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Interview: DARK AGE
Titel: Ein musikalischer Organismus

Ihr neuester akustischer Rundumschlag haut härtetechnisch voll auf die Zwölf. Und auch sonst gibt sich der ewige Hamburger Geheimtipp Dark Age auf „Minus Exitus” nicht die geringste Blöße.

Irgendwie ungerecht ist es schon: Während es artverwandte Innovativ-Kapellen wie beispielsweise Disillusion längst gepackt haben und breitenträchtige Genre-Erfolge feiern, ackert der Fünfer um Gitarrist und Vokalist Eike Freese trotz genialer Alben noch immer ziemlich weit unten herum. Um diesen Missstand endlich zu ändern, hat diese ausgesprochene Spitzentruppe daher ihren famosen Melodic Dark Death Metal erneut nach allen Regeln der Spielkunst ausgelebt.

Ein Umstand mithin, welcher diesen fünften Magenschwinger zu einem atemberaubend ereignisreichen Hörgenuss-Erlebnis werden ließ. Ganze vier Jahre sind seit dem letzten Studioalbum „Dark Age” schon wieder vergangen. Dennoch waren Tastentipper Martin Reichert und seine Suizid-Crew anders andere als faul, wie ich erfuhr.

„Wie das in fast jeder Band so ist, setzen sich auch Dark Age aus recht unterschiedlichen Charakteren zusammen. Unser Sänger Eike ist ein echter Löwe, der stets mit Ideen für die Band voranprescht und versucht das Beste für uns zu erreichen. Unser Drummer André hingegen zeichnet sich für die graphischen Belange von Dark Age verantwortlich und bringt uns so immer auch optisch kreativ voran. Lead-Gitarrist Jörn wiederum ist bei uns wohl der musikalischste und ist mit Eike zusammen immer am Ball, um neue Songideen zu sammeln und aufzunehmen, während unser Bassist Alex ein Tausendsassa ist, der in vielen Bereichen im 24/7-Modus aktiv ist und sich mit mir zusammen vor allem um die organisatorischen Belange der Band kümmert. Wir versuchen alle zusammen zu halten. Manchmal denke ich, dass wir beiden die Eltern sind, ohne jedoch zu denken, dass die anderen die Kinder sind, denen man sagen muss, was sie zu tun haben. Aber es muss halt immer jemanden geben, der den Rahmen organisiert, sonst funktioniert eine Band nicht“, erläutert Stromorgelspieler Reichert die Geschicke seines stets hoch ambitionierten Haufens.

„Wie zuvor schon angedeutet, sind wir ein sehr gut funktionierender Organismus, in dem jeder seine Aufgaben hat, die auch zu ihm als Menschen passen. Vielleicht hört sich das ein bisschen kitschig an, aber wir verstehen uns untereinander sehr gut und haben immer massig Spaß wenn wir unterwegs sind. Natürlich gibt es auch mal Streit, aber das sind halt dann kleine Meinungsverschiedenheiten, wie sie in jeder Partnerschaft mal vorkommen.“

Sein persönliches Lieblingsbier ist eindeutig Beck´s Gold, so Martin. Inzwischen trinkt der Hamburger Jung aber auch gerne mal ein Glas Rotwein oder Wodka. Gin hingegen wird auch ganz gerne von ihm gebechert, bekennt der durstige Keyboarder. Doch das musikalische Hauptziel bei Dark Age ist im Grunde unverändert geblieben:

„Wir möchten Grenzen einreißen und natürlich das möglichst beste Album des Genres schreiben [lacht]. Da so etwas aber immer sehr subjektiv betrachtet wird, ist es fraglich ob wir dieses Ziel je erreichen werden. Aufgeben werden wir aber noch nicht. Zurückblickend haben wir ohnehin schon viel mehr erreicht, als wir uns zu Beginn der Bandkarriere erträumt haben. Wir haben CDs im Geschäft stehen, unsere Alben werden in fast ganz Europa und anderen Teilen der Welt verkauft, wir haben schon auf großen Festivals gespielt und zwei Europatouren absolviert. Nun lassen wir auf uns zukommen, was mit `Minus Exitus` passiert und sind sehr gespannt auf die Zukunft – und dabei auch immer offen für neue Ziele. Ein großes Nahziel von uns ist es auf jeden Fall, in Japan und den USA zu spielen, was sich eventuell mittels des neuen Albums für uns erfüllen könnte. Verhandlungen für eine Japan-Tour von Dark Age haben wir im letzten Jahr 2007 bereits geführt, mal gucken, was in diesem Jahr draus wird.“

Bewusste Einflüsse von anderen (Metal)Bands sind beim Songwriting fürs neue Werk eigentlich nicht vorhanden gewesen, wie in Erfahrung zu bringen ist. Martin hierzu:

„Wenn wir Musik schreiben, wird logischerweise die Musik produziert, die wir am liebsten selber von einer Band hören würden und auch selber zu Hause anmachen würden. Ich möchte mir unsere Alben ja auch in zehn Jahren noch anhören können und damit zufrieden sein, was wir damals gemacht haben. Anderweitige Einflüsse ergeben sich eben aus der Welt, die uns umgibt. Die Musik ist quasi die Kanalisation unserer Gefühlswelt.“

Tiefer Bezug nehmend auf das aktuelle Album „Minus Exitus“, merke ich an, dass den Jungs mit dem Lied „Seven“ schon eine sehr eigenständige und verdammt eingängige Melodic Death Metal-Nummer gelungen ist, noch dazu herrlich hymnisch und bombastisch angerichtet.

Nach und nach entdeckt man als entsprechend zugeneigter Metal-Hörer auf dem neuen Album ohnehin mehr und mehr Brauchbares für den jeweilig eigenen Geschmack. Wie schätzt Martin das Ganze für die Band ein?

„Ich hätte jetzt eher vermutet, dass gerade `Seven` den meisten Leuten als Pop-Song `aufstoßen` wird. Von einer Anlehnung an Metalcore kann bei uns aber keine Rede sein. Jedenfalls nicht bewusst. Dass es vielleicht Überschneidungen gibt ist verständlich, das liegt aber eher daran, dass die Grenzen zwischen den Musikstilen heutzutage immer mehr verschwimmen. Genauso könnte man ja auch sagen, dass wir uns am Black Metal oder Thrash Metal anlehnen. Meistens kann man ja nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, welche Band welchem Stil zuzuordnen ist. Ich finde das aber auch nicht schlimm. Eine grobe Charakterisierung reicht ja schon. Man muss nicht unbedingt für alles Neue Bezeichnungen erfinden. Daher würde ich unseren Stil einfach als Melodic Death Metal bezeichnen. Melodisch und auf die Fresse. Wir haben es auch nicht nötig, uns stilistisch irgendwo anzulehnen, nur weil es gerade `in` ist. Was würde uns das schon bringen? Dann wären wir die 773. Band in Deutschland, die Metalcore spielt.“

Mit Produzent Eike Freese lief es im Eikey Studio sehr gut, so Martin rückblickend. „Eike weiß einfach am allerbesten, wie wir genau zu klingen haben und fährt inzwischen einen Bahn brechenden Sound für uns, der auch der Vorstellung der anderen Bandmitglieder von Dark Age vollauf entspricht.“

Warum die Hamburger auf „Minus Exitus“ gerade eine U2-Coverversion platziert haben, will ich wissen. Denn ich persönlich finde die Iren seit Jahren auf künstlerischem Sektor ziemlich langweilig. Und dabei nervt mich ihr affektiertes Agieren noch weniger als die musikalische Belanglosigkeit, die mit den Jahren immer mehr einherging.

„Ursprünglich kam Eike der Song quasi als Sequel für den Song `Black September` in den Sinn. Was im Grunde wirklich nur was mit dem Titel zu tun hatte und einen schönen ruhigen Kontrast zu `Black September` geboten hätte – und wir fanden die Idee auch klasse. Leider passte `October` im gesamten Zusammenhang des Albums überhaupt nicht dahinter, da so der Fluss der Scheibe gestört wurde – und wir uns schließlich dazu entschieden, ihn als Hidden Track ans Ende der CD zu packen. Dass der Song nun von U2 ist, hatte eigentlich überhaupt nichts mit der Wahl zu tun. Ich persönlich mag die Band genauso wie du auch überhaupt nicht und `October` ist auch im Grunde auch der einzige Song, der mir richtig gut gefällt. Allerdings entspricht er ja auch nicht wirklich dem sonstigen Programm von uns. Ich würde das Lied sowieso nicht als Ehrung von U2 verstehen, sondern die Jungs haben einfach mal einen Song geschrieben, der gut auf `Minus Exitus` passt“, gibt der Tastenknaller diesbezüglich breit grinsend zu Protokoll.

Dark Age hatten für das neue Werk ja einen ganzen Haufen Gastmusiker beziehungsweise -Sänger verpflichtet, worüber es für Martin nachfolgend ein wenig zu berichten gilt. Der erzählt:

„Wir kennen die Sänger Leif, Ron und Matthias sowie Cede, der ein Gastsolo auf dem enthaltenen Instrumental gespielt hat. Die betreffenden Parts in den Songs boten sich gewissermaßen für eben genau diese Jungs an. Matthias Jell beispielsweise [Ex-Schreihals von Dark Fortress; A.d.A.] ist für mich einer der besten Black Metal-Sänger in ganz Deutschland, er hat echt eine einzigartige Stimme. So fiel die Wahl nicht schwer, als sich der Refrain von `Exit Wounds` für einen Black Metal-Sänger quasi aufdrängte. Er kam für ein Wochenende nach Hamburg und wir haben ihn aufgenommen. Auf der Bonus-DVD, die dem Album beiliegen wird, sind auch ein bis zwei amüsante Sequenzen mit ihm zu sehen. Ich hoffe, dass wir bald wieder von einer neuen Band mit ihm was hören werden.“

Warum Dark Age auf dem neuen Promo-Foto allesamt dunkle Sonnenbrillen tragen, interessiert mich. Soll das „cool“ aussehen? Ich finde dies ehrlich gesagt ziemlich abgedroschen. Martin expliziert:

„Wir fanden die Idee ganz gut, weil es für uns eben mal was anderes war. Wobei wir aber auch Bilder ohne Brillen gemacht haben. Eigentlich wollten wir auch nur mal austesten, wie das aussieht. Letztendlich hat uns das Ganze so gut gefallen, dass wir nun als Promo-Bilder ein Bild mit und eins ohne Brillen verwenden.“

Dem neuen Album-Frontcover von Dark Age werden Kenner sofort ansehen, dass es von Niklas Sundin stammt. Ich erkundige mich, wie sich die Kooperation mit Niklas gestaltete.

„Die Kooperation lief sehr professionell und geschäftlich ab. Wir haben ihm den Albumtitel und eine kleine Erklärung dazu gegeben und er hat uns diverse Vorschläge gemacht – von denen wir uns ein paar Elemente zusammen gesucht haben, so dass am Ende ein gänzlich neues Cover-Artwork dabei entstand, was uns ziemlich umgehauen hat. Über seine Auftragslage kann ich nichts sagen, aber es würde mich nicht wundern, wenn er gut zu tun hat.“

Nachfolgend sprechen wir über Metalcore und New Metal.

Ich frage Martin, ob diese Trends wie alle von der Masse hochgejubelten Mode-Erscheinungen wieder in der Versenkung verschwinden werden. Oder ob sie am Ende gar noch größer werden?

„Schwierig, das zu beurteilen. Es sprießen aber definitiv immer mehr Bands aus dem Boden, die diesen Stil fahren. Leider ist der Großteil davon einfach nur mittelmäßig und schlecht. Da kommt einfach nichts Innovatives mehr. Killswitch Engage haben einen Maßstab gesetzt, den wohl niemand überbieten kann. Meiner Meinung nach kann man die Kombination, welche sie musikalisch umsetzen, einfach nicht mehr besser machen. Im Moment sehe ich es so, dass da immer noch mehr Bands kommen und ein Ende nicht in Sicht ist. Auf dem Markt verliert man zunehmend die Übersicht, und bei jeder neuen Band denke ich immer: `Und noch eine...`“

In Martins CD-Regal steht jedenfalls eine ganze Menge Zeug herum: „Ich bin da nicht auf Metal limitiert. Von Satyricon, Black Dahlia Murder, At The Gates und Metallica über Ulver (alt und neu), Katatonia und Marilyn Manson bis hin zu Die Ärzte und Pink ist bei mir so Einiges vorhanden. Ich liebe einfach gut gemachte Musik und mein Leben ist definitiv zu kurz um mich auf einen Stil festzulegen.“

Antreiben zum seinem Tun tut den Stromorgel-Virtuosen ganz eindeutig die verkommene Welt da draußen, die ihm immer wieder Anlass genug gibt, um sich musikalisch und textlich Luft machen zu müssen. „Das Anfangszitat von `Seven` kann man hier wohl symbolisch anführen: `Hemingway once said: ’The world is a fine place, and worth fighting for.’ I agree with the second part.`“

Bei Dark Age gibt es einen regen Austausch mit Fans über MySpace und vor allem über das Internet-Forum der Band, so Martin. „Aber natürlich bestehen auch Kontakte zu anderen Bands. Es gibt in Deutschland definitiv viele Gruppen, die es lohnt zu entdecken, da wird wirklich viel geboten.“

Die letzten Live-Auftritte der Hamburger Heroen liegen schon einige Zeit zurück: „Im November 2007 sind wir ja wenigstens ein wenig unterwegs gewesen. Unter anderem haben wir dabei in unser `Heimatstadt` Pinneberg einen Gig gespielt, der sehr gut besucht war. Anfang Februar sind wir wieder mit unseren dänischen Freunden von Megalomania 999 in Dänemark unterwegs, am ersten März gibt es unsere Release-Party im Hamburger Knust und im Zeitraum Mai/Juni steht wohl eine Frankreich-Tour für uns an. Im Weiteren hoffen wir in diesem Jahr bei einer größeren Band als Tour-Support mitfahren zu können. Und dann hoffen wir eben auch endlich unsere Pläne bezüglich einer Japan-Tour zu realisieren, wie bereits angesprochen. Hoffentlich klappt das Ganze nach unseren Vorstellungen!“

© Markus Eck, 22.02.2008

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