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Interview: GHOST BRIGADE
Titel: Explodierende Emotionen

Mittels ihres dritten Albums „Until Fear No Longer Defines Us“ lehren diese ultramelancholischen finnischen Harmoniezerstörer so einigen Dark Metal-Nachwuchskapellen einmal mehr das Fürchten.

Rhythmusstarker, entrückter und teils überraschend harter Suizidalsound, der aktuell genauso kernig und malerisch wie der Heimatboden des Quintetts daher kommt. Elemente aus den Bereichen Post- und Progressive Rock sowie aus dem Death- und Doom Metal werden dabei so gekonnt verwoben, als hätten sie schon immer in dieser Rezeptur zusammengehört.

Frontmann Manne Ikonen grummelt dabei nicht selten ab wie ein erboster Todesknecht. Ihr neues Langspielwerk sollte den skandinavischen Tränensammlern jetzt also endlich die richtigen Türen öffnen, da für die in die Pflicht genommene Klientel alles enthalten ist, was einem fanatischen Anhänger dieser Richtung Flügel verleiht, um nach ganz unten zu entfliehen.

Gitarrist Wille Naukkarinen bestätigt ohne mit der Wimper zu zucken, dass es sich bei den Songs von „Until Fear No Longer Defines Us“ um die bislang kontrastreichste Liedersammlung seiner Band handelt.

Zu den verantwortlichen Hintergründen für diese kompositorisch doch recht umfangreiche Weiterentwicklung befragt, bläst er jedoch erstmal die Backen auf.

„Ich habe ehrlich gesagt im Moment gar keine genaue Ahnung davon, wie das alles so geschehen ist. Ich habe auch noch gar nicht darüber nachgedacht. Eigentlich begann diese tendenzielle Ausprägung von Gegensätzlichkeiten bei Ghost Brigade bereits schon mit dem ersten Album ‚Guided By Fire’, welches 2007 erschienen ist. Für das zwei Jahre später nachfolgende Album ‚Isolation Songs’ vertiefte sich das Ganze beziehungsweise forcierten wir die emotionalen Pole in unserer Musik noch mehr. Rückblickend kann ich aber, genau wie im Moment, nicht mehr genau sagen, wie die diesbezügliche Entwicklung stattfand. Es passiert eben. Höchstwahrscheinlich hat es damit zu tun, dass wir uns als Musiker und damit auch als Menschen mit jedem Jahr und speziell für jedes neue Album besser kennen lernen und im Zuge dessen viel besser in der Lage sind, unseren innersten Gefühlen und Empfindungen Ausdruck und Entsprechung zu verleihen. Und wir sind definitiv auch jeweils wirklich sehr gegensätzliche Typen und Charaktere. Sogar sehr gegensätzlich! Über die Jahre sind wir natürlich auch reifer geworden und noch nachdenklicher. Fakt ist jedenfalls: Würde uns jemand tatsächlich als Menschen näher kennen lernen, er wäre enorm überrascht, zu was für extremer Musik wir fähig sind.“

Und dementsprechend abgründig und variabel gestalteten sie auch die neuen Songtexte, wie ihm zu entlocken ist.

„Dazu soll hier einzig gesagt werden, dass sie alle direkt aus dem Leben gegriffen sind, sich aber größtenteils den tiefsten Tiefen mentalen Seins widmen.“

Und musikalisch wiederholen wollten sich die verqueren Geisterbrigadiere für das aktuelle Seelenschmerzmanifest ohnehin zu keiner Zeit, wie der Griffbrettmann noch anfügt.

„Das liegt uns unendlich fern. Wir bevorzugen es, eine Veröffentlichung in jeweiliger stilistischer Anmut nur ein einziges Mal zu kreieren. Es soll einzigartig sein. Und bleiben. Und um das auf die Spitze zu treiben, bringen wir eben immer noch mehr und noch krassere Kontraste in unsere Nummern ein. Es können ja eigentlich gar nicht genug Kontraste sein. Das hält das Ganze umso mehr am Leben. Ich finde, unsere Art von Musik unterscheidet sich doch sehr vom gesamten Rest des Metiers.“

Dennoch hält die eigenwillige Gruppe in kollektiver Meinungsgleichheit, wie Wille ergänzend klarstellt, auch nichts davon, ihre Fans und Hörer immer wieder allzu sehr zu überraschen.

„Das liegt uns nicht am Herzen. Daher mögen wir es auch nicht, wenn man uns so etwas nachsagt. Denn wir wollen die Leute auf ihren Füßen stehen lassen, bei uns braucht keiner abheben vor lauter Übermut. Aber, das was wir machen, soll und muss in steter Bewegung bleiben, soll leben und pulsieren. Das ist eigentlich alles, was ich dazu sagen kann und möchte. So kann ich auch nichts dazu mitteilen, wie das kommende Album klingen wird beziehungsweise in welche Richtung sich unsere Lieder bewegen. Denn ich weiß es schlicht gesagt nicht. Wir lassen das komplett auf uns zukommen. Irgendwie spannend, nicht?“

Letztlich, so Wille mit merklich schleppenden Aneinanderreihungen von schwer aus dem Mund kommenden Worten nachfolgend, hören sich die einzelnen Mitglieder von Ghost Brigade auf privater Ebene eben noch immer immens verschiedene Gruppen und Stile an.

Das war, so mein Gesprächspartner, vor und zu Zeiten des Debüts schon so und ist laut Aussage des Saitenspielers sogar noch ausgeprägter geworden.

„Das bewegt sich von sehr sanften, sehr besinnlichen Klängen bis hin zum wirklich knallharten Death Metal. Und das hört man auf ‚Until Fear No Longer Defines Us’ schon deutlich heraus, wie ich finde. Wir stehen eben auf extreme Emotionen, solange sie möglichst impulsiv und echt sind beziehungsweise künstlerisch genau so vermittelt werden.“

© Markus Eck, 12.07.2011

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