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Interview: EPICA
Titel: Herzensangelegenheiten

Kostet man als ergebener Liebhaber ihrer Klänge die mannigfaltig schillernden Facetten des neuen und fünften Epica-Studioalbums aus, so taucht dabei die berechtigte Frage auf, wie weit diese niederländischen Extrakönner das breite Spektrum ihres edlen Epic Symphonic Gothic Metal eigentlich noch zu dehnen imstande sind?

Die vorläufige Antwort darauf gibt jetzt „Requiem For The Indifferent“. Die musikalischen Weichen gestellt hat dafür hauptsächlich wieder Gitarrist und Growl-Vokalist Mark Jansen, welcher als schöpferischer Geist diesmal gar schier über sich selbst hinausgewachsen zu sein scheint.

Zahllose Tage und ebenso viele Nächte gab sich Notenzauberer Jansen nach dem letzten Album „Design Your Universe“ vollkommen der eigenen Tonleiter-Magie hin, und dabei machte der ebenso obsessive wie vollends beseelte Musikus selbst vor der eigenen geistigen und körperlichen Erschöpfung nicht Halt.

Was für ihn zum Ende hin gefährlich war, das offenbart sich nun als erhebend operettenhaftes Labsal für Genre-Enthusiasten.

Und ganz eindeutig hat der Mann Mezzosopranistin Simone Simons bei den Arbeiten an dieser atemberaubend vielschichtigen Veröffentlichung mit seinem Drang nach Vollkommenheit massiv angesteckt.

Denn das, was das holländische Sextett da aktuell kredenzt, könnte ausgewogener und homogener zueinander gebracht wohl nicht erklingen.

„Leider fühle ich mich überhaupt noch nicht ansatzweise erholt von all den Strapazen der vergangenen Monate, die das neue Album für mein Befinden mit sich gebracht hat. Daher habe ich jetzt erstmal eine ausgiebige Reise nach Mexiko gebucht, die mich zu sämtlichen wichtigen Maya-Plätzen im Süden des Landes führen wird. Ich brauche diesen ersehnten Trip definitiv, um anschließend in guter Form für die kommende Tour zu ,Requiem For The Indifferent‘ zu sein. Dennoch muss ich resümierend sagen, dass, obwohl es mich schon schwer geschlaucht hat, die Lieder nach meiner Vorstellung fertig zu bekommen, der diesmalige Songwriting-Prozess erfreulicherweise auf der anderen Seite schon auch sehr ergiebig war. Zwei Jahre meines Lebens habe ich investiert, um die neuen Stücke so hinzukriegen, wie sie jetzt sind. Es mag ein wenig länger gedauert haben, als dies für gewöhnlich bei Epica für ein Album der Fall ist, aber diese Zeit war nun mal erforderlich dafür, um das bestmögliche Resultat zu erreichen. So fühle ich mich gegenwärtig schon auch sehr glücklich, selbst und mit der Band so hart geschuftet zu haben, denn das vorliegende Endresultat erfüllt mich mit großem Stolz“, lässt Mark zu Beginn sehr erleichtert verlauten.

„Die kommende Welttournee wird sehr anstrengend und Kräfte zehrend sein, das ist uns allen schon jetzt vollauf bewusst. Dennoch sind alle Bandmitglieder in Epica so hochgradig vorfreudig schon jetzt davon begeistert, wie es in unseren Anfangstagen früher der Fall war. Mögen wir die Welt erfreuen!“

Und woraus sich die enorm charismatische und machtvoll einnehmende Anmut des neuen Epica-Werkes generiert, dies weiß der Vielseitige anschließend sehr gut darzulegen.

„Wir folgen stets unseren Herzen und wir machen dabei exakt die Musik, die wir erschaffen wollen. Ich kenne so einige Bands - und das sogar im Metal-Bereich -, welche das Ganze tatsächlich wegen des Geldes machen. Das ist jedoch eben absolut nicht unser Ding. Natürlich sind auch wir bei Epica sehr froh, davon unsere Leben finanzieren zu können, das soll keinesfalls unterschlagen werden. Aber ich bin mir sicher, dass uns dies letztlich nur möglich geworden ist, weil wir sämtliche Entscheidungen betreffs der Band mittels aufrichtiger Beweggründe getroffen haben.“

Und das wird laut weiterem Statement des Griffbrett-Artisten auch weiterhin der Fall sein.

„So wertschätze ich nach wie vor jede Band vollauf, welche ebenfalls ,ihre‘ Musik ehrlich und linientreu spielt. Daher würdige ich auch das neue Album von Opeth, denn Gitarrist und Sänger Mikael Åkerfeldt und seine Gruppe folgen ebenfalls nur dem Herzen und sonst nichts.“

Obwohl sich der spezielle Stil von Opeth über die Jahre bekanntlich massiv verändert hat, so brauchen sich die vielen Epica-Fans in aller Welt laut einem anhaltend gut aufgelegten Mark allerdings keinerlei Sorgen hinsichtlich der Epica-eigenen Stilistik zu machen.

„Denn wir sind noch immer sehr glücklich mit der Art, wie unsere Songs erklingen. Alles in allem kann ich sowieso nur feststellen, dass ,Requiem For The Indifferent‘ trotz seiner ausgesprochenen Vielfalt simpel formuliert ein nur logischer Nachfolger zu ,Design Your Universe‘ ist“, verlässt es hierzu den Mund des Fleißigen aus der Stadt Reuver.

Auf diverse neue Nuancen im Epica-Gesamtsound tiefgehender angesprochen, welche auf „Requiem For The Indifferent“ zu hören sind, entgegnet Mark ebenso freudig wie entschlossen wirkend:

„Die langjährigen Fans werden aktuell sowohl neue Facetten als auch wiedergekehrte Klangmerkmale, die es früher schon mal bei uns zu hören gab, auf diesem neuen Album registrieren. Letztlich hat es sich im Zuge des Entstehungsprozesses so ergeben, direkt strategisch beabsichtigt war dies allerdings nicht. Beispielsweise arabische Einflüsse, die auf dieser Platte zum Tragen kommen; letztere hören sich diesmal jedoch sehr viel orientalischer an als zuvor. Komplett neu ist hingegen ein Keyboard-Solo und wir haben einmal sogar eine Clannad-artige Introduktion mit an Bord. Ich liebe diese großartige irische Celtic Folk-Gruppe sehr, die ihre allergrößten Erfolge wohl in den 1980ern hatte.“

Im Weiteren behandelt der Dialog das insbesondere bei solcherlei Stilistik sehr wichtige Thema „Balance“, welchem laut Aussage des Gitarristen und Sängers auf „Requiem For The Indifferent“ auch ganz besonders viel Aufmerksamkeit zuteil wurde. Er konstatiert:

„Wir haben schon immer darauf geachtet, dass eine gewisse Ausgewogenheit auf den Epica-Alben präsent ist. Und das ging diesmal so weit, dass es ein eigentlich sehr starker Song wie ,Twin Flames‘ nicht auf die aktuelle Scheibe geschafft hat, weil er besagter Balance tatsächlich abträglich gewesen wäre. Seit jeher mag ich es beziehungsweise lege ich viel Wert darauf, dass sich unseren Hörern viele Variationen eröffnen. Die Mixtur aus kurzen und langen Liedern, klaren Strukturen und aufwändig ineinander verschachtelten Passagen, potenten Melodien und Vokallinien wird bei Epica eigentlich ständig benötigt, um das Ganze attraktiv und spannend zu halten.“

Glücklicherweise haben diese Niederländer, so Mark, über die Jahre einen speziellen Weg des Arbeitens gefunden, der ihnen diese Faktoren für neues Material immer wieder aufs Neue möglich macht.

„Das war auch für die neue Veröffentlichung nicht anders: Wir erarbeiten jeder für sich von zu Hause aus die grundsätzlichen Ideen und Strukturen, zunächst mit Bedacht und in aller entspannten und friedlichen Ruhe. Sobald dann eine gewisse Deadline erreicht ist, senden wir uns die entstandenen Fragmente gegenseitig zu. Ich kollektiviere das Ganze anschließend und gehe damit zu unserem deutschen Stammproduzenten Sascha Paeth, um mit ihm gemeinsam sämtliche Kompositionen und Gesangslinien auszuarbeiten. Simone ist da auch dabei, und als produktives Trio verfeinern wir die Stücke immer mehr, bis sie schließlich irgendwann voll und ganz aufnahmereif sind.“

© Markus Eck, 29.01.2012

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