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Interview: EPICA
Titel: Klangbrutale Schönschwärmereien

Musikalische Genregrenzen? Aber doch nicht für diese Freigeister namens Epica. Hauptsächlich ziemlich weit aus dem Gothic Metal-Härtefenster lehnen sich die kreativfreudigen Niederländer mit ihrer neuen Monumentalaufführung „The Divine Conspiracy“. So erdonnern auf dem beängstigend vielfältig gestalteten Dramatikalbum haufenweise erdrutschartige Rhythmusschübe und mitreißend knallharte Gitarrenpassagen.

Daneben bricht auch Gitarrist Mark Jensen, der männliche Vokal-Gegenspieler von Nachtigallensängerin Simone Simons, nicht selten überaus kehlenbrachial in die opulent-symphonisch arrangierte Schwermetallvorstellung ein. Der Bedeutung des Gruppennamens macht das Quintett diesmal ebenfalls wieder alle erdenkliche Ehre. Erneut die Ehre gab sich auch die ansehnliche Simone in einem weiteren Interviewgespräch mit mir.

„Dieses vierte Studioalbum ist für uns ein weiterer logischer Schritt nach vorne: In genau die von uns angestrebte Richtung in Sachen Weiterentwicklung. Hauptsächlich sind die neuen Kompositionen viel härter als unser altes Material, gleichzeitig geriet uns das Ganze aber auch viel natürlicher und viel offener. Und: Derart variantenreich und komplex haben unsere Anhänger uns auch noch nicht zu Gehör bekommen – sie sollten sich daher sehr viel Zeit für `The Divine Conspiracy` nehmen, um der Scheibe entsprechend teilhaftig zu werden“, eröffnet die stimmlich so atemberaubend facettenreich agierende Gesangsfrau.

„Für unsere stilistischen Verhältnisse ist der Langspieler zuweilen schon verdammt hart geworden, aber dahinter steckt kein spezielles Kalkül. Es baute sich während der Arbeiten an der Platte eine ganz spezifische und überaus faszinierende Eigendynamik auf, welche neben spannenden Kompositionsmomenten auch immer mehr Lust an klanglicher und männlichstimmlicher Härte mit sich brachte.“

Dass der aktuelle Silberling so erstaunlich abwechslungsreich ausgefallen ist, darf beileibe nicht als Zufallergebnis gewertet werden. Denn der Fünfer hat eine Unmenge an Arbeit, Herzblut und Nerven in den Kompositionsprozess und die Aufnahmen zur aktuellen Platte investiert, wie der rothaarigen Simone zu entlocken war. Sie gibt zu:

„Wir empfinden diese CD schon ein wenig wie unser aller gemeinsames Baby: Alle Mühen, Anstrengungen und all unsere Liebe dafür führten letztlich zu dem, was nun in Albumform vor uns liegt. Und erneut ist die enthaltene Musik eben auch typisch Epica.“

Der verschwörerisch anmutende Albumtitel „The Divine Conspiracy“ macht schlagartig neugierig auf den lyrischen Inhalt. Simone gibt bereitwillig Auskunft zu diesem Kontext:

„Es steckt ein Hauptkonzept dahinter. Nämlich das imaginäre Spiel Gottes mit den Menschen – in Form diverser Religionen, welche genauso genommen letztlich allesamt doch am Ende zu einem Gott führen. Genau genommen haben doch alle religiösen Ausformungen auf dieser Welt das finale Ziel, all den gläubigen Menschen ein harmonisches Zusammenleben in gegenseitigem Respekt und Liebe zueinander zu ermöglichen. Alle Lieder auf dem neuen Werk handeln exakt diese Konzeption ab.“

Tragender Hauptcharakter auf „The Divine Conspiracy“ ist laut Statement von Simone ein Mann, welcher im Laufe seines Lebens mit vielen Menschen und Religionsarten in Kontakt kommt. Er wird dabei auch massiv drogenabhängig, was ihn durch die mentale Hölle gehen lässt. Immer wieder fällt er dadurch in leicht empfänglicher Manier verschiedenen religiösen Dogmen anheim und lebt diese devot aus.

„Die aktuellen Songtexte leuchten eine Vielzahl an derlei nicht selten tragischen Aspekten entsprechend aus“, so die passionierte attraktive Oktavenkünstlerin.

Selbst die obligatorische Ballade auf der Liedersammlung, nämlich das Lied „Safeguard To Paradise“, berichtet den Hörern von den dramatischen Auswirkungen fanatisch-fundamentalistischer Glaubensparadigmen:

„Der Song basiert auf einer realen Begebenheit: Dem damaligen Mord an dem holländischen Regisseur Theo van Gogh, welcher am zweiten November 2004 im Alter von 47 Jahren in Amsterdam auf offener Straße erschossen wurde. Verübt wurde die weltweite Bestürzung auslösende Bluttat von einem islamischen Religionsfanatiker. Das schreckliche Ereignis, dem Morddrohungen vorausgingen, sorgte für ziemliche globale massenmediale Furore. Van Gogh, auch Publizist und Satiriker, rief mit seinen teils sehr provokanten Thesen gegen religiöse Unterwürfigkeiten, vor allem aber auch gegen die multikulturelle Gesellschaft immer wieder arge Kontroversen hervor.“

Deswegen nun allzu kritisch gegenüber Muslimen beziehungsweise ihrem Glauben und ihrer Einstellung zu stehen, liegt der Sängerin jedoch fern, wie sie beteuert.

„Ich habe in meinem engeren Freundeskreis einige Frauen, also Muslima, mit denen ich bestens auskomme. Überreligiöse Eiferer und Fanatiker bringt eigentlich jede Glaubensform hervor, meiner Meinung nach sollte man Religionen daher nicht auf ihre allzu besessenen Verfechter reduzieren. Denn letztlich lautet das Ziel aller Konfessionen ja, wie ich schon sagte, in absolutem Frieden und wohltuender Harmonie miteinander das Dasein auf dieser Erde zu meistern. Was jemand letztendlich glaubt oder anbetet, sollte daher eigentlich zweitrangig sein; denn primär sollten die Menschen dadurch stärkende Weisheit und großes inneres Glück erlangen.“

Was nun den besagten Songtext zum Drogenmissbrauch anbelangt, dieser handelt laut Simone davon, wie die Hauptfigur der fürs Album erfundenen Geschichte Opium konsumiert und daran beinahe zugrunde geht. Sie erläutert:

„Er braucht immer mehr davon, um das ersehnte Rauschgefühl zu erlangen, bis er irgendwann am Ende seiner psychischen und physischen Kräfte ist. Eine typische Story von Drogenmissbrauch und all den damit verbundenen Entgleisungen wie Beschaffungskriminalität, Verlust der Eigenkontrolle etc. Dann erfolgt glücklicherweise die große Läuterung in Form der Erkenntnis, so nicht weitermachen zu können, ohne sich selbst zu zerstören. Doch weitergehen muss es, die Person denkt nicht daran, sich aufzugeben. Im Zuge dessen kommt die religiös bedingte Rettung ins Spiel. Ein radikaler Wandel geht einher. Alles verkehrt sich beinahe ins scheinbar positive Gegenteil. Der Mann entschuldigt sich bei allen Menschen und Freunden, denen er durch seine Sucht immer wieder Schmerzen zugefügt hat. Doch weil der Kerl einen Hang zum Extremen hat, vertieft er sich auch viel zu sehr in seinen Glauben und fügt sich selbst und anderen dadurch mehr Schaden als Gutes zu.“ Auch die Textzeilen zum dafür zugrunde liegenden Song „Menace Of Vanity“ basieren auf realen Ereignissen aus dem Freundeskreis von Simone. Näheres dazu wollte sie jedoch nicht verlauten lassen.“

Und zur Komposition „Never Enough“ berichtet die Sängerin, dass es darin um die sieben so genannten Todsünden geht.

Die Nummer „Death Of A Dream“ hingegen widmet sich textlich der Position der Frauen in der islamischen Kultur:

„Doch ich möchte darin auch die Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft an sich ansprechen. Ein gewichtiger Bestandteil des besagten Textes ist zudem auch, dass Frauen international noch viel mehr für ihre Rechte aufstehen und eintreten sollten. Glücklicher Weise hat sich der soziale Stand von uns Frauen während des letzten Jahrhunderts um Einiges zum Besseren gewendet, doch es gibt halt auch noch immer Männer, die das nicht akzeptieren können beziehungsweise wollen. Ihnen ist die globale weibliche Emanzipation ein sehr dicker Dorn im altmodischen chauvinistischen Auge.“

Nicht zuletzt lassen sich „moderne“ Menschen ja immer mehr ihre persönlichen Meinungen und Daseins-Ansichten von massenmedialen Manipulationsmaschinen, genannt Zeitung, Radio und TV, tief in den Geist eintrichtern.

Simone bekennt abschließend ehrlich, genau deswegen so selten als nur möglich in den Zeittotschlag-Apparat namens Fernseher zu blicken, geschweige denn kommerzielle Radiosender zu konsumieren:

„Ich kann diesen ganzen überspitzten Mist einfach nicht ausstehen, zum überwiegenden Großteil ist das ja sowieso überhaupt nicht auszuhalten. Daher sollte man als Eltern auch penibel dafür Sorge tragen, Kinder so gut es geht vom Fernseher `fern` zu halten. Persönliche Zuwendung und Einfühlsamkeit sind eben durch nichts zu ersetzen.“

Epica-Gitarrist und -Gründungsmitglied Mark Jansen steht bekanntlich auch am Gesangsmikrofon seinen Mann.

Letzteres tut er wie eingangs erwähnt seit Fertigstellung des Kompositionsprozesses des aktuellen Studioalbums „The Divine Conspiracy“ sogar mehr und vor allem vielfältiger denn je zuvor bei dieser Band.

Denn die beliebte niederländische Gothic Metal-Schöngeistergarde um die ansehnliche Sopran-Frontfrau Simone Simons erklimmt darauf überraschend harte Schaffensbereiche, was sich auch auf Jansens vokalistische Linien ziemlich intensiv auswirkte.

Und wie der freundliche Saitenakrobat anschließend zu Protokoll gibt, hatten sowohl der stilistische als auch der kehlentechnische Richtungswechsel jeweilig ihren ganz bestimmten Grund.

„Als wir nach und nach immer mehr registrierten, dass stilistisch artverwandte Erfolgsbands wie beispielsweise Nightwish, Sirenia oder Within Temptation immer kommerziellere Züge an den Tag legten, entschieden wir uns hingegen, in Sachen Extremität einen ordentlichen Zacken zuzulegen. Dies erschien uns allen in der Gruppe nicht nur am ehrlichsten und sinnvollsten, sondern bereitete uns auch beim Songwriting für `The Divine Conspiracy` einen Riesenspaß. Wir haben also genau die richtige Wahl getroffen. Schließlich ist es unser oberstes Ziel, ehrliche und gute Musik zu erschaffen“, so lässt Bandleader Jansen am 21. November aus Wien wissen, wo die Band an diesem kalten Tag mittlerweile ihre 18. Tourstation mit den finnischen Kraftmetallern Sonata Arctica in Angriff nahm.

Der Gitarrist knüpft daran an: „Immer wieder gingen uns Zuschriften von besorgten Fans ein, in denen wir inständig darum gebeten wurden, nicht auch massentauglicher zu werden. Wir schrieben zurück, dass sich da niemand Sorgen machen müsste, und dass wir künftig eigentlich genau das Gegenteil anvisieren würden. [lacht] Dabei waren wir uns des Risikos vollauf bewusst, damit nicht wenige unserer Fans vor den Kopf zu stoßen. Doch diesem Umstand maßen wir als Vollblutkünstler eher sekundäre Bedeutung bei. Eine solche Abwendung vom überrepräsentierten Genre-Mainstream schwebte uns ohnehin schon länger vor, wir waren uns nur noch nicht so ganz sicher, in welche musikalische Direktive sich Epica bewegen sollte. Die positiven Reaktionen unserer Anhänger bestätigten uns glücklicher Weise, absolut auf dem richtigen Weg zu sein. Das aktuelle Album läuft wirklich sehr gut, sogar besser als alle unsere bisherigen Veröffentlichungen; was aber natürlich auch an der souveränen Arbeitsweise unseres neuen Plattenlabels Nuclear Blast liegt. Für uns als Band bedeutete dieser neue Plattenvertrag einen gigantischen Schritt vorwärts, hier bemüht man sich nun endlich mal gleichsam hochprofessionell und auch ergiebig um unsere leidenschaftlich inszenierte Klangkunst.“

Gut so, denn jahrelang musste Freigeist Jansen & Co bei der umstrittenen Vorgänger-Verlagsfirma Transmission Records doch um jedes noch so kleine Anliegen erbittert kämpfen, wie er nicht ohne spürbare Bitterkeit resümiert.

Doch jetzt geht alles wie von selbst. Der gleichwohl herzlich wirkende wie auskunftsfreudige Niederländer freut sich aus vollem Herzen:

„Um Vieles mussten wir bisher nicht mal fragen, was uns immer wieder positiv überrascht. Nach all den Jahren der Ärgernisse können unsere sensiblen Künstlerseelen diesen neuen musikgeschäftlichen Balsam auch wirklich gut gebrauchen. Endlich können wir uns daher voll und ganz ausschließlich unserer über alles geliebten Musik widmen, was auch nachfolgend garantiert allerbeste Resultate mit sich bringen wird“, ist sich der Mann sicher.

Da läuft also alles bestens nach Plan derzeit, und Mark expliziert dazu noch:

„Wir bemerkten ohnehin schon seit Längerem, dass die Epica-Fans bei den härteren Nummern live am besten abgehen, von daher fiel uns die Entscheidung, 2007 tendenziell insgesamt extremere Lieder zu kreieren, umso leichter. Auch bei unseren derzeitigen Auftritten bejubeln die Fans unsere neuen Kompositionen mit einer nicht geringen Portion an Enthusiasmus. Besser könnte das Jahr 2007 also eigentlich gar nicht gelaufen sein für uns.“

Nicht ganz so reibungslos gestaltete sich hingegen eben die Belange zum vorherigen Tonträgerverlag Transmission Records, wie Mark mit kritischem Tonfall in der Stimme zu berichten weiß.

„Obwohl sie Bankrott gingen, haben Transmission noch immer alle Rechte an unseren alten Kompositionen, weswegen wir die seit langer Zeit geplante offizielle Epica-DVD bisher noch nicht veröffentlichen konnten. Und das ist beileibe nicht alles, was bezüglich dieses Labels und uns an Missstimmigkeiten existiert, aber ich möchte hier nicht zu weit ausschweifen. Uns ärgert dieser Umstand schon sehr, aber wir hoffen inständig, dass sich in dieser Angelegenheit alles für uns zum Besten wendet und wir unseren Fans schon bald eine möglichst umfangreiche Epica-DVD offerieren können. Und auch sonst sind wir bester Dinge, was die Zukunft von Epica angeht.“ Dafür hat der Epica-Boss auch allen Grund.

© Markus Eck, 22.11.2007

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