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Interview: CARPE TENEBRUM
Titel: Bruch mit der Vergangenheit

James ,Jamie‘ Stinson alias Astennu, der als Musiker für Bands wie Dimmu Borgir („Enthrone Darkness Triumphant“) und und The Kovenant („Nexus Polaris“) nicht nur durch das Mitwirken auf genannten Alben bereits einige Aufmerksamkeit für sich verbuchen durfte, läßt nun mit dem Album „Dreaded Chaotic Reign“ seine neueste musikalische Kreatur von der Kette.

Dieses ist nach den beiden Veröffentlichungen „Majestic Nothingness“ (1997; besitzt eines der bizarrsten Albumcover aller Zeiten) und dem 1999er „Mirrored Hate Painting“ das dritte Langwerk des Norwegers unter dem Signet Carpe Tenebrum.

Seit ihn sein alter Sänger Nagash Blackheart (u.a. Troll, frühe Covenant und Dimmu Borgir) verließ, agiert Astennu in Carpe Tenebrum als alleiniger Multiinstrumentalist und macht seine Sache trotz der instrumentellen Belastung überraschend gekonnt.

Und das muß der einst in Australien Geborene auch, denn entgegen den doch ziemlich schwarzmetallisch klingenden vorherigen Werken geht „Dreaded Chaotic Reign“ doch massiv in die technische Death Metal-Richtung. Und überrascht mit eigenständigem Todessound.

„Mir gefiel Death Metal schon immer genauso gut wie Black Metal. Auch wollte ich schon immer ein Todesstahl-Album machen. So nutzte ich die Chance, `Dreaded Chaotic Reign` aufzunehmen! Obwohl ich Songs für Dimmu Borgir schrieb und ihnen half, sich in Richtung ihres heutigen Sounds zu entwickeln, wollte ich niemals als schäbiger Nachäffer ihres Klangbildes bekannt werden. Ich wollte irgendetwas viel aggressiveres machen. So hatte ich einen Riesenspaß bei der Sache“, bekennt Astennu.

Schon seit ziemlich langer Zeit träumte er nämlich von einem solchen Release.

„Ich hörte das letzte Black Metal-Zeug, als ich noch bei Dimmu Borgir war. Denn eigentlich war Todesblei schon immer viel eher mein Ding als Schwarzeisen. Mir gefällt ganz einfach die vorherrschende enorme Aggression im Death Metal, welche schon einen großen Unterschied zum oftmals überwiegend atmosphärischen Dunkelmetall ausmacht. Früher war das schon ganz okay für mich; denn es diente mir nicht zuletzt auch als Schlüssel dazu, meine endgültige Richtung in grenzenlos brutale Musik zu finden. So wie `Dreaded Chaotic Reign` klingt, so fühle und denke ich in meinem Innersten.“

So definiert man im Allgemeinen künstlerische Selbstfindung. Astennu ging daher in der sich selbst gestellten Aufgabe regelrecht auf. „Diesmal habe ich wirklich alles selbst gemacht, sogar den Gesang. Ich wollte einfach sehen, ob ich es schaffe, das ganze Album allein hinzukriegen. Und ich bin ganz zufrieden mit dem Resultat. Sogar mein Gesang fügt sich besser in die Musik ein, als ich anfangs dachte.“

Letzteres kann bestätigt werden, „Dreaded Chaotic Reign” enthält einige durchschlagkräftige Brecher.

Astennu hängt noch an: „Sämtliche Stücke des Albums sind neu und extra von mir für Carpe Tenebrum geschrieben worden. Ich habe die Songs innerhalb der letzten beiden Jahre erarbeitet.“

Da Dimmu Borgir und The Kovenant für ihn ja jetzt der Vergangenheit angehören, kann er sich voll auf seine eigene Kunst konzentrieren.

„Ja, im Moment ist Carpe Tenebrum das Einzige was ich mache. Ich kann daher vieles leichter nehmen als noch in der Vergangenheit, brauche auch nicht unbedingt live aufzutreten und habe somit um ein Vielfaches mehr Freude an meinem Schaffen. Mit Carpe Tenebrum habe ich noch niemals bisher live gespielt, warum sollte ich es also jetzt tun? Alles scheint mir hierbei irgendwie zwangloser, und demnach auch freier.“

In dieser Weise ging der eiserne Alleinunterhalter auch bei der Themenauswahl seines aktuellen Tonträgers vor.

„Es steckt kein anspruchsvolles lyrisches Gesamtkonzept dahinter. Ich wollte diesmal einfach über das singen, was in mir vorgeht und gut zur Musik paßt, und kein Klischee bedient. So schrieb ich keine Texte, bevor ich ins Studio ging. Ich sang einfach das, was mir gerade einfiel, um ein Höchstmaß an Spontaneität zu erreichen. Sicherlich eine sehr ungewöhnliche Art zu arbeiten, aber die Musik gab mir die Ideen und alles lief super. Auch war es mir dieses Mal sehr wichtig, das die Texte als auch die Musik rein gar nichts mit dem zu tun haben, was ich bei Dimmu Borgir und Covenant gemacht habe. `Mirrored Hate Painting` hörte sich ja schon ein wenig wie Dimmu Borgir an, weil ich zum damaligen Zeitpunkt noch dort mitspielte und auch noch sehr viel Musik für sie schrieb. Und genau davon, von diesem Vergleich, wollte ich eben weg.“

Ziel erreicht, kann man da nur sagen. Und Angst vor negativen Reaktionen aus der Black Metal-Community kennt Astennu nicht im Geringsten.

„Natürlich erwarte ich nicht nur positives Feedback; gerade von der Black Metal-Fanbase. Aber dies ist mir wirklich vollkommen egal. Mir bedeutet es neuerdings sehr viel mehr, Musik zu kreieren, an der ich selbst große Freude habe und mit der ich ein breitgefächerteres Publikum erreiche, als noch einmal so wie auf `Mirrored Hate Painting` zu klingen. Wer nach solcherlei Sounds sucht, soll eben Dimmu Borgir hören, aber nicht mehr meine Songs! Wie meine neuen Sachen letztendlich ankommen, kann ich noch nicht sagen. Sie werden mit dem `ehemaligen Mitglied von Dimmu Borgir und Covenant` promotet, so daß wahrscheinlich viele enttäuscht sein werden, wenn sie das Zeug hören.“

Der Titel der aktuellen CD dürfte einigen Eingeweihten bereits sehr bekannt vorkommen. Astennu klärt auf: „Der Albumtitel der neuen Scheibe war gleichzeitig der letzte Song auf `Mirrored Hate Painting`, so ist dies als Bruch mit der Vergangenheit und gleichzeitiger Neuanfang zu verstehen, der jedoch auf dem Alten aufbaut. Denn sowohl die Fans auch als auch die Presse mochten mein letztes Album, so daß ich heute noch bedingungslos dazu stehe. Auch, wenn ich mich von solcherlei Musik mittlerweile weit entfernt habe.“

© Markus Eck, 28.03.2002

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