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Interview: CORONATUS
Titel: Produktive Vielfalt

Vor allem in der einheimischen Gothic Metal-Arena wurden die musikalischen Geschicke dieser Baden-Württemberger Düster-Romantiker bislang nicht allzu hell ausgeleuchtet, da die Album-Darbietungen von Coronatus bei vielen Ohrenpaaren als unspektakulär in Erinnerung blieben.

Nicht wenige Wechsel im Line-Up sollten sich über die Jahre der Existenz auch nicht gerade als Kickstarter für breiten Zuspruch und vor allem Erfolg erweisen. Als Kapelle und auf der steten Suche nach musikalischer Identität bereits seit dem Jahr 1999 aktiv, sollte den Beteiligten nun endlich auch einmal der viel zitierte „große Wurf“ glücken.

Denn das nagelneue Langspielwerk „Terra Incognita“ vereint diesmal endlich gleich eine ganze Menge an erfreulich homogen miteinander vermengten feinen Kompositionsideen. Letztere führten zu einer erbaulich emotional angelegten und willkommen eingängigen Klangcollage aus ästhetisierten Gothic-, Folk- und Symphonic Metal-Kolorierungen.

Eingangs dazu befragt, ob er das neue Coronatus-Album „Terra Incognita“ persönlich auch als einen regelrechten qualitativen Quantensprung für seine Formation erachtet, gibt Tieftöner Dirk R. Baur zu Protokoll:

„Es hat sich natürlich in den letzten zwei Jahren extrem viel bei Coronatus getan. Das Besetzungskarussell hat sich mal wieder gewaltig gedreht und von der vergangenen Besetzung sind nur noch Drummer Mats Kurth und Gitarristin Aria Keramati Noori übrig geblieben. Dass das allerdings nicht schlecht sein muss, beweist wohl die neue Scheibe. Nach dem Weggang von Sopranistin Carmen war bei Coronatus der Miesepeter eingekehrt und nach und nach verloren wir auch fast alle anderen Mitglieder. Aber wie man eben so schön sagt: Jedes Ende ist auch ein Anfang.“

Für das Baden-Württembergische Ensemble war dies gleichzeitig aber auch ein Aufbruch ins unbekannte Land, die „Terra Incognita“ eben. Dirk resümiert mit leuchtender Miene:

„Die eigentliche Zündung kam dann während unserer diesjährigen Deutschlandtour mit Haggard. Im Januar flatterte das Angebot zu uns ins Haus, mit Haggard live zu spielen. Und wir entschieden uns eigentlich ziemlich spontan, dies auch zu tun. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nicht mal ein Gesangs-Duo am Start! Also entschlossen wir uns, diese Tour mit diversen Gastsängerinnen zu absolvieren. Aus dieser Not heraus kristallisierte sich dann nach einigem Hin und Her das aktuelle Dreamteam von Coronatus heraus, nämlich Mareike und Ada, die ja schon früher bei Coronatus gesungen hatte. Ada sollte für lediglich einen Gig den Sopran übernehmen. Dies war dann aber so gut, dass wir sie gleich mal für diese Rolle behalten haben. Und wie man aktuell bestens hört, bringt sie das Ganze sensationell gut rüber. Alles in allem sind wir also sehr zufrieden mit dem Resultat der aktuellen Aufnahme. Auch auf kompositorischem Terrain sind wir diesmal andere Wege gegangen.“

Denn, so der Dehner der dicken Saiten, durch die musikalische Bandbreite der aktuellen Coronatus-Besetzung kommen sehr viele neue Einflüsse zusammen. Einflüsse, welche genau das ausmachen, was „Terra Incognita“ eben hat. Nun wird geschwärmt:

„Mats mit seinen vertrackten Rhythmen, Aria mit arabischen Einflüssen, unser Keyboarder Simon mit den schönen Klangbildern und nicht zuletzt auch mein ausgeprägtes Faible für Musical-artigen Songaufbau - das alles mit den tragenden Duetten unserer beiden Mädels. Einfach klasse!“

Wie anfangs vom Autoren erwähnt, sorgten die bisherigen Alben-Veröffentlichungen der Gothic Metal-Combo oftmals nicht gerade für frenetische Begeisterungsstürme.

Da liegt die Erkundigung nahe, wie entspannt diese Musikanten mit unangemessenen Rezensionen beziehungsweise Bewertungen umgehen. Der Bassist bleibt merklich gelassen:

„Es kommt natürlich immer ganz auf den jeweiligen speziellen Fall an. Unangemessen, böse oder peinlich - alle drei Sorten haben wir zur Genüge erlebt. Natürlich nehmen wir uns echte Kritik sehr zu Herzen, unangemessene Kritik ärgert uns aber auch manchmal. Da muss man einfach manchmal sagen ,verbrenn‘ die Chose, denk‘ nicht mehr dran; vielleicht hatte der Rezensent einen schlechten Tag oder er durfte bei seiner Freundin nicht ran‘. Manche Kritik ist allerdings auch berechtigt, was uns dann zum Nachdenken anregt und - hoffentlich - künftig bessere Resultate an den Tag bringt. Ich selbst nehme mir schlechte Kritik immer sehr zu Herzen, denn ich würde gern ,Everybody‘s Darling‘ sein. Das schaffe ich leider nicht stets, denn ich hänge auch immer wieder mal das Arschloch raus. So nach dem Motto ,Alter, was laberst du da eigentlich?‘“

Und dadurch, so Dirk, dass „Terra Incognita“ ein völlig neues Coronatus-Bild abgibt, sind die Urheber natürlich extrem gespannt auf die ersten Kritiken. „Da wir dieses Mal auch mit sehr viel Geld in die Vorleistung gegangen sind, wäre ein Erfolg auch wünschenswert; zumal es ja auch schon die vierte Coronatus-Scheibe ist, die auf den Markt kommt. Alle von uns haben viel Zeit dazu investiert. Wir haben uns die Haare gerauft, mussten uns zusammenfinden, was teils auch wirklich mühsam war. Aber trotzdem können wir sagen, dass das Teil gut geworden ist und wir uns damit nicht verstecken müssen. Wer uns auf der letzten Tour schon mal live gesehen hat, wird das bestätigen können. Ich persönlich glaube nicht an einen Misserfolg. Ich glaube eher daran, dass dies die beste Coronatus-Platte ever sein wird. Sorgen macht mir jedoch mehr und mehr die illegale Vervielfältigung. Das mag bei großen Künstlern vielleicht nicht so wichtig sein, bei unserer Größenordnung jedoch sehr.“

Der nachfolgende Dialog befasste sich mit der musikalischen Attitüde, die in den neuen Tracks geäußert wird.

„Wie schon gesagt, kommen verschiedene musikalische Geschmäcker und Richtungen zusammen. Ziel war es ganz klar, ein Album zu machen, welches so gut sein sollte wie nur möglich. Nun kann man sich ja vorstellen, was passiert, wenn man sechs Musiker in einen Raum steckt und nach ihrer Meinung fragt. Genau das haben wir gegenseitig gemacht und rausgekommen ist ,Terra Incognita‘. Sechs unterschiedliche Geschmäcker mit einem Ziel: Musikalisch weiter zu kommen, sich weiter zu entwickeln, gegenseitig von einander zu lernen und etwas Großes auf die Beine zu stellen. Angefangen vom eingängigen ,Fernes Land", mit welchem wir auch unsere erste Auskopplung getätigt haben, über härtere Songs wie ,Saint Slayer‘ oder ,Hateful Addiction‘ bis hin zur musical-mässigen Trilogie ,In Signo Crucis‘ ist die musikalische Bandbreite enorm groß. Wir haben sogar eine Powerballade an Bord, ,Vor der Schlacht‘. So eine musikalische Bandbreite gab es bei Coronatus bisher nicht. Zudem sind wir der Meinung, dass die Song-Qualität durchweg sehr hoch ist. Es sind kaum Ausfälle zu verzeichnen. Toll war auch der Einsatz unserer diversen Gastmusiker wie Gaby Koss oder Ally ,The Fiddle‘ Storch. So höre man sich ruhig mal die Geige oder die hohen Chorstellen an“, wie Dirk zu berichten weiß.

Die künstlerischen Ziele für das aktuelle Werk haben sich die Beteiligten vorab sehr hoch gesteckt, wie dem Musiker dazu anschließend noch aus dem Kreuz zu leiern ist.

„Wir wollten kompositorische Ausfälle verhindern und keine ,Lückenfüller‘ auf die CD pressen. Zur Not hätten wir auch den einen oder anderen Song weggelassen, wenn er unseren musikalischen Ansprüchen nicht gerecht geworden wäre. Es gab da zwei oder drei Kandidaten, die bis kurz vor dem Studiotermin noch auf der Kippe standen. Das eine oder andere Stück haben wir sogar während den Studioaufnahmen noch umgeschrieben, umgetextet oder neue Voice Lines aufgenommen. Einfach spontan, und es war sensationell! Ich liebe die Gesangslinien beim ,Kleriker‘, die erst wenige Stunden vor der Aufnahme fertig wurden. Auch die Idee mit dem Gebet auf diesem Song entstand spontan im Studio. Ada flüstert hier in Latein, da lief es mir kalt den Rücken runter. Einfach geil! Oder der Text zu ,Der letzte Freund‘: Der entstand im Auto während der Fahrt zum Studio durch Ada und Mareike. Zudem ging sehr viel Zeit in die Umsetzung der Chöre, die bis zu sieben unterschiedliche Melodien enthalten.“

Anfangs wussten Coronatus laut Aussage des Tieftöners noch nicht, wie die bestehende Fanbase die neue Richtung aufnehmen würde. Er berichtet rückblickend:

„Würden die Coronatus-Fans den klassischen, hohen Sopran vermissen? Dies fragten wir uns oft Das war ein langwieriger Diskussionspunkt, der sich irgendwann mal von selbst erledigt hatte. Während der Tour mit Haggard wurde uns klar, dass wir mit Ada und Mareike ein Dream-Team aufgestellt hatten, welches sich sowohl gesanglich als auch optisch unglaublich gut ergänzt. Nun hat unsere Ada nicht den klaren, hellen Sopran, sondern eher einen rockigen Mezzosopran auf dem Programm, welcher aber mit Mareikes Stimme unglaublich gut harmoniert. Also war uns klar: Diesen speziellen Spirit wollten wir nicht zerstören, zumal die beiden auch live gut abgehen und das Publikum im Griff haben. Somit mussten wir irgendwann die Entscheidung treffen und haben sie dann, wie man auf dem neuen Album hört, auch getroffen. Das war ziemlich schwierig, aber meiner Meinung nach der richtige Weg.“

Eigentlich hat der Bassist keinen einzelnen Lieblingssong auf „Terra Incognita“, wie er im Weiteren wissen lässt. „Denn ich finde fast alle Songs richtig gut. Ein wenig mehr ist mir der ,Kleriker‘ ans Herz gewachsen, denn der hat so viel Zeit und Schweiss gekostet wie kein anderer Song. Was nun schlussendlich draus geworden ist, ist wirklich aller Ehren wert. Denn eigentlich hatte das Lied ursprünglich eine andere Intention, ist aber nun besser geworden als wir jemals gedacht hätten. Dann finde ich den ,Saint Slayer‘ total cool, weil er Power hat und gut abgeht, und natürlich ,Fernes Land‘, unsere Video-Auskopplung. Einfach ein Ohrwurm!“

Dirk stimmt mir zu, dass die Songs des neuen Coronatus-Albums auf der Bühne in speziellen Kostümen dargeboten werden sollten. Der Mann lässt zu diesem Kontext gerne tiefer blicken:

„Mit Sicherheit werden wir uns was einfallen lassen. Ich glaube kaum, dass wir uns während der Show umziehen, aber die Kleidung muss natürlich entsprechend passen. Aber neben der Kleidung ist uns das Live-Acting mit dem Publikum am wichtigsten. Mareike hat da als Radiomoderatorin natürlich einen entsprechenden Vorteil. Sie konnte bereits einen Landespreis für die beste Live-Moderation während der Fussball-WM einheimsen. Das hat sie auch richtig gut im Blut und das zeigt sie auch auf der Bühne. Dazu passt Ada perfekt, die beiden harmonieren nicht nur gesangstechnisch. Überhaupt ist bei uns viel Aktion angesagt, denn auch Aria und ich haben Bewegungsdrang und wechseln ständig die Positionen, schliesslich wollen wir die Fans von allen Seiten sehen.“ [lacht]

Es tut sich derzeit ohnehin so einiges bei Coronatus, was kommende Bühnenshows angeht, wie sich herausstellt. „Für 2012 sind schon wieder einige Live-Gigs geplant. So werden wir auf dem WGT in Leipzig mit Falkenbach und Tyr rocken, dazu kommen einige weitere Gigs und eventuell wieder eine kleine Tour. Wir haben auch bereits Angebote aus China und Südamerika, dazu ist aber das Finanzielle noch nicht geregelt. Eins ist klar - jetzt geht‘s erst richtig los! Das Booking für 2012 ist momentan am Laufen; wer uns also noch dabei haben möchte, darf sich gern melden!“

Mit Sicherheit aber, so der Tieftöner, werden Coronatus schon bald wieder anfangen, neue Stücke zu schreiben. „Wir haben allesamt in der Band schon Ideen en masse, und wir wollen nochmals eins drauflegen. Da kam uns mal so eine blöde Idee ... aber nein, das werde ich jetzt noch nicht verraten. Es bestehen auch Pläne, nochmals ein Video zu einem anderen Stück zu drehen; das kommt aber auch darauf an, wie die neue Platte einschlägt. Ich persönlich freue mich tierisch auf den Gig am WGT. Die dortige Location ist groß und wir werden genau unser Zielpublikum vor Augen haben. Ausserdem freue ich mich auf die Fans, die waren nämlich tierisch gut drauf während unserer Tour. Die meisten kannten uns ja kaum, aber wir haben sie alle bekommen.“

© Markus Eck, 27.10.2011

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