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Interview: ELUVEITIE
Titel: Noch tiefer nach vorne

Sprichwörtlich rund geht, ja, mehr noch, läuft es bei den Schweizer Folk Metal-Giganten, wobei ein Höhepunkt regelrecht den nächsten jagt.

2012 veröffentlichten Eluveitie nach einer erfolgreichen Dekade der Existenz ihr bislang erfolgreichstes Album „Helvetios“, flankiert von der Jubiläumskompilation „The Early Years“. Flugs ging es anschließend auf ausgedehnte Welttournee mit Größen wie Wintersun und Children Of Bodom. Zeit zum Verschnaufen war für Frontmann und Mastermind Chrigel Glanzmann & Co. jedenfalls fast nicht drin.

Dass die eidgenössischen Verfechter der New Wave Of Folk Metal ihrer Heimat keine Schande machten, das wussten Fans und Medien. Offiziell bestätigt wurde die Klasse der achtköpfigen Ausnahmegruppe in diesem Jahr bei den prestigeträchtigen Swiss Music Awards. Dort erhielt das spielfreudige Oktett als erste Metal-Combo überhaupt die vom Publikum auserkorene Auszeichnung „Best Live Act National“.

Kaum dem damit verbundenen Trubel entkommen, quartierten sich Eluveitie abermalig im vertrauten Schweizer New Sound Studio beim inniglich verbundenen Produzent Tommy Vetterli ein.

Dort nahmen die Beteiligten die Songs des neuen und sechsten Albums „Origins“ hauptsächlich auf.

„Mittlerweile ist es weit mehr als eine Arbeitsgemeinschaft, was sich zwischen uns und Tommy mit den Jahren entwickelt hat. Wir wuchsen sozusagen mit ihm und er mit uns. Wir sind enge Freunde geworden. Eluveitie und er bilden ein Team, das sehr gut funktioniert. Und das wollen wir auch künftig gar nicht ändern“, informiert Sänger und Songwriter Chrigel. 


Nachdem 2012 der bisherige Gitarrist Simeon ,Sime‘ Koch durch Neuzugang Rafael Salzmann ersetzt wurde, drehte sich das Besetzungskarussell Ende 2013 erneut:
Nicole Ansperger kam für die vorherige Violinistin Meri Tadic.

„Meri wollte neue Wege einschlagen, was sie früh genug mit uns kommunizierte. Wir waren also im Bilde, was ihren Ausstieg anging. Glücklicherweise fand sich mit Nicole rechtzeitig ein viel mehr als vollwertiger Ersatz, der unsere Hoffnungen und Erwartungen weit übertreffen kann. Sie spielt bereits seit ihren Kleinkindertagen, für mich ist sie die reinste Geigengöttin. Sie kannte uns schon länger, war 2008 das erste Mal auf einem unserer Konzerte und wurde zum Fan. Insgeheim wünschte sie sich seit diesem Gig, bei uns zu spielen, wie sie uns nach ihrem Beitritt sagte. Kennengelernt haben wir sie durch Zufall, durch einen Freund. Nach ihrem ersten Vorspielen waren wir alle sprachlos. Ohne das geringste Zögern wurde sie bei uns eingestellt.“


Auch zwischenmenschlich stellt die Dame eine absolute Bereicherung für Eluveitie dar. „Für uns ist sie wie ein Sechser im Lotto! Wir sind anhaltend von ihrem unglaublichen Talent und ihrer riesigen Einsatzfreude begeistert.“


Eigentlich ist Nicole primär Geigerin und Violinistin, wie der Vokalist wissen lässt. „Eines Tages erwähnte sie beiläufig, dass sie auch Cello und Mandoline spielt, worauf ich ihr schlagartig und eindringlich nahelegte, ihr Cello doch einfach mal zu unserer Bandprobe mitzubringen“, platzt es unter schlitzohrigem Lachen aus Gevatter Chrigel heraus, „und es hat sich gelohnt, denn ich konnte ihr Spiel auf tragende Weise im Intro zum Song ,King‘ verbauen. ,King‘ wird es übrigens auch als digitale Single geben.“

Besagte Celloklänge wurden für zwei weitere Lieder bei Vetterli im Studio aufgenommen:
„The Call Of The Mountains“ und „Vianna“.

„Es hat sich in musikalischer Hinsicht in der Tat einiges geändert bei uns. Ich möchte das in zweierlei Weise beschreiben. Zum einen haben wir uns natürlich entsprechend weiterentwickelt, was die Spielkultur an sich betrifft. Auf der anderen Seite ist das Album deutlich düsterer und härter, als das, was man bisher so von uns kennt. Unsere Musik bestand stets aus gewissen Extremen. Hauptsächlich sind da die traditionelle Volksmusik, also die Folklore, zu nennen sowie eher härterer Metal. Wir brachten beides in der jeweils kompromisslosesten Ausführung zueinander. Für ,Origins‘ bauten wir die jeweiligen Pole noch weiter aus, und das, ohne dass sie sich voneinander entfernten. So klingen die neuen Kompositionen letztlich noch schlüssiger und noch viel mehr in sich verflochten, als die auf den vorhergehenden Album der Fall war. Alles funktioniert besser miteinander, könnte man auch sagen“, weiß Chrigel zu berichten. 



„Wir hatten vor dem Beginn des Songwritings unsere bislang längste Welttournee hinter uns gebracht, was uns summa summarum fast zweieinhalb Jahre in Beschlag nahm. In dieser Zeitspanne haben wir wirklich fast nichts anderes gemacht als unsere Instrumente zu spielen. Dadurch konnten wir eine sehr starke musikalische und spieltechnische Weiterentwicklung vollziehen, wie ich denke, und das hört man den neuen Liedern auch vollauf an. So konnten wir insgesamt nicht nur ein höheres Qualitätsniveau erreichen, sondern zugleich auch eine merklich gesteigerte Komplexität erzielen.“



Von allerlei instrumentellem Gefrickel und protziger Selbstdarstellerei präsentiert er sich mit seiner Truppe auf dem neuen Werk jedoch weit entfernt, so der Sänger.

„Komplex und anspruchsvoll klingen um der Komplexität willen, dass ist relativ schnell umzusetzen, finde ich. Unser Ziel war aber schlicht gesagt, die bestmögliche Musik zu machen. Und das, ohne darauf zu achten, wie komplex sie nun ist beziehungsweise wird.“



Nahtlos schwenkt der Kopf von Eluveitie zur gewohnt druckvollen, aber auffallend authentischen akustischen Erscheinung des aktuellen Langspielers über.

„Diese Produktion ist tatsächlich die echteste, die wir je gemacht haben. Komplett neu ist das nun nicht, wir hatten bereits entsprechende Tendenzen für ,Helvetios‘ ins Programm genommen. Allerdings zogen wir gewisse Aufnahmebereiche und damit verbundene Methoden noch viel konsequenter und forcierter durch. Ich sage es mal so: Heutzutage bedeutet eine Metal-Produktion doch einfach: Klinisch rein! Natürlich bringt das trotzdem hin und wieder gut zu hörende Scheiben mit sich, aber mir sagt klanglich vieles nicht mehr zu. Jedes Instrument wird einzeln aufgenommen, zumeist wird Part für Part eingespielt und dann wird schlussendlich alles schier zu Tode editiert. Einzelne Kickdrum- und Snare-Schläge vom Schlagzeug beispielsweise werden allzu oft an die vermeintlich richtigen Stellen gesetzt und solange geputzt und poliert, bis alles oberperfekt ist, ohne Nebengeräusche etc. Metal wird heute eben so gemacht. Für uns bringt dieser Umstand schon seit längerer Zeit einen gewissen Verdruss mit sich. Daher kümmerten wir uns für die neue Veröffentlichung absolut nicht um derlei Belange. Weil andere das so machen, bedeutet das ja noch lange nicht, dass wir es auch so umsetzen müssen. Die Aufnahmen sind daher sinnbildlich so roh geblieben, wie sie aufgezeichnet wurden, es sollte rocken!“


Das Ergebnis gefällt allen in der Band am besten von sämtlichen bisherigen klangtechnischen Resultaten, so Chrigel. Und ganz speziell liegt den eigenständigen Helvetiern der Sound ihrer Gitarren am Herzen, wie er mit Nachdruck erörtert.

„Klar, man kann jede entsprechende Aufnahme natürlich so lange und so aufwändig bearbeiten, bis sie sich wie typischer schwedischer MeloDeath anhört. Genau das wollten wir aber nicht, auch wenn diese stilistische Facette einen gewichtigen Raum in unser Folk Metal-Mixtur einnimmt. Wir bevorzugen unseren eigenen Gitarrensound, der nur nach uns selbst klingt.“ 



Inhaltlich geht es auf „Origins“ einmal mehr in außergewöhnlich tiefgreifender Weise um keltische Mythologie.

„Genauer gesagt dreht es sich um sogenannte ätiologische Sagen aus Gallien. Vieles daraus bleibt zwar nach wie vor im Dunkeln, doch es gibt auch Inhalte, die sich wie ein roter Faden durch die alten Überlieferungen ziehen. So gibt es darin eine zwar ganz klar bedeutungsvolle, doch auch simultan geheimnisvolle und unbekannte Gottheit. Von der glaubten die Gallier abzustammen. Sie wurde immer wieder mit dem römisch-chthonischen Gott Dis Pater verglichen. Obwohl keiner heutzutage sagen kann, um welche Gottheit es sich handelte, so hat sich die Erkenntlich verdichtet, dass es den damaligen Verfassern höchstwahrscheinlich um Succellos ging. In uralten spirituellen Bräuchen alter gallischer Stämme des heutigen Nordspaniens kommt er vor, ebenso zeigt er sich mittels späterer Statuen, die in den Gebieten der heutigen Schweiz, Frankreich und anderswo gefunden wurden.“



Angefangen mit der Ausarbeitung hat er nach Beendigung der letzten Touraktivitäten, wie der Schweizerbarde im vollem Redefluss ausführt.

„Das war vor beinahe eineinhalb Jahren, ich begann in Paris damit. Wir waren da gerade auf Tour mit Sabaton unterwegs. Ich saß eines schönen Vormittags in einem Straßencafé bei Espresso und Croissant, als mir die Idee zum Albumkonzept kam und ich nachfolgend erste Notizen zu Papier brachte. Ich feilte das Konzept auf der restlichen Konzertreise weiter aus. Aber das eigentliche Songwriting für ,Origins‘ vollzog sich erst nach all den ganzen Live-Events, gegen Ende des letzten Sommers. Die kleine Auszeit danach nutzte ich sofort fürs Komponieren der neuen Stücke.“


© Markus Eck, 15.06.2014

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