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Interview: ESKIMO CALLBOY
Titel: Einfach irre

Seitdem diese sechs Wahnsinnigen im März 2012 mit ihrem multipel extremen Debütalbum „Bury Me In Vegas“ für vielfach begeisterte Verwirrung sorgten, war nachfolgend nichts mehr so wie vorher.

Damit unterbrachen Eskimo Callboy in vielen Hörerhirnen ganz massiv die Ratio. Mit ihren, im wahrsten Sinne des Wortes irrwitzigen Live-Gigs, bislang sogar fast ausverkauft im US-Spielerparadies Las Vegas, besorgten die gigantisch abgedrehten Knallvögel aus dem Ruhrpott dann sozusagen den Rest.

Jetzt beglücken diese krassen Kerle die Musikwelt mit ihrem neuen Album „We Are The Mess“. Seine wahrlich unglaublich diffuse Spielart umschreibt das variabel fitte Zwangsjacken-Sextett aus Castrop-Rauxel frech, simpel und einfach mit „Electrocore“.

Bescheuert
Laut Sänger und Frontmann Sebastian „Sushi“ Biesler ist die Story, die sich hinter dem verrückten Namen seiner ausufernden Krachtruppe verbirgt, leider nicht so spektakulär, wie man zunächst einmal vermuten möchte.

„Unser Bassist Daniel hat an einem seiner mehr feuchten als fröhlichen Abende mit seinem Nachbarn darüber referiert, welcher der absolut bescheuertste Bandname wäre, den man einer Band geben könnte. Das Ergebnis war ,Eskimo Callboy‘. Nachdem die damalige Besetzung ihren Stil gefunden hatte, passte der Name dann einfach wie Arsch auf Eimer.“

Verrückt
Er und seine Eskimo Callboys haben im Leben nie damit gerechnet, wie er in aller Offenheit bekennt, dass die Außenwelt so dermaßen auf die Band abgehen würden.

„Das ist wirklich verrückt, wie sehr die Leute unseren Scheiß abfeiern! Wir sind wirklich dankbar für jeden einzelnen, der unsere Musik supportet und unsere Shows besucht. Wir leben damit unseren Traum und die Fans sind einfach der wichtigste Teil an der ganzen Sache. Gerade, dass mit dem neuen Album nun noch mehr Möglichkeiten in Sicht sind, um ganz einfach das, was wir lieben, noch intensiver und noch besser machen zu können, ist ein tolles Gefühl. Wir sind sehr auf die Reaktion unserer Zuhörerschaft gespannt und haben uns extra dicke Jacken für aufkommende ,Shitstorms‘ besorgt“, lässt der Frontmann mit einem megabreiten Grinsen verlauten.

Schlimm
Der aktuelle Albumtitel bezieht sich auf sehr viele Aspekte, die Eskimo Callboy umgeben und ausmachen, so Sushi.

„Wir sind schließlich ein absolut chaotischer Haufen und jeder von uns sechs Idioten hat seinen eigenen Kopf. Unter anderem wollen wir mit ,We Are The Mess‘ unterstreichen, dass wir einfach gerade durch unseren chaotischen Sound und Look irgendwie keiner wirklichen Musiksparte angehören. Wer einige unserer Shows besucht hat, der weiß, dass wir meistens immer ein absolutes Chaos auf der Bühne hinterlassen und auch sonst einfach ein bunt gemischter Haufen von Persönlichkeiten und Geschmäckern sind. Deshalb sind wir das Chaos - eben ,We Are The Mess‘.“

Schräg
Was die musikalische Ebene angeht, auf der sich das neue Werk herumtreibt, so weiß der Schreihals zu berichten: „Ich würde sagen, dass wir es auf jeden Fall geschafft haben, unserem Stil treu zu bleiben, aber trotzdem reifer geworden sind. Wir haben wieder viel mit verschiedenen Stilrichtungen experimentiert und versucht, unseren Sound einfach noch schräger zu gestalten als auf der ,Bury Me In Vegas‘. Das erste Mal überhaupt sind wir auch, was unser Tuning angeht, in tiefere Regionen vorgedrungen und haben teilweise sieben und Acht-Saiter benutzt, um einigen Parts einfach noch mehr Eier und Druck zu verleihen. Insgesamt ist es eine sehr interessante Mischung geworden, aber klingt trotzdem noch irgendwie nach uns.“

Staubsauger ⇒ Stabmixer
Der musikalische Mix von Eskimo Callboy vereint gigantische Wutschübe und schwelgerischen Sinn für (musikalische) Schönheit. Wie haben die Kerle ihren ureigenen, individuellen Sound denn eigentlich mit der Zeit gefunden?

„Natürlich hat man eine ungefähre Vorstellung davon wie ein Eskimo-Song zu klingen hat. Das Schöne bei uns ist einfach, das man stilistisch gesehen machen kann was man will. Wir haben schon viele Dinge ausprobiert ... vom Staubsauger bis hin zum Stabmixer! Ehrlich gesagt haben wir unseren Sound noch gar nicht gefunden. Frage doch einfach bei der nächsten Platte nochmals nach; vielleicht haben wir ja in der Zwischenzeit angefangen danach zu suchen. [lacht] Wir wollen auf jeden Fall irgendwann klingen wie die ersten Scheiben von Cradle Of Filth“, bringt Krassomat Sushi noch lauter lachend hervor.

Bunte Mischung
Der weitere Dialog behandelt die fragende Überlegung, wodurch sich die neue Musik der Band seiner persönlichen Meinung nach aus der Masse an Genre-Bands heraus heben kann.

Das bringt die heftig shoutende Frontfigur nun schon wieder zum ausgelassenen Lachen.

„Der Begriff ,neue‘ Musik hört sich immer so an, als wenn man die Welt verändert hätte. Aber eigentlich sind wir nur wie kleine Kinder die sich aus der riesigen ,Musikbausteinkiste‘ die schönsten Steinchen herausfischen, um damit ein besonders buntes Häuschen zu bauen. Ich denke, es ist einfach die Mischung, die Eskimo Callboy letztlich ausmacht. Wir machen einfach das, was uns Spass macht, ohne irgendwelche besonderen Regeln zu befolgen.“

Sushi ist ohnehin der Ansicht, wie er wissen lässt, dass die große Stärke der neuen Songs auf „We Are The Mess“ genau darin besteht, dass sie größtenteils auch live gut funktionieren. „Gerade der ganze Elektrokram und die harte Musik lassen sich einfach wunderbar miteinander vereinen und kreieren eine tanzbare, brutale Mischung welche einfach Spass macht.“

Faible für Kontraste
Die echt abartigen Gesangsduelle mit oberkrassen Screams und Grunts wiegen eh schon schwer, doch der Haufen kommt auf der neuen Scheibe auch noch mit echt berührenden Klargesängen als Ausgleich an! Sicher schwer, das genau so zu ins funktionierende Kombinat zu bringen, oder, Sushi?

„Eigentlich nicht. Musik funktioniert ja immer nach dem selben Prinzip. Wenn man es schafft den Zuhörer mit seiner Musik mitzureissen, dann spielt es meiner Ansicht nach gar keine Rolle ob es jetzt herzzerreissende Liebesgesänge oder poppige ,Mitspring/Rap/Schlager/Metal/Trance/Jazz/Wir-ziehen-uns-alle-bis-auf-die-Unterhose-aus‘-Beats sind. Gerade, wenn man verschiedene Kontraste bietet und diese unter einem bestimmten Soundcharakter zusammenfügt, bleibt die Musik interessant.“

Anschließend danach befragt, wie oft die Castrop-Rauxeler Lärmer zusammen üben, um solche giga-konträren, mehrstimmigen Vorträge überhaupt hinzukriegen, haut der Schelm juxend raus: „Na klar! Nach unserem sechsstündigen Fitness- und Yoga-Programm, makro-biotischer Kochstunde und gegenseitigen Tantra-Massagen werden wir uns wohl sehr bald an das neue Material begeben.“

Vom Feeling zum Film im Kopf
Was spezielle Thematiken angeht, die als Einfluss für die Lyriken von Eskimo Callboy genannt werden könnten, informiert der Typ mit aller Lässigkeit:

„Wir machen uns eigentlich nur im Hinblick auf das Instrumentelle derlei Gedanken. Je nachdem wie es klingt, wird dazu dann passend ein Text verfasst. Meistens hat man ja schon ein gewisses Feeling beim Hören des Songs. Oder im Idealfall spielt sich ein kleiner Film im Kopf ab, der eine Geschichte erzählt. Meistens wird das dann auch dementsprechend umgesetzt.“

Insgesamt war die gemeinsame Arbeit an „We Are The Mess“ ziemlich nervenaufreibend, wie Sushi ehrlich bekennt. „Man versucht natürlich, das, was man vorher abgeliefert hat, noch besser zu machen. Da bleibt Rumgezicke, fanatischer Perfektionismus und unkontrollierter Alkoholkonsum natürlich nicht aus. Man kämpft im Prinzip bis zur letzten Sekunde um jede Feinheit und um jedes noch so kleine Bisschen, bis die Platte dann für jeden Einzelnen in der Band nahezu perfekt ist. Wir sind froh, dass es so etwas wie Zeit gibt; sonst würden wir vermutlich zehn Jahre für ein Album benötigen. [grinst] Der spannendste Moment kommt dann eigentlich erst nach der ganzen Arbeit, wenn man das Album beziehungsweise seinen ersten Track veröffentlicht und hofft, dass es den Leuten da draußen auch gefällt. Wir haben dabei jedes Mal ziemliches Herzklopfen.“

Teamwork
An neue Songs gehen diese sechs gigantisch lebenshungrigen Ruhrpott-Feierschweine jeweilig ganz unterschiedlich heran. „Meistens legt einer unserer Gitarristen ein Instrumental-Konstrukt vor, welches wir dann mit Vocals versehen und hier und da abändern. Manchmal hören wir aber auch einen Song und sagen uns, ,Hey, sowas in die Richtung möchten wir auch mal versuchen‘ und gehen daraufhin ins Studio und probieren rum. Wie gesagt: Absolut unterschiedlich. Und im Songwriting ist es bei uns ziemlich ausgeglichen. Jeder arbeitet irgendwie an allem ein bisschen mit.“

Ähem, und waren das Eskimo Callboy eigentlich selbst am immens unterhaltsamen Anfang des Song „#elchtransformer“? Sagenhaft… „Na ja, wir hatten Hunger und wollten eine echte Amerikanische Pizza am Times-Square bestellen. Blöderweise hat uns die Dame nicht ernst genommen...“

Was spezielle musikalische Stärken angeht, so denkt der Mann, dass seine Band den Leuten mittlerweile die Intention hinter Eskimo Callboy relativ gut nahebringen kann.

„Dass man sich einfach mal für eine Stunde komplett fallen lässt und einfach nur eine gute Zeit hat. Aber wir trinken mittlerweile eh besser als wir musizieren!“ [grinst gefühlte drei Meter breit]

Drei Jahre Korn
Eine allerwichtigste, allerliebste oder wertvollste (Metal)Platte gibt es für Sushi nicht, wie er offenbart.

„Da müsste ich jetzt wirklich länger überlegen! Ich stehe eigentlich schon seit Jahren auf Marylin Manson und habe ab dem Zeitpunkt, als ich 16 wurde, drei ganze Jahre eigentlich nur Korn gehört. Ich würde sagen, dass mich die Nu Metal Zeit schon ziemlich geprägt hat. Aber eine wirkliche ,Metal-Platte‘ als Favorit habe ich in dieser Hinsicht eigentlich nicht.“

Bock auf Bühne
Haben diese sechs listigen Meisterdiebe der Beherrschung eigentlich jemals schon daran gedacht, real bei echten Eskimos einen stürmischen Live-Gig im echten Iglu zu zocken? Sushi gerät hierzu einmal mehr in Wallung:

„Na klar, warum nicht ! Ihr besorgt das Iglu, wir spielen die Show! Deal? [lacht] Irgendwie nervös hinsichtlich kommender Konzerte sind wir auf keinen Fall. Wir freuen uns riesig darauf, endlich mal was Neues, Frisches spielen zu können! Wir selbst haben die neuen Songs noch nicht geprobt, da wir hauptsächlich alles in unserem Studio schreiben und ausproduzieren. Ich persönlich bin sehr auf das Feeling gespannt, das die Songs live beim Spielen vermitteln werden und auch darauf, welcher von den neuen Tracks auf ,We Are The Mess‘ am Ende mein persönlicher Favorit werden wird.“

© Markus Eck, 10.12.2013

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