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Interview: GRAVE DIGGER
Titel: Ein Vierteljahrhundert Schwermetall

1980 gestartet, liegt eine mittlerweile doch sehr bewegte Karriere hinter dieser unverwüstlichen Institution des deutschen Heavy Metal.

Als die damaligen Gladbecker Jungspunde um den Frontmann und Sänger, Galionsfigur Chris Boltendahl, dann zwei Jahre später voller Euphorie ihr Demo aufnahmen, ahnte zu dem Zeitpunkt wohl noch niemand der Beteiligten, was da noch alles zu erwarten war.

Das schließlich 1984 erschienene Debütalbum, der zeitlose Genre-Klassiker „Heavy Metal Breakdown“ markierte dann den offiziellen Beginn der Laufbahn dieser überwiegend stil- und linientreuen Totengräber. Und die Fangemeinde steht noch immer voll und ganz hinter ihren Lieblingen.

Nicht mal eine mehrjährige musikalische Pause bis zum 1992er Comeback konnte den Namen Grave Digger in Vergessenheit geraten lassen.

Kein Wunder, live rackert sich das kernige Teutonen-Quintett auch heute noch immer den Arsch ab.

Und nach 25 Jahren noch immer im Geschäft zu sein, das ist in diesem Genre wohl eine Respekt abringende Seltenheit.

Szene-Original Chris freut sich schon sehr darauf, das also gebührend abzufeiern. Mit von der Partie wird dabei auch das brandneue elfte Studioalbum „The Last Supper“ sein.

„Noch letzte Woche war ich quer durch Europa auf Promo-Tour unterwegs und habe ganze 60 Interviews gegeben, das war stellenweise die Hölle, immer wieder dieselben Fragen zu beantworten“, scherzt mir ein sehr gut gelaunter Chris anfangs zu.

Unser Interview ist auch schon wieder das vierte an diesem Tage, bei dem er Rede und Antwort stehen muss.

Ist „The Last Supper“ als Konzeptalbum angelegt? Der Frontmann fährt fort:

„Eine bestimmte Konzeption steckt nicht dahinter. Vielmehr hat der Albumtitel `The Last Supper` [übers.: `Das letzte Abendmahl; A.d.A.] für uns als Metal-Band primär eigentlich eine symbolische Bedeutung für all die Scheiße, die derzeit in der Welt so abgeht. Gerade wenn man sich die Tagesschau immer wieder so ansieht, scheint es jeden Tag aufs Neue einige `letzte Abendmahle` für die Menschheit zu geben. Wenn das alles so weitergeht, ist die Welt wohl über kurz oder lang am Ende.“

Wie Chris dann in diesem Kontext weiter ausführt, behandeln drei der neuen Stücke exakt die religiös basierende Thematik, welche auch auf dem Albumcover von „The Last Supper“ dargestellt wird.

„Die letzten Tage von Jesus wurden textlich in die Stücke `The Last Supper`, `Crucified` und `Divided Cross` eingebracht. Dabei erzähle ich singend aus der Sicht von Jesus selbst, wie ich mich dabei gefühlt hätte; die Lyrics dieser Kompositionen sind aber schon sehr freimütig gehalten.“

Es scheint, als hätten sich Grave Digger und ganz speziell ihr unverwechselbar raues Gesangsorgan tiefgründige Gedanken um ihre neuen Lyriken gemacht. Wuschelkopf Chris bestätigt:

„Der vierte Track `Grave In The Noman´s Land` beispielsweise berichtet davon, wie Soldaten bei Missionen im Ausland oftmals dort sterben und bei ihrer Heimkehr nicht selten nicht mal entsprechend dafür Würdigung erfahren. `Hundred Days` hingegen soll den grausamen 1994er Völkermord im zentralafrikanischen Ruanda in Erinnerung rufen, um den sich niemand groß gekümmert hat.“

Kein Wunder; es gab dort ja damals auch (noch) nichts zu holen für gewisse Interessensgruppen, denkt man sich.

Die neuzeitliche Abweichung auf „The Last Supper“ von sonstig historisch orientierter lyrischer Konzeption zu hauptsächlich realistisch geprägtem Terrain stellt doch eine kleine Überraschung dar.

„Ja, ich stimme zu. Aber erstens haben wir nun ja lange Jahre haufenweise über Drachen, Schwerter und Kämpfe gesungen; zweitens war es an der Zeit, endlich mal etwas anderes zu machen. Auch musikalisch wollten wir uns mal wieder so richtig freischwimmen, und nicht wieder lediglich in einem abgesteckten Rahmen arbeiten. Beinahe jede Heavy Metal-Band macht doch heutzutage etwas über Wikinger, Schwerter, Drachen und Krieger.“

So kam Gitarrist Manni laut Aussage von Chris eines Tages mit der Idee an, zur Abwechslung mal ein zwar schön abgerundetes Metal-Album zu machen, welches aber doch ein wenig von den Vorgängern abweichen sollte.

„Der Vorschlag gefiel uns gleich. Im Endeffekt sammelten wir dann alle Ideen erstmal; dieses Mal wurde auch nichts aussortiert. Bei unseren vorherigen Konzeptalben mussten wir ja leider immer wieder eine ganze Menge an guten Ideen verwerfen, weil sie eben nicht ins jeweilige Konzept gepasst haben. Diesmal haben wir also mehr oder weniger alle Ideen verwirklicht, was uns sehr viel Freude bereitet hat.“

Wie Chris weiter mitteilt, ist genau darin auch der Grund zu sehen, warum „The Last Supper“ in erster Linie so enorm abwechslungsreich geworden ist und seiner Meinung nach einfach anders als die anderen bisherigen Grave Digger-Alben klingt.

„Doch wie immer haben wieder vier Mann in der Band auch die diesmaligen Lieder geschrieben“, lässt Chris dazu weiter verlauten. „Unser Keyboarder Hans-Peter, Bassist Jens, Gitarrist Manni und ich zeichnen für die Songs auf `The Last Supper` verantwortlich. Nachdem wir wie üblich schier endlos an den Songs gefeilt hatten, wurde dazu jeweilig getextet“, blickt der gute Onkel Reaper zurück.

Auch wenn sich aktuell nun musikalisch sowie textlich doch einiges geändert hat: Auf das neue Werk ist der Frontmann auf jeden Fall wieder mächtig stolz. Er bekennt:

„Ich weiß nicht, wie andere die Dinge sehen, aber ich halte `The Last Supper` für ein sehr frisches und geradliniges Heavy Metal-Album, ohne viel Schnickschnack und schön direkt ins Gesicht. Eben genau so, wie Heavy Metal in den 80ern noch war, als wir damals angefangen haben.“

© Markus Eck, 07.12.2004

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