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Interview: FLOODLAND
Titel: Düstere Verfallstudien

Die österreichische Gothic- und Dark Rock-Szene erfuhr durch sie 1995 eine wertvolle Bereicherung. Werke wie „The Now And Here Is Never“ oder „Ocean Of The Lost“ machten Floodland über ihre Landesgrenzen hinaus erst bekannt und dann beliebt. Auch bei mir. 



So scharte sich nicht zuletzt auch aufgrund erfolgreicher Bühnenpräsentationen eine treue Fanschar um die vier Wiener Dunkelmänner mitsamt Oberflutländer und Sechssaitendramaturg Berhard Wieser. 



Jetzt gibt es zehn neue bittersüße Abgesänge auf die Gegenwart zu hören. Die bislang düsterste, ernsteste und atmosphärisch in sich geschlossenste Veröffentlichung von Floodland stellt das neue Album „Decay“ dar.

Wie haben sich Floodland eigentlich die ganze Zeit über während der stattgefundenen Jahrtausendflut gefühlt, einer tragischen Naturkatastrophe, mit der ihr Bandname doch in starker Relation steht?

„Natürlich war da eine tiefe Betroffenheit innerhalb der Band; vor allem weil es bei Naturkatastrophen immer `ärmere` Gegenden zu erwischen scheint, wie den nach dem Kommunismus gerade im Wiederaufbau befindlichen Osten Deutschlands, das ohnehin nicht mit Reichtum gesegnete Tschechien (ebenfalls großteils durch die Misswirtschaft der Jahre 1945 bis 1989) oder in Österreich mit dem Waldviertel eine der wirtschaftlich unterentwickeltsten Regionen“, gibt Bernhard eingangs mit lobenswerten Intentionen zu Protokoll.

Er fügt dazu noch an: „Die Bilder vom Bahnhof Dresden werde ich noch lange Zeit in mir tragen, das steht fest.“ Da rückt dann auch der Bandname absolut in den Hintergrund, wie der Gitarrist anfügt. „Außer dass man sich fragt, was man als unbedeutender Musiker dazu beitragen kann, mit seiner Musik das Leid der Betroffenen zu lindern. Deshalb wird in Kürze in Wien ein weiteres Benefiz-Konzert zu Gunsten der Hochwasseropfer stattfinden, an dem wir uns beteiligen werden und das hoffentlich einiges Geld einspielen wird.“

Sänger Christian Meyer ergänzt: „Wie allen Naturgewalten – das Wort sagt eigentlich ohnehin schon alles – wohnt dem Wasser leider nicht nur Schönheit bei. Es kann auch vernichten und zerstören, was es leider in den letzten Wochen auch getan hat. Wir sehen Floodland jedoch eher unter einem Sonnenuntergang nach einem sanften tropischen Regenfall, in all seiner Schönheit, gleich einem Neubeginn. Dies versinnbildlicht auch der letzte Song auf unserem Album, `First Flower After The Flood`.“ 



Drummer Markus Schmid fühlte Hilflosigkeit. „Denn man kann überhaupt nichts machen wie wir alle wissen. `When the flood calls, you have no walls...` – du kannst nur zusehen, wie dein ganzes Hab und Gut sprichwörtlich den Bach runtergeht. Als Außenstehender willst du helfen, aber du kannst es nicht. Nur mit einer Geldspende. Diese hilft aber nur, den materiellen Schaden zu mildern. Ich kann es Gott sei Dank (Wem?!? A.d.A.) nicht nachempfinden, weil ich von derartigen Naturgewalten noch nicht getroffen wurde, aber wenn ein Hochwasseropfer einen Haß auf Wasser hat, kann ich das durchaus verstehen. Von einem anderen Betrachtungswinkel aus gesehen weist so ein Hochwasser wiederum uns Menschen in die Schranken; zeigt uns also, wie schnell wir unsere Grenzen erreichen und was passiert, wenn wir diese überschreiten.“

Als die Frage nach der Bedeutung des aktuellen Albumtitels fällt, offenbart Bernhard neben sozialkritischen Ansichten auch Vergangenheitsbewusstsein. „Nach den eher kryptischeren Albumtiteln `The Now And Here Is Never` und `Ocean Of The Lost` haben wir diesmal einen Begriff gewählt, der einerseits sofort Bilder im Kopf bei allen Beteiligten abruft, auf der anderen Seite aber jede Menge Raum für Deutungen aller Art offen läßt. Für mich persönlich geht es bei `Decay` um den Verfall der Gesellschaft, mit ihren Auswüchsen des Wohlstandes, die ein wenig an vergangene Hochblüten der Menschheitsgeschichte wie das alte römische Reich oder an das Frankreich vor der Revolution 1789 erinnern, wo Trägheit und Maßlosigkeit zum Untergang führten.“

Jetzt schaltet sich Viersaiter und Keyboarder Harald Schmid ein. „Vor dem Verfall ist niemand sicher. Wir können zwar ein Weilchen die Augen davor verschließen, aber irgendwann holt er uns immer ein. Also ist es vielleicht keine schlechte Idee, sich damit auseinander zu setzen. Natürlich soll uns das Leben auch schöne Momente bieten. Am besten nur solche. Andererseits sollten wir uns auch im Bewusstsein halten, dass ein Teil jedes irdischen Daseins eben auch dessen Ende ist. Vielleicht gehen wir dann mit dem davor liegenden vernünftiger um?“ 



Schlagzeuger Markus ergänzt seinen Bandkollegen in dieser Thematik.

„Es ist unsere Sterblichkeit die uns definiert. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich ein durch und durch negativer Mensch bin. Im Gegenteil, ich versuche (in vielen aber nicht allen) Bereichen das Gute zu sehen. Ich sehe die Zeit als einen Verbündeten, der uns vom ersten Atemzug an begleitet, und nie von unserer Seite weicht, bis wir sterben. Der Verfall ist in meinen Augen nur ein Untertan der Zeit, denn würde die Zeit stehen bleiben, gäbe es auch keinen Verfall. So gesehen ist er uns Menschen gleichwertig, denn auch wir unterliegen der Zeit.“

Christian hierzu: „Wenn man das Booklet der neuen CD genau betrachtet, sind alle Bilder morbid und doch schön zugleich. Und um es mal so zu sagen: Auch das Böse ist vergänglich.“

Die drückende Gesamtstimmung aller neuen Songs ist deutlich düsterer und melancholischer als jemals zuvor bei Floodland.

Die Gründe hierfür nennt Bernhard.

„Anscheinend beeinflusst die persönliche Situation den Menschen beim Schreiben eines Songs doch sehr stark. Mir ging es gerade in der Phase des Songwritings privat nicht wirklich gut, und da floß dann jede Menge Musik aus mir raus. Einen weiteren Düsternisschub bekamen die neuen Songs auch bei der Umsetzung im Studio, wo wir gemeinsam mit unserem Produzenten Dodo Dolezal oft stunden- und tagelang an den verschiedenen Sounds getüftelt haben.“ 



Für Christian ist die Musik eine Möglichkeit die dunkle Seite seines Ichs – gleich einer Selbstreinigung – hervorzukehren. „Was heißen soll, dass ich von einem eher fröhlichen Naturell bin. Wer jedoch seine anderen Gefühle verleugnet oder einkerkert, beraubt sich der Möglichkeit Mensch zu sein, zu bleiben oder vielleicht zu werden.“

Harald bekennt in dieser Hinsicht: „Wir haben uns vorgenommen, dieses Album `Decay` in seiner Wirkung noch intensiver erfahrbar zu gestalten. Was kommt heraus, wenn man `schwarz` noch verdichtet? `Dunkelschwarz`? Jedenfalls sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Es ist unsere Methode, den Eindruck zu steigern. Im Versuch, härtere, schnellere oder virtuosere Musik zu machen, wäre das nicht mehr die Musik von Floodland.“ 



Markus stellt ergänzend fest: „Wir sind alle wieder etwas älter geworden. Und somit auch erfahrener. Gerade in den vergangenen Tagen bekam ich deutlich zu spüren, wie bitterböse die Gesellschaft sein kann, wenn man nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Wie so oft, ist Musik für mich ein Ventil, um Erlebtes, Erfahrenes und Verarbeitetes auf seine Art und Weise auszudrücken.“ 



Auch der diesmal betont tiefe Gesang von Christian „lv“ Meyer (was bedeutet eigentlich dieses Kürzel?) ist entschlossener und ausdrucksstärker als zuvor. Dieser blickt zurück: 



„Das Kürzel lv steht für low voice. Nach dem letzten Album wurde mir von einem Kritiker attestiert, ich hätte nur ein `durchschnittliches Gruftorgan`. Das musste ich natürlich ändern, um auch Besagtem zu gefallen. Nein, im Ernst, so wie unsere Musik einen Wandlungsprozess durchmachte, wollte ich auch ein wenig Abwechslung in meine Gesangslinien bringen und wenn man hinter den Inhalten steht, klappt es auch mit der Ausdrucksstärke.“

Bandboss Bernhard ist ebenfalls zufrieden mit der Leistung des Sängers.

„Eigentlich singt Chris diesmal meiner Meinung nach nicht nur so gut wie noch nie, sondern auch so vielseitig wie noch auf keinem Album. Aber wir haben diesmal auch bewusst darauf Wert gelegt, dass die Stimme möglichst viele Spektren abdeckt, um dem Vorwurf zu entgehen, dass auf unseren Album immer nur tief gesungen wird. Aber anscheinend sehen das nicht alle so.“ 



Wie von Bernhard nachfolgend zu erfahren ist, tragen die Songtexte von „Decay“ dem Titelthema des neuen Albums adäquat Rechnung.

„In erster Linie geht es uns natürlich um die Umsetzung des Albumtitels `Decay`. Das kann der sittliche Verfall einer Stadt im Song `Dark Town` genau so sein wie der körperliche Verfall des Menschen im Lied `Dorian` oder der sprichwörtliche Verfall einer Liebe in `Rejected`.“ Christian präzisiert: „Auf der anderen Seite wäre es jetzt billig zu sagen, daß wir den Sittenverfall anprangern oder Zerstörung verurteilen wollen, denn wer will das eigentlich nicht? Wie schon auf den Vorgängeralben geht es um uns und um die Individuen die uns umgeben, mit all ihren Problemen, Ängsten und Emotionen, deren Spielball wir letztendlich sind.“

Das Wasser, es ist das Element der Band, wie Christian hinsichtlich der aktuellen Lyrics berichtet. „Interessanterweise gab es einige Lyrics schon vor dem Albumtitel und sie passen im Nachhinein gesehen gut in das Konzept des neuen Albums. Eigentlich dreht sich bei uns vieles um Wasser in einem erweiterten Sinn, soll heißen, Vergänglichkeit und Weite. So wie Wasser durch unsere Hände fließen und reinigen kann, verrinnt auch unser Leben und macht uns dadurch jedoch genau zu dem, was und woraus wir sind.“

Für Bernhard ist gerade im Gothic-Bereich der Text eines der Hauptelemente, weil Goths eben in der Mehrzahl Menschen sind, die sich auch durch eine bestimmte Haltung oder Nähe zur Hochkultur definieren. „Deshalb ist es uns wichtig, nicht über Feen, Kobolde und verwunschene Burgen zu schreiben, sondern Dinge aus dem alltäglichen Leben in eine ansprechende literarische Form zu gießen.“ 



Was Christian noch bekräftigt. „Nicht umsonst gibt man bei den Werken Music & Lyrics an. Ich sehe unsere Texte eher als Gedichte mit einem eigenständigen Charakter, die – eingebettet in die Musik – erst den Gesamteindruck eines Liedes ergeben.“

Harald kann da nur zustimmen. „Die Songtexte sind für mich durch die Stimme in die Struktur der Musik eingebettet und an den Verstand des Hörers gerichtet. So schaffen sie die Verbindung zwischen Denken und Fühlen beim Hören (oder Spielen) eines Songs.“ 



Auch für Markus ist die Stimme für die Floodland-Musik ultra-wichtig. „Denn wenn man Emotion transportieren will, klappt das mit nur instrumentalen Mitteln einfach nicht. Höre dir ein Gitarrensoli an, das der Gitarrist in einer depressiven Phase entwickelt hat. Für ihn selbst ist es eine Flut an Gefühlen, aber die Zuhörer denken sich zu einem hohen Prozentsatz sicher, `yeah, cooles Soli!`, oder, `sehr getragen, die Gitarrenlinie...`. Wir sagen über Musik, sie sei die universelle Sprache. Das stimmt in einer Weise auch. Aber um einander wirklich zu verstehen, dazu braucht es das gesprochene Wort, oder in ferner Zukunft vielleicht einmal Telepathie.“

Die Impressionen, Eindrücke und Einflüsse für das Songwriting zu „Decay“ bezog Bernhard überwiegend aus seinem Privatleben. „Wie gesagt hatte ich während der vergangenen zwei Jahre privat einiges an Unbill zu überstehen, das drückt erstens auf die Seele und sich dann zweitens im Songwriting aus.“ 



Christian stellt diesbezüglich fest: „Man setzt sich nicht hin und sagt: `Ich schreibe jetzt mal einen düsteren Song...'. Lieder entstehen aus ebendiesen von Dir genannten Impressionen und Gefühlen. Und manchmal kommt dann ein Liebesbrief, eine Anklageschrift und manchmal auch so etwas wie ein Testament heraus.“

Der auslösende Grund für die neuzeitlich bei Floodland verstärkte Verwendung von Pop, Elektro und Ambient-Gestaltungselementen ist für Bernhard in natürlicher musikalischer Entwicklung zu sehen. 



„Wir wollen einfach aufgeschlossen gegenüber Neuem sein. Denn immer nur mit alten Stilelementen zu spielen, ist auf die Dauer nicht wirklich befriedigend. Außerdem ist es enorm aufregend, einem Genre neue Seiten abgewinnen zu wollen, sich in unbekannte Gebiete vorzuwagen und auch das eine oder andere Mal zu scheitern.“ 



Harald fügt an: „Unsere Musik kann man ein wenig so betrachten wie das Destillat aus den vier verschiedenen Vorlieben der Bandmitglieder. Jeden von uns spricht andere Musik an, wobei es aber natürlich Überschneidungen gibt. Diese sind dann die Grundstoffe für unsere Synthese. Speziellere Beimengungen folgen dann, wenn einer von uns das Gefühl hat, dass das betreffende Lied es braucht.“

Jetzt schaltet sich Markus wieder ein: „Schon vor einigen Jahren war ich mit dem `Country Gothic`, wie wir es innerhalb der Band schon selbst belustigt nannten, nicht zufrieden. Wenige Wochen bevor sich Floodland formiert hat, kam ich zum ersten Mal mit der `Space Night` im Fernsehen in Kontakt. Nicht nur die visuellen Eindrücke haben mich von den Socken geworfen, es war die Musik, die mich in ihren Bann gezogen hat. Und jeder, der die `Space Night` kennt, weiß wovon ich rede.“

Auf „Decay“ wurden wieder eine ganze Menge an musikalischen Einflüssen wie Pop-, Elektro-, Electronic-, Industrial- und Gothic Rock-Bestandteile verarbeitet. Bernhard erklärt die Hintergründe. 



„Da ich den ganzen Tag nur Musik der verschiedensten Gruppen und Interpreten höre, prasseln da gewollt oder ungewollt jede Menge verschiedener Eindrücke auf mich ein – aber vielleicht möchte ich Radiohead mit Ihrem mutigen `Kid A`-Album da speziell hervorheben, auch wenn das mit unserer neuen CD im Endergebnis nichts zu tun hat. Aber alleine der Ansatz `Anything Goes` taugt mir gewaltig.“

Harald betrachtet dies ähnlich wie Bernhard. „Ich höre mir viele Sachen an, die aber selten in direkter Weise Einfluss auf unsere eigene Musik nehmen. Ich glaube, dass es bei der Vielfalt auch unmöglich ist, irgend etwas Spezielles herauszupicken und zu sagen: `Ja, genau das hat mich zu dem und dem Ergebnis geführt`. Hoffentlich. Es ist ja auch nie so, dass wir ein gutes Album anhören und sofort danach oder sogar zugleich an Eigenem arbeiten. Mir geht es in erster Linie um Stimmungen, Gefühle und Atmosphären in der Musik, eine Art emotionelle Aussage eines Liedes. Und da spanne ich einen weiten Bogen von Loreena McKennitt beispielsweise oder Jan Garbarek, die Stücke mit sehr großer Tiefe schreiben, bis hin zu etwa The Cult oder Rammstein, bei denen man eher den aggressiven Ansatz findet. Dieser Bogen lässt sich dann noch kreuzen mit einem andern: Von klassischer Musik wie Tschaikowsky, Dvorak oder auch Bach, bis hin zur elektronischen Abteilung, wo es wirklich gute, sehr stimmungsvolle Dinge gibt. Ich bin der Meinung, dass man von vornherein nichts ausschließen darf. Solange es sich um intelligente Musikschöpfungen handelt.“

Als eine tolle Idee sieht der Autor die Sache mit dem neuerdings verwendeten Saxophon, was wirklich total psychotisch klingt und hervorragend zu den neuen Songs passt. Bernhard erläutert: 



„Schon auf `Ocean Of The Lost` haben wir ja in einem Song Saxophon (`The Camp`), und da wir das wirklich toll fanden, sprach eigentlich nichts gegen eine Wiederholung.“ Harald hierzu: „Wir wollten einfach mit `Decay` dort weitermachen, wo wir mit dem Vorgängeralbum aufgehört haben und eines der Bindeglieder stellt eben Ivan dar.“ 



Er geht dazu noch in die Tiefe. „Wie bei `The Camp` spielt auch diesmal wieder Ivan Myslikovjan vom New York Orchestra of Modern Art das Alto Sax. Aber diesmal vielleicht ein bisserl abgefahrener als vor zwei Jahren.“ 



Auch Harald mag den Beitrag Ivans. „Ivan hat sich sehr in unsere Musik hineingefühlt. Es ist seine persönliche Sichtweise des Liedes, und das steht dem Song wirklich gut.“ Nachfolgend interessiert mich der tolle Frauengesang, speziell im Song Nummer sieben. Bernhard stillt meine Neugier. „Die Dame heißt Hana Kosnovska, ist blutjung, äußerst talentiert und gibt `Coincidence` zusammen mit dem Sax wirklich eine ganz eigene Note.“

„Eigentlich gibt es ja nur in `Coincidence` Frauengesang, der hat es aber in sich. Ich habe selten in einem so kurzen Stück – der Teil hat ja eher Solocharakter – so viel Gefühl gehört, das Mädel hat echt den Soul im Blut“, ergänzt Christian. 



Bernhard erläutert, welche tief schlummernden Emotionen Floodland durch die Musik verarbeiten beziehungsweise ausdrücken möchten. „Prinzipiell beobachte ich gerne Leute beziehungsweise Situationen und versuche dann daraus Songs abzuleiten – natürlich verklausuliert und vielleicht auch aus einem besonderen Blickwinkel heraus. Aber auch Medien wie TV oder Tageszeitungen inspirieren mich immer wieder mit Features zu verschiedensten Themen.“ 



Was Christian ergänzt: „Wer unsere Website (www.floodland.org) oder unsere Booklets ansieht, bemerkt, dass wir dies auch auf visueller Ebene umzusetzen versuchen. Wir wollen unseren ZuhörerInnen einfach sagen, dass es nichts Böses ist, sich einmal mit der düsteren Seite, die jedem Menschen eigen ist, auseinander zu setzen.“

Harald gibt hierzu preis: „Persönliche Gemütszustände sind auch eine reiche Quelle für die Komposition. Frustrationen, unerfreuliche Begegnungen, Seelenqualen oder das Gefühl, in die Enge getrieben worden zu sein, zwingen einen ja fast dazu, sich musikalisch auszudrücken. Wenn ich mich dann an den Instrumenten wiederfinde, fließen diese Gefühle fast wie von selbst aus den Fingern, durch Tasten und Saiten, hinein in die Melodien, Flächen und Klanggebilde, die ich so liebe. Die Last ist dann raus aus dem Kopf. Das ist beinahe wie eine Therapie.“

Nachfolgend erfahren wir von Bernhard etwas zu einem ihm besonders wichtigen Song auf „Decay“. „Für mich persönlich ist `Rejected` sehr wichtig, weil es mir geholfen hat, über eine weitere Niederlage gegen das weibliche Geschlecht hinweg zu kommen. Die Ansätze zu `First Flower After The Flood` sind in Finnland entstanden, während eines Kurzurlaubes bei einer Freundin – zu der Zeit war es irrsinnig dunkel und verregnet in Helsinki. Da brach sich dann anscheinend die Hoffnung in Form des Songs Bahn.“

Für Christian hingegen ist es der Song „Enthymeme“. „Ich sehe diese Situation leider viel zu oft, wenn jemand mitten unter seinen `Freunden` ist und doch vollkommen allein wirkt, weil es eigentlich niemanden von den ihn Umgebenden interessiert, wie es dem anderen geht. Das ist für mich das Paradebeispiel, wie wir manchmal mit unseren Mitmenschen umgehen.“ 



Harald verdeutlicht seine Ansichten mit einiger Reue. „`Coincidence` ist eine Betrachtung zu dem Gedanken, dass so viele Prozesse zur gleichen Zeit ablaufen, die zu erfassen der Mensch mit seinem linearen Denken gar nicht in der Lage ist. Wir beschränken uns normalerweise auf einen einzelnen Ablauf, der unsere Aufmerksamkeit beansprucht. Dieses Thema beschäftigt mich seit der Rekonstruktion jenes einen Zeitpunktes, als ich viel mit Freunden gelacht habe, und einige Kilometer weiter mein Großvater völlig allein gelassen von dieser Welt gegangen ist.“

Bernhard erläutert weiterführend das neue Frontcover. „Wie unschwer zu erkennen ist, stellt das Cover zu `Decay` eine Ruinenlandschaft nach einem Bombenangriff oder Erdbeben dar – zumindest sehe ich das so. Die Aufnahme stammt von C.S. Hauser, einem deutschen Fotografen, dessen Werke ich in Österreich auf einer Freecard entdeckt habe und mit dem ich daraufhin Kontakt aufgenommen hatte. Ich habe ihm unsere Anliegen und Ideen zu `Decay` geschildert und er hat mir dann einfach ein paar Bilder per Email gesandt. So einfach ist das in Zeiten wie diesen. Für mich ist das Foto unter dem Titel `Tod und Auferstehung` zu sehen, hinter den Ruinen taucht eine wärmende Sonne auf, die das Unheil eventuell lindern wird. Aber wer weiß das schon? Wie schon zuvor gesagt, man sollte nicht Anderen erklären, was sie zu hören oder zu sehen haben, jeder sollte das mit sich selbst ausmachen.“

Christian erzählt dazu: „Man sieht immer das, was man sehen will. Ich für meinen Teil betrachte immer die helle Stelle in der Mitte des Covers und frage mich, ob sie den Verfall – wie ein Atomblitz – erzeugt hat, oder die Dunkelheit vertreiben wird.“ 



Harald fügt an: „Ich finde, das Bild könnte unter dem Aspekt eines Bombentreffers auch Sinnbild für die selbstzerstörerische Wut der Menschheit sein.“ Nun meldet sich auch Markus wieder zu Wort. „Man könnte ja auch hineininterpretieren, was passieren würde, wenn die Menschheit aufhört dem Unvermeidlichen, dem Verfall, entgegenzuwirken. Oder, wie wird die Erde aussehen wenn es uns auf dieser Welt nicht mehr gibt?“

Es existieren bereits Pläne, das Material der neuen CD nachfolgend auch live umzusetzen, wie Bernhard bekannt gibt. „Wir haben die neue CD gerade eben live präsentiert und werden auch in den kommenden Monaten in ganz Österreich unterwegs sein, um das neue Material live vorzustellen. Gleichzeitig arbeite ich daran, eine Booking-Agency für uns an Land zu ziehen, damit wir endlich auch den Rest von Europa bespielen können. Wir freuen uns auf alle Fälle schon gewaltig darauf, die Songs endlich auch in Deutschland performen zu können, wo wir auf eine wachsende Fanschar blicken können. Wir haben seit Jahren Pläne für eine Show mit Wasser, bisher scheitern die vielen guten Ideen aber an der finanziellen Situation und vor allem an der Umsetzbarkeit. Irgendwie vertragen sich Elektrizität und Wasser doch nicht so toll.“

Christian hängt an: „Vor allem hoffen wir, bald einmal in unseren Nachbarländern – an dieser Stelle möchten wir uns bei allen für die Email-Reaktionen bedanken, die wir erhalten – für unsere Hörer spielen zu können; für all diejenigen, die uns bis jetzt nur von unseren CDs her kennen, um gemeinsam über das Floodland zu wandeln. Wie toll eine Show aber auch immer aussehen mag, manchmal wird durch das Drumherum der eigentliche Sinn eines Konzertes gemindert. Wir haben vor kurzen mit einer amerikanischen Goth-Band die Bühne geteilt und manchmal sieht man schon belustigte Gesichter im Publikum, wenn die Show zu `theatralisch` wird. Wir glauben, das unsere Musik genug Emotionen enthält, um ein Publikum auch ohne Feuer, Wasser oder Blitze auf eine Reise in ihr Ich zu entführen. Aber Nebel wird es schon ein wenig geben.“

Harald hat da ganz neue Ideen. „Eigentlich wollen wir für das aktuelle Thema `Decay` ein bisschen weg vom Wasser. Vielleicht lassen wir ein paar Tonnen Schrott auf die Bühne karren, damit `Verfall` bei der Show sichtbar, spürbar, hörbar und eventuell auch riechbar wird.“ 



Markus erneut hierzu: „Vielleicht sind wir ja mal so wahnwitzig und lassen einmal zwei Mikros unter Wasser aktiv werden, um sowohl die Musik als auch das Publikum, so wie man es eben unter Wasser wahrnehmen würde zu verstärken. Das ist ein Gedanke den ich schon lange mit mir rumtrage, nur ob es Sinn hat ist eine andere Sache. Jedenfalls wäre das ein eher subtiler Effekt.“

Bernhard blickt zwar bodenständig, aber doch erwartungsfroh in die Zukunft. „Die Erwartungen des Labels und unsererseits in `Decay` sind nicht gewaltig, aber wir erwarten uns doch wieder eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorgängeralbum `Ocean Of The Lost`. Ansprechen wollen wir jede und jeden, der sich für gute Musik abseits der ausgetretenen Hitparadenpfade interessiert. Das können durchaus Goths sein, aber in unserer Mitte ist wirklich jede und jeder willkommen.“ 
Christian stimmt da zu. „Über Marktchancen habe ich eigentlich nie viel nachgedacht, das macht unser Management. Aber ansprechen wollen wir jeden, der bereit ist uns zu ertragen.“

Harald äußert hierbei eine Hoffnung. „So wie ich mich selber möglichst vielen Musikstilen zu öffnen versuche, würde ich mir das auch von anderen Musikinteressierten wünschen, die die dunkeldüstere, weltschmerzende Schublade sonst meiden. `Decay` ist nicht nur bei den `gotischen` unter uns Menschen richtig platziert.“

Und Markus wünscht sich: „Ich hoffe einfach nur, dass der Endverbraucher zumindest unvoreingenommen in `Decay` reinhört. Und dass die Leute nicht gleich nach fünf Sekunden zum nächsten Track springen, weil sonst können wir gleich `Sieben-Sekunden-gwar-volles-rohr-reinsemmeln`-Songs machen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn jemand sagt, `die CD gefällt mir nicht`, aber dafür muss er sich damit auseinandergesetzt haben. So wie ich selber eine lange Zeit Red Hot Chilli Peppers-CDs daheim hatte und mir schlussendlich klar geworden ist, dass mich diese Musik nicht so anspricht, und ich sie aus meiner Sammlung entfernt habe, so erhoffe ich mir nur, dass die Leute unserer neuen CD eine faire Chance geben.“

Abschließend gibt Bernhard hier noch Zukunftspläne bekannt. „An erster Stelle steht natürlich endlich eine Europatournee, am besten im Vorprogramm von Fields Of The Nephilim. Weiterhin steht schon das Konzept für das nächste Album in Grundzügen, aber da wollen wir selbstverständlich noch nicht allzu viel verraten. Ich möchte mich an dieser Stelle noch für deine Fragen und dein Interesse bedanken und alle Floodlanders in Deutschland grüßen – see you hopefully soon on our decay tour!“

Christian glänzt dabei noch durch ironische Bescheidenheit. „Unsere Pläne waren von Anfang an realistisch. Zu Beginn wollten wir einfach eine CD machen und Konzerte spielen, das haben wir inzwischen mehr als erreicht und die Zukunft wird ohnehin geschehen, wie sie es will, nicht wie wir es planen. Was ich persönlich auf jeden Fall will, ist ein neuer Privatjet, ein Poster im Bravo und viel Kohle. Und ich möchte Gesichter sehen, deren Mienen man entnehmen kann, dass die Hörer für einen kurzen Augenblick während eines Konzertes unsere Empfindungen und Träume teilen.“ 



Harald spricht: „Für die nahe Zukunft haben wir ein gutes Album am Start, dessen Lieder live gespielt werden wollen. In 2003 werden wir uns an die nächste Produktion heran tasten, denke ich. Ansonsten: Herausfinden, was das Leben eigentlich lebenswert macht.“

Und schließlich noch mein Namensvetter. „Zukunftspläne? Nun ja, eine Familie mit meiner Freundin gründen, an mir selber und an unserer Musik arbeiten, weiterentwickeln, Konzerte spielen, Alben aufnehmen – es gibt viel zu tun.“

© Markus Eck, 12.01.2003

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