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Interview: DUDELZWERGE
Titel: Gemeisterte Gratwanderung

Anno 2000 würfelten im sächsischen Leipzig einige schlitzohrige Haudegen in bester Bierlaune ihre musikalischen Geschicke zusammen, um fortan die Sinne ihrer Mitmenschen mit pfiffigen Spielmannskünsten zu erquicken.

Sämtliche Beteiligten fühlen sich ideell in der faszinierenden Zeit des Mittelalters zuhause. Und so nahm das stilistisch erdige Treiben der Dudelzwerge bis heute seinen lebendigen Lauf.

Und so musizieren die fünf Mannen mit wuchtigem Trommeltakt, fidel gepusteten Flöten- und Sackpfeifentönen mitsamt verspielt inszenierter Drehleier etc. zum höchst ausgelassenen Gnomentanze auf.

Auf lyrischer Ebene wird dabei natürlich kein Blatt vors lose Maul genommen. Daher sind die erweckend aufrichtigen Liedertexte des ostdeutschen Quintetts allesamt von sehr eindringlicher Erscheinung.

Alles andere als langweilig ist also die Zeit, die man mit diesem humorigen Trupp und seinen aufmunternden Klängen verbringt, was nicht zuletzt auch am mitunter breiten musikalischen Spagat liegt, den dieser außerordentlich notenfreudige Haufen mit seinem tanzbaren Sound in die Neuzeit schlägt.

Im Dezember des aktuellen ausklingenden Jahres veröffentlicht das Ensemble gleich zwei CDs unter den programmatischen Titeln „Aussaat“ und „Ernte“.

Enthalten sind auf der einen Scheibe akustische Mittelaltermarktmusik und der zweite Diskus bietet neue rockige Stücke zum Lauschen.

Herr U., ein echter Kerl der Überzeugungen, zeichnet in der Dudelzwerge-Horde für kraftvolles Blasen von Sackpfeifen, Schalmeien und Flöten verantwortlich.

Er bezieht zunächst Stellung zum betont humorigen und an heitere Trinkfreuden erinnernden Bandnamen:

„Der Gruppenname stammt noch aus der Anfangszeit der Band, als alle Mitglieder kleiner als eins-vierzig waren und wir ausschließlich mit Dudelsäcken und Trommeln auf der Bühne hantierten. Jetzt steht er für einen selbstständigen, kreativen Sound, der sich deutlich von dem unterscheidet, was derzeit in der Szene zu hören ist. Deshalb haben wir den Namen Dudelzwerge auch immer beibehalten, es ist mittlerweile ein Markenname für unseren Stil. Aber wenn es denn unbedingt Alkohol sein muss, dann kann jeder ihn mit Trinkfreude verbinden: Denn es gibt jetzt eine Schnapssorte, die unseren Namen trägt und sehr gut schmeckt! Man kann das Getränk bei der Firma Kathos auf Live-Events und im Internet beziehen.“

Ein Säufer ist U. ohnehin nicht, wie ihm nachfolgend zu entlocken ist. Wir erfahren: „Wir haben keine Abstürze. Als erwachsener Mensch, der auf der Bühne steht und für viele Leute öffentlich in Erscheinung tritt, muss man, so haben wir uns vorgenommen, ein Vorbild für die Jugend und ein Beispiel für Mustergültigkeit sein. Die Abstürze überlassen wir lieber den Schauspielern und Popsängerinnen. [grinst schelmisch] Werbung für irgendeine Getränkemarke werden wir hier auch nicht machen, dafür wurde uns noch kein Lohn angeboten“, verlässt es den Mund des Mittealtermusikanten mit einem Lächeln.

Sein persönliches Lieblingstier wird im Dudelzwerge-Song „Mein Tag“ auf „Ernte“ besungen, wie Herr U. mit hochgezogenen Augenbrauen in mirakulöser Manier verkündet:

„Wir haben diesen Text geschrieben, weil es eigentlich unser aller Lieblingstier ist. Das Männchen ist von silberner Farbe und das Weibchen glänzt im Licht golden. Auf dem Hals, den sie sehr oft vor und zurück bewegen, tragen sie eine schwarze Haube. Weswegen es unser Lieblingstier ist, wird klar, wenn man sich einmal darunter begibt. Was sie an schäumender, goldgelber Flüssigkeit ausscheiden, schmeckt auch noch hervorragend! Ich gebe folgenden Tipp: Es ist rein namensmäßig mit dem weißen, krähenden Federvieh verwandt. Es fängt mit Z an und endet mit einem N.“ Das Rätselraten darum kann also beginnen.

Die Fans des lebendigen Musikantenvereins forderten eine CD mit neuen Dudelzwerge-Akustikstücken, so berichtet der Sackpfeifenspieler im Anschluss. Und die sächsische Gruppe wollte dies ohnehin schon länger in Angriff nehmen. Er weiß zu informieren:

„`Aussaat` war fast schon überfällig! Für die CD `Ernte` wollten wir keine Cover schon bekannter Stücke des Genres, oder gar halbgare Krautrock-Songs abliefern, sondern unseren eigenen Stil. Da wir uns im Rocksektor noch nicht mit eigenen Altlasten beschäftigen und damit einher gehende Erwartungen erfüllen mussten, konnten wir unseren Ideen freien Lauf lassen. Wir wollten ein Album veröffentlichen, dass wir selbst, als Anhänger beider Genres gern hören würden. Deshalb haben wir uns im Produktionsprozess immer wieder kritisch mit dem Material auseinandergesetzt, dauernd etwas geändert und im Zuge dessen selbst ganze, schon aufgenommene Songs verworfen.“

Wohl wissend, dass sie für beide Werke nicht einmal zwei Monate Zeit haben würden, da das Datum des Produktionsschlusses Ende November 2010 längst feststand, grübelten die Dudelgnome, ob sie ihre eigenen Erwartungen erfüllen könnten. Zufrieden wird dazu resümiert:

„Und nach altem zwergischem Brauch sahen wir uns einen Moment lang in die Augen, grinsten uns kurz an und …fingen mit der Arbeit an. Und nun liegen, nach nicht enden wollenden Tag- und Nachtschichten, die Ergebnisse vor. Die beiden Alben rotieren ständig in unseren Abspielgeräten und wir bekommen immer noch eine Gänsehaut bei vielen Stücken. Das ist das untrügliche Zeichen dafür, dass sie toll geworden sind!“

Im Moment ist das Interesse der Medien an den Dudelzwergen sehr groß, so Herr U. - und das liegt zum einen natürlich auch an den neuen Alben, wie er erzählt:

„Denn wer kann schon von sich behaupten, in kürzester Zeit zwei völlig unterschiedliche, aber dennoch zusammen gehörende Werke produziert und sie zeitgleich veröffentlicht zu haben? Andererseits liegt es auch an unserer Live-Präsenz. Die Presse ist stets vor Ort und erstattet Bericht, wir fühlen uns wohl auf jeder Bühne und das kann man den Medien immer wieder entnehmen.“

Emmy, die Sängerin in der Gruppe, schreibt laut Aussage meines Gesprächspartners die schönsten Songs zum Thema Liebe. Mehr noch:

„Und ein kritischer Text über den Zusammenhalt in der Szene und den Umgang der Bands untereinander stammt von Yanishar. Viele Lyrics auf der neuen CD `Ernte` stammen aus meiner Feder. Sie drehen sich um essentielle Dinge wie Freundschaft, Verrat, das Gefangensein in sich selbst und Tod. Ein, zwei herbe Lieder aus unser aller Schöpfung zum Thema Alkohol sind auch dabei. Ein besonderes Anliegen war mir der Text für Prolog und Saraphir, der sich thematisch mit der Geburt und dem Heranreifen einer Begleiterin für den Drachen Fangdorn befasst. Diese beiden Stücke werden wir im Januar 2011 mit der entsprechenden Unterstützung des echten Fangdorn in einem Musikvideo auch für das Auge fassbar machen.“

Überhaupt, diese kecken und Laune machenden Spielleute sind nur zu gerne gemeinsam auf den jährlichen Märkten unterwegs. Die Dudelzwerge genießen dabei das Flair und die Zeit dort stets mit wachen Sinnen.

„Es ist ein Eintauchen in eine andere Welt und wir können dort die Kraft und Muse schöpfen, die wir für unsere Musik brauchen. Mit unserer Arbeit geben wir diese Inspiration dann zurück. Somit funktioniert für uns das Ganze als Perpetuum Mobile. Viele Fakten der Geschichte, Bräuche und Lebensfacetten der damaligen Zeit bekommt man hautnah beigebracht und wir verarbeiten diese Themen dann in unseren Liedern.“

Auf der Bühne entfachen sie immer wieder so manches Liedfeuer. Und wie Herr U. dazu rückblickend konstatiert, haben er und seine Musikanten schon viele tolle Gigs gespielt.

Und natürlich gab auch schon ein paar Auftritte, bei denen man kein gutes Gefühl hatte.

„Mal liegt es an einer schlechten Tagesform, oder auch mal an der Hardware, aber: Die von dir erwähnte emotionale Verwässerung im Auditorium? Nein! In einer Gesellschaft, die so schnelllebig ist, dass vielen Menschen kaum Zeit bleibt, Freundschaften zu pflegen und Partnerschaften zu führen, passiert es vielmehr, dass sich das Publikum bei Konzerten in die Arme fällt und in Ekstase tanzt, oder bei gefühlvollen Stücken sehr emotional reagiert.“

Nachfolgend legt der Mann gleich noch sein grundsätzliches musikalisches Credo dar:

„Natürlich ist Musik eine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken und sich über dieses Medium Gehör zu verschaffen. Wir machen unsere Musik für uns und unser Publikum. Da wir alle mit beiden Beinen mitten im realen Leben stehen, teilweise große Verantwortung tragen, weil wir Familien und Kinder haben, kommt eine Weltflucht gar nicht in Frage. Nein, wir sehen die Musik eher als emotionalen Ausgleich und haben in ihr einen ganz tollen Beruf und eine Berufung gefunden!“

Ich erkundige mich bei der Gelegenheit dann auch gleich noch, in welche Richtung sich die musikalischen Ziele beziehungsweise Interessen des ostdeutschen Trupps mit der Zeit entwickelt haben. Herr U. sagt dazu:

„Anfang 2010 kam in uns der Wunsch auf, eine CD aufzunehmen, die akustische Mittelaltermarktmusik und unsere neuen, rockigeren Stücke beinhaltet, die wir sehr gern live spielten. Der zündende Funke für die nun vorliegenden beiden Werke `Aussaat`, auf der unserer akustisches Programm zu hören ist und `Ernte`, auf der sich moderne Rockmusik mit altertümlichen Elementen mischt, sprang im September 2010 bei der Beratung für die Aufnahmen auf uns über. Da unsere beiden Bühnenprogramme sich in der zweiten Hälfte der Live-Saison 2010 klar trennten, war in uns die Erkenntnis gereift, es müssten eigentlich zwei neue Alben sein, eine unseres alten Stils und eine im Gewand der Rockmusik. Den Anspruch an uns, auf den Mittelaltermärkten zur altertümlichen Atmosphäre beizutragen und dann im Abendverlauf, wenn das Publikum zusehends jünger wird, härtere, aber auch besser tanzbare Musik zu präsentieren, waren wir bis Mitte 2010 gerecht geworden. Aber jetzt wurde es zu einer Gratwanderung zwischen dem, was die einen von einer historischen Veranstaltung erwarteten und dem, was das jugendliche, oft zur Gothic- und Metalszene gehörende Publikum von uns hören wollte. Es nagte in uns der Konflikt, die Liebe zur historischen Musik nicht zu vergessen, während wir dabei unbedingt auch moderne Rockmusik spielen wollten. Wir waren in einem musikalischen Zwiespalt, der auf keinen Fall mehr tiefer werden durfte. Kurzum, mit den beiden neuen Werken haben wir unseren Weg gefunden. Wir spielen nun zwei Programme völlig verschiedenen Stils.“

Viele Grundmelodien der neuen Dudelzwerge-Kompositionen hat sein Sackpfeifen-Gevatter Yanishar als Basis schon vorher darnieder geschrieben, wie mein Gegenüber noch verlauten lässt.

„Das dazu benutzte Instrument heißt Tonaufnahme im Handymenü. Wenn ihm eine schöne Zeile in den Sinn kam, hat er sie einfach eingesummt und eingepfiffen. Die meisten Stücke sind dann erst im Studio bei den Aufnahmen fertig komponiert worden, zu denen wir uns in unser Studio eingeschlossen haben und Song um Song in einigen Wochen und ohne freie Tage aufgenommen haben. Weil wir dabei auf keinen Fall von Songs beeinflusst werden wollten, die wir gerade von der Autofahrt ins Studio von anderen Bands im Ohr hatten.“

Apropos, ich frage gleich auch noch nach, welchen alten und neuen Mittelalter Metal-Gruppen Herr U. noch immer gerne sein Gehör schenkt: „Mittelalter-Metal-Bands? Wen gibt es denn da außer Ingrimm? Ach genau, einer Band: Haggard.“

So freut er sich darauf, das, was 2010 für seine Gruppe begonnen hat, weiter zu führen. „Unsere ganze Kraft steckt in der neuen Interpretation unserer Musik und die solide Basis aus der vergangenen Zeit gibt uns die nötige Sicherheit! Wir danken unseren Fans, Familien und Freunden, die unsere Produktion mehr als nur unterstützt haben!“

© Markus Eck, 30.10.2010

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