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Interview: ENID
Titel: Melancholische Musen

Enid ist das musikalische Kind von Martin Wiese aus Porta Westfalica bei Minden. Der sensible und talentierte Einzelgänger mit der ausgeprägten musikalischen Ader gründete dieses atmosphärische Symphonic Dark Metal-Outfit im sonnigen August 1997 unter großem Einfluß der Summoning-Zauberscheibe „Minas Morgul“, welche in ihm das unstillbare Verlangen nach Erzeugung ebensolcher Tonkunst erweckte.

Fruchtbares Resultat dieser Bemühungen wurde schon recht bald ein erstes, selbstbetiteltes Demo, daß in denkbar kleiner Auflage an geeignete Adressaten in alle Richtungen entsendet wurde. Dem niveauvollen Maincomposer aller Enid-Songs gesellte sich alsbald ein begeisterter Mitstreiter mit konformer Passion hinzu.

Florian Dammasch übernahm fortan sämtliche organisatorischen Belange und griff Martin wo es ging unter die kreativen Arme. Zusammen veröffentlichten die beiden im Februar 1999 das überraschend eigenständige Debütalbum „Nachtgedanken“. Überraschend eigenständig deshalb, weil die Band beziehungsweise Martin von Anfang an gegen den vorauseilenden Ruf eines simplen Summoning-Plagiats zu kämpfen hatte.

Gewiß wies das damalige Demo eindeutige Tendenzen in diese Richtung auf, doch hatte Martin auf „Nachtgedanken“ schon einen ziemlich eigenen Stil des Komponierens ausgearbeitet, der ihn als versierten Songwriter mit mannigfaltigen Ideen und hohem künstlerischem Anspruch herauskristallisiert.

Nun ist in Form von „Abschiedsreigen“ den Nachfolger veröffentlicht, der gar noch einen Tick melancholischer und ergreifender als der Vorgänger ausgefallen ist.

Tonmeister Wiese kann mir so einiges zum aktuellen Release von Enid erzählen.

„Gut, daß du gleich den ewigen Summoning-Vergleich ansprichst“, sprudelt es hervor, „diesen ließ ich im Bezug auf unser Demo auch gerne gelten, aber als sich dann alle Journalisten darauf einschossen und ich überhaupt nichts anderes mehr las als Lästereien über die klangliche Erscheinung unseres Sounds, habe ich mich doch geärgert. Es bewies mir wieder einmal, wie wenig sich die meisten Schreiberlinge doch mit der Materie auseinandersetzen. Auf `Nachtgedanken` waren die genannten Einflüsse von mir doch weitgehend in ein eigenes Gewand gesteckt worden, was man bei genauerem Hinhören nicht leugnen kann. Die Musik Summoning´s ist der meinigen lediglich noch von den Songstrukturen her ähnlich, das ist alles.“

So wollen wir hier mit gutem Beispiel vorangehen und diese für Martin leidige Sache endlich eindeutig klarstellen. Was auf „Nachtgedanken“ mit Entschlossenheit begann, wird nun auf „Abschiedsreigen“ zur vorläufigen Perfektion gebracht.

Die Arrangements wurden grandios forciert, die Theatralik nimmt gar gigantisch ausufernde Dimensionen an. Martin berichtet mir hierzu:

„`Abschiedsreigen` ist mein ganzer Stolz. Ich habe eine Unmenge an Arbeit und Aufwand in das Album investiert. Es ist ein Konzeptalbum mit acht Titeln, daß die rührselige Geschichte eines alten Mannes erzählt, der im Sterben liegt und den anwesenden engsten Familienmitgliedern die wichtigsten Stationen seines von vielerlei Abenteuern durchtränkten Daseins erzählt. Von weiten und gefährlichen Reisen, die er unternommen hat, vom Krieg, den er als tapferer Soldat kämpfte. Der Krieg prägte seine Zukunft wie nichts zuvor. Besonders der Drill, immer alles zu geben und so viel als möglich zu erreichen. So wurde er in Folge dessen erst Fürst, dann König. Und er lernte die Macht kennen, die ihm keinen Segen brachte. So ist das Ende der Geschichte dann auch, daß er den Anwesenden nahelegt, nicht nach Ruhm und nach Macht zu streben, sondern das Beste aus sich und seinem Charakter zu machen.“

Mein Gegenüber gibt im Weiteren preis: „Die Lyrics, die ob dieser Thematik denkbar interessant ausgerichtet wurden, werden im Dark Metal-Style von mir dargeboten, also mit Kreischgesang, welchen ich mit harmonisch eingebrachten klaren Vokalisierungen ästhetisch kontrastiere. Prägende Akzente kann mein heroisch-tragisch erklingender Klargesang sicherlich setzen, da er die Story mit aller Einfühlsamkeit intoniert und edle Prosa vorträgt.“

Doch Martin hat laut eigener Aussage diesmal auch Hilfe von Gastmusikern angenommen.

„Ja, das Debüt war mit Drumcomputer aufgenommen worden, der stellenweise doch ein wenig steril klang. Und das hat mich gerade bei den gefühlvollen Passagen etwas gestört. So habe ich mir diesmal von Moritz Neuner, der schon bei Abigor, Korova, Dornenreich und auch Evenfall getrommelt hat, helfen lassen. Ich muß ihm meinen größten Dank aussprechen, da er außer der Erstattung der Anfahrtskosten zum CCP-Studio keinerlei Bezahlung verlangt hat. Und er hat ein wirklich gutes Drumming absolviert. Desweiteren half uns Maria Dorn mit ihrer glockenhellen Sopranstimme aus. Auch sie hat vollsten Einsatz gezeigt und ich bin ihr zu Dank verpflichtet. Den Kontakt zu beiden stellte Florian her.“

Mir gefallen auf „Nachtgedanken“ die vielen Klassik-Einflüsse, die aus dem Album ein ganz besonderes machen. Und Martin erläutert zu diesem Kontext:

„Ich bin gegenwärtig 20 Jahre alt und spiele schon seit rund 13 Jahren Klavier. Dieses Klavier ist mir sehr ans Herz gewachsen. Auf ihm komponiere ich ausnahmslos alle Enid Stücke. Ich habe, so erheiternd das nun klingen mag, schon im Kindergarten gesagt bekommen, daß ich etwas mit meiner Stimme machen soll, da diese einen außerordentlichen Wohlklang aufwies. Ich entdeckte dann aber von selbst schon bald meine musikalische Ader und meine Freude am Singen. Und schon bald darauf hatte ich auch mein erstes eigenes Klavier. Und ich nehme noch heute Klavier-Unterricht, um mein Spiel ständig zu verbessern.“

© Markus Eck, 19.09.2000

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