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Interview: EISHEILIG
Titel: Frostige Kreationen

Die deutschen Dunkelpoeten Eisheilig erweisen sich entgegen ihrem momentan noch vorherrschenden Newcomer-Status schlagartig als höchst professionelle Band der Sonderklasse, welche auf ihrem jetzt erscheinenden überragenden Debütalbum gleich sämtliche Register ihres umfangreichen Könnens zu ziehen scheint.

Die fünf übermächtig klingenden Gothic Rocker setzen ihre seelenverloren klingenden Kompositionen tatsächlich mit einer beängstigenden Eiseskälte in Szene. In ihren sensitiven Songs dominiert denn auch eher die überlegene Besonnenheit als ungestümer und wüster Tatendrang.

In der Ruhe liegt die Kraft, das scheint diese besonnene Gruppe nur sehr gut zu wissen.

Apropos: Mit Sänger Dennis Mikus wissen Eisheilig auch einen echten Instinktkönner in ihren Reihen.

Dessen überaus charismatische und voluminöse aber gleichfalls beruhigende Stimme verleiht den schwermütigen und melancholischen Liedern der scheinbar von unüberwindlicher Trauer ausgefüllten Eisheiligen ein unnachahmliches Flair des Besonderen.

Schwere Gitarrenläufe paaren sich lüstern mit imaginär schwebenden melodischen Synths, welche düstere aber anmutige und zauberhafte Klanggemälde in den erleuchteten Nachthimmel pinseln.

Vokalist Dennis erweist sich im nachfolgenden Dialog wie zu erwarten als exzentrischer aber auch sympathischer Zeitgenosse.

Ich habe wie so viele andere Hörer noch nie etwas von Eisheilig gehört. Wann haben die Beteiligten denn beschlossen Musik zu machen, und war der Stil von Anfang an klares Ziel?

„Wir alle machen schon seit einigen Jahren Musik. Jeder konnte auf unterschiedlichstem Terrain seine Erfahrungen sammeln. Eisheilig gründete sich 1998 und ist zu dem geworden, was wir alle schon immer machen wollten.“

Die kreierte Musik scheint von allem und nichts beeinflußt zu sein, da die Mischung ihresgleichen zu suchen scheint. Man nimmt an, daß Stilfragmente aus dem Gothic Metal ebenso einen Einfluß wie beispielsweise die finnischen Tennie-Erreger HIM als auch Folk-Fiedler wie Orplid auf Eisheilig ausüben.

Dennis: „In erster Linie machen wir die Musik, die wir selber gerne hören möchten. Es ist glaube ich allgemein künstlerisch sehr wichtig, etwas zu haben was nur einem selber gehört. Damit sage ich auf keinen Fall, daß wir nun von nichts und niemandem beeinflußt wären, aber Eisheilig ist eben unser Ding und es ist unsere Art sich auszudrücken, nicht die von HIM und auch nicht die von irgendwem. Wenn man es drauf anlegt, kann man wohl jede Band auseinander nehmen und ihre Ergüsse auf Elemente reduzieren, die schon mal da waren; trotzdem bleibt etwas, was nur dieser Band eigen ist.“

Die Musik auf dem nun erscheinenden Debütalbum ist von beklemmender Schwermut geradezu durchtränkt. Sind die Musiker auch ein Verein von suizidalen Melancholikern oder ist für sie solcherlei Musizieren nur eine Form des Auslebens der dunklen Seiten der Psyche?

„Ich persönlich sehe keinen Sinn in Red Bull-saufenden Vollidioten, die ihr beschissenes Innenleben mit lustiger Tanzmusik und tiefergelegten Frauen aufpäppeln. Wir befinden uns in einer absolut unästhetischen und dekadenten, obszönen Zeit und jede Form der Kunst sollte ihre Zeit erkennen und ihre Lieder, sollte Bilder und Formen daraus schöpfen, damit dem Mensch vielleicht wenigstens ein kleiner Beistand gegeben ist, wenn er glaubt, alleine mit seinen Gedanken zu sein. Das ist Sinn der Kunst für mich. Ich glaube, daß Eisheilig die hellste Seite meiner Psyche ist.“

Der Gesang des Frontmannes atmet eine grenzenlose, aber auch überlegene und gleichfalls selbstbewußte Aura der resignierenden Trauer.

Was geht ihm während seines Vortrages wohl so durch den Kopf?

Wahrscheinlich verschmilzt der Mann restlos mit den Stücken. Er bekennt scherzhaft:

„Ich denke an Plastikzähne tragende Frauen und an todbringende kleine Mönche, die mit ihrem Arsch das Vater Unser pfeifen können. Spaß beiseite: Ich kann es dir nicht so genau sagen und um ehrlich zu sein: Ich habe immer wieder andere Bilder dabei im Kopf und überlasse es auch gerne den Hörern, was sie bei unseren Liedern so alles vor ihrem geistigen Auge sehen.“

Wann hat so ein ernst klingender Künstler wie Dennis das letzte Mal einen Lachanfall bekommen?

„Ich lache nie, wir alle lachen nie, lachen ist Gift für die Seele.“

Der recht einprägsame Bandname läßt auf hohe und tiefgründige Verehrung des Gefrorenen schließen. Sicher freuen sich Eisheilig also auf den kommenden Sommer, denn da können die Kerle ihr geliebtes Eis sogar noch mit Genuß ablecken.

„Kein Thema, manchmal treffen wir uns auch mit Rammstein, um dann heiliges Eis zu essen und Steine zu rammen.“

Wie sportlich! Wie wird die Band auf eventuell zu lesende negative Presseresonanzen reagieren? Den betreffenden Schreiberling mit nadelspitzen Eiszapfen bewerfen?

„Da können wir gut mit leben! Besonders mag ich die Kritiker, die dann richtig persönlich werden und ihren Frust an einer Platte auslassen, die ihnen nicht schmeckt. Da kommen oft lustige Formulierungen zustande, die manchmal sehr erheiternd zu lesen sind. Jeder sollte eben ein Forum haben, wo er sich über weltliche Mißstände auslassen kann. Mach kaputt, was Dich kaputt macht!“

Der spaßige Dialog geht weiter: Schlafen Eisheilig in Särgen, und lieben sie es, nachts auf Friedhöfen wie Wölfe zu heulen?

Verkriechen sich die Mitglieder der Formation vor dem Tageslicht und der gelben Kugel hoch am Himmel?

„Nein! Probiert es mal mit grünen norwegischen Wiesen, viel Sonne und Wasser. Das ist die Romantik, die ihr braucht!“

Was passiert wohl mit der Gruppe bei einem überraschend einher gehenden großen Bekanntheitsgrad und so genanntem „VIP“-Status?

Werden sie nach Rockstar-Manier total abheben und sich mit Drogen der schnöden Realität entheben? Oder mit Masken und Perücken zum Einkaufen gehen?

„Abheben? Weil man vielleicht ein paar CDs verkauft und in etwas größeren Hallen sein Zeug präsentiert? Es gibt beileibe Menschen, die tausendmal mehr leisten als irgendwelche Bands. Und wenn ich irgendwann glaube, ich stehe über den Dingen, weil mir alle möglichen Geldhaie Puderzucker in den unerwachsenen Arsch jagen, bitte laß mich umgehend an Krebs erkranken! Manchmal habe ich den Eindruck, die Leute erwarten schon fast, daß man sich arrogant verhält; nur das verleiht wohl dem ganzen das gewisse Prestige. Es ist alles nur Musik und mehr nicht! Öffentlicher Erfolg ist schön, aber niemals ein Grund sich über andere zu stellen.“

Was war sein bisher schlimmster Alptraum, aus dem er schweißgebadet aufgewacht ist? Unter einem Solarium eingeschlafen zu sein, oder gar am Ende mit den No Angels gemeinsam auf der Bühne zu stehen? Dennis: „Weder noch, Zweites wäre dann aber doch angenehmer oder?“

© Markus Eck, 21.05.2001

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