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Interview: CRYPTIC WINTERMOON
Titel: Auf die Spitze getriebene Spannung

Aus dem Frankenland kennt man nicht nur Brutal-Bands wie Violation oder Gardens Of Gehenna. Von dort stammen auch Cryptic Wintermoon und aus dem Death- und Thrash Metal ihre zahlreich verarbeiteten musikalischen Einflüsse. Die Bandgründung dieser überragenden Bombast Black Metal-Könner ist auf das Jahr 1991datiert, allerdings noch unter dem damaligen Bandnamen Black Prophecies.

Da laut Überlieferung zu dieser Zeit außer ihnen noch mindestens zwei weitere pechschwarze Prophezeiungsverkünder existierten, erfolgte zwei Jahre später die Umbenennung in Cryptic Wintermoon. Einem ersten ´96er Demo namens „Vojage Dans La Lune“ folgte zwei Jahre später ein selbstbetiteltes – und wahrlich sensationelles – Minialbum, welchem im selben Jahr 1998 ein Split-Release mit Lord Astaroth folgte, heimatlich „Franconian Frost“ betitelt.

1999 lieferten Cryptic Wintermoon dann schließlich mit „The Age Of Cataclysm“ ein lupenreines Hammeralbum ab, welches der Formation zahlreiche Anhänger einbrachte.

Zusammen erlebten Band und Fans nachfolgend stürmische Stunden: Gigs mit Desaster, Night In Gales, Purgatory, Agathodaimon, Ancient Rites und auch Impending Doom wiesen Cryptic Wintermoon als musikalisch versierte und überaus spielfreudige Dunkelmetallschmiede aus.

Nun veröffentlichen sie ihr neues Album „A Coming Storm“. Vollmondvokalist Ronny Dörfler war früher Shouter bei der lokalen Thrash Metal-Combo Terrible Somnium. Für mich erscheint er überpünktlich zu einem vereinbarten Gesprächstreffen unter einem in dieser kalten Nacht außergewöhnlich hell leuchtenden kryptischen Wintermond.

„Es läuft wirklich gut im Moment. Wir haben ein Line-Up, welches hervorragend zusammenpasst, musikalisch und persönlich. Auch haben wir nun endlich mal einen vernünftigen Plattenvertrag unterschrieben und das neue Album erscheint endlich Und unser Songwriting ist auch schon wieder in vollem Gange. Was will man mehr?“, freut sich der Sänger zu Beginn unseres Dialogs.

„Der Grundgedanke war, mit dem aktuellen Albumtitel ein neues Kapitel der Cryptic Wintermoon-Geschichte auszudrücken. Vor allem auch ein neues Maß an Aggressivität und Power, das man bisher nicht von uns gehört hat. Der Titel `A Coming Storm` war da nahe liegend. Der Sturm wird am 26.05.2003 über die Fans hereinbrechen.“

Als klassische Melodic Black Metal-Band hat er Cryptic Wintermoon noch niemals gesehen, wie weiter zu erfahren ist. Ronny hierzu:

„Zugegeben haben wir es aber selbst provoziert, gerade durch Live-Auftritte mit Corpsepaint. Aber unsere Musik und vor allem die Texte haben nie in dieses Konzept gepasst. Black Metal ist für mich die rohe, primitive Gewalt bei Bands wie Darkthrone, Carpathian Forest und dergleichen. Das ist eine Richtung, aus der ich unserer Musik aber die wenigsten Einflüsse entdecke.“ Nachfolgend möchte ich von ihm wissen, was für ihn den größten Reiz ausmacht, diese Musik darzubieten. Ronny bekennt:

„Es ist der Reiz an sich, überhaupt Musik zu machen. Das es gerade diese Musik ist, liegt wohl an dem musikalischen Spektrum der einzelnen Mitglieder von Cryptic Wintermoon. Ich möchte an Alben mitwirken, auf die ich mich als Fan freuen würde und möchte Live-Shows abliefern, bei denen ich gerne in der ersten Reihe abgehen würde.“ Ein löbliches Anliegen, zweifellos.

Geht es hingegen um spezielle musikalische Einflüsse, welche für die neue CD verarbeitet wurden, fällt es ihm schwer, bestimmte Bands zu nennen: „Alles was man selbst gerne hört beeinflusst das Songwriting. Da ein Death Metal-Head neu am Schlagzeug bei uns sitzt, hat wohl etwas mehr von dieser Musikrichtung bei uns Einzug gehalten. Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass die aktuelle Platte Death- und Thrash Metal-lastiger geworden ist als der Albumvorgänger. Ist es da Zufall, dass die meisten meiner Lieblingsscheiben in den letzten drei Jahren hart und schnell waren? Ich weiß es nicht. Der neue Song `The Righteous Slayer` wiederum wäre wohl nicht entstanden, wenn nicht einige von uns ein kleines Faible für elektronische Musik entdeckt hätten.“

„The Age Of Cataclysm“ hat mir wirklich sehr gut gefallen, und laut Ronny kam das Werk auch bei den Fans hervorragend an.

„Was mir vor allem sehr gefallen hat, ist, dass jeder, mit dem ich mich unterhalten habe andere Favoriten auf dieser CD hatte. Bei den einen sind langsame und bombastische Stücke als erstes hängen geblieben, andere gingen auf die schnellen Songs so richtig ab. Ich denke wir haben einen Querschnitt getroffen, bei dem für jeden etwas dabei war. Und genau das wurde auf der neuen Platte konsequent fortgesetzt und verfeinert. Dass wir dabei manchmal ins Extrem gegangen sind, sollte die neue Scheibe noch um einiges interessanter machen als den Vorgänger.“

Obwohl „The Age Of Cataclysm“ bereits 1999 erschien, sieht Ronny trotzdem keinerlei Probleme, sich mit dem neuen Album nach der langen Veröffentlichungspause schnell wieder zu etablieren:

„Ich glaube eigentlich nicht, in dem Punkt auf große Probleme zu treffen. Zumindest die Auftritte letztes Jahr haben bewiesen, dass uns die Leute noch nicht vergessen haben. Mir persönlich ist es bei einer Band, die ich mag, auch immer lieber, wenn alle zwei oder drei Jahre ein geiles neues Album kommt als jedes Jahr ein halbgares Plagiat des Vorgängers. Was jetzt aber nicht heißt, dass wir wieder drei Jahre für die nächste Platte brauchen werden“, lacht der fränkische Mondbarde, und hängt noch an:

„Da wir einige neue Songs schon seit längerem live spielen, sind bestimmt viele Fans gespannt, wie die Sachen auf CD klingen. Auch wurden gerade in letzter Zeit Leute, die mit `The Age Of Cataclysm` nicht so viel anfangen konnten, durch die neuen Stücke zum ersten Mal aufmerksam auf uns. Sagen wir also einfach mal, wir haben mit den neuen Kompositionen die Spannung auf die Spitze getrieben.“

Die graphische Aufmachung von „The Age Of Cataclysm“ hat es mir auch heute noch angetan. Laut nachfolgender Aussage von Meister Ronny ist die neue CD vom Layout her optisch ganz ähnlich anspruchsvoll aufgemacht:

„Auch `A Coming Storm` enthält wieder ein 16-seitiges CD-Booklet, natürlich mit sämtlichen Songtexten darin abgedruckt. Allerdings wurden die einzelnen Seiten diesmal ganz gezielt etwas simpler gehalten und die Fotos in den jeweiligen Hintergrund entsprechend eingearbeitet. Es ist schwer, ein CD-Layout umfassend zu beschreiben, lass Dich daher am besten einfach davon überraschen.“

Letzteres werde ich sehr gerne machen. Nachfolgend wird das Frontcover des kommenden Albums in Erfahrung gebracht. Ronny erläutert:

„Genau wie beim Albumvorgänger stammt es wieder von Kevin Beattie, dem Bruder unseres Gitarristen Larsen. Das Cover zeigt auch wieder die dunkle Gestalt, die bereits beim Vorgängeralbum eine Rolle spielte. Das gesamte Layout hat Larsen erneut im Alleingang gemacht. Es ist ziemlich cool, dass wir da den gleichen Geschmack haben und nicht groß diskutieren müssen.“

Wie sieht Ronny das letzte Album seiner Band im Nachhinein aus künstlerischer Sicht? Mich interessiert vor allem sein Vergleich mit dem aktuellen Material. Man erfährt hierzu von dem Sänger:

„Ich denke es geht jedem Musiker so, dass man im Nachhinein vieles anders machen würde. Wenn wir `The Age Of Cataclysm` heute noch mal aufnehmen würden, würde es bestimmt ganz anders klingen. Es ist aber ein Dokument unserer Geschichte und ich bin nach wie vor stolz darauf. Trotzdem erscheint es mir heute nicht schwer es zu übertreffen vor allem weil wir einiges dazu gelernt haben. Die neuen Songs sind zweifellos ausgereifter und einfach besser. Dieses Gefühl habe ich aber auch jetzt schon wieder bei `A Coming Storm` wenn wir im Proberaum an ganz neuen Songs basteln. Man sollte in Sachen Songwriting nie auf der Stelle treten und sich nicht davor fürchten etwas Neues auszuprobieren. So lange man neue Ideen hat wird eine Band nicht langweilig und an Ideen mangelt es momentan wirklich nicht.“

Das Songwriting für das neue Album hat fast zwei Jahre gedauert, Ronny resümiert: „Wir wurden aber durch Besetzungswechsel und häufige Live-Auftritte sehr gebremst. Normalerweise können wir nur einmal die Woche in voller Besetzung proben. Wenn diese Probe gebraucht wird um Live Sets einzustudieren, oder neue Musiker einzuarbeiten, kommt das Songwriting oft zu kurz. Ich hoffe und denke, dass das aktuelle Line-Up stabil bleibt und zurzeit kommen wir sehr zügig vorwärts.“

Genau wie beim Albumvorgänger schrieb Axeman Larsen wieder den Löwenanteil der neuen Stücke. Er produziert die Sachen auch:

„Er wohnt quasi in seinem Studio und bringt sehr viele fertige Vorschläge, die dann einfach mit der ganzen Mannschaft nochmals überarbeitet werden. Das hat sich bewährt bei uns und es spart natürlich auch Zeit, gerade wenn ein Großteil der Riffs und Melodien schon stehen bevor wir überhaupt mit dem Proben beginnen. Bei uns ergibt sich das Songwriting sowieso meistens von selbst, wenn Larsen mit neuem Equipment und neuen Sounds herumexperimentiert.“

Was die Songtexte Ronnys anbelangt, so schreibt dieser laut eigener Aussage noch immer am allerliebsten, wenn ihm bei Kerzenschein, guter Musik und ein paar Bierchen der Rest der Welt am Arsch vorbei geht:

„Zu einem Teil wurde das Fantasy-Konzept des Vorgängers beibehalten wie beispielsweise beim Song `Darkness Forever`, darüber hinaus hat der persönliche Anteil aber sehr zugenommen. Ob hasserfüllt wie bei `Bastard`, antichristlich aber nicht satanistisch bei `Hate Revealed` oder teilweise ironisch wie bei `Supersatan` oder arrogant wie bei `Messiah`. Wo bei `Age Of Cataclysm` noch ein gewisses Konzept zu erkennen war, sind die neuen Lyrics nun doch sehr unterschiedlich gehalten.“

Die Kontaktaufnahme und der Plattenvertrag mit Massacre Records kam über einen, der fränkischen Truppe wohlgesonnenen Reglerdreher zustande, wie sich Ronny zurückerinnert:

„Nachdem die Produktion endlich abgeschlossen war, haben wir überlegt wem wir das Mastering überlassen könnten. Wir haben uns einige Vorschläge angehört und haben uns für das Danse Macabre Studio von Bruno Kramm von Das Ich entschieden, das uns von Gardens Of Gehenna, die schon zweimal dort aufgenommen hatten, empfohlen wurde und welches auch gerade mal fünf Minuten von unserem Proberaum entfernt ist. Bruno hat die Mucke recht gut gefallen und er war überrascht, das wir immer noch ohne Vertrag unterwegs waren. Er hat dann ein Promo-Exemplar an Massacre Records weitergeleitet und ein paar Wochen später hatten wir das Angebot. An dieser Stelle nochmals vielen Dank dafür!“

Nachdem Isegrim das Label bekanntlich verlassen haben, sind Cryptic Wintermoon derzeit neben Helheim und Catamenia die einzigen Schwarstahlhelden auf Massacre Records. Ronny bezieht Stellung:

„Helheim waren ja bei unserem Vorgängerlabel Ars Metalli Leidensgenossen von uns und es ist ein schöner Zufall, dass wir jetzt beide bei Massacre sind. Wir haben sie nie kennen gelernt, da alle geplanten gemeinsamen Konzerte ins Wasser gefallen sind. Wie eigentlich alles, was Ars Metalli je geplant hatten. Ich mag beide Bands, obwohl ich von Catamenia ehrlich gesagt nur das erste Album kenne, und hoffe, dass wir irgendwann und irgendwo mal zusammen spielen können.“

Der Neustart bei Massacre Records lässt so manche Hoffnung in meinem Gegenüber aufkommen, wie er mitteilt. „In erster Linie denke ich, dass wir uns jetzt endlich mal um unsere Musik kümmern können und uns um finanzielle Probleme hinsichtlich Nachpressungen, Shirts usw. keine Gedanken mehr machen müssen. Während der ganzen Zeit bei Ars Metalli hingen wir entweder beim Anwalt rum, oder mussten uns damit abfinden, dass die damalig aktuelle CD mal wieder nirgendwo lieferbar war. Oder wir hatten zu ertragen, dass wir sämtliche Promo-Aktionen selbst anleiern mussten. Letztlich dachten wir irgendwann, dass wir ohne Label eigentlich sogar besser dastehen würden. Ich hoffe und denke, das alles wird bei Massacre nicht mehr der Fall sein.“

Wie Ronny weiterhin bekennt, wird sein Musikgeschmack mit zunehmendem persönlichem Alter immer umfangreicher.

Er offenbart: „Es gibt nur noch wenige der alten Helden, die mich heute noch so begeistern wie sie es damals taten, also wie vor fünf oder zehn Jahren. Slayer einmal ausgenommen, denen huldige ich heute mehr denn je. Bei mir rotieren Power Metal-Scheiben wie Iced Earth oder Powergod genauso wie Todesbleizertifikate wie von Naglfar, Immortal, The Haunted oder Necrophobic. Ich weiß nicht ob es mich erschrecken soll, dass zu meinen Highlights im letzten Jahr auch Korn oder Disturbed gehören.“

Abschließend legt der offenherzige Sänger ein ehrliches Show-Statement vor: „Ich lege Wert darauf eine Show abzuliefern, die den Leuten gefällt. Ich will Haare fliegen sehen und die Leute zum Mitgrölen bringen. Ich will Leute während des Auftritts mal aus ihrem Alltag rausholen und sie eine Stunde lang Heavy Metal leben lassen.“

© Markus Eck, 22.04.2003

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