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Interview: ESOTERIC
Titel: Aus allertiefster Dunkelheit

Bereits seit 1992 sind diese britischen Seelenbohrer nun schon am Werk, im knallharten Schwermetall-Geschäft, zumal im Doom Metal, also schon knapp eine halbe Ewigkeit.

Mit ihrer gezielt kreierten depressiven Emotionsmusik wollten die Beteiligten von Anbeginn an die Bedeutung des Begriffes Esoterik bestmöglich einfangen, was ihnen auch heute noch im extrem ausgeformten Funeral Doom Death Metal-Rahmen bestmöglich erscheint.

Mit dem neuen Studioalbum „The Maniacal Vale” wiederholt sich nun zum fünften Mal ein beängstigend desolat und unheilbar resignativ anmutendes Langspielspektakel, dessen Schrecken erzeugende klangliche Anmut den extremen Empfindungen einer unendlich lange gequälten Kreatur im entsetzlichen Todeskampf gleicht.

Um so etwas so derart abgrundtief verzweifelt und so gigantisch peinigend hinzukriegen, muss man wohl selbst vom Leben nicht gerade verwöhnt worden sein.

Das Sextett jedenfalls musiziert, als hätte es für sie nie ein Morgen gegeben.

Unter ähnlich veranlagten Tränentankern wie beispielsweise Skepticism, Funeral, Thergothon oder auch den Langsamkeits-Fetischisten Disembowelment kann den sechs englischen Esoterikern bedenkenlos exorbitante Extremität bescheinigt werden.

„Unsere Musik ist primär sehr dunkel und außerordentlich gefühlvoll sowie jederzeit intensiv. Man könnte das Ganze gerne auch ganz einfach als insgesamt sehr extrem umschreiben. Manche Leute meinen ja auch, dass wir mit Esoteric den reinen Wahnsinn kreieren, womit sie sicherlich nicht ganz Unrecht haben“, stößt Kehlen- und Stromgitarren-Schinder Greg Chandler mit ziemlich paranoid klingendem Tonfall aus, einen befremdlich sarkastischen Unterton nicht beiseite lassend.

Wie der überaus eigenwillige Saitendehner dann gleich noch ergänzt, übt der obertriste Apokalypse-Sound seiner unbeirrbaren Schneckentempo-Truppe auch in gewisser Weise beruhigende Wirkungen auf die Hörer aus.

„Ich sehe selbst das jedenfalls so. Aber dazu möchte ich hier nicht tiefer drauf eingehen, dass sollen die Leute am Ende bitte selber einschätzen beziehungsweise entscheiden.“

Im direkten Vergleich mit dem 2004er Vorgängeralbum „Subconscious Dissolution Into The Continuum” ist der aktuelle Auswurf ein wenig psychedelischer ausgefallen, so der kauzige Chandler.

„Ebenso griffen wir diesmal vermehrt auf vielfältige synthetische Klangerzeuger und elektronische Effekte für die Lieder zurück. Verwendet hatten wir Solcherlei schon immer, aber für `The Maniacal Vale` sollte es ein wenig mehr davon sein. Und das Rezept ging gut auf, denn wir ereichten damit ein Vielfaches mehr an entsprechenden Atmosphären und Dynamiken. Im selben Atemzug konnten wir dadurch die emotionale Bandbreite und den kompositorischen Variantenreichtum in den Songs an sich steigern, was uns wirklich sehr gelegen kam. Dennoch erzielten wir erneut die für uns typische hohe Extremität, was mich von einer gelungenen Mischung sprechen lässt.“

An Selbstwertgefühl mangelt es Ausnahmepersönlichkeit Mr. Chandler ohnehin nicht, wie sich im Gespräch eins ums andere Mal herausstellt.

Der Meister spricht im Weiteren über die neue Platte als „Achterbahnfahrt eindringlicher Gefühle“. Gefühle, die seinen eigenen Empfindungen in fataler Weise ähnlich sind.

„Ich erlebe beziehungsweise durchlebe selbst immer wieder aufs Neue verdammt extreme Gefühlsstimmungen und -Regungen. Und das liegt in einigen wirklich extremen Lebenserfahrungen begründet, welche ich zu machen hatte. Meinen Bandkollegen geht es da nicht viel anders – wir sind insgesamt gesehen allesamt mehr oder weniger gleich, was das anbelangt. Mit den Liedern von Esoteric lassen wir unsere dunkelsten Seiten frei, und das tut uns gut.“

Wer daraufhin nun vorschnell und anmaßend schlussfolgert, es bei den sechs gemütsvollen Engländern mit emotional eher minder bemittelten Existenzen zu tun zu haben, soll sich schnell getäuscht sehen:

„Dass, was wir mit Esoteric so veranstalten, ist jedoch nur ein Teil von uns und unseren Psychen, wenn auch ein ziemlich gewichtiger. Die Leute beziehungsweise die Außenstehenden, die unsere Songs entweder das erste Mal oder öfter hören, denken ja oftmals, dass die Stimmungen unserer Lieder uns als Menschen erschöpfend spiegeln. Das stimmt aber nicht. Natürlich sind wir kein Haufen schwerstdepressiver Lebensunfähiger, sondern bergen jeder für sich eine vielfältige Persönlichkeit in uns. Aber wir nehmen uns eben das schöpferische Recht und die kreative Freiheit, über das Medium Esoteric genau die Art von Musik zu spielen, welche wir am liebsten damit erzeugen. Indem wir so traurige und intensive Musik machen, erfahren wir selbst entsprechende Linderung unserer negativen Emotionen.“

Denn mein Gesprächspartner legt überraschender Weise großen Wert darauf, dass im Dasein eines Menschen stets eine wohlgeordnete Balance vorherrschen sollte.

Er offenbart dazu noch abschließend:

„Und um Ausgewogenheit im Leben zu erreichen, sind krasse Erfahrungen und schlimm anmutende Erlebnisse sogar sehr wichtig, denn sie helfen dem Individuum dabei, die guten Seiten als solche wahrzunehmen, zu erkennen und letztlich entsprechend hochwertig zu schätzen. In unserer modernen Konsumzwang- und Überwachungsgesellschaft, die die Menschen in immer engere Persönlichkeitsrahmen stecken will, bleibt den Leuten ja immer weniger an `echten` Erfahrungen, daher sollte man sich so viel Mühe geben als möglich, welche zu machen – selbst eben auf die Gefahr hin, dass sie negativ ausfallen. Das gehört halt unabdingbar dazu, um das Leben zu sehen als das was es wirklich ist beziehungsweise sein sollte: Nämlich individuell und dabei abwechslungsreich.“

© Markus Eck, 24.05.2008

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