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Interview: DARK TRANQUILLITY
Titel: Wenn schon, denn schon

Sie gelten neben den Melodic Death Metal-Giganten In Flames gemeinhin als einer der namhaftesten Mitbegründer des weltberühmten „Göteborg-Sounds“ dieser Stilrichtung an sich. Und dass Dark Tranquillity auch heute, nach 15 Jahren, noch genauso aktiv wie erfolgreich sind, ist beileibe kein Zufall. Schließlich zählen all ihre künstlerisch durchweg enorm wertvollen Veröffentlichungen zum Besten und Eigenständigsten der gesamten neuzeitlichen Schwermetallszene überhaupt.

Mit den Jahren ihrer 1989 begonnenen Karriere häuften sich mit zunehmendem Grad an Popularität die Anfragen zahlreicher Fans nach Neuveröffentlichung ihres ´91er Demos „Trail Of Life Decayed“ sowie der ultraseltenen EP „A Moonclad Reflection“ aus dem Jahr 1992.

Und genau für diese Fans erscheint nun das aufwändig gestaltete Doppelalbum „Exposures – In Retrospect And Denial“.

Eine umfassende Zusammenstellung an rarem und bisher unveröffentlichtem Material des stilistisch weithin prägenden Sextetts, welche auch erstmals Demo und EP in überarbeiteter Form enthält.

„Eine Unzahl von Leuten schrieben uns in der Vergangenheit immer und immer wieder an, ob wir denn wüssten, wo sie die EP, das Demo oder all die Bonusstücke der japanischen Pressungen unserer Veröffentlichungen finden könnten: Und gerade von Letzteren existiert eine ganze Menge. Seit ungefähr zwei Jahren dachten wir somit verstärkt daran, unseren Fans den Gefallen zu tun und eine Art Kollektion des bisher unveröffentlichten Materials von uns zugänglich zu machen“, lässt ein überschwänglich gut gelaunter Mikael Stanne eingangs verlauten.

Der ebenso charismatische wie sympathische Shouter, welcher auch „Lunar Strain“, das Debütalbum von In Flames, einsang, schließt dem rasch und erzählfreudig an:

„Und da uns halbe Sachen noch niemals lagen, beschlossen wir, Nägel mit Köpfen zu machen. Daher stellten wir für `Exposures – In Retrospect And Denial` eine lückenlose Zusammenstellung an sämtlichen raren und bisher so nicht auf dem Markt erhältlichen Stücken von Dark Tranquillity auf. Dieses Doppelalbum ist somit eine erschöpfende Sammlung an sehr schwer bis gar nicht zu kriegenden Songs. Sämtliches Seltenes, was wir je aufnahmen: Hier ist es nun endlich zu hören.“

Wenn die Zeit es also zuließ, wie Mikael dazu weiter berichtet, dann forstete die Band ihre jeweiligen privaten Archive durch und so nahm das neue Dark Tranquillity-Release Stück für Stück Gestalt an.

Zu schämen braucht sich seine Band laut vollkommen überzeugt klingender Aussage von Mikael jedoch für keine der Aufnahmen auf dem aktuellen Werk, mögen diese auch noch so weit zurückliegen:

„Nein, überhaupt nicht“, entfährt es dem Sänger überaus laut und impulsiv.

„Jeder der vielen Songs auf diesen beiden Scheiben repräsentiert uns eben auf dem jeweiligen Stand unserer musikalischen Entwicklung. Die Bandbreite der Stücke bewegt sich ja schließlich von den Anfängen bis fast hin zur Gegenwart. Außerdem haben wir dank aufwändiger digitaler Nachbearbeitung jedem Track dieser `Werkschau` ein mögliches Optimum an Klangqualität zukommen lassen.“ Was primär auf der für die Band leidigen Tatsache basiert, dass einige der nun neu aufbereiteten Dark Tranquillity-Songs seit einiger Zeit als MP3s im Netz oder als Raubkopien im Kassettenformat kursieren, wie Mikael aufgrund deren überwiegend lausiger Klangreinheit bedauert.

Und nicht nur meinem bemerkenswert freundlichen Gesprächspartner Mikael, auch der ganzen Band brachten die Arbeiten an „Exposures – In Retrospect And Denial“ darüber hinaus eine umfangreiche Fülle an Erinnerungen mit sich:

„Als wir an die Restaurationsarbeiten zu gewissen Kompositionen gingen, begannen sich einige von uns sogar ganz genau zu erinnern, was speziell damals in ihren Köpfen während der Aufnahmen vor sich ging; sehr erstaunlich, wie ich finde. Je älter die Aufnahmen, desto länger verbrachten wir dafür im Remastering-Studio, es war eine sehr schöne Erfahrung, die alten zugrunde liegenden Eindrücke erneut ins Gedächtnis zu rufen. Da die meisten Lieder auf dem Doppelalbum doch ziemlich neueren Datums sind, reizten uns die älteren Sachen ungleich mehr.“

Dieser Umstand führte dazu, dass für Songs wie „Void Of Tranquillity“, „Vernal Awakening“ oder „Unfurled By Dawn“ so einige Zeit draufging, bis alle mit dem neuen Soundgewand zufrieden waren.

Mikael erinnert sich: „Es dauerte mitunter sogar viele Tage, bis wir mit der Überarbeitung eines einzelnen der ganz alten Songs fertig waren, auch in dieser Hinsicht sind wir halt die bekannt manischen Perfektionisten: Wenn schon, denn schon.“

Es schmeichelt ihm sehr und er stimmt daher freudig zu, als ich das aktuelle Scheibenduo ein „Zuckerl“ für die eingefleischtesten Anhänger von Dark Tranquillity tituliere.

Befasst man sich daneben mit den grafisch oftmals überragenden Arbeiten von Gitarrist Niklas Sundin, welcher es auch als sehr talentierter Cover-Designer zu breiter Bekanntheit gebracht hat, mutet die Hülle für das neue Erzeugnis doch etwas schlicht an. Mikael nimmt Stellung:

„Genau so war es auch geplant. Denn wir wollten ein Höchstmaß an Interpretationsmöglichkeiten offen lassen. Daher hat sich Niklas sich dieses Mal etwas ganz Anderes, auf gewisse Art und Weise ganz Neues einfallen lassen. Da `Exposures – In Retrospect And Denial` zu unseren sonstigen Veröffentlichungen doch sehr differiert, wünschten wir uns ein auffallend anderes Cover-Artwork dafür – sozusagen als erstes Signal der Andersartigkeit bei optischer Kontaktaufnahme.“

Gespannt darf man daher als Fan der Göteborger Helden sein, wie die Covers für die geplanten Neuveröffentlichungen der vergriffenen Alben „The Gallery“ sowie „The Mind´s I“ ausfallen werden, welche Mikael abschließend für Sommer 2004 ankündigt.

© Markus Eck, 26.04.2004

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