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Interview: DARKTHRONE
Titel: Eigenwilliger denn je

„Nennt es Black Metal oder bösen Rock. Mir ist es völlig egal”, verkündet Trommelquäler Fenriz in aller Gelassenheit hinsichtlich der neuesten Veröffentlichung, einer schmalspurigen CD-Single mit vier Tracks; der allerersten, die es je von Darkthrone gab.

Die unbeirrbaren Puristiker unter den Anhängern der norwegischen Genre-Vorreiter erschauern bei solchen Worten, und sie haben aktuell auch allen Grund dazu.

Dass Saitenschrubber und Sänger Ted Skjellum, besser bekannt als Nocturno Culto sowie Drummer Glyve Nagel alias Fenriz sich ja schon seit längerem einen feuchten Dreck um die Belange der Black Metal-Szene scheren, sollte weitläufig bekannt sein. Neuerdings kreuzen sie allerdings mit dermaßen zwiespältigem Songmaterial auf, dass alles zu spät scheint; da muten die befremdlichen Punk- und Motörhead-Querverweise noch am erträglichsten an. Weniger bekömmlich verhalten sich nicht zu überhörende Crustcore-Anleihen.

Fenriz gibt sich hierzu plakativ unbekümmert. Der offensichtlich stets sehr gestresste Schlagwerker ist zum Zeitpunkt des Interviews mal wieder schwerstbeschäftigt. Er leidet unter akuter Zeitnot, wie er eingangs pseudo-hektisch und fadenscheinig verkündet. Wohl, um sich ausführliche Antworten zu ersparen, wie es scheint:

„Ich arbeite wie ein Irrer, seit dem ich ein Kind bin. Das hat sich bis heute nicht geändert, ich ertrage es einfach nicht, untätig herumzusitzen. Außerdem bin ich viel hier im Land unterwegs, die Zeit für all meine Vorhaben scheint immer knapper zu werden. Ansonsten bin ich derzeit so glücklich wie ein Schwein in seiner Scheiße.“

Gut, soviel mal vorab zum gegenwärtigen Befinden des höchst eigenwilligen Kesselklopfers. Und was die zwischenmenschliche Chemie des beständigen skandinavischen Duos anbelangt, da hat sich nicht das Geringste geändert, wie anschließend zu erfahren war. „Wenn sich bei uns beiden überhaupt irgendetwas geändert hat, dann höchstens der gegenseitige Respekt, den Ted und ich uns entgegen bringen. Falls auf dieser Ebene eine Steigerung überhaupt noch möglich war.“

Als ich meinen wortkargen Gesprächspartner nach der neuen Label-Situation beziehungsweise der „Heimkehr“ zur alteingesessen britischen Plattenfirma Peaceville Records frage, wird sein bisher eher lässiger Tonfall blitzartig recht schlitzohrig. „Ja, in gewissem Sinne stellt es schon eine Art `Heimkehr` für Darkthrone dar. Verantwortlich dafür sind in erster Linie Ted´s formidable diplomatische Verhandlungsgeschicke – aber wohl auch diejenigen von Peaceville selbst.“

Die zuvor vollzogene Abkehr vom einheimischen und langjährigen Geschäfts-Partner Moonfog Records kommentiert der unnahbare Stick-Swinger in eigentümlich erheiternder Weise:

„Ich vergleiche den Label-Wechsel gerne mit Pizza und Hamburgern: Wer auf Dauer immer nur Burger frisst, den kotzen die Dinger mit der Zeit eben unweigerlich an. Daher haben wir eben wieder zu Pizza übergewechselt. So einfach ist das, mehr muss niemand dazu wissen.“ Mehr ließ er sich darüber nicht entlocken.

Nicht wenige Fragen als auch kräftige Mäkeleien wirft die aktuelle, sehr zwiespältige CD-Single „Too Old Too Cold“ auf. Mit Antworten und Statements wurde jedoch vom Gegenüber nach Kräften gegeizt. Fenriz, vor dem Sprechen auffallend lange überlegend:

„Eigentlich ist es doch gar keine richtige Single. Und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wieso wir das überhaupt gemacht haben. Und ich will es auch gar nicht wissen. Diese ganze Sache ist schließlich komplett auf Ted´s Mist gewachsen, in Zusammenarbeit mit Peaceville. Er kam eines Tages zu mir an und meinte, wir sollten den Leuten damit ordentlich in den Arsch treten und ich stimmte ihm eben zu. Wie so oft. Ich vertraue ihm in dieser Hinsicht, aus Erfahrung heraus.“

Über unweigerlich aufkeimende Vorwürfe des damit einhergehenden Ausverkaufs des eigenen Bandnamens und seiner nicht zu unterschätzenden Bedeutung wird der – offenbar mit jedem Jahr weniger kritikfähige – Schlagzeuger etwas ärgerlich: „Mann, was soll das? Die Die-Hard-Fans sollen doch darüber denken, was immer sie wollen. Was juckt mich das? Wenn hier jemand überhaupt `Die-Hard` ist, dann ja wohl Darkthrone, soviel steht eindeutig fest. Soll ich da noch lange herum erklären? Ich glaube nicht. Ich denke nicht, dass es daran etwas zu zweifeln gibt.“

Da hat wohl jemand anscheinend nicht mehr viel für all die treuen Hörer und Albenkäufer übrig, welche den großen Erfolg der Band über all die Jahre doch erst möglich gemacht haben.

Ich hake daher forsch nach, ob Fenriz gemäß des aktuellen Veröffentlichungstitels sich selbst wohl „zu alt und zu kalt“ für die Black Metal-Szene an sich fühlt. Volltreffer! Er gibt mit bemerkbar spöttischem Tonfall zu Protokoll:

„Ja, das bringt es auf den Punkt. Absolut. `Szene`, da kann ich doch nur laut lachen. Wer unsere neuen Songs eindringlich anhört beziehungsweise das gute alte Feeling verspürt, das wir damit vermitteln wollen, der kann gerne einen Trip mit uns zurück zur wirklichen Szene machen.” Ansichtssache.

Auf dem kommenden Darkthrone-Studioalbum namens „The Cult Is Alive“ wird ein Song mit dem Titel „High On Cold War“ vertreten sein. Der gute Grutle von Enslaved steuerte hierzu diverse Gastvokalisierungen bei.

„Die spezifische Gesangs-Idee zu diesem Stück dazu stammte wieder mal von Ted, obwohl ich mir das doch eigentlich ursprünglich vor einiger Zeit ausgedacht hatte. Mit Grutle´s Gesangsbeitrag kann ich sehr gut leben. Denn ich mochte von Anfang an nicht nur die Musik von Enslaved sehr, sondern auch die Musiker an sich. Wir haben schließlich genau denselben speziellen Humor und dasselbe ausgeprägte Interesse zur Natur in uns. Ich bin jedenfalls verdammt stolz auf den Song `High On Cold War`.“

Nicht minder von Schöpferstolz erfüllt zu sein scheint Fenriz auch bezüglich des aktuellen Cover-Songs „Love In A Void” zu sein, welcher im Original von den berühmten Punk-Ikonen Siouxie And The Banshees stammt und welcher auf die aktuelle Single mit draufgepackt wurde. Wir erfahren: „Den habe ich ausgewählt. Obwohl mich Cover-Songs in der Regel eigentlich ehrlich gesagt zu Tode langweilen. Nicht so aber dieser hier. Denn bei `Love In A Void` war es sehr leicht, eine richtig in den Arsch tretende Todesversion daraus zu machen. Ich liebe den Song.“

Überhaupt, Siouxie And The Banshees? Interessant war es anschließend zu erfahren, was sich ein dermaßen störrisches Individuum wie Fenriz sonst noch für Mucke aus dieser Ecke reinpfeift. Jetzt scheint der Fellschinder im Gespräch erstmalig aufzublühen:

„Ich höre mir beispielsweise sehr gerne eine alte Band namens The Sonics an; am liebsten eine Platte, welche aus dem Jahr 1964 stammt, wenn ich mich hier richtig erinnere. Aber auch New York Dolls finde ich echt klasse, welche in den frühen 70ern richtig gut waren. Dann finde ich The Dictators sowie ihre 1975er Scheibe noch erwähnenswert. Bei mir läuft auch eine ganze Menge von den Ramones. Was jedoch die viel gerühmten Sex Pistols anbelangt, mit denen habe ich überhaupt nichts am Hut. Mit denen hat zwar alles erst so richtig begonnen; trotzdem, nichts für mich. Ich mag Hunderte von anderen Bands aus dieser Richtung, doch mit denen kann ich einfach nichts anfangen. Zwei Bands, die mir gerade noch einfallen, sind Angel aus den 70ern und Gun aus den späten 60ern.“

Das erklärt natürlich so einiges zur gegenwärtigen musikalischen Situation im Hause Darkthrone. Wird in Norwegen überhaupt noch Metal gehört? Er winkt mit aller Lässigkeit ab:

„Aber klar doch! Schließlich höre ich pro Tag circa zehn Stunden Musik. Alle meine persönlichen Metal-Favoriten der letzten Jahre kann ich ja bei der großen Menge sowieso nicht aus dem Stegreif aufzählen, aber da lief und läuft bei mir sehr vieles beispielsweise von Nasty Savage und Cirith Ungol.“

Nachfolgend haue ich den Trommler auf „Graveyard Slut” an, einen weiteren Track von der neuen Single. „Der wurde ausgewählt, weil wir ein Stück mit einem ganz speziellen Feeling für die Single benötigten. Außerdem stehe ich bei derjenigen Version des Stücks, welche auf dem kommenden Album platziert wird, vor dem Mikro und verbreche den Gesang. Somit ist die Version von der Single schon etwas Besonderes. Ich singe ja immer wieder mal, und meistens tut das eben Ted, da wird sich auf dem kommenden Album `The Cult Is Alive` nichts ändern.“

Und noch etwas bleibt beim Alten: Denn wie im Folgenden diskutiert wurde, weigert sich Fenriz nach wie vor mit allen Kräften, im Vorfeld einer Veröffentlichung ausführliche Erklärungen zu den betreffenden Songs abzugeben. So auch zu „The Cult Is Alive“. Er verurteilt meine Fragestellung mit grimmigen Blicken und führt aus:

„Wozu soll so was denn eigentlich gut sein? Die Leute sollen die Lieder doch erstmal selbst höre und sich ein eigenes Urteil darüber bilden. Dieser ganze Mist, diese immer wieder verlangten Deutungsversuche und geforderten Beschreibungen unserer Musik machen mich eines Tages noch kaputt. Immer, wenn ich erlebe, wie Bands solche Fragen beantworten, möchte ich einfach nur noch weggehen, sorry. Ich habe nun mal meine eigene Meinung darüber. Ich hoffe, man versteht mich in diesem Punkt.“

So einfach kommt er mir jedoch nicht davon. Nach mehrmaligem Bohren in der offenen Wunde kam dann heraus:

„OK; alles, was ich überhaupt dazu zu sagen habe, ist, dass der Song `Forebyggende Krig` nicht wenige Einflüsse von Dream Death hat – was uns zur zweiten Band überhaupt macht, welche je welche davon hatte. Die andere Band ist Cathedral.“

Wie Fenriz weiter berichtet, teilten er und Nocturno Culto beiden das Songwriting untereinander auf.

„Und ich kam für meine Verhältnisse ungewöhnlich schnell voran. [lacht selbstzufrieden] Wir ließen uns beim Ausarbeiten der Tracks und Texte für Single und Album in keiner Weite von all dem Scheiß dieser maroden Welt beeinflussen. Und wenn überhaupt ansatzweise, dann geschah ein inspirativer Faktor höchstens ein wenig auf musikalische Weise, und zwar von guter Musik aus den Jahren zwischen 1970 und 1985. So kann das neue Darkthrone-Material im Großen und Ganzen getrost als frei von relevanten Einflüssen beschrieben werden. Was all unser neues Songmaterial anbelangt: Ich fühlte mich jedenfalls niemals zuvor dermaßen bösartig und lebendig!“

Im Weiteren geht es uns um das Frontcover des anstehenden Langspielers, für welches sich Fenriz laut eigener Aussage stark gemacht hat.

„Normalerweise schere ich mich ja nicht groß um die visuelle Seite der Dinge, doch für das neue Album wollte ich mich unbedingt um das Cover kümmern. Ted hatte bereits einige Ideen dafür im Kopf herumspuken, trotzdem übernahm ich diesbezüglich das Ruder. Und Eric Massicotte, der zuvor schon Front-Cover für uns gemacht hat, lieferte erneut glänzende grafische Arbeit ab, sowohl für die Single als auch für das Album. Seine Bilder sind einfach nur noch genial, dazu bringt er perfekt abgedrehte Primitivität in seine Werke ein.“

Zur übergreifenden Bedeutung des Albumtitels „The Cult Is Alive” gab es noch folgendes Statement zu hören: „Wie gewöhnlich können unsere Platten- und Songtitel immer in mehreren Richtungen gedeutet werden. Es liegt daher ganz im Auge des Betrachters, wie man so schön sagt, was man davon halten möchte. Punkt.“ Ob dem Darkthrone-Black Metal-Kult jetzt nicht bald der Sterbeschein ausgestellt wird, wird sich ja noch zeigen.

© Markus Eck, 08.02.2006

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