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Interview: FINSTERFORST
Titel: Aufbäumende Baumfreunde

Unter Abertausenden von Verfechtern ihres musikalischen Spektrums ragen sie mit ihrem einzigartigen Folk Metal-Sound seit jeher ebenso eigenständig wie qualitativ empor.

Mangelnde Inspiration oder gar Stagnation war für diese betont naturnah agierenden Schwarzwälder bislang nie einen Gedanken wert. Daher geht auch das neue und vierte Album „Mach dich frei“ erwartungsgemäß mit einer geradezu verschwenderischen Fülle an unverbrauchten Ideen, spannenden Strukturen und erhebend epischen Arrangements einher.

Laut Sänger Oliver ,Olli‘ Berlin haben Finsterforst im Großen und Ganzen den Stil von „Rastlos“ weiter vorangetrieben. „Große Klanglandschaften, die einen in unterschiedlichste emotionale Gefilde mitnehmen. Die Atmosphäre ist in meinen Augen diesmal weniger melancholisch und nachdenklich, sondern wesentlich direkter und wütender. Der offensichtlichste Unterschied dürfte wohl der vermehrte und variablere Einsatz der klaren Gesänge sein, aber es gibt auch sonst viel zu entdecken.“

Die neuen Lieder hören sich oftmals außerordentlich Mut machend an.

Lead- und Rhythmusgitarrist Simon Schillinger bezieht als Hauptkomponist von Finsterforst Stellung dazu.

„Ich verspüre immer Freude, wenn ich mich ans Songwriting setze. Den ganzen negativen Scheiß, der sich um uns herum stets breit macht, blende ich aus; zumindest so weit es mir möglich ist! Wenn man sich jeden Tag den Kopf über die schlimme Welt zerbricht, dann kann man doch gleich einpacken. Das soll jetzt nicht ignorant oder desinteressiert klingen. Allerdings fügt man dem Leben meiner Ansicht nach nur noch mehr Negatives hinzu, wenn man sich ständig über alle möglichen Sachen beschwert oder aufregt. Logisch, über so manches kann man schlichtweg nicht hinwegsehen. Aber ich versuche so positiv wie möglich zu denken. Und bin mir sicher, dass ich dadurch ein glücklicheres, stressfreieres und gesünderes Leben vor mir habe.“

Simon bestätigt im Weiteren, dass die stilistische Mixtur der neuen Platte typisch Finsterforst benannt werden darf. „Auf jeden Fall! Das Ding kommt schließlich aus unserer geistigen Schmiede und wurde auch nach unseren Vorstellungen akustisch verkörpert. Natürlich hat sich innerhalb der Musik und auch der Lyrik einiges getan, allerdings erkennt man eindeutig unseren Sound aus dem Schwarzwald beziehungsweise aus den Iguana Studios. Zusammen mit Christoph Brandes ist Finsterforst zu einer unverkennbaren Klanginstanz gewachsen.“

Zu den größten Stärken der neuen Kompositionen befragt, gibt es für Simon Kollegenlob von Frontmann Olli.

„Ich finde es immer wieder faszinierend, wie Simon es schafft, so viele unterschiedliche Elemente miteinander zu verbinden, ohne dass es erzwungen klingt. Alles fügt sich zu dieser großen und brachialen Wand zusammen, die einen unweigerlich mitreißt. Er hat eben einfach das Gespür für das Zusammenspiel von leisen Tönen und großen, mächtigen Momenten.“

Wie viel Zeit das gesamte Songwriting der großen neuen Epen in Anspruch nahm, lässt sich für Simon im Nachhinein eher schwer sagen.

„Zwischen den einzelnen Liedern habe ich mir immer wieder eine ausgedehnte Pause gegönnt, um vielleicht auch etwas Abstand von Finsterforst zu bekommen. Ausschließlich Finsterforst würde mich nicht komplett befriedigen; von daher muss und will ich auch anderen musikalischen Gefilden folgen. Die Zusammenarbeit zwischen mir und den anderen erfolgt meist problemlos. Das war schon seit Gründung der Band der Fall.“

Die Message des neuen Plattentitels „Mach dich frei“ erschließt sich rasch. Olli legt dar, dass dahinter in erster Linie der Wunsch der Beteiligten nach mentaler, persönlicher Freiheit steckt.

„Frei nach dem Motto: Was auch immer dich zurückhält oder nervt, steh auf und unternimm etwas dagegen! Natürlich trägt das Ganze auch eine gewisse sozialkritische Komponente. Aber das ist nicht unser Primärziel; wobei ich denke, dass Finsterforst mit dem Dauerthema Natur ja schon immer einen gewissen sozialkritischen Ansatz haben. Zu guter Letzt haben wir aber auch einfach den Lacher, dass den Satz wohl jeder vom Arzt kennt.“

Fühlen sich diese Musiker selbst auch oftmals wie zu sehr verhinderte Befreier in dieser sozial überwiegend so faulen Welt?

Olli reißt die Augenbrauen hoch:

„Nein, eigentlich nicht. Ich kann das mit dem verhinderten Status auch sowieso nicht gelten lassen. Denn wenigstens in seinem persönlichen Umfeld kann man ja auch innerhalb der trägen Masse was bewegen. Andererseits bin ich aber auch ehrlich genug um zuzugeben, dass ich selbst auch eine ziemlich faule Sau bin, zumindest den Großteil der Zeit.“

Trotzdem eine gute Überleitung zu den lyrischen Inhalten der Lieder, die der Sänger gerne sogleich mit aufgreift, welcher die Texte zusammen mit Gitarrist David Schuldis verfasste.

„Der Albumtitel gibt den Grundtenor schon ziemlich gut wieder, wobei das Thema Freiheit von unterschiedlichen Seiten angegangen wird. Es geht einerseits darum, sich von religiösen und sozialen Zwängen frei zu machen. Andererseits dreht es wiederum eher darum, nicht alles zu schlucken, sondern der aufgestauten Wut einfach mal freien Lauf zu lassen. Nach einem subtileren Ausflug in Davids Gedanken zu dem Thema werfe ich noch eine Prise Humor in die Waagschale, bevor wir mit ,Finsterforst‘ den roten Faden kappen und uns selbst so dermaßen widerlich beweihräuchern, dass ich mich im Studio fast auf meinen eigenen Text übergeben hätte“, scherzt der Vokalist noch ironisch.

Zum Thema, ob das personelle Gefüge in der Band noch immer hervorragend harmoniert, kommt Simon zunächst ins offenherzige Grinsen.

„Bei dieser Frage muss sicherlich jeder von uns erst einmal schmunzeln. Ernsthaft, wir sind ein sehr enger Haufen, welcher natürlich auch schon etliche Tiefen durchlebt hat, wenn es um Meinungsunterschiede ging oder ich einfach mal wieder ausraste! [lacht] Die bandinterne Kommunikation läuft leider hauptsächlich online ab; ähnlich, wie das komplette Leben, oder? Da kommt es häufig zu kleinen Missverständnissen mit welchen wir uns ziemlich schnell auf die Eier gehen. Aber wie gesagt stecken wir kleine Streitigkeiten sehr schnell und erfolgreich weg und haben uns beim nächsten Umtrunk nach wie vor lieb wie richtige Brüder.“

Wie Olli abschließend noch zu berichten weiß, waren Finsterforst bis zum Sommer 2014 ziemlich ausgelastet. „Erst haben wir uns die Schädel eingehauen auf der Suche nach einem Thema für das neue Album, dann waren wir mit Trollfest und Cryptic Forest auf Tour, danach bekamen die Songs und Texte den letzten Feinschliff und schon ging es ab ins Studio. Weil uns das natürlich auch noch nicht gereicht hat, haben wir uns dann noch mit dem Artwork und dem Video zu ,Mach dich frei‘ irre gemacht. Der Rest des Jahres war dann etwas ruhiger als uns lieb ist, aber so konnten wir uns wenigstens nochmals sammeln, bevor der ganze Wahnsinn zum neuen Release gestartet ist.“

© Markus Eck, 03.01.2015

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