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Interview: GEIST
Titel: Punktuelle Effizienzen

Das ganze Jahr 2008 über verbrachten diese beflissenen Bielefelder Überzeugungstäter emsig damit, die Stücke für ihr drittes Studioepos zu nach allen vorhandenen künstlerischen Kräften zu optimieren.

Bereits die beiden nicht nur im Genreuntergrund sehr erfolgreichen Langspielvorgänger „Patina” und „Kainsmal“ kündeten vom immens hohen musikalischen Anspruch dieser seltenen Black Metal-Ausnahme. Und auch der neue maritime Mystikerdiskus „Galeere“ geriet dem fähigen Geistsextett formidabel. Sowohl also auf kompositorischem als auch auf instrumentellem Sektor. Hier stimmt simpel gesagt einfach alles.

Und die so hör- und spürbar ineinander verschworene Düstermannschaft um den tapfer kreischenden Vokalist Cypher D. Rex vollführt ihre monumentalklanglichen Großtaten auf „Galeere“ noch dazu in aller erdenklichen Beseeltheit. Beste Vorraussetzungen also für das Prädikat „Zeitlos“. Zu würdigende Zeit nahm sich auch Notenadmiral zur Dunkelsee, Songwriter und Tieftöner Alboin für mich, um die Geschicke auf dem kreativen Kurs seiner getreuen Besatzung zu beleuchten.

Unser umfassender Interview-Dialog nimmt seinen Anfang in der Erwägung, welche initiierenden Impulse das Genre Black Metal im Jahr 2009 im Großen und Ganzen überhaupt noch hergibt.

„Für die Allgemeinheit der Menschen sicherlich keine; vielleicht geben vereinzelte Bands und Alben vereinzelten Menschen den ein oder anderen Impuls, über sich und ihr Leben nachzudenken. Mir selbst geben die meisten Black Metal-Veröffentlichungen allerdings gar keine Impulse mehr, und wenn, dann eher eine Art Impuls, der mir sagt, dass mich das alles enorm langweilt. Wirklich spannend und berührend sind für mich ungefähr zwei, höchstens drei neue Black Metal-Alben pro Jahr. Allerdings reicht mir das, weil es mir Zeit lässt, mich mit diesen Alben auch intensiv zu beschäftigen. Ansonsten habe ich ja noch eine Sammlung von persönlichen Klassikern, in die ich mich jederzeit flüchten kann. Ganz allgemein denke ich, dass das Genre Black Metal zwar an Popularität gewonnen, gleichzeitig aber enorm an Schockeffekt und Maßgeblichkeit verloren hat. Das ist allerdings kein Wunder, solange die meisten Vertreter dieses Genres sich lieber auf sicherem Terrain bewegen, statt es ihren großen Vorbildern nachzutun und Neues zu wagen. Ich bin allerdings der Letzte, der damit ein Problem hat“, verlässt es den Mund des Bassisten.

Ich hake dazu nach, ob der Black Metal der Gegenwart mit all seinen unseligen und nicht selten unerträglich infantilen MySpace-Soloprojekten, MP3s und Handy-Klingeltönen überhaupt noch eine probate Möglichkeit bietet, Hörer so dermaßen unbändig und nachhaltig zu faszinieren, wie es in den unvergessenen Anfängen zu Beginn beziehungsweise Mitte der 1990er Jahre der Fall war. Ich jedenfalls attestiere vor Alboin das exakte Gegenteil und behaupte, es komme sogar noch schlimmer. Der nautisch Interessierte tut dazu kund:

„Es wird ganz definitiv noch „schlimmer“ kommen – das heißt, diese Entwicklung wird sich sicherlich fortsetzen. In der Tat ist das Internet mit seinen zahllosen und ohne Zweifel fantastischen Möglichkeiten der Grund dafür, dass Black Metal heute ganz anders als um 1995 oder früher ist. Das hat natürlich Vor- und Nachteile. Die Vorteile sind, dass Bands unabhängiger von Plattenfirmen sind, Veröffentlichungen und Konzerte leichter zu bewerben, generell Aufnahmen besser publik zu machen. Die Nachteile sind, dass durch die globale Vernetzung ein Land wie Norwegen nicht mehr in einem neblig-grauen, weit entfernten mystischen Schleier liegt, in dem sich trollähnliche Gestalten, die den ganzen Tag schwarz-weiß geschminkt herumlaufen, bewegen. Mittlerweile ist es unproblematisch, selbst „Legenden“ des skandinavischen Black Metals der Mittneunziger-Jahre als normale Menschen mit normalen Interessen und Hobbys, die essen, schlafen und zelten gehen, wahrzunehmen. Für mich ist die Entwicklung von dieser faszinierenden Szene von damals, in der man Monate suchen musste, bis man endlich auf irgendeinem zehnmal kopierten Tape das „neue“ Album einer Band bekam, über die man wirklich gar nichts wusste, bis hin zur heutigen „gläsernen Black Metal-Band“ irgendwie selbstverständlich gewesen. Für mich ändert das nichts daran, dass deren Musik trotzdem mystisch, verschroben und einzigartig finster ist. Für die jüngere Generation, die 17 oder 18 Jahre alten Black Metal-Fans, ist eine Szene wie die jetzige, die zum größten Teil aus Foren, Communities und Netzwerken besteht und nicht aus Menschen, die sich um ihres Musikgeschmacks Willen trafen, vollkommen normal. Ich wünsche dieser jüngeren Generation, dass sie einmal das Kribbeln nachempfinden können, dass ich gespürt habe, als ich Summonings’s „Minas Morgul“ mit 180 Puls an der Haustür in Empfang genommen habe, nach monatelangem Warten und ohne jede Ahnung, wie diese Band klingen könnte. Dass sie einmal nachempfinden können, was für ein Gefühl es ist, einen 5 $-Schein und eine internationale Antwortmarke an eine norwegische Postfachadresse zu schicken und nach drei Wochen ein Kassettendemo im Briefkasten zu finden, das erst fünf Menschen in Deutschland kannten und das ich nach 14 Jahren noch verehre. Dass sie einmal wissen, wie viel Zeit es kosten kann, tatsächlich über eine Band zu recherchieren, und wie wundervoll es ist, irgendwann, nach dem Lesen vieler Papier-Fanzines, fast geheim gehaltene Tatsachen an die Öffentlichkeit zu bringen – zu einer Zeit, als vom Internet oder von Encyclopedia Metallum noch nicht die Rede sein konnte. Das ist ein Zauber gewesen, den es heute einfach nicht mehr geben kann, und wenn, dann muss man ihn künstlich erstellen. Vielleicht täusche ich mich, aber was momentan innerhalb dieser Szene geschieht, ist einfach etwas komplett Anderes. Das muss nicht schlechter sein, aber es fühlt sich leider nicht so aufregend an wie alles Damalige, sondern nervt – weil sehr viele Angehörige dieser Szene viel zu viel als selbstverständlich empfinden.“

Das war löblich ausführlich. Überhaupt, wie steht Alboin selbst dann erst zur unsäglichen Verkommerzialisierung des einst so herrlich faszinierenden Metiers? Kümmert ihn dieser Kontext überhaupt? Wir erfahren:

„Ich denke, aus meiner Antwort zu vorigen Frage ist das schon ersichtlich: Ich bedauere die Entwicklung (nicht die Kommerzialisierung!) des Genres und der gesamten Musikszene, aber ich verurteile sie nicht. Was ich heute sage, erzählen mir Menschen Ende 40 in leichter Abwandlung auch über ihre Jugendzeit. Diese Dinge wiederholen sich. Medien ändern sich, Umstände ändern sich, und es ist kein Zeichen von Offenheit, das zu verdammen. Wir selbst nutzen die Möglichkeiten der neuen Medien, und es ist unbestritten, dass dies sehr viel vereinfacht. Was hingegen nicht stimmt ist, dass Black Metal früher weniger kommerziell gewesen ist. Ganz im Gegenteil. Die Verkaufszahlen von Bands wie Emperor, Satyricon, Mayhem, Burzum, Enslaved, Marduk oder Darkthrone sind vor 15 Jahren sehr viel höher gewesen als heute, weil sie verhältnismäßig konkurrenzlos waren. Es ist nicht so, dass diese Bands damals kein Geld damit verdient hätten, wirklich nicht. Labels haben ihre Veröffentlichungen mit einer ungeschlagenen Dreistigkeit und Plattheit beworben, und Fans haben die Alben gekauft, als gäbe es kein Morgen. Gerade die Bands, die so gerne als „true“ angesehen werden, haben ihr Image ganz bewusst gewählt und es gezielt genutzt, um Mystik und Faszination am Unbekannten zu verkaufen. Sicherlich haben sie ihre Musik auch extrem ernst genommen, aber zu der Kohle, die damit einherging, hat auch niemand nein gesagt. Das darf man nicht vergessen. Heute ist alles sehr viel transparenter, Bands und Labels müssen sich einiges einfallen lassen, um Musik noch verkaufen zu können, was auch an der größeren Konkurrenzsituation liegt. An und für sich finde ich das nicht negativ, mein Kaufverhalten ist dadurch eher selektiver geworden und die durchschnittliche Qualität der Veröffentlichungen weit höher als damals.“

Mich interessiert im Anschluss daran, ob die von dem Bassisten und Komponisten selbst kreierte Musik für ihn eine Art Schmerzkatalysator beziehungsweise eine Art partielle Weltflucht ist. Anders gefragt: Verliert sich Alboin gerne in den Songs von Geist? Oder sieht er das Ganze eher nüchtern? Als Kunst, die eben gemacht wird, weil der Künstler in ihm danach strebt, sich entsprechend auszudrücken? Die Antwort kommt direkt:

„Schmerzkatalysator klingt etwas zu dramatisch, aber Weltflucht trifft es gar nicht so schlecht. In der Tat ist die Musik und sind die Texte etwas, in das ich mich gerne zurückziehe, in dem ich mich sehr aufgehoben und wohl fühle, das mir einfach gut tut. Natürlich verarbeite ich darin auch oder vor allem negative Gedanken, was auch durchaus kathartische Wirkung hat. Wenn ich versuche, mit Musik etwas auszudrücken, kommt eben dabei raus, was man auf unseren Alben hören kann. Ich kann gar keine andere Musik schreiben, selbst wenn ich wollte. Vermutlich hört man in dieser Musik, wie meine negative, pessimistische Seite klingt, das aber vollkommen ungeschminkt und direkt.“

Apropos: Welchen alten und neuen Black Metal-Acts schenkt der enorm tiefgründige Musikus noch immer gerne sein Gehör?

„Zu mindestens 90 % höre ich momentan Alben aus den 1990ern, vor allem das erste Album von Covenant. Darüber hinaus beispielsweise Borknagar, Arcturus, Emperor, Gorgoroth, Kampfar, Tartaros, Ulver, Satyricon, Mundanus Imperium beziehungsweise Nattefall, Helheim, Isvind, Gehenna, Abigor, Summoning und einige andere mehr. Aktuellere Alben finde ich zeitweilig sehr interessant, aber sie entfalten bei mir keine Langzeitwirkung mehr. Empfehlenswert fand ich in den letzten Jahren beispielsweise Keep Of Kalessin, Todtgelichter, Mortuus Infradaemoni, Imperium Dekadenz, Shining, Code, Melkor... Und da hört es dann eigentlich auch schon auf, für alles Weitere müsste ich bereits angestrengt nachdenken.“

Gibt es weitere musikalische beziehungsweise andere Kunstformen, welchen sich mein Gesprächspartner in seiner Freizeit gerne widmet? Es offenbart sich große Passion für Liedgut: „Musikalisch interessiert mich neben Metal derzeit in erster Linie Rock aus den 1960ern und 1980ern. Darüber hinaus habe ich einfach nicht die Ausdauer, mich mit Malerei, Bildhauerei oder ähnlichen Dingen zu beschäftigen, und dafür fehlt mir auch einfach das Interesse.“

Ich erfrage von dem Tieftöner, wie viel Prozent an tiefenmentaler Hingabe die Musik von Geist in seinem Tagesablauf in der Regel so einnimmt, beziehungsweise, ob es dazu überhaupt eine Regel gibt? Oder ist Meister Alboin eher der punktuelldynamisch Kreative? Er runzelt erst die Stirn und spricht dann:

„Tiefenmentale Hingabe? Punktuelldynamisch kreativ? So anspruchsvoll habe ich das bis jetzt gar nicht gesehen. Ich schreibe nur sehr selten Musik, und wenn, dann muss ich wirklich Ruhe dafür haben. Dann kommt auch sehr viel an Ideen auf einmal zusammen. Meine Kreativität scheint sich zu bündeln und dann eines Tages auszubrechen. Abgesehen davon organisiere ich eine Menge für die Band, was tatsächlich einen wesentlichen Bestandteil meines Tagesablaufes ausmacht.“

Ob der Kompositionsprozess zu „Galeere“ für Geist diesmal schwieriger oder leichter als diejenigen zuvor war, das kann laut Aussage von Alboin überhaupt nicht pauschalisiert werden. Sondern:

„Dieser Prozess beginnt bei jedem Stück von Neuem, nicht bei jedem Album. Ich habe insgesamt an diesem Album sehr lange gearbeitet, länger als an den beiden anderen – einfach auch deshalb, weil ich es alleine geschrieben habe. Das Arrangement beziehungsweise das Proben und die Feinheiten haben sich lange hingezogen, weil wir ein besseres, ausgefeilteres Ergebnis erzielen wollten. Weil ich aber sehr genau wusste, wohin ich wollte, war die Arbeit extrem aufs Ziel gerichtet und effizient.“

Im Wesentlichen wurden die neuen Lieder anfangs auf der Gitarre komponiert, so Alboin. „Die Ambient-Stücke habe ich am Keyboard geschrieben, beziehungsweise hat das in einigen Fällen Faruk, unser Keyboarder, getan.“

Mich interessiert in diesem Kontext, ob alle Mitmusiker Einfluss auf den Werdegang der neuen Kompositionen hatten. Der Viersaitenspieler äußert dazu:

„Wenn Du es so formulierst: Ja. Das Rohmaterial habe ich zwar vorgegeben, aber es haben sich im Laufe des Spielens der Songs einige sehr interessante Variationen ergeben, die auf den Einfluss aller Bandmitglieder zurück zu führen sind. Das Album klingt nur so, weil alle daran mitgearbeitet haben, es zu perfektionieren.“

Wir gingen nachfolgend über zu Einflüssen und Inspirationen, wie beispielsweise Bücher, Sagen, Legenden, Filme etc., welche für das neue Werk „Galeere“ von Relevanz waren. Interessant:

„Zunächst ist die Hauptinspiration meine Vorstellungskraft, und die wird gespeist durch Filme (im Fall von „Galeere“ waren das beispielsweise „Moby Dick“, „Ben Hur“ und einige Dokumentationen), Bücher (beispielsweise „Rhyme of the ancient mariner“, „10.000 Meilen unter dem Meer“ oder einige Gedichte von unter Anderen Theodor Storm), aber auch Gespräche mit Freunden oder vereinzelte Bilder. Hier und da hat sich das Werk auch selbst beeinflusst.“

Das neue Album klingt wahrlich immens düster. Richtiggehend erdrückend. Wie beziehungsweise in welche Richtung also haben sich die musikalischen Ziele von Geist beziehungsweise Interessen mit der Zeit seit dem letzten Album denn entwickelt?

„Das kommt immer darauf an, was ich gerade aussagen möchte. „Patina“ ist eher verschroben gewesen, „Kainsmal“ eher melancholisch-herbstlich, und bei „Galeere“ hat sich sehr schnell gezeigt, dass es viel kühler, brutaler und dynamischer werden würde. Auf einem vierten Album, wenn es eines gibt, ist es vielleicht (oder wahrscheinlich) wieder ein anderer Schwerpunkt. Ich will nicht ein und dasselbe Album immer wieder aufnehmen, daher ändert sich mein Interesse von Album zu Album – ich fühle mich ja auch nicht immer gleich.“

Ich erkundigte mich im Zuge dessen, wie sehr der Geist-Bassist mit dem vorliegenden Album-Endresultat zufrieden ist. „Das wirklich fertige Album, inklusive seiner Verpackung, werde ich erst in drei Wochen in der Hand haben. Mit der Aufnahme bin ich überaus zufrieden, ich denke, es ist das wirklich Beste, was wir zum jetzigen Zeitpunkt unserer Entwicklung abliefern konnten. Die Produktion drückt die kühle Stimmung perfekt aus, und ich denke, sie ist relativ zeitlos geworden. Ich bin sehr stolz auf das, was wir aufgenommen haben.“

Offenbar sind Geist überaus fasziniert von der Seefahrt mit all ihren Mysterien und Legenden. Doch ihm selbst geht es dabei gar nicht so sehr darum, sondern um die Stimmung des Meeres an sich, so Alboin.

„Es gibt wohl wenige Plätze auf der Erde, an denen der Mensch so sehr feststellt, wie klein, verloren und den Naturgewalten ausgeliefert er ist. Gleichzeitig ist das Meer einzigartig schön, es ist faszinierend vielfältig und gleichzeitig brutal und erbarmungslos. Insgesamt ein Platz, an dem der Mensch zu sich selbst und zu einer gesunden Bescheidenheit finden kann.“

Gut formuliert. Die Texte für „Galeere“ hat er ebenfalls alleine geschrieben. „Aber ich werde an dieser Stelle nicht detailliert erzählen, worum es mir dabei ging. Alle fünf Texte haben das Meer als zentrales Thema oder als Ort der „Handlung“ gemeinsam, aber jedes Stück behandelt einen ganz anderen Aspekt des Meeres. Ich empfehle wirklich, die Texte intensiv zu lesen und sie zum einen auf die anderen Texte, zum anderen auf den Albumkontext zu beziehen, dann erschließt sich (hoffentlich) eine ganze Menge. Wirkliche Inspiration von anderen Dichtern hatte ich diesmal beim Schreiben der Texte nicht, ich habe versucht, mich ganz auf mich selbst zu verlassen und denke, das ist mir recht gut gelungen.“

Ich befrage Alboin anschließend, welche zugrunde liegende Intentionen ihn antreiben, um derlei textliche Themen genau mit dieser speziellen Art hochgradig aufwühlender Schwarzmetall-Stilistik so immens beherzt zu vertonen. Ich sage, man muss schon lieben, was man tut, um so wie auf „Galeere“ zu klingen!

„Das tue ich auch, beziehungsweise tun wir das, sonst würden wir das alles nicht machen. Ich weiß aber nicht, warum genau ich das tue. Ich habe das Gefühl, das sei eine Art vorgelagertes Geschichtenerzählen, das andere Menschen vielleicht mit 60 mit ihren Enkeln genießen. Oder die Musik kompensiert bei mir, wie andere Menschen durch Saufen, Prügeln, Sport, Arme Aufschneiden oder dergleichen kompensieren. Ich muss das tun, weil es etwas in mir gibt, das ich dadurch in geregelte Bahnen lenken kann. Solange es dieses Etwas gibt, werde ich weiter diese Musik machen.“

Die künstlerischen Ziele für dieses neue Werk hat sich die gesamte Geist-Mannschaft laut Alboin wirklich sehr hoch gesteckt. Er berichtet: „Ich selbst hatte mir extrem viel vorgenommen, nicht nur künstlerisch, sondern auch für unser Umfeld. Dass wir bei Lupus Lounge unterkommen konnten, ist beispielsweise etwas, wovon ich wirklich seit Jahren geträumt habe. Dass wir das geschafft haben, ist zu einem großen Teil auch auf unseren sehr hohen Anspruch und unseren Willen, diesen auch umzusetzen, zurück zu führen. Ich kann einfach nicht auf der Stelle stehen; wenn ich etwas erreiche, muss ich mir im selben Moment wieder ein Ziel setzen, das ich für unerreichbar halte. Sonst werde ich unzufrieden.“

Was alles sollten die Leser seiner Meinung nach denn sonst noch alles Relevantes zur Entstehungsgeschichte des aktuellen Werkes wissen?

„Ich denke, dazu sollte man gar nichts wissen müssen, das Album kann auch gut für sich alleine sprechen. Wer sich für Details interessiert, die ich ebenfalls für interessant genug halte, darf mich gerne darauf ansprechen.“

Zwischenmenschliches: Wie gut lief beziehungsweise läuft die Kooperation zwischen dem ambitionierten Bassisten und den Mitmusikern innerhalb von Geist bis jetzt?

„Wir arbeiten sehr gut und effektiv zusammen, gleichzeitig aber auch sehr freundschaftlich. Anders wäre die Arbeit mit der Band für uns alle auch schwer zu bewältigen, neben allen anderen Dingen des täglichen Lebens. Ich denke, dass sich diese Zusammenarbeit in der nächsten Zeit noch verbessern wird, wenn wir uns noch genauer kennen und besser einschätzen können. Dafür, dass wir in dieser Besetzung allerdings noch nicht allzu lange zusammen spielen, läuft es wirklich toll. Unser Proberaum (leider ließ sich kein Keller auftreiben, der für uns tief genug läge...) ist in Bielefeld, wo alle außer unserem Drummer und mir leben.“

Auf das schmucke Albumfrontbild zu „Galeere“ von mir angesprochen, erörtert Alboin: „Das Coverartwork illustriert das neue Album, mehr muss es nicht aussagen, und mehr sagt es auch nicht aus. Angefertigt hat es Lukasz Jaszak, der „Hausgrafiker“ von Lupus Lounge, ein fantastischer Künstler. Wir hatten einige Ideen zur optischen Gestaltung und haben ihm dabei freie Hand gelassen, und er hat sofort und sehr tiefgehend verstanden, worum es uns ging.“

Für die Aufnahmen der neuen Lieder waren Geist im Dezember und Januar im Studio E mit Markus Stock zugange, so der Tieftöner. „Markus ist ein absoluter Vollprofi, mit dem wir uns persönlich und musikalisch hervorragend verstehen und der genau wusste, wie er unsere Soundvorstellungen umsetzen konnte. Wir waren alle sehr gut vorbereitet und haben deshalb auch insgesamt nur zwölf Tage für die gesamte Produktion gebraucht – sechs oder sieben Tage zum Aufnehmen und den Rest zum Mischen und Mastern. Das Ergebnis ist wirklich hervorragend, und ich freue mich sehr darauf, bald wieder mit Markus zu arbeiten.“

Was denkt der Geist-Maincomposer: Sind solche Aufnahmen wie für die primär dunkelästhetisch und kühlbombastisch orientierten Klangbilder seiner Band im Studio wohl sehr viel schwieriger zu erreichen als etwa welche zu klanglich anders gearteten Black Metal-Attacken? Die Antwort kommt zu Beginn recht intensiv rüber:

„Mein Gott, unsere Musik ist „dunkelästhetisch und kühlbombastisch“ orientiert? Was immer Du mit diesen Wortmonstern sagen willst: Für mich ist „Galeere“ ein Album, das unsere momentanen Fähigkeiten und unsere Vorstellungen von einem guten Werk ausdrückt, und das ganz natürlich. Für uns als Band ist es deshalb nicht schwierig gewesen, dieses Album aufzunehmen (wenn auch anspruchsvoll und anstrengend), weil es einfach unserer derzeitigen Entwicklung entspricht. Andere Bands, die vielleicht einen ganz anderen stilistischen Schwerpunkt haben, nehmen ihre Alben auf dieselbe Art und Weise auf – und ich frage mich dann, wie man etwas wie „Fractal Possession“ aufnehmen und kann, und bin einfach nur überwältigt und erstaunt. Andersherum läuft das genauso... ich habe von einer Band gehört, die acht Wochen lang ein Album aufgenommen hat, auf dem vermutlich neunmal derselbe Song drauf ist, und das trotzdem enttäuschend sein wird. Es kommt immer nur darauf an, was man will, was man dafür tut, um es zu erreichen, und was man an Fähigkeiten mitbringt.“

Ich erkundigte mich noch, was der stilistisch kurstreue Tonleiterkapitän mir über vergangene und kommende Live-Aktivitäten von Geist noch abschließend berichten kann. Genauer: Ist die Band mit ihrem Publikum eigentlich stets zufrieden? Oder zeichnet sich auch hierbei die tendenziell ansteigende emotionale Verwässerung der modernen Gesellschaft merklich ab?

„Wir versuchen, ein stimmiges Gesamterlebnis für Konzertbesucher zu bieten – keine langweilige, auf das Hören beschränkte Darbietung von Musik. Dafür geben wir uns eine Menge Mühe bei der Bühnendekoration, der Lichttechnik, unserem Auftreten, unserem Show-Aufbau. Damit versuchen wir, eben genau dieser „emotionalen Verwässerung“ etwas entgegenzustellen. Wer sich unsere Shows anschaut, soll für eine Stunde oder eineinhalb vergessen, worum es außerhalb dieses Konzertes geht und einfach die Stimmung auf sich wirken lassen. Das haben wir bisher leider vernachlässigt. Natürlich sind wir nicht immer mit unserem Publikum „zufrieden“, was daran liegt, dass sich oft auch Besucher unsere Konzerte anschauen, die eigentlich mit unserer Art von Musik und unserer Einstellung nichts anfangen können. Warum sich armselige Erscheinungen mit Absurd-Shirts auf unsere Konzerte verirren, kann ich wirklich nicht verstehen – es muss wohl an der manchmal seltsamen Zusammenstellung einiger Billings liegen. Insgesamt aber glaube ich, dass Menschen, die gezielt zu unseren Konzerten kommen, nicht enttäuscht nach Hause gehen werden, und das freut mich. Ein hoffentlich sehr schönes Konzert werden wir übrigens für den 9.5. in Bad Salzuflen organisieren: Die Releaseparty für „Galeere“.“

© Markus Eck, 14.04.2009

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