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Interview: FJOERGYN
Titel: Schwermütige Poesie

Zu Beginn des Jahres 2003 setzte sich in Thüringen ein bekennender Querdenker und notorischer Einzelgänger mit ausgeprägtem Hang zu nordischer Mythologie in den Kopf, ein musikalisches Soloprojekt ins Leben zu rufen. Doch der heute 22-jährige Stephan, der hier gleichzeitig als Keyboarder, Gitarrist, Sänger und Rhythmusprogrammierer werkt, sollte seine große Vision nicht lange im Alleingang verfolgen – Aushilfstieftöner Andreas lieferte dem eigenwilligen Initiator viel zu viele gute Ideen, um dauerhaft auf die Rolle des Leihbassisten reduziert zu werden.

Aus der Universitätsstadt Jena kommt also nun das hochgradig symbolschwangere Debütalbum „Ernte im Herbst“ – eines der interessantesten, vielseitigsten und zugleich anspruchsvollsten Werke vollmelodischer und bombastischer Schwarzmetallkunst.

Und gar kunstvolle Klangfarben pinselt das ebenso stilistisch zielstrebige wie avantgardistische Dramatikerduo mittels massiver Klassikeinflüsse. Speziell ist dabei ständig Großmeister Richard Wagner herauszuhören, dessen grandiose Vorgaben mit angemessener majestätischer Orchestralpracht umgesetzt wurden.

Die bisherigen Reaktionen auf „Ernte im Herbst“ waren alle von positiver Natur, wie Stephan berichtet. Seine vorangegangenen Ängste, das Album sei zu pompös und viel zu orchestral ausgefallen, wurden schnell besänftigt, teilt er mir mit:

„Die bisherigen Hörer standen diesem Album ganz aufgeschlossen gegenüber, wahrscheinlich auch deswegen, weil sie kein Muster vor Augen hatten, woran sich unser Musikstil orientiert. Die Konsumenten zeigen allesamt ein großes Interesse an den Lyrics, was mir zeigt, dass sie auch hinter die Noten schauen wollen, was mir persönlich sehr wichtig ist.“

Auf die offensichtlichen und unüberhörbaren Einflüsse von Falkenbach und Hel von mir angesprochen, entgegnet Stephan:

„Ich kann jetzt nur für mich sprechen, doch Falkenbach ist eines der Projekte, die mich am meisten und seitdem ich denken kann beeinflusst haben. Als sein erstes Album veröffentlicht wurde, war ich 13 Jahre alt und ich hatte bis dato noch nichts dergleichen gehört. Jene Anmut und jener Stolz, die darauf erklangen, beeindruckten mich immens. Eigentlich hoffte ich einflussfrei an das aktuelle Fjoergyn-Album heranzutreten, da ich kein Klangraster füllen wollte. Aber je mehr Personen die CD gehört haben, desto mehr kamen die Assoziationen. Falkenbach lässt sich aus meiner musikalischen Entwicklung demnach nicht bannen. Die Songs habe ja alle ich geschrieben. Es dauerte ca. ein Jahr. Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen und immer wieder etwas verändert, bis ich mit der Vorlage fürs Studio zu 100 % zufrieden war.“

Mich interessierte im Weiteren brennend, ob all die klassischen Instrumente auf „Ernte im Herbst“ ausnahmslos Samples sind oder ob auch reale Instrumente darauf zu hören sind. Bedauerung macht sich breit:

„Im Prinzip sind alles Samples. Leider musste ich auf diese Technik zurückgreifen, da uns einfach nicht die ausreichenden finanziellen Möglichkeiten zur Verfügung standen. Nur zu gerne hätten wir mit einem echten Orchester gearbeitet. Das Klangspektrum und die musikalischen Emotionen hätten sich noch um ein weiteres toppen lassen. Doch Produzent Jens Bachmann hat im Blue House Studio eine derartige bombige Arbeit geleistet, das kein Wunsch für uns offen blieb. Er arbeitete wirklich mit einem enormen Engagement für die CD und war äußerst gastfreundlich, was hierbei auf jeden Fall erwähnt werden sollte. Mit mehr Zeit hätte man den all den klaren Gesang vor mir noch besser ausarbeiten können. Aber sonst sind wir eigentlich rundum zufrieden mit dem vorliegenden Endergebnis.“

Laut Label-Info sind beide Mitglieder gleichermaßen Liebhaber von Metal und klassischer Musik. Ich hakte nach. „Alle Werke aufzuzählen ist sehr schwierig aufgrund der Vielzahl. Jedoch kann ich ganz genau sagen, welche Stücke ich im Zeitraum der Fertigstellung von „Ernte im Herbst“ gehört habe: `Romeo und Julia` von Sergej Prokofjew, `Tannhäuser` von Richard Wagner und `Die Geburt Christus` von Berlioz. Es sind noch einige mehr zu nennen, die uns persönlich am Herzen liegen, dies jedoch würde den Rahmen sprengen. Ich persönlich bin ein Anhänger von Avantgarde Black Metal-Bands á la Secrets Of The Moon, Silencer oder Katatonia. Diese Bands sind in kein Raster einzufügen. Musikalisch und textlich durchdacht zählen sie zu meinen Favoriten und kreisen daher unentwegt in meinem CD-Player. Daneben stehen Bands wie Ulver – ich liebe ihre neuen wie die alten Alben – und Empyrium. Ich brauche Musik, die mich emotional in eine andere Welt bringen kann. Die aufgezählten Bands können das. Ich höre ihre Werke oftmals über ein Jahrzehnt lang und finde sie immer wieder genial.“ Daneben favorisiert der Multiinstrumentalist laut eigener Aussage noch Doro, Manowar, Accept, Falkenbach, Menhir und viele andere.

„Ernte im Herbst“ ist für den Jenaer Denker eine musikalische Zwischenwelt zwischen Streben und Zerfall, wie er bekennt. „Es ist eine Anklage an den Menschen und eine offenkundige Kampfansage gegenüber der Dekadenz. Wer jener traurigen Realität entkommen möchte, könnte sich mit unserer Welt anfreunden.“ „Ernte im Herbst“ steht laut Bekunden des Thüringer Duos synonym dafür, wie die Mutter Erde ihre Saat Mensch, den Parasiten, „erntet“ – Parallelen zur Gegenwart werden in diesem Kontext sicherlich von den Künstlern gezogen, doch ist das Debütalbum laut Stephan letztendlich vielseitig interpretierbar.

„Jeder Hörer sollte es für sich selbst erfahren. Der Herbst ist der Moment des Verfalls. Während sich die Natur in wunderschöne Farben kleidet um den Winter zu begrüßen, wird der Mensch trostlos. Jedes Wesen, ob Baum oder Tier, hat seinen persönlichen Herbst. Es entspricht dem Alter der Pensionierung, in dem man auf sein Leben zurückblickend, Fehler gesteht und oft gestellte Fragen beantwortet. Ein Moment der Erfahrenheit, da man in keinem Lebensabschnitt ein solches Wissen besitzt. So kann die Ernte im Herbst, der schlichte Alterstod oder auch der Weltuntergang sein. Und wenn eines jeden Lebewesens Herbst nur zwei Minuten andauert, es wird ihn erleben. Man sollte dabei zwischen dem Song und dem Gesamtkonzept des Albums unterscheiden. Der Song beschreibt das Armageddon, in dem Fjoergyn, Hüterin des Waldes und Geliebte Odins, ihre `faulen` Früchte aberntet, um Platz für Neues zu machen. Sie schaute schweigend Jahrtausende zu und ergab sich der Menschheit als das Großartigste ihrer Schöpfung bis zu dem Moment der totalen Resignation. Treibt man ein Tier in die Enge beißt es. Die Natur tut dem gleich. Zwar subtiler, aber mit dem gleichen Resultat. Betrachtet man die Natur in sich, erkennt man ein hochkomplexes Gleichgewicht. Gibt es von einer Art zu viele Lebewesen wird die Nahrung knapp. Die überflüssigen Wesen sterben und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Überträgt man dieses simple Beispiel auf die Menschenwelt, stellt man immer wieder ihre Direktive fest: `Wir finden den Weg, denn unser Intellekt befähigt uns neue Ressourcen auszubeuten.` Dies hat auch einen ziemlich zynischen Beigeschmack – denn die Natur findet meiner Meinung nach auch ihre eigenen Möglichkeiten sich unserer zu entledigen, wie man an der Überflutungskatastrophe Weihnachten 2004 schmerzlich erfahren musste. Erdbeben, Stürme, Vulkanausbrüche: Die Natur weiß sich zu helfen. Doch eigentlich muss sie gar nicht so oft eingreifen. Denn wir, die Menschheit, sind derartig verkommen und dumm, dass wir das unter dem Banner des Glaubens, der Hautfarbe oder aus schlichtem Neid selbst in die Hand nehmen, wie ich denke. Kein Lebewesen hat den Tod verdient, doch die Natur hat auch nicht uns verdient. Die Ernte im Herbst ist der Tag an dem wir für unser Schaffen gerade stehen müssen.“

Doch beim Texten für das aktuelle Album hat sich Stephan von gegenwärtigen Geschehnissen überhaupt nicht vereinnahmen lassen, eröffnet er mir. „Freunde sprachen mich darauf an, ob der Titelsong `Ernte im Herbst` auf die durch den verheerenden Tsunami verursachte Überflutungskatastrophe bezogen sei, da ich im Text des Liedes die zweite Sintflut herbeiwünsche. Dieser Song ist jedoch aus dem Jahre 2003, und da war daran noch überhaupt nicht zu denken. Ich lasse mich nur selten durch Ereignisse beeinflussen. Viel mehr dadurch, was Menschen erzählen. Ihre Ängste, Träume.“

Wir sprachen daraus resultierend darüber, ob die Songtexte auf „Ernte Im Herbst“ wohl von einem schwermütigen Poeten verfasst wurden. Als einen solchen sieht sich Stephan jedoch nicht. „Melancholisch waren meine Gedanken als ich 16 war. Ich habe viel zu oft über schlimme und auch schreckliche Dinge auf der Welt nachgedacht, was mich final traurig stimmte. Mittlerweile sind meine Oden jedoch sehr zynisch geworden. Man sollte über die erdrückende Realität sowieso nur noch lachen, da das Trauern um vergangene Zeiten, oder das Herbeifürchten von Zukunftsvisionen das Jetzt zerstört. Ich prangere in meinen meisten Texten, wenn auch nur unterschwellig, den absoluten Verfall von Werten und dem was uns geschenkt wurde an. Alte Leute erzählen, dass es zu ihrer Zeit noch nicht so schlimm gewesen sei, womit ich ihnen auch recht gebe, aber der moralische Verfall ist keine Idee eines Zeitalters beziehungsweise des 21. Jahrhunderts. Dieser Verfall liegt uns Menschen im Blut. Ich glaube mit der Geburt der Menschheit wurde die Unschuld begraben und die Dekadenz erfunden. Dies könnte man dann doch letztendlich als schwermütige Poesie bezeichnen.“

Von etwaigen Zielen beim Erarbeiten seiner Songtexte kann Stephan nichts berichten. „Ich möchte mit ihnen nicht die Menschen verändern. Das Wichtigste war sowohl textlich als auch musikalisch, dass sie mir persönlich gefallen und ich stolz auf diesen Erstling zurückblicken kann. Es ist meine persönliche Katharsis.“

Auffallend ist neben der stark nonkonformen Musik auch das ungewöhnliche, aber sehr reizvolle Albumcover, welches auf eine ganz spezielle Sorte von geistig offenen Hörern abzielt. Es wurde von Stephan entworfen:

„Es war anfangs ziemlich schwierig zu kreieren. Ich mache mit Aera Grotesque Design für einige Bands immer wieder mal Cover, und ich bin auch immer froh wenn selbige dafür an mich herantreten. Aber bei meiner eigenen CD, da hat es wirklich fast ewig gedauert. Der Schmetterling ist eines der schönsten Lebewesen auf der Welt. Seine Farben, seine Verwandlung. Er ist eine wunderschöne Idee der Natur. In meinem Fall soll er das Sinnbild der Natur verkörpern. Mit jedem weiteren Öffnen der CD erkennt man, wie sich der Schmetterling verändert, bis er schließlich tot ist. Diesen Weg musste auch die Natur über sich ergehen lassen. Bis sie sich gegen uns anfing zu wehren.

Genauere Gedanken haben sich Andreas und Stephan noch nicht wegen einer kommenden Live-Show für das aktuelle Album gemacht, wie mein Gesprächspartner abschließend bekundet. „Aber wir stellen gerade eine Live-Band zusammen. Ja, ein Orchester ist mein persönlicher Traum aber derzeit noch nicht verwirklichbar. Ich werde ja sehen, was die Zeit für mich mit sich bringt. Ich hoffe das Beste.“ Ich auch.

© Markus Eck, 25.03.2005

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