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Interview: GRABAK
Titel: Gewichtung auf spielerische Belange

Was 1997 mit einem selbst betitelten Demo-Tonträger begann, sollte sich alsbald zur breitenträchtigen Schwarzmetall-Vollstreckung ausweiten: 1999 erschien das kultige Debütalbum „Der Prophet des Chaos”. Die Rede ist hier von der Leipziger Black Metal-Brigade Grabak.

Und die Liste ihrer Alben geht mit dem 2001er Nachfolger „Encyclopaedia Infernalis“ weiter, dem die ostdeutsche Grimmtruppe dann zwei Jahre später wiederum den zentnerschweren Langspiel-Hammer „The Serpent Within Paradise” hinterherwarf.

Die blasphemische Horde spielte beziehungsweise prügelte auf ihren bisherigen drei Veröffentlichungen wahrlich infernalischen Hochpräzisions-Black Metal durch die Lautsprecher. Material, welches massivste Misanthropie-Tendenzen aufweist und dadurch für mich jederzeit einiges an Reiz verbuchen kann.

Die auffallende Verwendung von zwei Bassgitarren, einmal in verzerrter und einmal in regulärer Ausführung, trägt zudem ganz entscheidend zum individuellen Klangbild der Band bei. Und mit Satans exekutiver Höllenkehle auf Erden, Sänger Jan Klepel, wissen Grabak einen ebenso stimmlich belastbaren wie vokalstilistisch wandelbaren Frontmann in ihrer Mitte.

Sein stellenweise unglaublich brachialer Vokalisierungsstil lotet die mögliche Gefühlsklaviatur menschlichen Abneigungsempfindens mitunter bis zum Äußersten aus.

Die vereinzelt eingebrachten nadelspitzen Entsetzensschreie und stellenweise unheilbar psychotischen Grummel-Keifereien bringen nicht nur unterkühltes Schwarzblut zum Kochen.

Auch die unmenschlich kompliziert wirkende und technisch hochkomplexe Ausnahme-Schlagzeugarbeit ist bei den ostdeutschen Schergen neben dem erwähnten „Gesang“ besonders hervorhebenswert.

Trommelstockschwinger Basti scheint sich eine Überdosis Amphetamine verabreicht zu haben, so unglaublich schnell wirbeln seine Arme durch die Luft.

Somit müsste sein Sternzeichen eigentlich ein achtarmiger Krake sein. Seine sehr rhythmusdominanten Charakter tragende Taktvorgabe wird jedoch prächtig vom Rest der Gruppe pariert – welche sich dem nicht nur willig anschließen, sondern auch jeder für sich eine in den Bann ziehende instrumentelle Eigendynamik zu entwickeln wissen.

Ja, es ist der blanke Tonleiterwahnsinn, welchen Grabak auch auf ihrer derzeitigen Promo-CD „Agash Daeva“ veranstalten. Ein erfreulicher Anlass also, mich mit Schreihals Jan ausführlich auszutauschen.

„Momentan sieht es recht gut bei uns aus. Klar, es kommt immer mal zu Reibereien innerhalb einer Band, da ja quasi fünf Individuen aufeinander treffen, aber im Großen und Ganzen passt es in dieser Besetzung. Jeder ist hoch motiviert, um das neue Material so gut und überzeugend wie nur möglich zu gestalten“, eröffnet der Vokalist den Disput.

Der Mann ergänzt: „Wir proben drei Mal in der Woche, jeweils für vier Stunden. Das ist eigentlich eine Menge, aber manchmal könnte es schon mehr Zeit sein. Du musst wissen, dass unsere Musik ausschließlich im Proberaum entsteht, sozusagen als gemeinsames Ergebnis. Tja, und da gibt es halt manchmal Phasen, in denen scheinbar gar nichts laufen will. Verschenkte Zeit ist etwas Furchtbares.“

Im Grunde genommen haben sich auch Grabak in die Mittneunziger-Schwemme von Black Metal-Kapellen hinein gegründet, so Jan.

„Allerdings schon 1995 und nicht ohne ein paar Band-Erfahrungen im Vorfeld. Insofern können wir schon sagen, dass wir zu den dienstältesten Black Metal Bands Deutschlands zählen. Ich gebe dir aber vollkommen recht, Markus, es ist eine Flut, die nicht weniger wird, sondern immer unüberschaubarer. Anfänglich hielten wir es so, dass Image und Musik unbedingt in Waage sein müssen, dass die Band als ein Ganzes erscheint. Das kippte mit den Jahren und wir legten wesentlich mehr Gewicht in spielerische Belange, quasi in die Qualität der Musik. Ich denke wirklich, dass dies eines der größten Probleme der heutigen Szene ist. Ein extremes Image verkauft sich heutzutage noch immer besser als vergleichsweise bessere Musik mit weniger Theater drum herum. Zunehmend verschwand auch der satanische Charakter des Black Metal, der für uns immer noch maßgebend ist. Nur gehen wir nicht mehr so damit hausieren. Es ist eher etwas Persönliches, das im Grunde keine außen stehende Sau etwas angeht. Nur mal als Allegorie: Man stelle sich mal eine schwarze Messe vor, bei der Medien und andere öffentliche Vertreter anwesend sind. Sieh dir W.A.S.P. oder Alice Cooper an, die waren schon extrem als viele der heutigen True Black Metaller noch nicht mal Windeln bepissten. Ich denke, Du weißt, was ich meine. Natürlich muss Black Metal christenfeindlich, misanthropisch und kalt sein, dies jedoch wie im NSBM einseitig zu polarisieren ist einfach nur dumm. So nun zu den Favoriten. Ich persönlich habe irgendwann den Überblick verloren, was eigentlich an neuen Bands herauskommt. Daher ist es so, dass ich eher auf die neuen Sachen älterer Bands warte, meist wie in einigen skandinavischen Fällen enttäuscht werde, und mir dann doch wieder alte Black Metal-Scheiben anhöre. Ich mag Naglfar, Taake, die Australier Darklord, alte Emperor usw. Vielleicht Enthroned und Vesania noch als Faves. Die letzten Scheiben, die ich mir gekauft habe waren allerdings die neuen Alben von Belphegor und Gorgoroth. Bei den deutschen Bands gehören auf alle Fälle Lunar Aurora und Dark Fortress dazu, die seit Jahren ihr Ding durchziehen.“

Der seine Sache sehr ernst nehmende Sänger geht im Weiteren davon aus, dass Grabak mittendrin im angesprochenen Trend sind.

„Diese unheimlich aufgeblähte Blase namens Black Metal kollabiert allerdings doch schon. Allerdings, wenn man mal überlegt, wie lange der Trend schon Bestand hat. Über 15 Jahre muss man erstmal schaffen auf dem Markt zu bleiben.“

Gesteckt sind die Ziele von Grabak laut Aussage von Jan sehr hoch.

„Wir wollen noch immer die Musik abliefern, die unseren aktuellen Möglichkeiten entspricht. Uns ging es dabei nie ums Geld verdienen, so viel war uns von Anfang an klar. Für uns ist Black Metal noch immer Lebensinhalt. Keiner von uns hält es eine länger als eine Woche ohne Proben aus. Allerdings haben wir schon immer ein Ziel gehabt. Die verdammte Nachwelt soll etwas von uns haben. Drei Alben gibt es schon von uns und wir versuchen gerade, das vierte unter Vertrag zu kriegen. Bei den letzten Alben haben wir Feedbacks aus der ganzen Welt bekommen, es dürfen zukünftig sogar gerne noch mehr Zuschriften sein. Es sind aber letztlich die gleichen Ziele wie stets zuvor bei uns in unseren Köpfen. Wir wollen eine gewisse Zielgruppe erreichen und das geht nur mit potentieller Unterstützung. Die musikalische Entwicklung kommt von allein. Ob, die Fans dieser folgen wollen, wird sich zeigen. Es ist immer noch ein gutes Gefühl auf der Bühne zu stehen und die Reaktionen der Zuhörer unmittelbar erleben zu können. Alleine dafür lohnt sich der ganze Aufwand schon. Wenn dem Publikum dann noch der Kiefer herunterklappt, weil der Gig extrem und intensiv ist, was will man mehr? Doch wir sind auch älter geworden. Manche Dinge würden wir ganz sicher nicht noch mal so machen oder machen wir auch nicht mehr. Ich denke, unsere Sicht auf die Dinge ist reifer geworden und manchmal auch professioneller.“

Die ostdeutschen Schwarzmetaller werden im Dezember 2006 in Erfurt spielen. „Wenn ich recht informiert bin, kommt noch um den Jahreswechsel herum ein Gig in Berlin dazu. Ansonsten sind wir gerade in Verhandlungen für die kommende Open Air Saison. Mal sehen, was sich so ergibt.“

Für Jan persönlich ist die satanische Grundkonstante noch immer das größte Hauptantriebselement, was Grabak anbelangt. Wir erfahren hierzu von dem Leipziger Frohsinns-Liquidator:

„Das Element der Provokation und Rebellion. Musikalisch gesehen ist es der Anspruch immer besser zu werden. Und wenn ich es recht überdenke, ist es inzwischen Black Metal sui generis. Dieser speziellen Form von Musik haben wir uns aus den unterschiedlichsten Gründen verschrieben – und keiner von uns kann sich vorstellen, eine andere Musik zu machen. Es ist diese Mischung aus Hass und rasender Wut, die Faszination am Okkulten und Mystischen und das Bedrohliche, das Black Metal seit jeher definierte und für uns alle auch noch immer ausmacht.“

In der Hauptsache hat sich bei Grabak in der letzten Zeit das Tempo verschärft, gibt Jan anschließend zu Protokoll. Und dies liegt zu nahezu 100 % am Schlagzeugerwechsel, weiß der Sänger diesbezüglich zu berichten.

„Die Spielfreude und die Versiertheit von Basti haben sich extrem erfrischend ausgewirkt, so dass Recke und Baddy einfach in der Lage waren, Riffs und Arrangements anders umzusetzen. Wir haben den auf ` The Serpent Within Paradise` eingeschlagenen Weg, die Saiteninstrumente verstärkt gegenläufig zu benutzen, beibehalten. In Sachen Geschwindigkeit gehören Grabak inzwischen zum schnellsten, was Deutschland überhaupt zu bieten hat. Allerdings sind wir immer noch abwechslungsreich, wie zuvor. Die Thrash-Elemente aus Reckes Fingern haben wir nicht `weggekriegt`. Ist aber auch nicht schlimm, sondern fügt sich in den Kontext ein.“

Das aktuelle Songmaterial für die neue Promo-CD wurde dieses Mal bei Andy Schmidt im Salvation Recording Studio in Leipzig auf Tonkonserve gebannt.

Andy ist bekannter Maßen musikalischer Kopf von Disillusion, die gerade ihr neues Wahnsinnsalbum „Gloria“ veröffentlicht haben. Jan berichtet:

„Daher steckt Andy selber oft in der Rolle des Musikers, was unglaublich vorteilhaft ist und das Endergebnis der Aufnahmen im Studio viel organischer macht. Überhaupt, es war absolut großartig. Bislang hatten wir ja in Linz direkt bei CCP Records aufgenommen, was auch ein sehr gutes Studio ist, jedoch ziemlich weit weg von unserer Heimat. Uns ging es erstrangig um die Aufnahmen von fünf Promo-Songs für Label-Bewerbungen. Dafür waren wir vier oder fünf Tage im Studio. Und es war mal wieder angenehm, den ganzen Tag nur Metal im Kopf zu haben. Klar, nach einiger Zeit kannst Du deine eigene Musik nicht mehr ertragen, da du sie wieder und wieder hörst. Nach einer Weile lebst du wie in einer Musikblase. Das Studio ist in einem ehemaligen Bürokomplex mit ewig langen Gängen. Zum Abreagieren haben wir halt Fußball gespielt“, resümiert der Vokalist lachend.

Weil Grabak seit über drei Jahren an ihrem neuen Material arbeiten, hat sich dessen stilistische Erscheinung öfters geändert.

„Da sich unser Drummer auch Death Metal anhört, sind zu den Black Metal-Einflüssen, beispielsweise á la Dark Funeral, auch Stilistiken hinzugekommen, die Bands wie Nile oder Hate Eternal charakterisieren. Zumindest im Bereich Schlagzeug. Stimmlich bin ein wenig nach `unten` gegangen. Das heißt, ich singe nicht mehr ganz so hoch, was der Verständlichkeit ein wenig entgegenkommt.“

Man könnte die lyrische Seite am neuen Grabak-Material in drei Bereiche untergliedern, erläutert Jan im Anschluss. „Zum einen haben wir einen `Jesusteil`, das heißt, drei der Texte haben einen Anteil am Leben des Nazareners, nur eben aus Sicht seiner Antagonisten – Satan im Zuge der Versuchung in der Wüste, Judas im Hinblick auf dessen Verrat und wieder Satan als Verhöhnender am Kreuz. Die anderen Songs spielen mit den Abgründen der menschlichen Existenz und bestimmten Ritualen. Ein weiterer Teil ist mehr mythisch orientiert. So gibt es auch Elemente aus altpersischer Dämonologie und östlichen Mythen. Zu guter Letzt habe ich mir mal die Mühe gemacht, Dantes´ `Inferno` neu zu vertexten und entsprechend zu erweitern.“

Jan mag persönlich keine plakativen Dinge, weder visuell noch auditiv. Das heißt, es darf „gerne provozierend, jedoch nicht vordergründig“ sein.

Es soll eben ein jeder Hörer seine eigene Interpretation der Grabak-Lieder suchen und finden, wünscht sich der Leipziger.

„Wer das nicht will, kann sich von mir aus mit `Gott ist tot` oder `Black Metal ist Krieg` begnügen. Alle anderen sind herzlich eingeladen, auf die Suche nach den Hintergründen der Texte zu suchen. Natürlich ist mir bewusst, dass nur ein Teil der Hörer auch Leser ist. Wer will kann auch gerne nachfragen. Viele Dinge sind aus der Literatur inspiriert oder reine persönliche Fiktion. Und wenn man, wie ich, viel Wert auf Texte legt, dann setzt dies eben auch voraus, dass man sich im Vorfeld intensiv damit beschäftigen muss, worüber man singt. Besonders viel Freude macht es mir, bestehenden Geschichten neue blasphemische Elemente hinzuzufügen, deren dunkle Seiten aufzuzeigen oder den Texten überraschende Wendungen zu geben.“

Das Gesamtkunstwerk an sich, das ist den Leipzigern in Sachen künstlerische Aspekte in ihrer Musik im Jahre 2006 am wichtigsten, verkündet mein Gesprächspartner.

„Dieses Mal, also für das nächste Album, möchte ich wirklich, dass alles perfekt stimmt. Von der Musik her, über Sound bis hin zur graphischen Umsetzung des Layouts. Und wie erwähnt, bin ich eher Verfechter einer gewissen Ästhetik und deren dezenter Umsetzung. Das sollte sich durch die ganze Produktion ziehen. Die Band sieht das zum Glück genauso, denn in dieser Hinsicht bin ich weniger demokratisch.“

Von der österreichischen Plattenfirma CCP Records haben sich Grabak vor einiger Zeit getrennt, wie bekannt sein dürfte. Jan:

„Nun ja, da ist kein großes Geheimnis dabei. Unser Vertrag endete im Juli dieses Jahres 2006. Wir möchten die Erfahrungen, die wir mit CCP gemacht haben auf keinen Fall missen. In gewisser Weise haben sie uns unsere Blauäugigkeit genommen und den Blick für die hässlichen Seiten des Musik-Business geöffnet. Wir haben drei Alben veröffentlicht, deren Resonanz absolut polarisiert war. Das ist prinzipiell nicht schlecht, denn man verursacht besser ein schlechtes Gefühl als das man gar nicht wahrgenommen wird und in der Belanglosigkeit vor sich hin dümpelt. Nun ist es aber an der Zeit, es sind immerhin drei Jahre vergangen, dass Grabak neue Wege beschreiten und mit einem neuen Partner die abgesteckten Ziele erreichen. Wir danken dir, Markus, für die Unterstützung, eigentlich schon seit unserem Debüt. Ich hoffe, dass sowohl Grabak als auch Metalmessage weiterhin dem metallischen Pfad folgen. Stay black!“

© Markus Eck, 24.11.2006

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