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Interview: ELUVEITIE
Titel: Rabiate Verspieltheit

Mit jedem weiteren Jahr ihrer musikalischen Existenz steigen Beliebtheit, Popularität und Alben-Verkaufszahlen weiter an, was einen mehr als bestärkenden Fakt für die Kelten-Verehrer Eluveitie darstellt. Mithin also eine stabile Basis für das ergiebige Songwriting der enorm rhythmusstarken Schweizer Folk Metaller um Vokalist Chrigel Glanzmann, wovon das neue Album „Helvetios“ auch wirklich enorm zehrt.

Denn die 17 Lieder dieses enorm inhaltsreichen Langspielers zählen schließlich zum schlüssigsten und homogensten Resultat überhaupt, welches geneigte Hörer bislang von diesen beständigen Eidgenossen erleben konnten.

Aus diesem erfreulichen Anlass heraus fand am Samstag, den 26. November 2011 im Fun-Room des bekannten Donzdorfer Label-Headquarters eine gemütliche Listening-Session statt, bei welcher Gevatter Chrigel mitsamt Sängerin und Drehleier-Dame Anna Murphy die hierfür angereisten internationalen Schreiber empfingen.

Auch der Autor ließ sich als langjähriger emsiger Eluveitie-Interessent vormittags auf stahlharten Schienensträngen ins hügelige schwäbische Ländle bringen, um schließlich vom Zielbahnhof in Süßen zum Ort des eigentlichen Geschehens überzusetzen.

Chrigel und Anna hatten dort bereits ebenso wie die neugierige Musik-Journallie auf einer der vielen großen schwarzen Leder-Couches entspannt Platz genommen.

Erstem angeregtem Smalltalk der Anwesenden und leckeren Snacks folgte schließlich gegen 15 Uhr eine Ansprache des Eluveitie-Sängers, welcher den thematischen und kompositorischen Hintergrund zu „Helvetios“ kurz mit liebenswert bescheiden formulierten Worten ausleuchtete.

Dass die damaligen Römersoldaten die zahlreichen historischen Keltenstämme bei Eroberungs-Feldzügen etc. nicht gerade mit Samthandschuhen anfassten, sollte hinlänglich bekannt sein. Und Eluveitie brechen auf „Helvetios“ laut Aussage des stimmbandstarken Frontmannes erneut eine dicke Lanze für die tapfersten und weisesten der alten Keltenkrieger, welche früher in helvetischen Gefilden den von Julias Cäsar gesandten Usurpatoren zu trotzen wussten.

Im Anschluss daran brechen folgende Notenmonster lautstark aus den hiesigen Boxen aus: „Prologue“, „Helvetios“, „Luxtos“, „Home“, „Santonian Shores“, „Scorched Earth“, „Meet The Enemy“, „Neverland“, „A Rose For Epona“, „Havoc“, „The Uprising“, „Hope“, „The Siege“, „Alesia“, „Tullianum“ und schließlich noch „Uxellodunon“.

Beendet wird die umfassende Tracklist von einem „Epilogue“. Primär auffallend an diesen neuen Kompositionen ist neben der erfrischend stimmigen Gesamtanmut des Materials sicherlich der ausgeprägt angehobene Anteil der vielfältigen Folklore-Elemente sowie die immense Reife des Gebotenen.

Großartig inszenierte Epik geht dabei scheinbar leichtfüßig Hand in Hand mit brachialem Präzisions-Riffing.

Der Variantenreichtum der Musizier-Tempi macht immer wieder Staunen, genauso wie die oralen Höchstleistungen von Brüllvieh Chrigel.

Solcherlei zackige und urwüchsig-martialische Wut-Angriffs-Ritte, zumal mit solcherlei organischer Anmut und solcherlei Abwechslungsreichtum vollführt, hat man von Eluveitie in solcherlei hoher Anzahl noch nicht vernommen.

Die Band zeigt sich auf „Helvetios“, einem riesenhaft angelegten und prächtig nuancierten Epik-Spektakel des Genres, sowieso eindeutig in bislang reibungsfreiester musikalischer Erscheinung.

„Produziert wurde ,Helvetios‘ diesmal vom Schweizer Tommy Vetterli, mit dem auch ich sehr eng zusammengearbeitet habe im Laufe der sehr umfangreichen Produktion des Albums. [Vetterli wurde als ,Tommy T. Baron‘ mit der Technical Thrash Metal-Gruppe Coroner in den 1980ern sehr bekannt; A.d.A.] Schon für das vorhergehende Album ,Everything Remains As It Never Was‘ wurden hauptsächlich die Gitarren- und Schlagzeugspuren für einen Textmix bei Tommy aufgenommen, gemixt wurde dann von Colin Richardson“, weiß Anna im Anschluss daran zu berichten.

Sie fährt rasch fort: „Und wir waren rasch total begeistert von den Resultaten, denn Vetterli kennt uns beziehungsweise unsere Musik sehr gut und er weiß ganz genau, was wir klanglich wollen. Und es klingt nun auch alles auf ,Helvetios‘ ganz genau so, wie es das jeweilig soll. Und ja, Tommy hat echt eine betont organische Produktion zustande gebracht für unsere neuen Lieder. So sind keine krassen Effekte zu hören, einfach nichts, was aus der Reihe tanzen würde. Ich selbst hatte unser neues Werk heute das allererste Mal in einem Durchgang hören können, zuvor war dies aufgrund zeitlicher Umstände gar nicht möglich. Obwohl mir eigentlich der nötige Abstand zu den Stücken fehlt, bin ich wirklich gerade sehr begeistert von dem, was wir alle da die letzten Monate auf die Beine gestellt haben.“

Wie Fräulein Murphy im Anschluss daran noch erläutert, wohnen den neuen Eluveite-Kompositionen ihres Ermessens nach zwei primäre Merkmale inne: Gesteigerte Härte und deutlich bessere Erfassbarkeit des Materials.

„Und dies stellt eine optimale Mischung dar, wie ich finde. Denn gerade, wenn es sich um extrem harte Tracks handelt, erweist sich ein transparentes Klangbild doch eindeutig als sehr förderlich für die Nachvollziehbarkeit. Beispielsweise ‚The Siege’ oder ‚Havoc’ verdeutlichen das doch sehr, die ich hierfür als Musterbeispiele anführen möchte. So heftig wie diesmal erklangen unsere Lieder ohnehin noch nie zuvor.“

Eine beachtlich inhaltsreiche Dekade der Existenz als Musikgruppe hat es angedauert, bis Eluveitie schließlich dazu imstande waren, ein dermaßen vollendetes musikalisches Schmuckstück wie „Helvetios“ zu schmieden.

Und das, was da in lichterloh lodernder Feuerglut inbrünstiger Leidenschaften mit grenzenloser Liebe für die Ewigkeit angefertigt wurde, das kann geneigte Verehrer nicht nur als ein kompositorisch rundum vorzügliches Album verwöhnen.

Denn die Instrumentierung dieser atemberaubend kernig angelegten neuen Liederkollektion tobt so wuchtig und verspielt um sich, dass eigentlich jederlei Deckung davor völlig zwecklos ist.

Extremer denn je zuvor leben die Schweizer Urheber ihre innigliche Hingabe an den klassischen skandinavischen Melodic Death Metal aus, um im selben Zuge auch mit wunderbar ins Ohr hinein perlenden Folklore-Darbietungen von Geige, Drehleier, Flöte, Dudelsack oder auch Dulcimer glänzend zu verzücken.

Pure Effizienz ist das Resultat. Erst einmal schwungvoll verschleudert, teilt dieser neue Donnerdiskus der quirligen Eidgenossen quasi flugs in unaufhaltsam-fataler Manier berauschend aggressive, entschlossen gestimmte und auch atmosphärisch faszinierende Notenkunst aus.

„Grundsätzlich ist ja dazu sagen, dass das Material für ,Helvetios‘ wie immer bislang bei Eluveitie schlicht gesagt auf ganz natürliche Weise entstanden ist. Also ohne, dass wir uns zuvor für etwaige stilistisch-strategische Planungen extra zusammen hingesetzt und nächtelang darüber diskutiert hätten. Allerdings liefen einige wenige Dinge schon etwas anders ab bisher, was primär darauf fußt, dass es sich bei unserer neuen Veröffentlichung um ein reines Konzeptalbum handelt. Denn wir vertonten eine richtige Geschichte dafür, was natürlich beim Songwriting entsprechend berücksichtigt werden musste“, motiviert Bandgründer und Vokalist Christian „Chrigel“ Glanzmann den Basis-Hintergrund zum neuen Langeisen seiner populären Meute.

„So bemühten wir uns nach Kräften, den speziellen thematischen Inhalt eines jeden einzelnen Liedes auf musikalische Weise bestmöglich wiederzugeben beziehungsweise umzusetzen. Das ganze Album baut also sozusagen einen Spannungsbogen auf, der sinnbildlich Hand in Hand mit der erzählten Story funktioniert. Dies hat es bei Eluveitie noch niemals gegeben, für uns war das Ganze also schon eine gewisse Herausforderung. Im Zuge dessen habe ich mit unserem Gitarristen Ivo Henzi stärker zusammengearbeitet als jemals zuvor. Zuvor hatte ich eigentlich stets sämtliches Songmaterial für Eluveitie im Alleingang geschrieben, von wenigen Ausnahmen seitens Ivo mal abgesehen“, weiß der kehlenstarke Frontmann zu berichten, welcher durch sein sonstigen Können an Instrumenten wie beispielsweise Mandola, Tin- und Low Whistles, Uilleann Pipes, Gaita, Dudelsack und Gitarre eindeutig als Multiinstrumentalist zu bezeichnen ist.

Wie Überzeugungsmensch Chrigel nachfolgend erfreulich redefreudig ergänzt, banden Eluveitie für „Helvetios“ diesmal eben auch die Talente seiner Kollegin Anna Murphy mehr mit ein, welche bei dem 2002 gegründeten Ensemble neben der Darbietung diverser Gesangseinlagen bekanntlich primär an Drehleier und Flöte wirkt.

„Bislang gestaltete es sich so, dass ich der Anna meine vielen Song-Ideen und -Fragmente regelmäßig zukommen ließ und sie daraufhin ihre individuellen Parts entsprechend ausarbeitete. Doch für die Lieder von ,Helvetios‘ kooperierte ich oftmals sehr eng mit ihr, und Anna konnte sich somit viel mehr als früher ins Songwriting einbringen. Das hat ihr sehr viel Freude bereitet. Man hört diesen Umstand nun eindeutig bei uns heraus. Und die angesprochene flüssige und homogene Erscheinungsweise unseres neuen Albums rührt daher, dass wir mittlerweile konstant auf Tour unterwegs sind, wenn nicht gerade im Studio Lieder aufnehmen. Man wächst so mit jedem Monat als Gemeinschaft mehr zusammen, wird miteinander vertrauter etc., was sich ganz eindeutig aufs Zusammenspiel und weiterer relevanter Faktoren auswirkt.“



Höchste Zeit, um das erwähnte Stichwort „Konzeptalbum“ beziehungsweise die Hintergründe auszuleuchten. Chrigel resümiert hierzu:

„Auch wenn es diesmal auf ,Helvetios‘ eine fortlaufend erzählte Geschichte ist, so war dennoch wie immer zuvor die grundlegende textliche Intention in meinem Kopf jeweilig vorhanden, bevor die umrahmende Musik von uns dazu gemacht wurde. Die finalen textlichen Arbeiten an den Liedern vollendete ich allerdings dann erst, als die Songs ,standen‘. Thematisch behandelt das Ganze den althistorisch berühmten ,Gallischen Krieg‘, welcher sich über eine zeitliche Periode von knapp zehn Jahren hinzog. Dieser begann circa 58 vor Christus und endete circa 50 vor Christus, dauerte also ungefähr acht bis zehn Jahre an. Dabei wurde das damals ,freie‘ Gallien durch den römischen Feldherren und Imperator Gaius Julius Caesar ebenso arg wie umfangreich bekämpft. Es war damals das allererste Mal, dass das römische Weltreich seinen Gebietsanspruch auch auf gallischem Boden ,formuliert‘ hat. Davon erzählen wir auf ,Helvetios‘, und dies geschieht in solch‘ chronologischer Sichtweise, als würde man in Cäsars diesbezüglicher Schrift ,De bello Gallico‘ vertieft sein oder in einem Geschichtsbuch über dieses Thema lesen.“

Ehrensache, dass Historienkundler Chrigel dabei die Belange seiner Landsleute während dieser antiken Dekade besonders fokussiert hat.

„Im Prinzip wird die Geschichte nämlich aus Sicht der Helvetier erzählt; wobei mir sehr wichtig ist zu erwähnen, dass die betreffenden Inhalte natürlich trotzdem absolut ungeschönt und keinesfalls verfremdet oder unnötig heroisiert wiedergegeben werden. Involviert in diese traurige Zeitspanne waren alle gallischen Stämme, und würde der Kontext beispielsweise aus belgischer Sicht niedergeschrieben, würde die Sicht auf die geschichtlichen Geschehnisse ganz klar schon um einiges anders ausfallen. Wie stets bisher bei Eluveitie-Songtexten war es mir von nicht geringer Bedeutung, sämtlichen Lyriken eine ganz gewisse persönliche beziehungsweise menschliche und emotionale Note beikommen zu lassen. Ich dachte mich dabei sozusagen tief ins jeweilige Individuum hinein. Einige befreundete Wissenschaftler, mit denen ich während meinen Arbeiten an den Texten sprach, begrüßten meine Vorgehensweise sogar ausdrücklich: Denn die sind sich mit mir darüber einig, dass, wenn über Historie geschrieben, gesprochen oder referiert wird, dies zumeist sehr kalt, nüchtern und trocken als Auflistung von Fakten geschieht. Doch involviert waren Leute wie du und ich; allesamt Menschen, die Geschichte geschrieben haben! Ich finde es sehr wichtig, dass man dies nicht außer Acht lässt. Einige Songtexte sind daher in der ersten Person von mir verfasst worden, also aus der individuellen Sicht einer einzelnen Person. Ganz abgesehen vom atheistischen Standpunkt erachte ich es persönlich eben als wichtig, diesen geschichtlich bedeutenden Kontext auch einmal aus der Sichtweise damaliger ,einfacher‘ Protagonisten darzustellen.“

© Markus Eck, 04.01.2012

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