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Interview: EQUILIBRIUM
Titel: Mit Bezug zu Natur und Natürlichkeit

Den letzten Sommer versüßten sie ihren Anhängern mit der beschwingt erschallenden EP „Waldschrein“. Nun lassen die Münchner Epic Fantasy Metal-Meister endlich ein neues Album nachfolgen, das vierte in der Historie der seit jeher viel beachteten Band.

Zeit wurde es, denn die gefeierte Langspiel-„Rekreatur“ erschien bereits 2010. Für „Erdentempel“ brachte Mitbegründer, Gitarrist, Songwriter und Textdichter René Berthiaume auf allen musikalischen Ebenen die bislang allergrößte Vielfalt ein.

Dementsprechend hochgradig abwechslungsreich und unterhaltsam spritzig geworden, lässt diese aktuelle Veröffentlichung keine Sekunde Zeit für Langeweile. Teils darf das Ohr gar in exotische Gefilde reisen.

Dennoch hört sich nicht wenig darauf auch nach einem stilistischen Brückenschlag zu den Anfängen an, was auf „Erdentempel“ bombastische und verspielte Momente gleichermaßen mit sich bringt.

Vor kurzem haben die beiden Gründungsmitglieder, die Geschwister, Bassistin Sandra Van Eldik und Gitarrist Andreas Völkl die Formation überraschend verlassen.

René hat sich mittlerweile wieder ganz gut gefangen, wie er bestens gelaunt zu berichten weiß.

„Der Ausstieg hat uns schon sehr überrascht, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, wo eine neue Veröffentlichung und viele Konzerte anstehen. Aber letzten Endes wollen die beiden sich nun vermehrt wieder auf andere Dinge konzentrieren. Das verstehe ich natürlich, denn für die Band braucht man natürlich nun mal etwas Zeit. Einerseits sind wir schon etwas traurig über den schnellen Weggang, aber andererseits sehen wir das ganze als Herausforderung und natürlich auch als Möglichkeit, durch neue Musiker noch mehr frischen Wind in unsere Gruppe zu blasen.“

Nach 13 gemeinsamen Jahren steckt man so etwas natürlich dennoch nicht gerade leicht weg, wie René offen bekennt. „Der eine oder andere emotionale Moment war diesbezüglich schon vorhanden. Aber schlussendlich sind die zwei ja nicht aus der Welt. Wir sind immer noch befreundet. Und wir haben schöne gemeinsame Erinnerungen, wie beispielsweise die ersten großen Auftritte auf Festivals wie dem SummerBreeze oder in Wacken. Und auch den ersten gemeinsamen Besuch bei unserer aktuellen Plattenfirma werden wir alle niemals mehr vergessen. Aber es gibt weitaus schlimmere Dinge im Leben. Und außerdem blicke ich lieber nach vorne und bin schon gespannt, wie es in Zukunft nun weitergeht mit Equilibrium. Ich bin mir sicher, dass Sandra und Andreas weiterhin Musik machen werden, aber was, wo und in welcher Form, das weiß auch ich selber nicht.“

Die Verbleibenden werden laut Aussage von René auf jeden Fall alsbald möglich zwei neue Musiker in die Truppe holen.

„Ohne Bass und zweite Gitarre klingt es leider nur halb so fett“, scherzt er, „doch ich bin guter Dinge, was künftige neue Mitglieder von Equilibrium angeht. Drummer Hati und unser neuer Sänger Robse sind ja nun auch schon seit 2010 dabei. Mit beiden verstehe ich mich ausgezeichnet. Hati sehe ich leider meist nur zu Konzerten, da er momentan in Israel wohnt, aber bald geht es ja wieder los mit neuen Live-Shows. Und Robse ist auch eine absolute Bereicherung für die Band, und das sowohl aus künstlerischer Sicht als auch auf zwischenmenschlicher Ebene. Gerade in solcherlei turbulenten Zeiten muss man natürlich zusammenhalten und mehr denn je an einem Strang ziehen, deswegen schweißt so etwas dann ja auch zusammen.“


Der Plattentitel „Erdentempel“ klingt zunächst nach betont spirituellem Hintergrund.

Doch was genau steckt hinter dem Titel?

„Für mich kann der Titel sowohl als direkter Ort in der Natur gedeutet werden als auch direkt in uns selbst, von dem her hat er durchaus einen spirituellen Hintergrund. Ich finde es extrem wichtig, den Bezug zur Natur nicht zu vergessen beziehungsweise zu verlieren. Ich habe das oft gemerkt, als ich noch in München wohnte. Überall um einen herum nur große Häuser, stinkende Autos, mürrische, unzufriedene Menschen. Man hat das Gefühl, jeder lebt irgendwie in seiner eigenen Welt, scheinbar große Probleme stapeln sich usw. So ähnlich war es dann auch bei mir. Bis zu dem Punkt, als ich mir wieder die Zeit genommen habe, raus in die Natur zu fahren, sei es in den Wald, die Berge oder ans Meer. Und plötzlich relativiert sich alles um einen herum und auch wieder in einem selbst. Irgendwie hat das auch etwas Reinigendes und man bekommt andere Sichtweisen auf umherliegende Dinge. So erging es zumindest oft mir, und daran, so finde ich, sieht man auch, wie wichtig es ist, seinen Ursprung nicht zu vergessen und ihn immer auch ins eigene Leben mit einzubeziehen. Ich bin durchaus ein Fan von Fortschritt, Technologie und sicher auch diversen Konsumgütern. Trotzdem versuche ich mir in alldem eine Balance zu bewahren. Insofern steht der Titel auch recht gut für das neue Album, da in ziemlich allen Songs ein Bezug zwischen persönlichen, menschlichen Themen und der Natur hergestellt wird.“


So hatte der Mann eine längere Phase, in der er die Natur mehr oder weniger nur noch in seinen Gedanken erlebt hatte.

„Der Fokus lag dabei viel zu stark auf Arbeit. Und wenn man nicht mal selbst die Notbremse zieht, frisst einen das irgendwann auf. Ich bin dann auch aus der Großstadt wieder raus aufs Land gezogen. Ich arbeite immer noch viel, die Musik ist ja auch meine absolute Leidenschaft. Aber ich weiß es nun auch wieder, freie Tage zu genießen und sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Den Satz ,Ich hab‘ keine Zeit‘ gibt es eigentlich normalerweise nicht. Man muss sich die Zeit einfach nehmen beziehungsweise die Prioritäten entsprechend verlagern. Dadurch, dass ich jetzt umgeben von Wäldern wohne, spüre ich die Natur nun wieder viel intensiver. Endlich erlebe ich auch wieder die Jahreszeiten, die unterschiedlichen Gerüche. Das möchte ich in Zukunft auch nicht mehr missen. Und so kann ich mich auch wieder auf die Großstadt freuen. So findet auch tatsächlich unser Bandname eine immer größere Bedeutung für uns: Auf die Balance kommt es an“, wird grinsend zu Protokoll gegeben. 


Früher waren die Lyriken der bayerischen Band oft von germanischen und nordischen Sagen beeinflusst.

Über die letzten Jahre hinweg sind die Texte nun allerdings immer persönlicher geworden, wie der Kopf von Equilibrium im Weiteren wissen lässt.

„Sie handeln von typisch menschlichen Themen wie Freundschaft, Mut, Zusammenhalt, Selbstzerstörung und auch von dem einen oder anderen Besäufnis. [lacht] Allerdings stehen die Texte immer im Bezug zu Naturmotiven, denn das ist es auch stets, was mich zu Beginn, wenn ich einen neuen Song schreibe, inspiriert.“


Er war eigentlich sowieso schon immer ein sehr offener Mensch, dazu sehr neugierig und entdeckungsfreudig, sowohl in der Musik als auch in vielen anderen Bereichen, wie der Musikus nachfolgend verkündet. „Equilibrium beispielsweise würde auch nicht so klingen, wenn ich mich nur für eine Musikrichtung interessieren würde. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich bereits als Kind mit meiner Familie verschiedene Länder bereist hatte“, freut er sich aus vollem Herzen.

Bombastische Epen und dynamische Metal-Gewalten wechseln sich aktuell mit zuweilen bemerkenswert heiteren Sauf- und teils gezielt humorig erscheinenden Schunkelliedern ab.

Wir sprechen daher gleich auch noch darüber, wie wichtig Songtexte und deren Niveau generell bei Equilibrium sind.

René: „Auf ,Erdentempel‘ sind die Songtexte meiner Meinung nach wichtiger denn je, da sie diesmal besonders stark mit der Musik verschmelzen beziehungsweise an sie gebunden sind. Equilibrium hat natürlich die epische, melancholische und bombastische Seite, aber genauso wichtig sind bei uns eben auch die Feiernummern, denn das ist ja auch irgendwo ein Teil von jedem von uns. Warum das Ganze also nicht auch musikalisch entsprechend umsetzen? Niveau liegt ja immer im Auge des Betrachters! [lacht lauthals] Für mich ist besonders wichtig, dass man hinter seiner Musik steht und dass sie authentisch ist. Und das kann ich bei ,Erdentempel‘ von vorne bis hinten behaupten.“

Auch die Einflussbandbreite erscheint diesmal eindeutig noch viel größer als je zuvor.

Direkt zur stilistischen Mixtur der neuen Scheibe befragt, gerät die Miene des Meisters in freudige Wallung:

„Ich denke, jeder der neuen Songs baut auf fetten Gitarrenwänden und beinhaltet cineastische Momente. Aber dazu gesellen sich auch immer wieder Besucher aus anderen Genres, sei es aus irischer Folklore, bayerischer Volksmusik, Reggae, Rock‘n‘Roll oder sogar Ambientklängen. Ich finde es eben immer wieder extrem aufregend, exotische Sounds mit in unsere Songs einfließen zu lassen. Im Moment des Komponierens ist es dann so ein bisschen, als würde man selbst um die Welt herumreisen.“

Kurz gesagt: „Die Songs sind insgesamt etwas kompakter geworden und kommen mehr auf den Punkt. Stellenweise vielleicht sogar auch etwas mutiger. Aber insgesamt klingt es natürlich immer noch total nach Equilibrium; das sagen zumindest die Leute, denen ich das Album bisher offenbart hatte.“

Grenzen sind eben dafür da um sie zu überschreiten, so der bärtige Bayersmann:

„Zumindest ist das so für mich in der Musik. Wenn sich jeder an strikte Vorgaben gehalten hätte, dann hätten wir heutzutage auch sicher nicht so eine musikalische Vielfalt, wie sie nun da ist. Ich stehe nun mal auf sehr viel Musik, allerdings habe ich nur eine Band. Für eine weitere Band würde mir die Zeit gar nicht reichen. Deswegen mache ich mit Equilibrium eben immer genau das worauf ich Lust habe. Das Metalgewand hat natürlich fast jeder Song, denn für mich hat kaum eine andere Richtung so eine Energie und Kompromisslosigkeit, gerade auch live. Trotzdem fliesst auch alles andere mit ein, was mich so interessiert und mir gefällt.“

Seit er wie erwähnt die Natur und Ruhe wieder um sich herum hat und somit auch wieder ein Stück zu sich gefunden hat, so René, sind all diese Songs, Gedanken und Sounds nur so aus ihm herausgesprudelt. „Natürlich gibt es auf dem neuen Werk auch die düsteren und melancholischeren Stücke, das ist ja auch ein Teil von uns. Aber genauso lassen wir dann auch mal die Sau raus, setzen uns ins Bierzelt und schunkeln um die Wette“, platzt es unter einem Lachen aus ihm heraus.

Fast vier Jahre nahm das gesamte Songwriting für die neue Scheibe in Anspruch. Ein ungewöhnlich langer Zeitraum für einen bekanntlich so kreativen Geist wie meinen Gesprächspartner. Der relativiert die Fakten:

„Na ja, ich habe nicht wirklich vier Jahre durchgängig am Album gearbeitet. 2010 und 2011 waren wir ja noch sehr mit Touren und Konzerten beschäftigt, so dass Ideen nur spontan aufgeschrieben oder aufgenommen werden konnten. Dann kam noch viel persönlicher Kram bei uns dazu, wie beispielsweise Umzüge, Studium, diverse andere Jobs, etc. 2012 ging es dann intensiver mit dem Songwriting los, und 2013 war dann schließlich Volldampf angesagt. Ich habe auch bestimmt sechs Monate am Stück daran gearbeitet und nichts anderes mehr gemacht. Aber ich mag dieses intensive Arbeiten. Man ist so schön fokussiert, hat ein großes Ziel vor Augen. Nämlich ein Album zu erschaffen, mit dem man am Ende auch selbst zufrieden ist. Ich muss sagen, ich war noch nie so zufrieden wie bei ,Erdentempel‘!“

Doch auch stagnative Passagen gab es durchaus zu erleben, wie zu erfahren ist.

„Gerade dann, wenn man sich vornimmt, den Großteil des Albums am Stück zu schreiben, und das dann über mehrere Monate. Manchmal ist es auch wie Achterbahnfahren. Im einen Moment denkst du, du hast den geilsten Song der Welt geschrieben, und am nächsten Tag möchtest du ihn am liebsten in die Tonne werfen. Stolz vermischt sich mit Selbstzweifeln, und das immer wieder. Aber ich habe mich über die Jahre daran gewöhnt, und ich bin froh, dass es so ist, denn wenn ich zu locker und emotionslos an die Sache herangehen würde, wäre es ja viel zu langweilig. [lacht] Mittlerweile habe ich es auch einfach akzeptiert, dass man an zwei bis drei Tagen hintereinander vielleicht nichts Brauchbares zustande bringt. Trotzdem war diese Zeit dann nicht verloren, und man hat vielleicht andere musikalische Erfahrungen und Entdeckungen gemacht, auch wenn diese dann nicht gleich aufs Album kommen. Wenn es aber mal vorkommt, dass ich gerade an einem Song nicht weiterkomme und es mich so sehr fuchst, dann gehe ich entweder raus und laufe eine Runde oder ich steige unter die Dusche. Man glaubt es kaum, aber unter der Dusche kommen mir manchmal tatsächlich mit die besten Ideen. Ich halte auch schon immer mein Handy griffbereit, damit ich notfalls gleich eine Idee festhalten kann.“

Der weitere Dialog geht über zur Zusammenarbeit der einzelnen Bandmitglieder für die neuen Stücke. „Robse ist ja extra aus Frankfurt an der Oder für eine gute Woche zu mir runtergekommen und wir haben direkt hier den Gesang aufgenommen. Gemischt wurde das Ganze ja dann wieder in München in den Helion Studios. Aber für den Gesang haben wir uns viel Zeit gelassen, pro Tag haben wir vielleicht zwei Nummern aufgenommen. Wir haben viel mit seiner Stimme herumexperimentiert um herauszufinden, welcher Klang zu welchem Song passt. Das hat den Songs wirklich unglaublich gut getan, zudem man die Texte nun auch weitaus besser versteht als es früher noch bei uns der Fall war. Robse hatte auch richtig viele gute Ideen dazu beigetragen und ich denke es hat ihm großen Spass gebracht, sich mit seiner Stimme auf dem Album zu entfalten. ,Erdentempel‘ ist ja nun auch das erste Album, welches auch tatsächlich für seine Stimme geschrieben wurde.“

Die allergrößte Stärken der neuen Kompositionen sieht der Gitarrist definitiv in der Verschmelzung von Text und Musik und der generellen Authentizität des Albums.

„Außerdem natürlich in der Vielfalt der einzelnen Songs. Wir versuchen immer wieder viel Abwechslung reinzubringen und dabei trotzdem einen roten Faden zu behalten. Ich denke, das ist uns auch recht gut gelungen.“

Vom 2000er Demo bis heute hat sich umfassend viel getan bei Equilibrium.

Hätte der Musiker damals je erwartet, irgendwann ein so immens facettenreiches Album wie „Erdentempel“ zu erschaffen?

„Ich habe immer irgendwie versucht das ,ganz bestimmte‘ Album zu schreiben, das ultimative beste Equilibrium-Album. Irgendwann habe ich dann aber gecheckt, dass so ein Album eben auch irgendwie eine Art Momentaufnahme ist. Und dass so jedes Album auch neben dem anderen bestehen kann und soll. Wenngleich man auch trotzdem versucht, sich selbst immer zu steigern. Ob einem das gelingt, ist ja dann auch wieder eine totale Geschmacksfrage. Insofern gibt es also kein bestes Album, beziehungsweise für jeden ist vielleicht ein anderes Album das Beste. Damals beispielsweise hätte ich mir bestimmt nicht vorstellen können, auch mal einen englischen Text zu schreiben, und diesmal ist auch ein solcher Song auf dem Album. Aber das ist ja auch das Tolle daran, wenn man sich selbst überraschen kann.“ [lacht]

Bei Equilibrium gibt es für ihn ja ohnehin zwei Phasen: „Einmal die Arbeit an den Alben. Wenn man sich zurückzieht und konsequent an den Songs arbeitet, sich in unterschiedlichste Welten verliert. Vor allem dann, wenn ein Song Form annimmt und man dann in diesen Welten quasi herumspielt. Das sind ja nicht nur einfach Noten auf dem Papier beziehungsweise im Computer. Da entstehen ja die tollsten Bilder im Kopf. Das andere sind dann die Liveshows. Das Gefühl, die Leute im Publikum glücklich zu machen ist einfach unbeschreiblich. Wenn du dann in ihre Augen schaust und merkst, dass sie die Musik irgendwie verstehen und auch fühlen, klar, dann fühlt man sich auch irgendwie verbunden und das gibt einem enorm viel zurück.“

René ist nun erstmal sehr gespannt, wie der „Erdentempel“ bei den Leuten ankommt. „Und dann können wir es natürlich kaum erwarten, mit den neuen Songs auf die Bühnen zu steigen. Wir freuen uns sehr auf die anstehenden Sommerfestivals, bevor es dann um den Herbst herum auch endlich wieder auf Tour geht!“

© Markus Eck, 07.05.2014

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