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Interview: CREMATORY
Titel: Zurück zum Spaßfaktor

Diese vor nicht allzu langer Zeit mittels einer erfolgreichen Reunion auf die große Gothic Metal-Bühne zurückgekehrten Pfälzer konnten sich von Beginn ihres Schaffens an rühmen, ihrer Zeit stets voraus zu sein.

So waren Crematory zu Anfang der 1990er nicht nur die allererste deutsche extreme Metal-Band überhaupt, die mutiger Weise Keyboardklänge in ihren brachialen Düstersound integrierte, wie dies mit dem 1993 erschienenen Debütalbum „Transmigration“ für gehöriges Staunen sorgte, sondern darüber hinaus im Weiteren auch die ersten, die tonnenschweren Gothic Dark Metal ausschließlich mit deutschen Lyriken darboten.

Geschehen ist letzteres auf dem selbst betitelten Studioalbum aus dem Jahr 1996 und die ungewöhnliche Scheibe wurde ein beachtlicher Erfolg für alle Beteiligten. Auch in den folgenden Jahren und weiteren sehr erfolgreichen Veröffentlichungen scheuten sich ständig auf der innovativen künstlerischen Schiene fahrenden Crematory zu keiner Zeit, musikalisch neugierig zu experimentieren; was zwar nicht immer restlos risikofrei schien, von den vielen treuen Fans jedoch glücklicherweise immer angemessen honoriert wurde.

Denn übermäßig über die kreativen Stränge schlugen die passionierten Dunkelmetaller um den wuchtigen Sänger Felix sowieso nie, enthalten sämtliche Crematory-Lieder doch auch heute noch stets wertvolle melodische Feinheiten, die man nicht vergisst.

Nach ihrem allseits sehr positiv aufgenommenen Comeback vor einiger Zeit sahen es nun auch diese jüngst wieder sehr erfolgreichen deutschen Gothic Dark Metal-Urgesteine an der Zeit für eine DVD-Veröffentlichung.

„Liverevolution“ betitelt, kommt dieser Tage eine inhaltsreiche Angelegenheit in die Shops: Randvoll abgefüllt mit Live-Shots, Videoclips, Fotogalerie, ausführlicher Discographie sowie Backstage- und Interview-Material samt diversen Bonus-Spezialitäten.

Drummer Markus Jüllich freut sich wie der Rest der Band über den aktuellen Release, welcher zudem noch zum konsumentenfreundlichen Spezialpreis erhältlich ist.

„Alles läuft derzeit bestens bei mir, meiner Frau Katrin und unserem gemeinsamen Nachwuchs, und alle sind wir gesund. Es ist einfach unbeschreiblich eine eigene Familie zu haben. Das ist eigentlich das Schönste auf der ganzen Welt, neben der Musik natürlich“, gibt der Schlagzeuger eingangs zu Protokoll, der die Crematory-Tastenfrau Katrin bekanntermaßen nach Jahren gemeinsamen Musizierens ehelichte.

Viel Spaß und neue Erfahrungen kann man mit einem Kind sammeln, aber auch viel Stress und einige schlaflose Nächte, wie Jüllich dazu ergänzend bekennt.

Schnell dreht sich der Inhalt unserer Konversation im Weiteren darum, was sich bei Crematory, im Gegensatz zu ihrer ersten Ära vor dem Comeback, alles so Nennenswertes im Musikerdasein verändert hat. Mein Namensvetter gibt hierzu preis:

„Eigentlich hat sich für uns nicht viel geändert, nur alles viel entspannter als zuvor. Wir ziehen unser Ding durch und alle anderen können machen was sie wollen. Nun endlich machen wir Musik primär lediglich zum Spaß an der Freude. Wir haben daher neuerdings nun nicht mehr so den zeitlichen Stress und den oftmals immensen Druck, den wir in der Vergangenheit von Jahr zu Jahr mehr hatten. Wir haben in zehn Jahren Bandgeschichte ganze zehn Alben veröffentlicht und mindestens 1.000 Konzerte gespielt. Die Band war zu einem Fulltimejob geworden, was sich auch zum Ende hin negativ äußerte. Und auch Spaßfaktor war nicht mehr so präsent wie am Anfang. Halbherzig wollten wir die Sache nicht machen, und deshalb hatten wir uns für die Trennung und ein normales Leben mit normalem Job entschieden.“

Erstmals in ihrer Geschichte hatten Crematory an einem Filmsoundtrack mitgewirkt, wie von dem Stockschwinger zu erfahren ist.

„Der Film heißt `Con Game` und es geht in diesem Thriller um ein Computerspiel, in dem richtige Menschen als Spielfiguren verwendet und ausgebeutet werden. Die Filmfirma kennen wir bereits seit zehn Jahren; das sind die Jungs, die mit uns die ersten Videoclips produziert haben und die nun erneut auf uns zukamen und nachfragten, ob wir Interesse an einer Zusammenarbeit hätten. Die Filmfirma hatte von unserem sensationellen Comeback erfahren und sie waren der Meinung, dass unser Song `Tick Tack` hervorragend zum Filmthema passen würde. Deshalb haben wir uns entschieden diesen Soundtrack dazu beizusteuern.“

Markus sieht dies laut eigener Aussage auch als eine weitere Promotion-Aktion, um vielleicht neue Leute, die Crematory zuvor nicht kannten, über den Soundtrack zu erreichen und auch eventuell für seine Band als Fans zu gewinnen:

„Das Angenehme mit dem Nützlichen haben wir auch gleich verbunden, denn wir haben aus einigen Filmsequenzen davon sowie Mitschnitten des Comeback-Konzerts einen neuen Videoclip zum Song `Tick Tack` produziert.“

Klingt sehr danach, als ob sich Crematory nun nicht mehr so schnell auflösen werden.

Und das ist eigentlich auch nicht geplant, so der Trommler. „Nämlich deswegen, da wir Crematory ohnehin als `Hobbyband` sehen und die Musik nur noch zu unserem reinen Vergnügen spielen.“

Die Bezeichnung Hobbyband ist nun aber bitte nicht falsch zu verstehen, wie Markus anfügt.

„Es soll bedeuten, dass wir die Band neben unseren normalen Jobs und dem dazugehörigen Familienleben doch sehr ernsthaft betreiben und immer alles geben. Nur nicht mehr wie früher mit dem erheblichen Zeitaufwand, sondern so wie wir Lust und Zeit haben. Wir spielen lediglich noch Wochenendshows, was erfahrungsgemäß wesentlich besser ist als auf Tour zu gehen, da an den Wochenenden viel mehr Fans auf die Konzerte kommen als unter der Woche.“

Bei der aktuellen Veröffentlichung „Liverevolution“ handelt es sich laut Bekunden von Markus um eine aufwändige Dokumentation in Bild und Ton, die seiner Meinung nach „hammergeil“ geworden ist und dem Fan `Value for money` bietet.

„Es gibt die Kombination DVD+CD oder CD+DVD im jeweiligen Paket zum Hammerpreis. Zum einen ist auf der DVD der Livemitschnitt der Comebackshow vom WGT 2004 in einem 60-minütigen Konzert festgehalten, sowie zahlreiche Backstage-Szenen, sowie die drei Videoclips zum `Revolution`-Album, ein Interview zum Comeback, Fotogalerien und noch vieles mehr. Passend dazu gibt es das mitgeschnittene Konzert, in Form einer Audio-CD.“

Mich interessiert weiterhin, ob die ,zweite‘ Bandhistorie nach dem Comeback nach Vorstellung der Band verlief. Sieht ganz so aus: „Komplett. Das Comeback war erfolgreicher, als wir uns das je vorgestellt hatten. Einfach nur genial. Überwältigende Reaktionen auf das neue Album und sehr gute Konzertbesuche bei allen Shows auf der ganzen Welt. Vielen Dank an dieser Stelle an all unsere Fans, die mit uns gemeinsam auf unseren Konzerten feierten und unsere CDs gekauft und nicht gebrannt oder downgeloaded haben, denn copy kills music!“

Laut Markus sollten die Anhänger der Gothic Dark Metal-Truppe einen Einblick in den Alltag von Crematory bekommen und auch mal hinter die Kulissen schauen können.

„Daneben wollten wir den überwältigenden Eindruck des Comebackkonzertes für immer festhalten, damit sich die Fans auch mal zu Hause ein Crematory-Konzert gönnen können. Enthalten sind Aufnahmen von sämtlichen Comebackshows die wir zum aktuellen `Revolution`-Album absolviert haben. Wir haben bei jedem Konzert einen Roadie mit einer Kamera ausgestattet und der hat auf alles draufgehalten was filmenswert war. Leider konnten wir aus Jugendschutzgründen nicht das ganze Material veröffentlichen, da einige Szenen doch echt krass und nicht jugendfrei sind.“

Überhaupt, die Touren nach dem Comeback liefen bis jetzt sehr gut, denn Crematory wurden laut Markus in allen Ländern sehr freundlich aufgenommen und von ihren Fans richtig abgefeiert.

„Bei einigen Shows gab es sogar Dankesschreiben und Geschenke, sowie zahlreiche überglückliche Fans, die echt froh waren, dass wir uns zum Comeback entschieden haben. Es war echt genial. Egal in welchem Land, wir wurden überall richtig abgefeiert. Unsere Fans sind einfach die Besten. Vor allem haben wir festgestellt, dass wir Fans von 15 bis 50 haben, was uns zeigt, dass wir sowohl die junge Generation ansprechen und die alten Fans mit uns gewachsen sind, was uns sehr stolz macht. Danke dafür! Die am meisten beeindruckenden Bilder kann man auf unserer DVD bewundern.“

Im Februar 2001 feierte das Quintett bekanntlich sein zehnjähriges Bestehen, hierzu wurde eine andauernde Tournee absolviert, auch um das vorhergehende Album „Believe“ zu promoten. Nach dieser Jubiläumstour hatten die Pfälzer die härteste Entscheidung ihrer Historie zu fällen: Die Auflösung der Band wurde schweren Herzens bekannt gegeben.

Gründe waren laut Crematory gesundheitlicher, finanzieller und persönlicher Natur. Anschließend spielten sie zehn ausgewählte Einzelkonzerte, welche über den Sommer des Jahres verteilt – Höhepunkt war das Wacken Open Air, auf welchem ordentlich abgeräumt wurde.

Das sollte es dann eigentlich gewesen sein. Sollte. Bis irgendwann im August 2002 ein Anruf einging, mit dem sich das alte Plattenlabel erkundigte, ob Crematory nicht Lust darauf hätten, einen Song zum Metallica Tribute Sampler „The Four Horseman“ beizusteuern.

Die Bandmitglieder willigten ein und coverten den berühmten Song „One“.

Die Reaktionen darauf waren sowohl von den Medien als auch von Seiten der alten Fans überwältigend.

Das Interesse an Crematory wurde daraufhin immer größer, woraufhin Markus Staiger, der Chef des Labels, selbst durchklingelte und die Pfälzer persönlich bat, ein neues Studioalbum aufzunehmen.

Nach langen Überlegungen willigten die Musiker ein. Doch zukünftig sollte alles lockerer und ungezwungener ablaufen, mehr auf einer Art Hobbybasis.

Resultat war das von vielen regelrecht herbeigesehnte 2004er Comeback-Album „Revolution“, erneut ein rundum gelungener Riesenerfolg.

Allseits heftig umjubelte Konzertereignisse flankierten dieses überzeugende Werk. Und derzeit geht die Veröffentlichung der offiziellen Crematory-DVD „Liverevolution“ über die Bühne.

„Insgesamt sehe ich die Geschicke um unsere Band nun viel entspannter als dies früher noch der Fall war. Vor der Reunion war Crematory ja unsere Haupttätigkeit, unser Brötchenerwerb sozusagen. Ein richtiger Vollzeitjob also, mit einer nicht unerheblichen Menge an vertraglich ganz genau festgelegten Verpflichtungen. Ein gewichtiger Vorteil davon war, dass wir alles selbst in der Hand hatten, was unsere Präsentation nach außen hin betraf. Wir machten sogar die Layouts für die CD selbst, wir erstellten die Anzeigen für die Medien, und wir hatten auch das Band-Merchandise unter unseren Händen. Selbst das Booking für die Konzerte wurde von Crematory selbst absolviert. Man kann dies alles natürlich auch in fremde Hände geben, was aber oftmals recht teure Kosten verursacht. Daher konnten wir wie gesagt als Profimusiker unser Dasein finanzieren. Es war zwar schön, von der Musik bescheiden leben zu können, aber Musik zu machen ist halt doch etwas anderes wie reguläre Jobs. Keiner von uns hat es bis zum eigenen Haus oder Ferrari damit gebracht, dennoch war es anfangs eine gute Sache für uns als leidenschaftliche Musiker. Wir hatten Alben zu veröffentlichen, nicht wenige Konzerte zu spielen; immer, wenn die Vereinbarungen es einforderten. Das nagte mit jedem Jahr mehr an unseren Nerven. Irgendwann war es uns zuviel und wir beschlossen, die Band aufzulösen. Wir nutzten die Wiedervereinigung von Crematory, um die einst gemachten Fehler beziehungsweise ungünstigen Entscheidungen diesmal außen vor zu lassen und eben auf einer freiwilligen Hobbybasis fortzufahren. Dies funktioniert hervorragend, wie wir jüngst mehr und mehr registrieren“, erläutert mir ein gewohnt auskunftsfreudiger Markus die Veränderungen der letzten Jahre tiefer.

Ein gravierender Unterschied, der nach dem Comeback einherging, ist laut Aussage des Drummers und Crematory-Sprachrohres die Tatsache, dass nun alles auf freiwilliger Basis läuft.

Denn das war die hauptsächliche Bedingung der Gruppe an das Label, bevor die Entscheidung zum Neuanfang überhaupt ernsthaft gefällt wurde.

„Wir sehen das Ganze nun total entspannt, und das tut richtig gut. Obwohl wir beinahe alles noch immer selbst handhaben. Aber eben immer nur dann, wenn wir ausreichend Lust und Zeit dazu haben. Nun wird nicht jedes Jahr ein neues Album gemacht, sondern alle zwei oder drei Jahre. In diesem Zuge spielen wir nur noch ausgewählte Shows, welche zu 90 % an Wochenenden stattfinden, verständlicher Weise durch unsere neuen beruflichen Situationen bedingt. Denn unter der Woche gehen wir ganz normal arbeiten. Crematory ist in unseren Augen demnach in Zukunft eine professionelle Hobbyband.“

Im Gegensatz zur vergangenen Bandsituation genießt sowohl Markus als auch der Rest der Truppe die entspannte Situation aus vollem Herzen, wir er nicht müde wird, mitzuteilen.

„An meiner Einstellung zur Musik hat sich aber rein gar nichts geändert, wie nicht wenige voreilig spekuliert haben. Ich sehe es genau verbissen wie vorher, wenn es darum geht, gute neue Songs zu kreieren. Wir alle arbeiten genauso ernsthaft an unserer Musik wie eh und je. Man darf den Begriff Hobbyband nun aber wie erwähnt nicht falsch interpretieren, denn bei uns läuft es neuzeitlich alles andere als unbedarft ab. Nur, der zeitliche Rahmen ist eben viel entspannter als vorher. Wenn wir jedoch an neuen Stücken arbeiten oder Shows spielen, nehmen wir genauso ernst wie immer schon. Die Fans, alte wie neue, erwarten schließlich einiges von uns, und das sind wir den Leuten doch auch voll und ganz schuldig. Ich freue mich jedenfalls darauf, noch viele Jahre gemeinsam mit Crematory gute Musik zu spielen.“

Die Arbeiten am kommenden Studioalbum sind zudem in vollem Gange. „Wir arbeiten seit Mai 2005 an neuem Material für das nächste Studioalbum, welches im Frühjahr oder Sommer 2006 erscheinen soll. Auch hierfür haben wir wieder eine Überraschung parat. Freut euch drauf! Wir werden das machen, wonach die Fans seit 1996 verlangen und nun gut! Mehr wird nicht verraten.“

Live haben Crematory ja bekannter Weise noch nie großen Wert auf Effekte, Pyros oder Bühnendekorationen gelegt. Denn: „Die Musik soll für sich sprechen und es muss die Stimmung dazu passen, damit wir gemeinsam mit unseren Fans an diesem Abend eine Monsterparty feiern können. Goth´n´Roll mit Partyalarm eben!“ Zukunftspläne? „Crematory wird die größte Band der Welt!“ Zweifelsohne, lieber Namensvetter, zweifelsohne.

© Markus Eck, 14.09.2005

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