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Interview: DIE APOKALYPTISCHEN REITER
Titel: Höhenflug über sämtliche Barrieren

Nächstes Jahr machen sie ihre ganz persönlichen zwei Dekaden Schwermetall voll. Seit der saftigen, 2011 veröffentlichten Langspiellektion „Moral & Wahnsinn“ hatten die Fans der freigeistigen Thüringer Metal-Nonkonformisten auf ein weiteres Album zu harren.

Als entsprechend faire Entschädigung für die Wartezeit kreuzen Die Apokalyptischen Reiter nun mit einem sagenhaft vielfältigen Doppelalbum auf: Eine Scheibe „Tief“ mit Stromgitarren, eine „Tiefer“ ohne.

Und die ungewöhnliche Betitelung „Tief.Tiefer“ überdacht das wahnwitzig einfallsreiche neue Songmaterial der bekanntlich überaus anspruchsfreudigen Denkertruppe um Axeman und Vokalist Fuchs vollauf passend.

Bis heute hat sich seit der Gründung sehr viel getan bei der ostdeutschen Reitergarde. Denn das Quintett pulsiert im Innern seit jeher so heftig wie ein angestochenes Wespennest.

Tieftöner und Synthesizer-Stimmungsmacher Volk-Man schreibt gerade ein Buch über den außergewöhnlichen Werdegang seiner kecken Wahnsinnskapelle, wie er offenbart. 



„Das soll dann zum 20-jährigen Bandjubiläum 2015 erscheinen. Es ist eine Menge passiert, was den Rahmen dessen, was dieses Interview haben kann, wohl sprengen wird. Um es kurz zu machen: Wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht, ein ,Nein‘ nie akzeptiert (höchstens zähneknirschend hingenommen) und haben ,gute Ratschläge‘ kategorisch abgelehnt. Das brachte meist Freud, mitunter auch Leid, aber wir erschufen so ein kreatives Klima, welches uns als Musiker, aber auch die Fans, gleichermaßen über einen sehr langen Zeitraum begeistern und immer wieder überraschen konnte.“

Befragt, was die geneigten Hörer seiner eigenen Einschätzung nach auf musikalischer Ebene auf dem neuen Release im Unterschied zum vorherigen Reiter-Album erwartet, möchte der Quirlige nicht mit den zu erwartenden Plattitüden und Superlativen antworten.

„Mit Worten wie ,das Beste‘ oder ,das Größte‘ wird heutzutage viel zu leichtfertig umgegangen. Es ist Reiter 2014. Im Großen und Ganzen ist es aber die Neudefinition eines ohnehin offenen und schwer greifbaren Stils. Wir toben uns aus, lassen tief blicken und widersetzen uns Vorschriften aus dem Heavy Metal-Handbuch mit voller Absicht.“


Ob die neuen Kompositionen nun so richtig geglückt sind oder eher nicht, müssen andere entscheiden, so Volk-Man.

„Ich bin da zu befangen. Es gab und gibt immer den magischen Moment, wenn man probt, wenn plötzlich die Magie im Raum ist, alle sich ansehen, man eine Gänsehaut bekommt und spürt, ,ja, genau das ist es‘. Wir sind über drei Jahre durch die Welt gezogen, haben an ungewöhnlichen Orten ohne Zeitdruck genau dieses Gefühl gesucht. Aus losen Ideen konkretisierte sich nach und nach eine Vision. Die größte Stärke ist, dass die Lieder nichts Halbgares sind, sondern zum Teil mehrere Jahre wie ein guter Schinken reifen konnten. Es ist detailverliebt und im Falle von ,Tiefer‘ gab es sogar eine ,Probesaison‘, in der wir geheime Akustikshows spielten um herauszufinden, ob so etwas Spaß machen kann.“

Die Bandbreite an verschiedenen Einflüssen erstreckt sich in den neuen Liedern eindeutig noch viel weiter als jemals zuvor. Obwohl es zuvor ohnehin schon weit abseits des Gängigen war. Da taucht die Frage auf: Welche Bands hört sich ein Typ wie Volk-Man eigentlich am liebsten an? Die Antwort kommt mit eindeutig vermittelter Lockerheit:

„Ziemlich querbeet. Da kann wirklich von brachialem Death/Grind/Black über Klassik, Weltmusik bis hin zu Electro und Dubstep alles dabei sein. Ich entdecke praktisch täglich neue Musik. Das ist auch von der jeweiligen Jahreszeit und Stimmung abhängig. Mir persönlich geht es bei Musik immer um die Energie, die fließt und die man spüren kann. Sie transportiert ein bestimmtes Lebensgefühl. Genredefinition machen es immer etwas schwierig, weil Menschen daran kleben und sich orientieren wollen. Aber sie nehmen einfach viel vorweg und hindern den Menschen daran, das zu sehen und zu hören, um was es wirklich geht und was es für ihn bedeutet. Aus diesem Grund mag ich es beispielsweise nicht, ausführliche Filmkritiken zu lesen, bevor man ins Kino geht. Ich will nicht diese vorgefertigte Meinung eines einzelnen Menschen im Kopf haben und mich davon beeinflussen lassen. Das gilt mit Abstrichen auch für Musik. Daher halte ich mich gern zurück, wenn man danach fragt, unseren Sound zu ,erklären‘.“


Reitermania, diesmal noch außergewöhnlicher, eigenständiger, mutiger, entschlossener, vielfältiger, weiter über den Tellerrand blickend etc. als je zuvor. Beachtlich. Wir sprechen deshalb im Weiteren darüber, wie die grundsätzliche Idee zu zwei derart unterschiedlichen Teilen des Doppelalbums entstand. Der Bassist und Tastenmann hierzu:

„Es hat sich in der Tat so entwickelt. Ursprünglich gab es die Idee, eine akustische EP zu machen, aber es erschien uns irgendwann etwas halbherzig und halbgar. Also haben wir mehr geforscht, in uns, in der Vergangenheit, einen ziemlich schrägen Trip auf einem Hausboot unternommen, musiziert, gejamt, das Leben genossen, Augen und Ohren weit aufgesperrt und Uhren verbannt. Der Zeit ein Schnippchen geschlagen. Losgelöst von den Zwängen riesiger Hallen, Tonnen von Technik und Stahl sind wir der Idee anheim gefallen, Ursprünglichkeit und Autonomie wieder zu erlangen. Zumindest war dies eine der Triebfedern, auch mal den Stecker zu ziehen und leise Musik zu machen. Im letzten Jahr gab es bereits einige geheime akustische Shows, mit riesigem Spaß unsererseits und tollen Reaktionen der Fans. Viel Zuspruch, viel Mut. Am Ende des Weges standen fast 30 Songs, die in ihrer musikalischen Vielfalt schlicht allumfassend waren und viel zu groß für ein Album.“


Bis heute liebt dieser Vollblutmusiker dabei primär das Gefühl der Freiheit und den magischen Moment, Dinge im Augenblick zu erschaffen, die die Zeiten überdauern werden. Er philosophiert: „Das Leben ist endlich, Musik unsterblich.“

Die künstlerisch sattelfesten Rittmeister kümmern sich auf „Tief.Tiefer“ einen feuchten Mist um sämtliche Vorgaben des musikalischen Metiers.

Doch diesmal sind die extrem innovativen Ambitionen sogar mit noch größerem Hunger betrieben worden. Volk-Man nickt zufrieden.

„Das mit dem sich nicht scheren um Genrekonventionen ist so neu für die Band nicht, aber so offensichtlich gegen den Strom wie dieses Mal waren wir in der Tat noch nie. Der Punkt ist: Es geht gar nicht um das Polarisieren oder kalkulierte Anecken. Wenn man stumpf auf Provokationskurs gehen wollte, müsste man dies wohl deutlich stumpfer tun. Man würde auch nicht über drei Jahre daran feilen, etliche Trips und Probeaufnahmen machen, wenn der Anspruch eher oberflächlich und billig wäre.“

Circa 36 Monate nahm das gesamte Songwriting für die neue Doppelscheibe in Anspruch. Eine ungewöhnlich lange Zeitspanne für offenkundig so immens kreative Geister wie die Reiter.

Unterschwellig spürte jeder in der Band, dass nach „Moral & Wahnsinn“ und der im selben Jahr auf den Markt gebrachten Reiter-Kompilation „The Greatest Of The Best“ eine Art Kapitel abgeschlossen worden war, so Volk-Man nachdenklich.

„Das Neue, das Unbekannte pirschte sich durchs Unterholz an. Wir wollten nichts überstürzen, sondern uns selbst Zeit lassen, um den Wandel zu begreifen und in Musik zu übersetzen. Statt im Proberaum zu schreiben, haben wir dieses Mal ausschließlich unterwegs auf Reisen geprobt, gejammt und aufgenommen. Die Magie, aus der täglichen Routine mit all seinen Zwängen auszubrechen, war gewaltig. Da der Prozess im vergangenen Jahr noch nicht abgeschlossen war, entschieden wir, das Album zu verschieben, was im Nachhinein betrachtet, auch die beste Entscheidung überhaupt gewesen ist.“

Die inspirierenden Eingebungen kamen sozusagen in Wellen zu ihnen, so der Viersaitenhengst frohgemut. „Die akustische Seite war für uns eine Art Neuland, hier musste praktisch alles verlernt werden, das Pompöse, das Pathos und vor allem die Gewalt, die Metal-Shows innewohnt. Stilhalten, zerbrechlich und nackt sein, Bühnenerfahrungen können verschiedener nicht sein. Parallel dazu auch eine Neudefinition dessen, was Sound ausmacht, wie Sound entsteht. Wir haben gerade auf ,Tief‘ einige Dinge getan, die ausdrücklich so nicht im besagten Heavy Metal-Handbuch stehen. Die Gitarren haben zum Teil sehr wenig Verzerrung, dafür räubern krasse Synthesizer in Gefilden, wo man sie nie vermutet hätte. Alles in allem: Grenzen erkennen, Grenzen ignorieren oder bewusst verletzen. Bei ,Tief‘ gab es im Herbst 2013 bei einem unserer zahlreichen Trips in die menschenleere Uckermark eine Art Initialzündung, wo aus den ersten vagen Ideen plötzlich eine konkrete Vision dessen wurde, was das Album sein kann und nun ist.“

Doch auch stagnative Passagen sind bei den Reitern durchaus vorhanden.

„Das war früher schon hin und wieder so und die wird es auch immer wieder geben. Ortswechsel, Gruppenerfahrungen, Trips ... alles, was einen aus der Routine herausreißt, die man für Stillstand verantwortlich machen kann, kann hilfreich sein. Kann, muss aber nicht. In unserem Fall würde ich eher davon sprechen, dass wir an einen Punkt kamen, wo man das Gefühl hatte, ein ,weiter so‘ würde uns persönlich nicht befriedigen. ,Tief‘ und auch ,Tiefer‘ brechen bewusst aus der Kontinuität der vorhersehbaren Gerade aus. Jedes Album auf seine Weise.“

Was die Zusammenarbeit der einzelnen Bandmitglieder an sich für diese immens facettenreichen, neuen Stücke betrifft, so gab es auch in diesem Bereich neue Konstellationen, neue Herausforderungen etc.

„Andere Instrumente. Ein unverkrampfter Blick auf die Möglichkeiten, die die technische Revolution offenbart. Das bewusste sich Hineinstürzen in Sound-Datenbanken und ungehemmte, fast kindliche Lust, am Experimentieren. Die Band kam da in Situationen, an denen sie vorher noch nie war und auch unter uns Musikerkollegen herrschte nicht immer nur eitel Sonnenschein. Aber das leidenschaftliche Streiten für das Album führte zu jener emotionalen und inhaltlichen Tiefe, die beide Alben so eng verbindet.“

Obwohl Fuchs für alle Texte zuständig ist, so Volk-Man, gibt es in der Band in der Tat einen regen Gedankenaustausch über Dinge, die in Welt passieren.

„Wir setzen uns dabei mit Gegebenheiten auseinander, die uns umgeben und unser Leben und das Leben aller beeinflussen. Spezielle Bücher oder Filme würde ich eigentlich nicht nennen, da dies nur ein Teil des Wissens und der Erfahrungen ausmacht, die man letztlich im Laufe eines Albums macht. Ich erinnere mich an einige sehr interessante Aussagen des französischen Sozialwissenschaftlers Pierre Bourdieu oder auch Klassiker wie Adorno, die wir bei unseren Gesprächen angerissen haben. Filme sind ja meist nur eine Art Zuspitzung, hier kommt leider selten Erbauliches. Die Endzeitsaga ,Snowpiercer‘ von Joon-ho Bong ist eine der wenigen Ausnahmen.“

Der Dialog geht über zu den Lenkern dieser Welt und die gezielt vollzogene Verdummung und charakterliche Verflachung der Menschheit. Der Bassist lässt zu diesem Kontext wissen:

„Die Verdummung erfolgt systematisch und mit großem Erfolg. Vieles von dem, was als Fortschritt verkauft wird, ist in Wirklichkeit rückschrittlich oder entpuppt sich, wenn man mal genau darüber nachdenkt, als purer Unsinn. Aber den Menschen das Denken abzugewöhnen, sie im Reizsupergau zu belassen, wo sie all willfährige, tumbe Tastaturbedienmasse genau dahin rennt, wohin es die wirklich Mächtigen und Einflussreichen haben wollen, ist leider in vollem Gange. Musik ist hierbei ein Ventil, was uns hilft, den Zustand, den man kaum ertragen, aber doch erdulden muss, zu beschreiben. Die Wut und der Frust sind echt.“

Wie erlebt eine ausgesprochene Individualisten-Band wie Die Apokalyptischen Reiter eigentlich die ganzen Veränderungen im Metal-Bereich?

Beispielsweise den vorübergegangenen MySpace-Hype oder die anhaltende Facebook-Hysterie?

„Man muss sich notgedrungen dafür interessieren, auch wenn die Entwicklung kritisch gesehen werden sollte. Hier kommt es auf die Perspektive an. Eine Verweigerungshaltung, die mit erhobenem Finger einher geht, ist für mich nur dann glaubhaft, wenn sie tatsächlich konsequent durchgezogen würde. Aber wenn ich mich recht entsinnen, nutzt ja selbst ATTAC die von der NSA ausgeschnüffelten Dienste von Datenkraken wie Facebook oder Twitter, um Demos oder Flashmobs zu organisieren. Das Problem: Wo ist die Grenze? Gibt es überhaupt eine? Beziehungsweise, wo ziehe ich meine Grenze? Keine Frage, zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Losgelöst davon kann man Soziale Netzwerke als das sehen und begreifen, was sie wirklich sind. Orte, an denen Menschen sich im Netz treffen und austauschen. Als Band hatte man nie ein mächtigeres Tool in der Hand, um direkt mit Leuten in Verbindung zu treten. Und insofern auch die eigene Karriere zu lenken und zu steuern.“

So erhofft sich der aufgeweckte Charakter für seine musizierende Reitergarde für die nächsten zehn Jahre „Liebe, Lust und Leidenschaft“, wie er noch offenbart. „Der Rest kommt von selbst, früher oder später.“

© Markus Eck, 10.05.2014

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