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Interview: FEAR MY THOUGHTS
Titel: Viele Einflüsse, ein Stil

Mittels ihrer neuen Albumscheibe „Vulcanus“ schütteln die amtlichen Innovatoren Fear My Thoughts wieder haufenweise ungewöhnliche Songideen aus den kreativen Zockerärmeln.

Wer also meinte, das offenherzig aufspielende Quintett aufgrund seines 2005er Albumvorgängers „Hell Sweet Hell“ stilistisch festlegen zu können, hast sich gründlich getäuscht. Denn die ohnehin lange Bandbreite der verarbeiteten Einflüsse wurde abermalig erweitert. So erschallt der knallharte und facettenreiche Modern Extreme Metal-Sound des Freiburger Fünfers auf „Vulcanus“ entsprechend eruptiv und dabei recht progressiv.

Laut Brüllsänger Mathias Ockl sind Fear My Thoughts noch immer von einer sehr starken Faszination für Energie und Kraft angetrieben.

Und das ganz besonders, wenn sich diese beiden Faktoren live auf das Publikum auswirken und der Konzertsaal durch die Jungs zum Kochen kommt.

„Das ist für uns auf jeden Fall der absolute Kick. Sehr viel dieser ganz speziellen Art Musik zu hören, wie wir sie machen, ist auch ein wichtiger Faktor. Ich glaube, dass man nicht unbedingt viel Wut in sich haben muss, um sich in dieser Art und Weise auszudrücken, wie wir es mit unseren neuen Songs tun. Wenn man sich viel mit solcher Musik beschäftigt, erkennt man auch Schönheit oder Harmonien in einer Komposition, die von anderen Ohren wahrscheinlich nur als Krach oder Dissonanz empfunden wird.“

Für ihn persönlich macht das einigen Reiz aus, wie er verkündet. „Etwas Schönes in etwas zu stecken, und dann entdecken, dass es im ersten Moment abstoßend oder brutal wirkt. Wenn ich mir zum Beispiel einen Popsong anhöre, der in erster Linie schön sein soll, so wirkt er natürlich nett und schön, ein Metal-Stück hingegen kann diese Empfindungen auf eine viel lebendigere Art vermitteln. Der Zugang ist irgendwie schwerer und dadurch wird es einfach besonderer, wenn man ein solches Gefühl weckt oder entdeckt“, so der Vokalist.

Am Anfang waren Fear My Thoughts noch stärker von Hardcore beeinflusst.

Auch waren die musikalischen Fähigkeiten der Truppe noch nicht ganz so entwickelt, wie das heute der Fall ist. Mathias erklärt dazu:

„Am Anfang stand für uns allerdings im Vordergrund, etwas Kreatives zu machen und nicht einfach nur rumzuhängen und passiv zu sein. Wir kommen nämlich ursprünglich aus einer der langweiligsten Städte Deutschlands. Natürlich wollten wir Lieder machen, mit denen wir zufrieden sein konnten. Als sich dann herausstellte, dass es relativ viele Leute gab, die unsere Musik sehr schätzten, war dadurch der Anspruch da, die alten Lieder durch bessere und schlüssigere Arrangements zu ersetzen. Mit dem besseren Beherrschen der Instrumente wurde dann unser metallischer Hintergrund wieder aktiver. Ich würde heute behaupten, dass das genau der Punkt war, an dem für uns klar wurde, dass wir Musik machen wollen, welche die vielen Einflüsse, die wir haben, zu einem Stil zusammenführt. Ein Stil, der aus der Rolle fällt und dadurch besonders ist.“

Einflüsse, Inspirationen? Here we go: „Auf der einen Seite gibt es hier die 70´s Progressive Rock Klänge, wie King Crimson, Pink Floyd, Yes, Amon Düül und moderne Sache wie Porcupine Tree zu nennen. Von Seiten unseres Schlagzeugers Norman ist hier sicher noch die Jazz-Schiene zu erwähnen. Aber auch Größen wie Iron Maiden, Tool, Opeth, Mastodon, Radiohead und Coldplay sollen hier nicht ungenannt bleiben.“

Dass die letzte Fear My Thoughts-Scheibe meiner Meinung nach ein richtiger Hammer ist, freut den Sänger:

„Danke für das Kompliment. Sicher waren die Erwartungshaltungen dadurch nicht unbedingt niedrig. Wir haben aber für uns selbst die Latte sehr hoch gelegt, da wir mit unserer ersten Platte auf einem großen Label richtig zeigen wollten, was wir können. Von dem her, würde ich sagen, dass der größte Druck von uns selber kam. Glücklicherweise haben wir frühzeitig mit dem Schreiben neuer Lieder angefangen. Auf die Art kamen wir relativ relaxt und entspannt ins Studio und hatten genug Material, auf das wir aufbauen konnten.“

Ich frage den Shouter anschließend, was die neue Platte von Fear My Thoughts seiner Meinung nach ganz besonders auszeichnet. Seine Antwort:

„Zum einen sicher die Mischung von sehr unterschiedlichen Musikrichtungen. Zum anderen aber auch der Versuch, Lieder auf der Platte zu haben, die beim zweiten Mal schon sehr vertraut wirken und sehr tanzbar sind. Auf der anderen Seite war es aber auch wichtig Lieder zu haben, die sehr viel Zeit brauchen um sie ihn ihrer Gesamtheit erfassen zu können. Auf die Art nutzt sich das Album nicht ganz so schnell ab und bietet viele Facetten. Last but not least haben wir hier noch stärker auf das Ausarbeiten der Refrains geachtet. Auch haben wir, wie bereits erwähnt, mehr verschiedene Einflüsse verarbeitet. Von Metal über klassischen Hardrock á la Deep Purple bis hin zu Progressive Rock haben wir einfließen lassen, was wir an der jeweiligen Stelle als originell beziehungsweise richtig empfunden haben. Ein anderen, nicht unwichtiger Faktor ist zweifelsohne auch die starke Beteiligung unseres neuen Drummers. Bei der letzten Platte waren die Lieder schon weitgehend fertig, so dass er seinen Stempel nur bedingt aufdrücken konnte. Diesmal war er von Anfang an dabei und hat seine Jazz-Einflüsse geltend gemacht. Das hat natürlich sehr starken Einfluss auf die Dynamik der Songs.“

Dann gesteht Mathias aus Anlass meiner entsprechenden Fragestellung, dass er nicht gerne zu genau auf die Inhalte seiner Songtexte eingeht.

Hintergrund ist sein großes Interesse an den verschiedenen Interpretationen der Leute, welche die Texte lesen und mit ihm dann darüber reden.

„Jeder hat einen anderen Hintergrund und dementsprechend auch andere Interpretationen. Wenn ich also erklären würde, um was genau es geht, würde dies und somit die Möglichkeit den jeweiligen persönlichen Zugang und Bezug zu den Texten herzustellen, verloren gehen. Ganz grob umrissen geht es um emotionale Beschreibungen, meiner, beziehungsweise menschlicher Befindlichkeiten. Aber auch politische Themen sind von mir verarbeitet worden. Es ist eigentlich immer so, dass ich über Dinge schreibe, die mich, in welcher Form auch immer beschäftigen. Es hat also fast therapeutischen Charakter, wenn ich mir diese Dinge `von der Seele` schreibe. Natürlich habe ich aber nicht nur ernste Themen oder ernste Herangehensweisen. Manches verlangt schon fast danach, karikierend dargestellt zu werden. Was mich in Deutschland immer mehr ankotzt? Vieles. Angefangen von den vielen Eskapaden die sich unsere Wirtschaft und die Politik erlauben und dadurch die `mündigen` Bürger mehr und mehr zu Protestwählern transformieren, die sich dann, leider viel zu häufig, der rechten Parteienlandschaft zuwenden bis hin zu der gezielten beziehungsweise selbstverschuldeten Verblödung durch Fernsehen und die Medienlandschaft, die größtenteils auf Sensationsgeilheit zu setzten scheint, gibt es hier ein sehr breites Spektrum von Dingen, die mich sehr stören.“

Bedrücken tut ihn dagegen sehr, dass die Menschen schon seit vielen Jahren eindeutige Beweise haben, dass ihr Lebensstil absolut nicht in diese Welt passt:

„Trotzdem leben wir weiterhin in dem Irrglauben, außerhalb des Ökosystems zu stehen und vergiften weiter munter unseren Planeten. Auch bin ich teilweise sehr schockiert, wie locker wir es hinzunehmen scheinen, dass immer weniger immer mehr besitzen. Der Großteil der Menschen scheint mir aber betäubt von den Versprechen zu sein, dass sie, wenn sie nur hart genug arbeiten würden, auch in den Genuss von solchem Luxus kommen könnten. Oder sie sind vor lauter Sorge um ihren noch sicheren Job so gelähmt, dass der Aufschrei ausbleibt, wenn eine Firma mal wieder 20.000 Mitarbeiter entlässt, um ihren Gewinn noch weiter nach oben zu treiben.“

Das aktuelle Material für „Vulcanus“ wurde erneut in Dänemark beim etablierten Gutklangmeister Jacob Hansen aufgenommen, so informiert der Sänger nachfolgend. „Wir hatten das letzte Mal sehr gute Erfahrungen gemacht. Und wir wussten darüber hinaus, was uns erwarten würde, dementsprechend fiel uns das Nachdenken und Entscheiden dazu nicht allzu schwer. Insgesamt hatten wir drei Wochen Zeit, um aufzunehmen und zu mischen. Dadurch dass wir aber vor jedem Studiobesuch unsere Songs in Eigenregie aufnehmen, reicht das aber auch recht gut aus. Zwar hätten wir gerne noch ein oder zwei Tage länger abgemischt, konnten aber trotzdem recht zufrieden sein. Was die Arbeit an sich im Studio dort angeht, so ist das Gefühl immer ein wenig ambivalent: Das Studio liegt ein der absoluten Einsamkeit der weiten dänischen Steppe. Es liegt nicht wirklich viel um das Studio herum und die nächste Siedlung ist gute sechs Kilometer entfernt. Die nächste Stadt gar 15 Kilometer. So kann man sich zwar super auf das Aufnehmen konzentrieren, ist aber, wenn gerade nichts zu tun ist, doch stark von Langeweile geplagt. Zudem waren wir diesmal im Sommer da. Das Wetter war echt klasse. Das hat uns einerseits den einen oder anderen Meerbesuch erlaubt. Das große Problem bestand allerdings darin, dass sich die halbe Schmeißfliegenpopulation Südwestdänemarks in unseren Gefilden aufhielt und uns das Ausschlafen verwehrte. Morgens ums halb sieben von solcherlei Fliegen geweckt zu werden, die, da bin ich mir so was von sicher, absichtlich in Mund oder Nasenloch flogen, war schlicht die Hölle. So was drückt die Stimmung auf Dauer doch sehr.“

Bei allem ansteigenden Erfolg noch immer die nötige Zeit zu finden, um ausreichend gemeinsam zu proben, das war und ist laut Aussage von Mathias bislang kein großes Problem für Fear My Thoughts.

„Wir proben meist zweimal die Woche. Das ist zwar nicht unbedingt immer ein Zuckerschlecken, muss aber halt sein. Natürlich verbringen wir sehr viel Zeit mit der Musik, wenn wir zweimal die Woche proben und dann die Wochenenden Konzerte spielen. Auf der anderen Seite empfinde ich es aber – zumeist – auch als echt angenehm, sich nicht am Wochenende fragen zu müssen, was man wohl Großartiges tun könnte und dafür noch mächtig Geld auszugeben, sondern eine nette Unterhaltung zu haben und mächtig herum zu kommen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nie damit gerechnet, jemals an diesem Punkt hier zu stehen. Dementsprechend ist es auch recht schwierig, sich weitere Dinge vorzustellen. Wenn es nach mir ginge, würde ich gerne mal in Japan, Australien und Neuseeland touren. Ein Bravo-Starschnitt von uns und Fear My Thoughts-Actionfiguren, wie es sie von Kiss und Metallica usw. gibt, wären natürlich auch echt der Hammer. Aber so lange wir Leute glücklich machen können und viel von der Welt sehen, sind wir zufrieden. Was soll man sich auch mehr wünschen?“

© Markus Eck, 27.12.2006

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