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Interview: DIMMU BORGIR
Titel: Black. Metal. Bruderschaft.


Wenn Frontteufel Shagrath mit seinen verschworenen Recken die Bühne betritt, werden nicht nur haufenweise dunkle und mystische Energien freigesetzt. Sondern die prägende Norweger Black Metal-Ikone Dimmu Borgir weiß auch seit vielen Jahren um die Relevanz von orchestral pulsierender Opulenz und ästhetisch-abgründiger, geisterhafter Schönheit im frostigen Songmaterial.

Global warten ganze Heerscharen von glühenden Anhängern seit dem 2010er Album „Abrahadabra“ auf neue, eisige Nachthymnen. Für Ende 2017 haben die außergewöhnlich Erfolgreichen ein neues Studiolangwerk angekündigt.

Bis dahin können sich die Fans jetzt am Live-Release „Forces Of The Northern Night“ erfreuen, einer aufwändigen Doppel-DVD mit allem drum und dran. Aufgezeichnet wurden dafür zwei ganz spezielle, bombastisch umgesetzte Shows, jeweils in Wacken und Oslo.

Laut Gitarrist Silenoz hätte „Forces Of The Northern Night“ eigentlich schon viel eher erscheinen sollen.

Aber am Ende sind er, Shagrath als auch Leadgitarrenvirtuose Galder mit dem aktuellen Termin doch am glücklichsten.

„Es kam immer wieder was dazwischen. Da wir aber Ende des Jahres unser nächstes Album an den Start bringen werden, dient die neue Doppel-DVD doch als optimaler Appetizer, so denken wir, um Dimmu Borgir zeitgerecht wieder ins Gespräch zu bringen. Doch wir waren ohnehin nie richtig weg, haben immer an irgendetwas für die Band gewerkelt - wir flogen lediglich unter dem Radar der Szene, um es mal so zu sagen“, kommt es souverän gesprochen hervor, von einem breiten Grinsen flankiert.


So viel Selbstsicherheit verwundert Kenner der Formation nicht, stehen die weltweiten Fans doch ungebrochen hinter den Osloer Finsterkönigen. „Die Reaktionen auf die Verkündung des aktuellen Releases sind anhaltend großartig und unterstützend, was uns als Musiker und Bandbetreiber natürlich einmal mehr enorm bestätigt. Natürlich kommen simultan auch immer Fragen, warum das Ganze denn nicht eher auf den Markt gekommen ist, was wir auch vollauf nachvollziehen können. Glücklicherweise sind die Leute aber primär einfach nur verdammt froh, dass wir nun endlich wieder so richtig zurück sind, und das ja auch mit einer tollen neuen Veröffentlichung, für die sich das Warten letztlich definitiv gelohnt hat. Es fühlt sich dieser Tage für uns so an, als wäre alles bei Dimmu Borgir zum Normalzustand zurückgekommen. Wir finden es wichtig, dass die Leute verstehen, dass man nichts erzwingen sollte, von dem man sich etwas Großes erwartet. Es muss auf ganz natürliche Weise entstehen, ausreifen, und genau so haben wir es auch gemacht.“

Der Titel „Forces Of The Northern Night“ ist nicht nur vortrefflich gewählt, er drückt für Silenoz auch das eigentliche Credo der drei Black Metaller aus. „Wir kommen aus Skandinavien, es ist überwiegend ziemlich dunkel hier, was das Leben schon ein wenig schwerer machen kann. Doch wir haben dafür das Nordlicht, die Aurora Borealis - ich selbst sehe Dimmu Borgir als nächtliche Antwort darauf. Ein tieferer Sinn steckt jedoch nicht hinter ‚Forces Of The Northern Night‘, wir halten diese Textpassage aus dem Lied Dimmu Borgir für einen coolen, repräsentativen Titel.“


Als der Dialog schließlich direkt zur aufgezeichneten, Osloer Liveshow übergeht, zieht es die Augenbrauen des Axeman wie von Geisterhand ruckartig nach ganz oben.

Große Augen, großes Thema: „Diese Show ist für mich der perfekte Teil der DVD. Es war ein wahrlich gigantischer, opulenter Platz für uns, um das alles aufzuführen. Wir hatten unser komplettes Set im Vorfeld dort penibel einzustudieren, bevor der finale Abend da war. Dies machte es für uns viel einfacher als beispielsweise in Wacken aufzutreten, wo wir die Bühne vor dem Auftritt natürlich nicht einfach so austesten können. In Oslo war es aber eine große Erleichterung, wir gingen jedes noch so kleine Detail vorab durch, um sicherzustellen, dass diese spezielle Show rundum perfekt wird.“


Die Kooperation mit dem norwegischen Kringkastingsorkestret, dem auch als (Begleit)Chor arbeitenden Radioorchester, haben die drei Dimmus in vollen Zügen genossen, so Silenoz.

„Man arbeitet dabei mit den Besten ihres Fachs. Wir haben damit realisiert und verstanden, dass wir gar nicht mal so superprofessionell sind, im direkten Vergleich. Diese Leute haben uns beigebracht beziehungsweise gezeigt, was richtige Professionalität letztlich wirklich bedeutet! [lacht] Im Ernst, es war umwerfend zu sehen und zu erleben, wie sie ihren Teil der Arbeit umsetzten und wie gut ihr Beitrag mit unserer Musik zusammenpasst. Ganz besonders, wenn man einen fähigen Mann wie Gaute Storaas hinter sich weiß, der die Noten unserer Songs für das Orchester entsprechend aufbereitete und viel bei den ganzen Arrangements half. Sie alle brachten uns den opulenten, gigantischen Klang, den wir für diese Lieder haben wollten und das Erlebnis war unglaublich!“


Auch in Wacken geriet die Zusammenarbeit von Dimmu Borgir mit dem Tschechischen Nationalen Symphonieorchester zu einer unvergesslichen Angelegenheit, erinnert sich der String-Maniac. „Irgendjemand empfahl uns damals, dass wir die mal anchecken sollten. Und weil wir in der Vergangenheit bereits schon für das ‚Death Cult Armageddon‘-Album mit einem tschechischen Orchester kooperierten, wussten wir, wie großartig man mit Musikern von dort zusammenarbeiten kann. Auch wenn sie nicht unsere Sprache beherrschten, war die gemeinsame Arbeit nicht viel weniger produktiv und angenehm als mit den Norwegern. Sie spielten dieselben Noten wie unsere Landsleute, was am Ende ein ziemlich gleiches Ergebnis mit sich brachte.“


Gerne erwähnt der Mann auch noch die enthaltene Dokumentation mit gefilmten Band-Interviews und gezeigter Arbeit hinter den Bühnenkulissen. „Ein kleines Making-Of war uns schon wichtig dabeizuhaben, das auch die Proben der Osloer Show mit einblendet. Der kurze Film zeigt die Vorbereitungen, wie wir mit dem Orchester und dem Chor zusammenarbeiteten. Man kann sich darin aber auch Gespräche mit dem Dirigenten ansehen sowie mit diversen Leuten, die hinter den Kulissen agierten.“ 


Alles in allem werden mittels „Forces Of The Northern Night“ drei volle Stunden Symphonic Black Metal präsentiert, mit nahezu 100 Musikern auf den Brettern.

Silenoz bejaht voller Harmonie im ganzen Gesicht, darauf in gesunder Weise stolz zu sein.

„Man kann sich nicht helfen, aber man fühlt sich schon einfach überirdisch gut, mit so dermaßen vielen Menschen hinter einem auf der Bühne. Wir hatten es bereits ja schon seit so einigen Jahren im Kopf, endlich auch mal mit einem richtigen Orchester zu performen, nicht nur auf unseren Alben selbst, was ohnehin schon fantastisch ist. Doch eine solche Symbiose auf die Bühne zu bringen, ist natürlich viel spektakulärer. Für mich und die anderen beiden in der Band war es sozusagen ein im verborgenen gehegtes Lebensziel. Direkt hatten wir nie darauf hingearbeitet, es schien uns wohl anfangs noch zu groß, zu vermessen. Als die Möglichkeit sich jedoch dann bot, mussten wir sie einfach nutzen - natürlich waren wir im Vorfeld und eigentlich bis zum Finale entsprechend positiv nervös und aufgeregt.“

Doch Dimmu Borgir meisterten ihr ersehntes Vorhaben zu aller Freude und Genuss, ergänzt der immer noch liebenswert bescheiden auftretende Saitenschrubber.

„Wir können das alles als wichtigen und markanten Meilenstein in unserer musikalischen Laufbahn verbuchen, es erfüllt uns mit einem erhabenen und majestätischen Gefühl. Und dies nicht nur deswegen, weil wir als eigentliche Black Metal-Truppe mit 100 Orchesterleuten auf der Bühne gestanden sind, sondern auch auf persönlicher Ebene. Man erschafft die eigene Musik ja grundsätzlich aus dem Nichts heraus und auf einmal darf man seine Lieder vor einem weltweit angereisten Publikum aufführen, das sich wirklich aus sehnlichstem Herzen darauf freut. Im Auditorium waren Besucher aus Australien, Asien und den Vereinigten Staaten von Amerika, was es umso spezieller gemacht hat für uns.“




Und die Angereisten konnten sich an einer echten Vollbedienung erfreuen, bei der rein gar nichts dem Zufall überlassen wurde. „Wir arbeiteten mit vielfältigen Licht- und Pyro-Effekten, einem großen Bühnenszenario und natürlich, wie es seit vielen Jahren gängiger Usus ist bei uns, wechselte Shagrath seine Outfits mehrmals während der Show. Das ist etwas, was jedes unserer Konzerte braucht. Wir investieren dafür stets umfangreiche Vorbereitungen, da es natürlich ein ausgefeiltes und geübtes Timing benötigt, Kostümwechsel reibungslos zu bewerkstelligen. Jeder von uns weiß daher ganz genau, was er wann zu tun hat. Dazu muss man aber auch seiner Crew vollauf vertrauen können, speziell, wenn es zur Zündung von Pyros kommt oder zum Instrumentenwechsel. Alles, jeder kleine Schritt, muss penibel genau koordiniert ablaufen.“ 


Die Songauswahl für die dokumentierten Events entspricht tatsächlich beinahe derjenigen einer typischen Dimmu Borgir-Show, informiert Silenoz.

„Die Hälfte der Lieder, die wir stets spielen, fand schon Einzug. Die Leute wollen unsere Klassiker immer und immer wieder hören, was sowieso optimal ist für uns. So hatten wir keine Mühe damit, aus unserem Basisprogramm auszuwählen. Darüber hinaus wollten wir allerdings aus Stücke einbringen, die unserer Ansicht nach ganz besonders gut mit orchestraler Untermalung beziehungsweise Begleitung funktionieren. ‚Mourning Palace‘ zum Beispiel klingt auf diese Weise doch wirklich großartig. Jedoch muss ich auch zugeben, dass es immer schwierig ist, es allen vollauf recht zu machen. Man kann als Band wohl niemals alle Songs spielen, die man gerne möchte. Und das wird von Album zu Album auch immer schwieriger.“


Im Gegenzug dazu wird die Verbundenheit von Shagrath, Silenoz und Galder als Trio Infernale immer fester und stärker, wie bestätigt werden kann.

„Ja, das stimmt, wir sind mittlerweile der Kern von Dimmu Borgir geworden. Wir sind die Schöpfer all der ganzen Musik, es funktioniert ungemein gut. Galder trat der Band in 2000 bei, was inzwischen auch schon wieder 17 Jahre her ist! Selbst als Mitglieder kamen und gingen, arbeiteten wir drei im Innersten der Band stetig an neuem Material. Da jedes Mitglied dem Gesamtsound von Dimmu Borgir seinen individuellen Stempel aufdrücken durfte, rein musikalisch und auch kompositorisch, klingen unsere Veröffentlichungen somit auch in jedem Zeitabschnitt unseres Wirkens unterschiedlich. Ich möchte nichts aus dem wegnehmen, was die Musiker in der Vergangenheit bei uns eingebracht haben. Ebenso wenig mag ich im Nachhinein auch nicht ihre jeweilige Hingabe und Einsatzbereitschaft an und für Dimmu Borgir hinterfragen. Wenn es aber um das direkte Songwriting und dessen Ausführung geht, so waren wir drei schon seit jeher der Kern. Wir sind somit eine ‚runde‘ Vereinigung geworden in all der Zeit, die sich gegenseitig wirklich höchst respektiert und auch schätzt.“

© Markus Eck, 16.04.2017

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