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Interview: ENSLAVED
Titel: So viel mehr von allem

Mittlerweile haben Enslaved ihren „zweiten“ Stil dermaßen perfektioniert, dass sie damit in Sachen formvollendeter Originalität beinahe kilometerhoch aus dem Einerlei der Extreme Metal-Szene herauszuragen wissen.

Das, was die vielfach verdienten Norweger Vorreiter also bereits 1991 mit rabiatestem und bitter gefrostetem Viking Black Metal begannen, das mündet nun in anregend melodischen und hymnisch erhebenden Progressive Nordic Metal.

So hext sich der fünfköpfige Bergener Männerbund mittels des neuen dunklen Albumzaubers „Riitiir“ gleich in vielerlei kniffligen Disziplinen zum außergewöhnlichen Hörerlebnis. Sämtliche Trademarks, die sich Enslaved nach ihrer wüsten Schwarzmetall-Schmiedezeit erarbeitet haben, geben sich auf der unfassbar vielschichtigen Platte sinnbildlich die große goldene Klinke in die Hand.

Während sich also der bei weitem überwiegende Teil der neueren Brutalstahl-Kommandos trendgerecht in sinnlos hohe Härtegrade und lyrisch nicht selten echt üble Ausschweifungen verzettelt, da beharren diese Herren darauf, weiterhin ihren ureigenen mystischen Idealen zu huldigen.

Denn Sänger und Bassist Grutle Kjellson und Gitarrist Ivar Bjørnson, welche diese einzigartige Formation damals als 17- und 13-jährige (!) Halbwüchsige begannen, haben schließlich bis heute nicht vergessen, dass man als Musiker am besten auf die persönliche innere Stimme hört.

„Der hauptsächliche Charakter von ,Riitiir‘ besteht sicherlich in der relevanten Entscheidung, ob man nun Mensch sein will oder schlicht Teil der Menschheit! ,Riitiir‘ bedeutet ,Riten des Menschseins‘. Wir künden auf dem neuen Album davon, wie weit sich die Menschheit bis heute seit seinen Anfängen entwickelt hat, und beschrieben wird dabei nicht nur unser aller Vermächtnis, sondern auch die gegenwärtige Dekadenz auf dieser Welt“, lässt Rauschebart Grutle angeregt verlauten, zum Geist des neuen Werkes befragt.

So geht es ganz automatisch zum breiten Kontext lyrischer Inhalte weiter. Kollege Ivar bringt sich dazu nur zu gerne mit entspannter, aber entschlossener Stimme ein: „Der Opener-Track ,Thoughts Like Hammers‘ beispielsweise kann mit seinem textlichen Inhalt das ganze Album wirklich sehr gut repräsentieren. Jedoch hat jeder der neuen Songs sein ganz eigenes ,Mikrothema‘ und seine ganz eigene Identität. Wie Grutle schon sagte, ist das inhaltliche Konzept dieser Scheibe auf gewisse Weise unter einem gigantisch überdachenden Bogen errichtet. Letzterer, er trägt eben jene ,Riten des Menschseins‘ auf sich, stellt sich als eine so dermaßen große Abstraktion des Ganzen dar, die es uns erlaubt, in beinahe unendlich viele verschiedene Richtungen zu gehen. Und wir, wir tun es! ,Thoughts Like Hammers‘ dreht sich genauer gesagt um geplante Zerstörung, oder um maskuline Zerstörung, wenn man so will. Man kann die von mir erdachten Zeilen des Liedes dabei auf diverse Arten interpretieren. Auf mythologische Weise beispielsweise, im Thor-Kontext, oder im Bereich der Runenmagie Thurisaz. Sogar philosophisch kann ein Bezug dazu hergestellt werden, nimmt man die Werte zerstörende, testende Hammer-These von Nietzsche her. Sogar auf psychologischer Ebene kann man sich des Liedes umfangreich annehmen. Letztlich bleibt ein einfach starker lyrischer und ausdrucksstarker Songtext. So definiere ich gute Lyriken, sie lassen viele Betrachtungsmöglichkeiten und Interpretationen zu.“

Wie Ivar anschließend ergänzend zu erörtern weiß, erarbeiten er und Grutle jeweils vier Liedertexte für das neue Album.

„Ich schrieb ,Thoughts Like Hammers‘, ,Veilburner‘, ,Materal‘ und ,Storm Of Memories‘, während Grutle sich für ,Death In The Eyes Of Dawn‘, ,Roots Of The Mountain‘, den Titelsong ,Riitiir‘ und ,Forsaken‘ hinsetzte. Wir haben das gesamte Konzept für die neue Veröffentlichung ohnehin in Gemeinsamkeit erdacht und umgesetzt, also so, wie wir es seit jeher zusammen getan haben.“

Wie der wuchtige Ivar, merklich bestens im Redefluss, mit Tiefgang weiter offenbart, können die ungewöhnlich breit angelegten Längen der neuen Kompositionen als ein weiteres markantes Merkmal von ,Riitiir‘ angesehen werden. Der Skandinavier erzählt weiter:

„Die Nummern sind insgesamt sowieso viel mehr von allem! So könnte man die Attitüde der Scheibe am besten zusammenfassen. Das Schöne ist schöner, das Aggressive ist aggressiver geworden. Während die letzten Enslaved-Alben spezifischer in diverse Direktiven ausgerichtet waren, würde ich sagen, dass ,Riitiir‘ mehr von allem hat, was Enslaved ausmacht. ,Vertebrae‘ beispielsweise klingt ja eher reif und mild, ,Axioma Ethica Odini‘ hingegen schlägt einem viel mehr ins Gesicht.“

Wie Gevatter Kjellson mit hohem Augenaufschlag dem Gesagten aufgeweckt und nicht wenig zustimmend anfügt, ist es für ihn stets das Höchste, sich als Künstler in vielen differierenden Richtungen ausdrücken zu können.

„Wichtig ist dabei aber auch, seinen ganz persönlichen Sound immer so gut es geht aufrechtzuerhalten. Ich bin der Meinung, wir haben dies erneut ganz gut hingekriegt mit den neuen Tracks. Und genau dieses geglückte Trachten dürfte ohnehin dafür verantwortlich sein, dass es Enslaved bis heute überhaupt noch immer gibt. Darüber hinaus bin ich der Ansicht, dass es sich bislang für so einige Bands innerhalb eines mehr oder weniger festen klanglichen Rahmens doch sehr gut gearbeitet hat. Motörhead beispielsweise, die ich verdammt gut finde! Indem auch wir ständig unsere Dynamiken innerhalb bewährter musikalischer Module ändern, bleiben wir als Band äußerst vital. Unsere größte Liebe gilt der Musik. Einige von uns sammeln begeistert Tonträger, einige Mitglieder arbeiten in Studios außerhalb des Bandgeschehens, einige spielen auch außerhalb von Enslaved Musik usw. Und diese Vollzeitbeschäftigung und -Hingabe an die Musik bringt uns als Gruppe wiederum gute neue Einflüsse für neue Lieder. Wir sind da nicht engstirnig. Es gibt für uns immer viele neue und teils auch sehr seltsame Inspirationen, die wir nur zu gerne in unsere Ausdrucksmöglichkeiten schlängeln lassen.“

Der wirklich außergewöhnlich auskunftsfreudige Sänger und Bassist verrät im Weiteren noch, dass er sehr stolz darauf ist, innerhalb seiner verschworenen Horde stets den Faktor „Natürlichkeit“ so derart grenzenlos und frei ausleben zu können.

„So gibt es bei uns auch niemals eine Überlegung, wo wir als nächstes hingehen sollen beziehungsweise sollten. Sondern wir gehen einfach furchtlos drauflos.“

© Markus Eck, 10.09.2012

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