams“ und „Tales Of Creation“ festhalten, denn nach „From The 13th Sun“ ging eine bis zur Gegenwart andauernde Sendepause einher.

Jetzt, sechs Jahre nach dem letzten Studioalbum, sorgen Candlemass für eine faustdicke Überraschung und veröffentlichen im originalen Line-Up einen neuen Langspieler.

So lud das neue Label der Band am Samstag, den 19. März zur Listening-Session für dieses neue, schlicht selbst betitelte Album ins schwäbische Donzdorf. Bis es dort soweit war, wurden im wohlbekannten Fun-Room Häppchen und Getränke kredenzt.

Als nach und nach alle geladenen Schreiber im Chefbüro von Firmeninhaber Staiger versammelt waren, also dort, wo wohl die beste Hifi-Anlage des Hauses steht, trudelten Sängergott Messiah Marcolin sowie Bassist Leif Edling endlich ein. In aller Lässigkeit lümmelten sich die beiden hin. Schlagzeuger Jan „Janne“ Lindh, Sologitarrist Lars „Lasse“ Johansson sowie Gitarrist Mats „Mappe“ Bjorkman blieben leider zu Hause bei sich in Schweden.

Die Spannung auf das neue Material stieg und stieg. Dann ging es endlich los und wir Anwesenden lauschten dem Opener „Black Dwarf”, während Edling sich cool das erste von noch so einigen Bieren genehmigte.

Überraschend war, wie sehr Candlemass gleich mit diesem ersten Song an das großartige Feeling ihrer guten alten beziehungsweise besten Zeiten anknüpfen konnten.

Auffallend auch, dass die prägnante, fesselnde Baritonstimme von Messiah in einer Frische erklang, als wäre die Zeit seit dem Album „Tales Of Creation“ für ihn stehen geblieben.

Als Leif sich das zweite Bier zog, war der zweite Song „Seven Silver Keys” schon fast wieder zu Ende.

Es folgten die Tracks „Assassin Of The Light”, das stark an Black Sabbath erinnernde „Copernicus”, „The Man Who Fell From The Sky”, „Witches”, der Hammersong „Born In A Tank”, das in Sachen Gitarrenarbeit ans „Ancient Dreams”-Album erinnernde „Spellbreaker“ sowie „The Day And The Night“.

Das abschließende Stück „Mars And Volcanos” wurde laut Info des Labels als Bonus-Track für die kommende Digipak-Version auserkoren.

Danach verließ der gesamte Tross den Raum der Hörprobe und eine schier nicht enden wollende Fotosession nach ihren Lauf, bei der Leif und Messiah posen mussten wie die Weltmeister – sehr zum Leidwesen von Leif, dem das Ganze nach einer gewissen Zeit massiv auf die Nerven zu gehen schien. Originalzitat: „I hate it!“

Darauf nahm jedoch keiner Rücksicht, es wurde gierig fotografiert und fotografiert.

Irgendwann hatten unsere beiden schwedischen Doom-Helden es dann doch hinter sich und die Fahrt aller zum Reichenbacher Bürgerstüble wurde in Gemeinschaft angetreten, um dort Essen zu fassen. Bei ebenso deftiger wie leckerer Abendkost, reichlich Wein und Hopfenelixieren ließ es sich in aller Ruhe weiterplaudern, bis zu den jeweiligen Interview-Terminen.

Als ich dann irgendwann so gegen 21:00 Uhr drankam, war Leif im Gegensatz zu Messiah, der überhaupt massiv an einst hohem Körpergewicht eingebüßt hatte, schon ziemlich vom Alkohol vereinnahmt worden.

Mit einer vollen Bierflasche in der linken sowie einem Glas roten Rebensaftes in der rechten Hand ließ er sich in einem der Fremdenzimmer des Bürgerstübles auf einem Stuhl nieder, während Messiah und ich es uns vor ihm auf dem Doppelbett gemütlich machten.

„Ich verlor mehr als zehn Kilogramm Gewicht in den letzten zwei Jahren, und das war für mich und meine Gesundheit auch mehr als nötig. Seitdem bewege ich mich um einiges mehr und achte viel mehr auf meine Ernährung. Obwohl, um ehrlich zu sein: Richtig geplant hatte ich das eigentlich nicht, es passierte einfach. Dafür esse ich nämlich viel zu gern. Aber wer weiß – vielleicht bin ich in wiederum zwei Jahren ja nur noch Haut und Knochen.“, liefert der Sänger von Candlemass grinsend sein von mir eingefordertes ehrliches Statement für die schlankere Erscheinung seiner Person. Leif scherzt rasch dazu, verschmitzt lachend: „Ja, endlich bewegt er sich mal. Das tut ihm verdammt gut.“ Beide lachen.

Dann, nach weiteren derartig erheiternden Wortwechseln, stellte ich die wohl jeden Fan der Band brennend interessierende Gretchenfrage:

Warum sind die fünf Schweden urplötzlich wieder im Original-Line-Up zusammen und bringen eine neue, derart gute Platte raus?

Vor allem, wo Mr. Edling himself doch vor nicht allzu langer Zeit die endgültige und unwiderrufliche Auflösung von Candlemass auf der bandeigenen Website www.candlemass.net bekannt gab.

Der Meister, er nimmt abwechselnd nach dem Bier wieder einen großen Schluck Rotwein und gibt mit merklich ernsthaftem Tonfall besonnen zu Protokoll:

„Ja, ich gebe zu, das ist schon leicht verwirrend abgelaufen. Wir zogen ja schon vor circa zwei Jahren eine erste Reunion-Tour durch und spielten dabei eine ganze Menge Shows in Europa, doch das sollte es vorerst gewesen sein. Wir planten dabei beziehungsweise danach rein gar nichts, weder die Wiedervereinigung als Band noch ein neues Album. Der Grund dafür war letztlich auch, dass wir fünf Musiker uns einfach nicht darauf einigen konnten, wie genau denn ein neues Album klingen sollte, falls jemals wieder eines von uns kommen sollte. Wie viel Geld wir für die Produktion ausgeben sollten, wie lange der Produktionszeitraum sein sollte. Es entfaltete sich eine ganz schlechte zwischenmenschliche Chemie, wir kommunizierten irgendwann nur noch per Email, so gereizt waren wir. Genau das war aber ein großer Fehler, denn es entstand so eine nicht unerhebliche Menge an Missverständnissen. Der gravierende Nachteil an Emails ist nämlich meiner Meinung nach, dass man Dinge, die gar nicht mal so sehr negativ gemeint sind, in unglücklichen Fällen extrem persönlich nimmt und sich sehr verletzt fühlt. Schließlich gerieten sich die Einzelnen deswegen immer mehr in die Haare, bis es dann irgendwann vor einem halben Jahr zum ganz großen finalen Krach zwischen uns kam. Das Ende von Candlemass war gekommen.“

Messiah schaltet sich ein: „Auf eine ganz eigene Art waren wir beinahe regelrecht glücklich, dass diese Auflösung endlich kam. Ein Riesendruck, der sich mit Zeit immer mehr aufstaute, fiel plötzlich von jedem ab.“ Leif ergänzt, meine Erstauntheit zu relativieren bemüht: „Der Grund für die von Messiah genannte Erleichterung war eindeutig, dass keiner von uns mehr so recht wusste, was er in der Band zu tun und zu sagen hatte. Wir waren schlicht ratlos. Wir hatten uns als Künstler einfach gesagt auseinander gelebt.“

Leif erzählt mir anschließend, dass kurz vor dem Split noch diverse Demos an eine Reihe von ausgewählten Sängern ausgesandt wurden, allerdings jedoch, ohne zu einer konkreten Entscheidung gelangt zu sein.

„Als der Split dann einige Wochen ins Land gegangen war, und wir allesamt wieder viel entspannter waren, konnten wir endlich wieder auf einer viel harmonischeren Basis kommunizieren. Das tat echt gut, wirklich. Nach und nach machten wir uns dann daran, wieder in entspannter Weise zueinander zu finden. Wenn man solange Musik miteinander macht, kommt man wie in unserem speziellen Fall ohnehin nicht mehr ganz voneinander los.“

Die Auflösung war auf jeden Fall nötig, um wieder die einzig richtige Einstellung zu Candlemass zu erlangen, wie Messiah laut eigener Aussage jüngst nun deutlich erkannt hat.

„Es ist nun nicht mehr die Band von Leif, oder meine, oder sonst jemandem bei uns. Wir sind eine demokratische musikalische Gemeinschaft, bei jeder dasselbe gleichwertige Mitspracherecht besitzt, um sich der Gruppe mitzuteilen. Als ich mitbekam, dass Leif wieder an neuen Songs arbeitete und Candlemass eventuell doch noch eine Chance hatte, wieder zum Leben erweckt zu werden, so sollte das auf gar keinen Fall ohne mich geschehen, da war ich mir sicher. Obwohl ich mir meine Entscheidung doch noch nächtelang durch den Kopf gehen ließ, kam ich immer mehr dazu, meinem Entschluss aus dem Bauch heraus Folge zu leisten. Ich erinnerte mich an all die guten Seiten der Jahre mit Candlemass, all die wundervollen Shows und auch die großen Erfolge der Reunion-Shows. Es war gut, dass ich soviel Zeit hatte, über all das nachzudenken, denn etwas Unüberlegtes wollte ich nach all dem Ärger ganz bestimmt nicht tun.“

Der talentierte autodidaktische Sänger mit der wohl im gesamten Doom Metal weltweit einmaligen Gesangsstimme, dessen einziger bisheriger Gesangsunterricht sich laut eigenem Bekunden lediglich auf circa zwei Wochen Dauer vor den Aufnahmen zu „Nightfall“ belief, kann sich glücklich schätzen.

Denn er hat nicht das geringste von seinem herrlichen Stimmvolumen verloren.

Er fügt an: „Als wir uns dann wieder trafen, hatten wir ein herrliches Feeling dabei, wie es viele Jahre leider nicht der Fall war. Was mich persönlich dabei enorm bestärkte, war, dass ich von allen Seiten zu hören bekam, wie sehr mich die Jungs wieder als Sänger bei sich dabeihaben wollten. Mein Wohlgefühl und meinen neuen Enthusiasmus spürten auch die anderen vier, sodass wir von dem Punkt an dazu bereit waren, zielstrebig an ein neues Album zu gehen. Ein Album, welches im Original-Line-Up eingespielt werden sollte.“

So entstand also letztlich das neue Werk. Und Messiah Jan Alfredo Marcolin, so steht der volle Name im Personalausweis des im Gespräch mit sympathischer Bescheidenheit auftretenden Sängers, er ist stolz auf „Candlemass“.

„Die neue Scheibe ist ein schönes Album geworden, dem man die wiederhergestellte Harmonie innerhalb der gesamten Band ganz deutlich anhört. Jeder von uns konnte sich bestens entfalten.“

Leif, diesmal vorher einen kräftigen Schluck Bier nehmend, stimmt seinem wiedergekehrten Bandkollegen hier unumwunden zu:

„Ich hörte Messiah niemals besser und aussagekräftiger singen als auf diesem neuen Album, er ist wirklich fantastisch. Genau so habe ich es mir immer vorgestellt, als ich all die Jahre ohne ihn Musik gemacht habe. Noch dazu ist „Candlemass“ wirklich exzellent produziert, ich liebe diese Produktion. Sie bringt die Facetten seiner Stimme bestens zur Geltung.“

Messiah äußert sich wiederum: „Leif meint, ich sänge jetzt rauer und kräftiger, doch dessen bin ich mir ehrlich gesagt gar nicht richtig bewusst. Ich ließ mich einfach mit dem Feeling der neuen Songs treiben und sang meine Parts dazu ein. Ich dachte nicht lange darüber nach, wie ich an dieser oder jener Stelle eines Liedes singen sollte – sondern ich tat es einfach. Genau in der Art, als wenn ich auf der Bühne stehe – ich möchte das Publikum mitreißen. Da gibt es doch nichts lange zu überlegen, ich packe eben das Mikro und gebe mein Bestes. Und wer Candlemass sehr gut kennt, der weiß ganz genau, dass wir erst live so richtig zu großer Form auflaufen.“

© Markus Eck, 27.03.2005

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