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Interview: ENSLAVED
Titel: Neue Horizonte im Fokus

Das äußerst schwierige Kunststück, sich als Band über Jahre hinweg immer wieder selbst neu zu erfinden, gelingt im extremen Metal-Bereich nur sehr wenigen.

Die ideell standfesten und stilistisch offenherzigen norwegischen Wikingermetaller um Tieftöner und Vokalist Grutle Kjellson haben diesbezüglich keinerlei Schwierigkeiten, wie das neue Album „Ruun“ unter Beweis stellt. Seit 15 Jahren sind die Bergener Naturburschen nun schon musikalisch aktiv, eine bewegte Laufbahn liegt hinter ihnen.

Durch anfänglich barsch rasende Nordmanns-Attacken über atmosphärisch-gehässige Klanggebirge bis hin zu den heutigen Progressive Nordic Metal-Hochebenen psychedelischer Anmut führte sie der ausgedehnt lange Künstlerpfad auf der Suche nach sich selbst.

Und fündig sind Enslaved geworden, wie nicht nur der jüngst eingesackte norwegische Grammy-Musikpreis verdeutlicht.

Wie nun das neue Meisterwerk entstand und warum es genau so geworden ist, wie es ist, das erzählt mir gerne Gitarrenschrubber Ivar Bjørnson.

„Wir machten als Gruppe definitiv eine natürliche Entwicklung durch, die auch nachvollziehbar ist, wenn man unsere bisherigen Alben der Reihe nach durchhört. Selbst auf dem neuen Wert `Ruun` hört man als Kenner noch Anklänge an die Gitarrenlinien frühester Enslaved-Zeiten heraus“, diktiert mir der backenbärtige Axeman mit freundlicher Stimme ins Aufnahmegerät.

„Dazu können wir uns glücklich schätzen, auch für das neue Album mit einem ziemlich beständigen Line-Up gearbeitet zu haben. Bis auf die beinahe ständig wechselnden Schlagzeuger ist bei Enslaved nämlich alles personell im Lot. Gute Schlagwerker sind in Norwegen zwar nicht gerade rar, aber durch die Unmenge an vergleichbaren Gruppen bei uns werden bekannte und fähige Stockschwinger auch ständig von anderen Truppen abgeworben – irgendwie ist bei uns hier in Bergen alles ziemlich inzestuös miteinander verwoben, primär auf dem Black Metal-Sektor. Noch dazu steigerte sich bei Enslaved das musikalische Niveau über die Jahre bis zur Gegenwart schon ganz schön hoch hinauf, da konnten beziehungsweise wollten eben nicht alle Fellschinder bislang mithalten.“

Und Ivar findet dies laut eigener Aussage auch ganz gut so. Denn somit wurde die Weiterentwicklung seiner Nordkapelle auch bis heute niemals groß ausgebremst.

„Mit unseren letzten Alben kristallisierte sich mehr und mehr eine einzigartige stilistische Route heraus, auf die wir sehr stolz sind. Um solcherlei musikalische Zielvorgaben entsprechend umzusetzen, benötigt man schon Leute in der Band, die allesamt mit voller Kraft an einem künstlerischen Strang ziehen. Unstimmigkeiten über die Stilistik können wir da echt nicht gebrauchen, schließlich wollen wir uns selbst so gut es geht gerecht werden. Wir haben über all die Jahre entdeckt, dass es bei Enslaved vonnöten ist, Veränderungen anzustreben und entsprechend umzusetzen. Das hält uns kreativ am Leben. Mit ein Grund, warum wir noch immer musizieren und dabei auch noch dermaßen viel Freude und Befriedigung erlangen.“

Die ausgeprägt hohe Authentizität samt der kompositorischen Glaubwürdigkeit des neuen Songmaterials auf „Ruun“ gibt der zuvor gemachten Interview-Aussage des langjährigen Gitarristen vollauf Recht. Den neuen Drummer Cato Bekkevoid lernte unser Sänger Grutle über sein Hobby kennen, das Angeln, so Ivar, schmunzelnd:

„Bekkevoid schreibt sogar Fachbücher über diese Thematik, er ist wohl einer der berühmtesten jüngeren Fischer überhaupt in Skandinavien.“ Von daher konnte er bei Rauschebart und Waldwanderer Grutle ja eigentlich nur gewinnen, denkt man. Ivar geht hierzu tiefer:

„Doch das allein hätte natürlich nicht im Geringsten ausgereicht, der Kerl ist auch ein verdammt guter und erfreulich vielseitiger Schlagzeuger. Ehrlich gesagt sogar einer der besten, die ich je persönlich gehört habe. Wichtig war selbstverständlich vor allem auch, dass wir auf zwischenmenschlicher Basis perfekt zusammenarbeiten können – und das ist eindeutig der Fall. Wir hoffen daher allesamt inständig, dass die musikalische Kooperation mit ihm so gut wie bisher weiter geht.“

Das aktuelle Album „Ruun“ ist die logische Weiterführung des stilistischen und lyrischen Konzeptes der prämierten Vorgängerscheibe „Isa“. Ivar erläutert hierzu:

„Wie schon zuvor ließen wir uns hierfür genau die nötige Zeit, ohne irgendetwas hektisch voranzutreiben. Jeder aus der Band arbeitete in einem Zeitraum von sechs Monaten zuhause an seinen individuellen Ideen, welche anschließend in Gemeinschaft zusammengeworfen und verwertet wurden. Wichtig war dabei vor allem, dass jeder einzelne Song auf `eigenen Füßen` stehen kann und völlig für sich alleine wirkt. Darüber hinaus enterten wir für die aktuelle Scheibe ein neues Studio, um einmal mehr an unserem Gesamtsound zu feilen. Und die Entscheidung war goldrichtig. Denn die dort erwirkte Produktion passt perfekt zum neuen Material. Der `neue` Enslaved-Sound ist dadurch so herrlich untypisch geworden, ganz anders als das, was die Leute im extremen Metal so kennen dürften. Heutzutage wird auf diesem Gebiet doch so viel gegenseitig kopiert, vor allem aber die Gitarren- und Drum-Sounds. Überall werden viel zu viele Computer und Sound-Programme eingesetzt. Nicht wenige Metal-Bands haben sich dadurch selbst in eine bestimmte Ecke manövriert, aus der sie nun nicht mehr herauszukommen scheinen. Das geht ja oftmals so weit, dass Bands sich dann lieber auflösen, als in neue kreative Dimensionen vorzustoßen. Das hat mich und Grutle schon seit längerem massiv gestört. Unser Ziel war es daher, nicht auf die neuesten Aufnahme- und Produktionstechniken zurückzugreifen, sondern vor allem ein tiefgehend organisches, ein `lebendiges` und in diesem Sinne eigendynamisches Klangbild anzustreben.“

© Markus Eck, 27.04.2006

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