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Interview: GRAVEWORM
Titel: Fortwährender Reifungsprozess

Düster, hart und melodisch wollten sie schon immer sein sein. Und mordsdüster, perfekt ausgehärtet und richtig schön melodisch sind sie dann auch geworden. Die Rede ist von den Südtiroler Graveworm samt ihren neuen Apokalypse-Liedern des neuen und achten Albums „Fragments Of Death“.

Und die aktuelle individuelle Qualitätsmischung aus Dark-, Black- und Death Metal als auch teils erfreulich traditionell geschmiedetem Schwermetall macht die anhaltend spielfreudige Grabwurm-Gesandtschaft erneut zu einer der rar gestreuten Dunkelkapellen von bezwingender künstlerischer Präsenz.

Eine Truppe also, welche man auch derzeit wieder mal unbedingt aus der undurchsichtigen Tiefe der Extreme des Black Death Metal-Genres nach oben ins Rampenlicht der Öffentlichkeit holen sollte.

Was genau hat diese langjährigen Metier-Veteranen wohl veranlasst, ihre eher experimentelle und stilistisch moderner orientierte Phase für den neuen Schlag weitgehend hinter sich zu lassen?

Mangelnder Erfolg oder Lust auf Altbewährtes?

„Das hat sich einfach ergeben. Als wir mit dem Songwriting gestartet sind, wussten wir in kleinster Weise, in welche Richtung sich das Ganze bewegen werde. Ich denke mal, dass es in diese Direktive gegangen ist, war einfach der Fakt, dass Eric unser Gitarrist fast im Alleingang für die neuen Songs verantwortlich ist. Er ist schon lange bei der Band und kennt auch die ganzen alten Sachen von Graveworm. Das wird also wohl der Grund sein, warum es bei uns aktuell eher nach älteren Graveworm klingt als auf den letzten zwei Alben, denn da war Thomas für das Songwriting verantwortlich. Bin schon gespannt was die Leute von diesem Schritt sagen werden. Ich muss aber ehrlich dazu sagen, dass mich das ganz und gar nicht stört. Denn ,Engraved In Black‘ ist schließlich immer noch eines meiner Lieblingsalben von Graveworm“, proklamiert Vokalist Stefan Fiorio in aller Entschlossenheit.

Wie der Sänger im Weiteren dazu darlegt, findet in seiner Gruppe sowieso ein fortwährender Reifungsprozess statt. Stefan:

„Man wächst immer. Und wir versuchen immer, das Vorherige zu toppen. Aber man kann nie sagen was als nächstes geschehen wird. Wir gehen nicht in den Proberaum und sagen uns wie wir klingen wollen oder in welche Richtung es bei Graveworm gehen wird. Man verändert sich als Mensch und als Musiker nun mal. Aber unsere musikalischen Ziele haben sich trotz allem nicht geändert. Wir wollen einfach Spass haben und die Welt bereisen und alles das geniessen, was so auf uns zukommt.“

Die neuen Graveworm-Kompositionen muten ja nun endlich wieder eigenständig, durchdacht und aufrichtig inszeniert an. Der Frontmann macht es dazu kurz und knapp:

„Man hört einer Band an, ob sie echt ist oder nicht, ob man bei der eigenen musikalischen Sache mit dem Herzen dahintersteht oder nicht. Wir lieben es eben, als Band auf der Bühne zu stehen und es macht uns Spass, im Proberaum rumzuhängen und an neuen Songs zu werkeln.“

Für die Vokal-Vielfalt des gehaltvollen neuen Langdrehers und auch für die diesbezüglichen Arrangements hat er sich viel mehr Zeit genommen, so der ausdrucksstarke Brüll-Bolide anschließend.

„Früher ging ich ins Studio und habe die Graveworm-Songs solange durchgezogen, bis sie fertig waren. Doch diesmal habe ich an jedem Lied im Studio mitgearbeitet und dabei verschiedene Dinge versucht. Auch die Zusammenarbeit mit einem neuen Soundtechniker war sehr hilfreich. Denn auch er hatte coole Ideen, die wir auch verwirklicht haben. Ausserdem habe ich die Lyrics beziehungsweise die Gesangslinien diesmal auf die Gitarren-Riffs geschrieben, und nicht mehr wie früher noch auf die Keyboard-Melodien.“

Sein persönlicher Lieblingssong auf dem neuen Album ist auf alle Fälle „The World Will Die In Flames“, wie er informiert.

„Der Song steht für Aggressivität und ist trotzdem sehr melodiös. Auf textlich ist er mein Lieblingssong, da die Lyrics recht düster sind. Ich stelle mir schlicht die Frage, was auf uns zukommen wird. Was wird mit uns in Zukunft geschehen? Und der Titel des Tracks sagt da ja schon alles.“

Und nachfolgend kommt der Sänger der Bitte auch gleich noch nach, die Bedeutung des Titels „Fragments Of Death“ genauer zu erläutern.

„Als ,Fragments‘ könnte man auch die einzelnen Puzzle-Stücke des Todes sehen. Jeder Song steht für eine Art oder einen Weg des Todes. Und alle Zusammen ergeben den Todesengel, den man auf dem aktuellen Frontcover der Veröffentlichung sieht. Es ist nicht der Engel auf dem Album ,(N)Utopia‘, der für die Hoffnung stand, sondern dieser Engel steht eindeutig auf der düsteren Seite.“

Der weitere Dialog befasste sich aus aktuellem Anlass mit den neuen Liedertexten und ihren inspirativen Herkünften.

„Man wird heutzutage ja immer mehr mit Katastrophen, Krieg oder anderen schrecklichen Dingen konfrontiert. Sei es im Fernsehen, in Zeitungen oder man hat selbst Verwandte oder Bekannte, die direkt damit konfrontiert sind. Und genau über diese Ereignisse wollte ich diesmal Liedertexte schreiben. Sehr persönliche Zeilen. So dreht sich beispielsweise der sechste Song ,Anxiety‘ über die nukleare Katastrophe in Japan. Diese Katastrophen häufen sich mehr und mehr, und ich stelle mir dazu einfach persönlich die Frage: Ist es an der Zeit für die Menschheit, den Weg des Lebens zu ändern? Oder ist es schon zu spät? Wenn ich heute so meine Texte nochmals durchlese, sieht es wohl so aus, als ob alles schon zu spät wäre“, so Stefan.

Seinen letzten richtigen ergiebigen Schaffensrausch hatte der Graveworm-Schreihals ohnehin mitten im Songwriting zum neuen Diskus, beziehungsweise als er die Lyrics für „Fragments Of Death“ geschrieben hat. Er reißt die Augen weit auf:

„Es ging auf einmal unvermittelt in mir los, und ich konnte dadurch sieben Songs auf einmal schreiben. Es war echt wie im Rausch. Was das Ganze ausgelöst hat, kann ich nicht sagen. Aber ich denke, dass es die pure Vorfreude war, wieder eine CD aufzunehmen ... um danach die Bühnen dieser Welt zu bespielen!“

Sympathisch: Die Südtiroler Düsterseelen werden laut Aussage von Stefan auch demnächst für die folgenden Gigs mit genau den Klamotten auf die Bühnen gehen, die sie privat auch tragen. Er stellt klar:

„Wir wollen uns nicht verändern, nur weil wir auf der Bühne stehen. Wir sind ja die selben Leute die wir sonst auch sind. Ich hoffe, dass wir so viele Shows wie nur möglich spielen werden. Besonders Festivals sind einfach der Hammer für uns, immer wieder. Und vielleicht schaffen es wir ja erneut, ein paar Länder zu bereisen, die wir noch nicht beackert haben. Mal sehen, was alles so auf uns zukommen wird.“

© Markus Eck, 26.10.2011

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