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Interview: CORVUS CORAX
Titel: Vom Mond fasziniert

Im Laufe ihrer seit 1989 andauernden Historie haben diese weltberühmten Berliner Mittelaltermusikanten bereits diverse Best Of-Veröffentlichungen herausgebracht. So erschienen beispielsweise die mittlerweile vergriffenen Kaltenberg-Editionen „I“ und „II“ oder die Live-CD zum Jubiläum mit dem Besten aus 25 Jahren Bandgeschichte.

Nun präsentieren die unverwüstlichen Spielleute Corvus Corax eine neue, speziell kompilierte Zusammenstellung: „Ars Mystica - Die Kunst des Mystischen“. 




„Immer wieder kamen Fans zu uns und fragten nach einer solchen Zusammenstellung. Es sind neben unseren Tanzliedern eben die mystischen Stücke, die bei den Fand besonders gut ankommen“, legt Castus, hauptsächlich als Sackpfeifer und Vokalist dabei, eingangs zu „Ars Mystica“ dar.


Schnell geht das Gespräch zu magischen Plätzen über.

„Wir haben Ende Juni in England gespielt und uns auf dem Weg Stonehenge angeschaut. Wir waren überwältigt. Aber meine magischsten Lieblingsorte sind die Cenote in Mexiko auf der Halbinsel Yucatan. Das sind Höhlen im Karstgestein, gefüllt mit Süß- und Salzwasser. Sie wurden von den Mayas als Eingänge zur Unterwelt gesehen. Ich war oft in ihnen tauchen und verstehe die Mayas. Einmal tauchte ich sogar bis zu einer Tiefe von 66,3 Meter.“


Als wir dann über einen für ihn speziellen, für ihn magischen Ort sprechen, an den er noch reisen möchte, erhellt sich seine Miene. „Wenn ich den Vollmond anheule, sagt mir mein Unterbewusstsein immer wieder: Ich möchte unbedingt mal zum Mond! Denn ich möchte mir vom Mond aus auch die Erde anschauen. Sie ist so schön leuchtend blau.“

Die weiteren Worte drehen sich um ferne Orte, an welche einen das Berliner Ensemble im aktuellen Falle speziell mit sich führen möchte. Castus hierzu: „Der entfernteste Ort an den wir wollen würden ist Walhalla. Da muss es noch schöner sein als in Island. Und das ist ja schon ein unglaublich magischer Ort, wo das Feen- und Trollministerium über alle Lebewesen wacht. Dann wäre Westeros auch noch ganz spannend. Da kann man bestimmt das ein oder andere spielmännische Abenteuer erleben.“

Der Anführer der spielfreudigen Rabenmeute sieht sich selbst ohnehin als ein Mensch, der Mutter Natur sehr verehrt.

Auch ist Castus sehr viel in der Natur, wie er dazu weiter offenbart.

„Aber dort passiert es mir immer wieder, dass ich Dreck und Müll sehe, den irgendwelche Leute in die Natur geschüttet haben. Dann wünsche ich mir ein Zauberer zu sein und würde den Menschen ihren Dreck ins Bett zaubern.“

Ganze 27 Jahre Corvus Corax … was geht dem unbeirrbaren Mann dabei primär so durch den Kopf?

Hätte er jemals gedacht, so lange mit seinen Spielmännern dabei zu sein?

„Wir hätten wirklich nie darüber nachgedacht, wie lange es Corvus Corax geben wird. 27 Jahre? Uns kommt alles noch so vor als wäre es gestern. Und das bleibt wohl auch noch lange so. Wir spielen viel in der Welt. Die Leute lieben uns und unsere Musik. Was will man als Spielmann mehr?“


Mit ihrer aktuellen Veröffentlichung bieten die beständigen Rabenmannen auch einen passenden Soundtrack für Fantasy- und Online-Games sowie Rollenspielrunden. Gab es bislang viel an Reaktionen, Zuspruch etc. aus diesen Kreisen für die Berliner? Castus freut sich:

„Oh ja, zum Glück. Und das seit Anbeginn von Corvus Corax. Haben wir am Anfang die kleinsten Rollenspiele live begleitet, so begleitet nun unsere Musik von der Konserve ganze Rollenspiel- und LARP-Veranstaltungen.“


Mittels „Ars Mystica“ möchte die Gruppe die treuen Interessierten mit auf eine Reise nehmen durch verschiedene Kulturen. Welche dabei hauptsächlich im Reiseplan vorgesehen sind, das erläutert gerne Dudelsackmann Jordon.

„Gehen wir mal chronologisch rückwärts durch unsere bisherigen CDs: ‚Unicornis‘: Julius Cäsar lebte in der römischen Antike und schreibt seinen ‚Gallischen Krieg‘. ‚Sverker‘: Wir besuchen schwedische Wikinger die nach Dänemark reisen. ‚La imBeltaine': Eine Reise zu den Kelten. ‚Qui Nous Domaine‘: Ein Ausflug ins französische Hochmittelalter. ‚Seikilos‘, ‚Cheiron' und ‚Hymnus Apollon‘: Wir besuchen die antiken Griechen. ‚Ballade De Mercy‘: François Villon geht mit uns durch das spätmittelalterliche Paris. ‚Mille Anni Passi Sunt': Bei einer Reise im Jahre 1000 treffen wir im späteren Rumänien auf Vampire. ‚Die Klage‘: Richard Löwenherz schreibt seine schaurig schöne Ballade im Kerker zu Wien. ‚Palästinalied‘: Einst stahl Walther von der Vogelweide vom Troubadour Jaufré Rudel eine wunderschöne Melodie. Daraus wurde das ‚Palästinalied‘. ‚Oh Varium Fortune‘ und ‚Ergo Bibamus‘: Beides Gedichte aus der mittelalterlichen Liederhandschrift ‚Carmina Burana‘. ‚Game Of Thrones‘ und ‚Is Nomine Vacans‘: Die Fantasiewelt quer durch die Zeiten lässt grüßen.“

Castus weiß zustimmend zu ergänzen: „Wir fühlen uns seelenverwandt mit François Villon, von dem auch der Text zur ‚Ballade De Mercy‘ stammt. Die Melodie ist nicht schön, sie ist heuchlerisch schön. Auch wir bedanken uns oft für die Steine die uns von bösen Wegelagerern und Bürokraten in den Weg gerollt wurden. Der ein oder andere von uns, saß bereits im Kerker und litt unter dem Ungemach der Obrigkeit.“


Eine ganz besondere Überraschung auf dem neuesten Dreher der Berliner Barden stellt sicherlich die mittelalterliche Version des erwähnten „Game Of Thrones“-Hauptthemas dar. Jordon bringt es den Lesern gerne näher.

„Wir durften damals bei den Dreharbeiten zur Pilotfolge der Serie dabei sein. Da unsere Szenen aber nachgedreht wurden, weil einer der Hauptdarsteller ausgetauscht wurde und wir für die Zeit einen anderen Vertrag hatten, sind wir in der Folge gar nicht zu sehen. Es war dennoch eine tolle Erfahrung für uns. Seit dem stehen wir mit dem Produzenten in gutem Kontakt. Er gab uns auch die ausdrückliche Erlaubnis, dieses Lied in der uns eigenen Art zu interpretieren.“

Auf der aktuellen Veröffentlichung sind heldenhaft gestimmte Lieder und Hymnen wie „Mille Anni Passi Sunt“, „Sverker“, „Die Klage“ oder „Is Nomine Vacans“ - bekannt aus dem Soundtrack zum Computerspiel „Gothic 3“ - zu hören. Auf einen persönlichen Favoriten angesprochen, der ihm immer wieder ganz besonders nahe beziehungsweise unter die Haut geht, weiß Castus zu offenbaren:

„Unser derzeit heroischstes Lied ist ‚Sverker‘. Man kann bei diesem Stück geradezu spüren wie die nächste Kneipenschlägerei in der Luft liegt. Wer sich standhaft in den Kampf stürzt um die Ehre seiner Liebsten, seinen besten Freund oder einfach seinen Krug Bier zu verteidigen, der ist für uns ein wahrer Held. Aber im Ernst, in dem Text geht es ja eben darum, nicht gewalttätig zu werden. Ein wenig Säbelrasseln ist erlaubt, aber man soll sein Schwert am Ende doch lieber in der Scheide lassen. Denn nimmt der Ritter das Schwert in die Hand, ja, dann weinen so viele.“



 „Is Nomine Vacans“: Der Komponist Kai Rosenkranz bat Corvus Corax, für das Computerspiel „Gothic 3“ ihren typischen Sound beizutragen. Castus erläutert: „Wir haben die Geschichte aufgegriffen und bombastische Chöre in Latein verwendet. Ein Kleinod für alle Rollenspielfans.“

„Ars Mystica“ soll, ganz dem Plattentitel entsprechend, in mystische Träume entführen. Mehr dazu von Castus:

„Wir wollen die Leute aus ihrem von moderner Technik diktierten Alltag in eine Traumwelt entführen, die durch unsere Klänge und dem besonderen Corvus Corax-Sound jedem Zuhörer die Möglichkeit bietet, seiner ganz eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen.“

Seine liebsten eigenen mystischen Träume, die immer dann in ihm aufkommen, wenn er Zeit und Muse für derlei hat, wie er sagt, beschreibt der gelockte Frontmann mit schwelgendem Antlitz:

„Am liebsten würden wir die ganze Nacht mit wunderschönen Hexen einen Sabbath feiern und dabei königlich schlemmen und trinken.“

Wie er darlegt, vereint „Ars Mystica“ in einer sorgfältig kompilierten Zusammenstellung die mannigfaltigen Stärken seiner Formation. „Natürlich sticht dabei unser unvergleichlicher, nicht nachzuahmender, Band-eigener Sound heraus, der schon allein durch die über 500 Instrumente, die wir bei unseren Aufnahmen nutzen, unerreichbar ist. Bei diesem neuen Album sind es natürlich die hymnischen Melodien die einen Klangteppich von außerordentlicher Vielfalt weben.“

Die finale Auswahl für „Ars Mystica“ war sicher letztlich sehr schwer zu treffen, bei so vielen Liedern im Repertoire. Oder, Jordon? „Nein. Die Auswahl war recht einfach. Wir hatten ja eine Idee im Kopf. Es war also nicht so, dass wir erst in einen Topf mit Liedern gegriffen haben und dann geschaut haben was passt. Natürlich haben wir über die Jahre hinweg ein großes Repertoire aufgebaut, aber die Lieder, die genau zu unserem Konzept gepasst haben, sind nun auf diesem Album.“

Castus, wer hat denn die beiden neuen Bonus-Songs beziehungsweise wer hat welche Parts davon hauptsächlich ausgearbeitet?

„Unsere gute Freundin Frida aus Holland hat uns ein Gedicht geschickt und uns gefragt, ob wir das vertonen können, was wir gerne getan haben. Und weil wir es passend fanden, haben wir es als Intro verwendet. Ansonsten hat jeder seinen Beitrag geleistet. Das ist der Vorteil, wenn man ein eigenes Studio hat, da kann man rund um die Uhr recorden und bearbeiten. Als Wim zum Beispiel unsere neuen E-Dudelsäcke vorbeibrachte, durfte er gleich einen Part für das GoT-Stück einspielen. Wir wollen auch nochmal einen Dank an Julia Lindner sagen, Bratschistin im Gewandhausorchester Leipzig, die die Verbindung von dem Originalstück zu unserer Bearbeitung brachte. ‚Corvus Corax Trioculi‘ heißt der dreiköpfige Rabe, der in der Serie immer wieder auftaucht.“

Worin sieht Castus die allergrößten Stärken der für die neue Kompilation auserwählten Kompositionen?

„Es ist die bunte Vielfalt der einzelnen Lieder, die aber doch allesamt in das Konzept dieser Kompilation passen. Man kann die Scheibe in einem Stück durchhören, und fühlt sich dabei die ganze Zeit wie auf dem Rücken eines Einhorns in eine andere Zeit und Welt versetzt.“

Bei den Bearbeitungen und teils völlig neuen Inszenierungen der Lieder wurden Corvus Corax von diversen Freunden und Wegbegleitern unterstützt, welche von Mystik und Phantastik ebenso beseelt sind wie die Spielmänner selbst.

So sind auf „Ars Mystica“ Anke aus Siebenbürgen als Sängerin und Oliver s. Tyr von Faun als Harfenspieler zu hören. Julia Lindner spielt Barockviola und auch Werner alias Tec wirkt als Magier der Klänge. 



Zu den Hintergründen dieser interessanten Kooperationen befragt, eröffnet Castus ganz entspannt: „Für uns ist es einfach selbstverständlich, dass man mit Freunden zusammenarbeitet um etwas zu schaffen. Musik bedeutet ja, laut der klassischen Definition, ‚Zusammenklang‘. Und dieser Zusammenklang ist es, der uns stark und der unsere Musik so besonders macht.“

Das Jahr 2015 fing mit „25 Jahre Corvus Corax - Die Jubiläumstour“ an, welche laut Castus gleichzeitig auch die Abschlusstour für den langjährigen Sackpfeifer Wim Dobbrisch war.

„Zu Ostern haben wir dann in der neuen Besetzung die Live-CD zum Jubiläum auf dem Trolls & Legends Festival in Belgien vor 8.000 Leuten aufgenommen. Über das Jahr hinweg spielten wir zwei schöne Konzerte in Italien, begingen unseren legendären ‚besoffenen Samstag‘ in Kaltenberg, spielten vor vollem Platz bei fast 40° Celsius auf dem Summerbreeze und rundeten das Jahr mit einer Konzertreise nach Mexiko ab, wo wir mit offenen Armen empfangen wurden. 2016 begann mit der Tour ‚Die Zwerge Live‘. Es folgten Konzerte in Frankreich, Italien und Russland. Dann spielten wir wie gesagt unser erstes Konzert in England, wo wir uns auch Stonehenge anschauen konnten. Zum krönenden Abschluss werden wir im Oktober und Dezember in Mexiko und Brasilien aufspielen können. Unser Motto: Viatores sumus, quod patres nostres, marginae viae sepultri sunt. Übersetzt: Wir sind Wanderer, weil unsere Ahnen am Wegesrand begraben liegen.“

Abschließend auch gleich noch zum nächsten Studioalbum befragt, wird frohgemut verkündet: „Es entstehen im Moment zwei verschiedene Alben. Viele haben schon den Livetitel ‚Her Wirt‘ gehört. Ein Text aus der mittelalterlichen Liedersammlung ‚Carmina Burana‘ mit dem typischen, in die Beine gehenden Rythmus und Sound von Corvus Corax. ‚Her Wirt nun traget her den Wîn.‘ Ein kleiner Vorgeschmack zum neuen Studioalbum von Corvus Corax. Andererseits arbeiten wir gerade mit Markus Heitz und unserem guten Freund und Produzenten Marcus Gorstein zusammen an einem Fantasy-Musical. Das Publikum darf gespannt sein auf die schaurig-schönen Texte und Musik sowie die wunderschönen GastmusikerInnen.“ 


© Markus Eck, 26.07.2016

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