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Interview: GURD
Titel: Energische Schubladenverweigerung

„Schlicht und einfach Metal“, so betiteln die beiden Gurd-Gitarristen Spring und V.O. ihre musikalische Kraftschöpfung mit einigem beseelten Selbstbewusstsein. 1994 aus den Überresten der einstigen Power Thrash-Innovatoren Poltergeist hervorgegangen, markierte das selbstbetitelte 1995er Debütalbum neben einem beherzten Neuanfang eine ebenso entschlossene Stilmodifikation für die Schweizer Schwermetallfanatiker.

Nachfolgend veröffentlichte Alben wie das 1995er Werk „Addicted“, das ein Jahr später auf den Markt gekommene Härtemanifest „D-Fect“, der 1998er Ohrenpeiniger „Down The Drain“ sowie der letzte Langspieler „Bedlam“ aus dem Jahr 2000 verdeutlichten die zeitgemäßen Kreativambitionen der beständigen und tourfreudigen Eidgenossen mit jedem Mal mehr.

Nun überrollt die neueste Albumwalze „Encounter“ die Gehörapparate der Fans in voller Fahrt, und Gurd überzeugen darauf durch immens spürbare Spielfreude und erbauliche Linientreue.

„Tja, das mit den Initialen ist so eine Sache. Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht so genau. Es stammt noch aus meiner Schulzeit und heißt wahrscheinlich so was Bescheuertes wie ‚Vorname Otto'. Das ist nämlich mein eigentlicher Name. Aber so nennt mich eigentlich nur noch meine Mutter. Seit ich ca. elf Jahre alt bin, werde ich nur noch V.O. genannt. Ich hoffe, ich habe dir nun ein bisschen Klarheit geschaffen“, gibt mir Sänger und Saitenquäler V.O. zu Anfang unseres Gespräches preis.

Ich erfahre weiterhin von ihm: „Soweit ist eigentlich alles cool bei uns, mal abgesehen von der momentanen politischen Weltlage.“

Nun „springt“ sein Bandkollege Bruno Spring ein:

„Ja, soweit ist alles klar hier bei uns! Der Release von `Encounter` steht vor der Tür, die Resonanzen seitens Presse sind bisher größtenteils sehr gut, wir geben fleißig Interviews und sind nebenbei noch damit beschäftigt, uns für die anstehenden Shows vorzubereiten. Du siehst, die Zeit steht bei uns also ganz im Zeichen von Gurd.“ Im Anschluss daran erkundigte ich mich nach dem Erfolg der bisherigen Veröffentlichungen, V.O. resümiert: „Das ist ziemlich unterschiedlich. Wir hatten Alben, die sehr gut ankamen und auch gut liefen. Wir hatten aber auch Alben, welche nicht so gut Absatz fanden, aber trotzdem sehr gute Kritiken einfuhren. Ich denke, dass dies zum Teil auch sehr viel mit ‚zum richtigen Zeitpunkt am Start sein’ zu tun hat.“

Da ich auch heute noch ein sehr großer Poltergeist-Anhänger bin, interessiert mich die damalige Situation doch sehr, weswegen V.O. erneut für mich in die Vergangenheit blickt: „Das war ich zusammen mit meinen damaligen Mitstreitern Marek und Luki. Wir waren zusammen bei Poltergeist und nachdem die Band 1993 nach der letzten Tour mit Coroner auseinanderbrach, beschlossen wir etwas Neues aufzubauen. Gurd entstand sozusagen aus den Ruinen von Poltergeist. Wir wollten uns damals auch nicht auf eine Stilrichtung festlegen und versuchten, neue Einflüsse in unsere Musik einzubinden. Es ging dann alles ziemlich fix und wir hatten bald einen neuen Deal mit Major Records am Start, welche dann 1994 unser Debüt auf den Markt brachten und uns auch fleißig auf Tour schickten.“

V.O. sieht den damalig vollzogenen musikalischen Kurswechsel mit Gurd eigentlich nicht so dramatisch wie ich: „Klar, wir wollten schon nicht genau dasselbe mit Gurd machen, da hätten wir ja keine neue Band gründen brauchen. Aber alleine die Tatsache, dass ich nun das Mikro übernommen hatte und ich natürlich ganz andere Vocals als André einbrachte, veränderte den Stil nachhaltig. Ich hatte es anfangs halt auch nicht so mit den Melodien. Dazu kam, dass wir damals ein bisschen die Schnauze voll hatten von schnellen Sachen, da wir mit Poltergeist schon eher auf der Speedschiene zugange waren und uns der Sinn einfach auch nach mehr Groove stand Zu meiner Gitarrenarbeit kann ich nur sagen, dass sich da nicht viel geändert hat. Ich schreibe in etwa immer noch im selben Stil Riffs und wenn man da einen doppelt so schnellen Beat drunter legt, klingt es auch nicht sonderlich anders, als damals! Wie schon auf Bedlam und jetzt auch auf Encounter zu hören ist.“

Ein richtiger Poltergeist kommt jedoch niemals zur Ruhe, wie nachfolgend von dem Sänger in Erfahrung zu bringen war. V.O.:

„Ich denke es gibt immer noch einen Haufen Leute, die den damaligen Zeiten nachtrauern. Klar, es war eine coole Zeit und Speed und Thrash Metal war gerade am aufblühen, aber immer in der Vergangenheit leben ist nicht so mein Ding. Außerdem war das Interesse an Poltergeist damals eigentlich eher bescheiden und wir hatten am Ende ja auch keinen Deal mehr am Start. Deshalb fände ich eine Reunion eigentlich eher unsinnig, es gibt schon genug überflüssige Reunionen. Mit Gurd haben wir auf jeden Fall einiges mehr erreicht, als dies mit Poltergeist je der Fall war.“

Die Passion fürs Klampfen entdeckte der Schweizer schon verhältnismäßig früh, wie er mir erzählte: „Ich war mit elf bei meinem ersten Konzert; das war 1980, als Kiss mit Iron Maiden in Basel spielten. Nach der Show war klar, das ich unbedingt Gitarre spielen wollte, und am besten natürlich auch Raketen aus meiner Klampfe abfeuern zu können. Effektiv dauerte es dann noch ein Jahr, bis ich mir mein erstes Brett, dank meiner Mutter, leisten konnte. Eine ‚Duke’, was für ein Scheißteil“, scherzt V.O. vergnügt.

Nun bringt sich sein Gitarrenassistent Spring erneut ein: „Bei mir war das so im Alter von 13 Jahren. Zu dieser Zeit entdeckte ich auch meine Vorliebe für den Klang verzerrter Gitarren; zudem fand ich das Instrument extrem sexy. Ich sparte also mein Taschengeld und kaufte mir schließlich meine erste Gitarre, eine Hohner `SR Devil`. Vor allem die Sternform des Instrumentes hatte es mir natürlich angetan. Von den restlichen `Qualitäten` wollen wir mal nicht sprechen. Ich war zu Beginn meiner Gitarrenlaufbahn vor allem schwer beeindruckt von Leuten wie Randy Rhoads, Malmsteen oder auch Blackmore; ich wollte unbedingt auch solche Wirbelstürme auf dem Griffbrett entfachen können und habe die nächsten paar Jahre erst mal kräftig geübt. Meine erste richtige Band gründete ich 1990 zusammen mit Gurd-Drummer Tschibu und dem ehemaligen Gurd-Bassisten Andrej; mit diesen Jungs hatte ich all die Jahre in verschiedenen Bands wie Jerk, Swamp Terrorists und letztlich Gurd gespielt und tue es noch heute wie Du siehst.“

Wie sieht V.O. eigentlich die ersten Alben von Gurd im Nachhinein aus künstlerischer Sicht? „Also, ich finde unser erstes Album immer noch eine unserer besseren Scheiben! Klar, vom Gesang her könnte ich heute einiges viel besser machen, aber um das geht es meiner Meinung nach gar nicht. Die Chemie stimmt auf der Platte einfach und man hört, dass wir einen Riesenspaß bei den Aufnahmen hatten. Auch ‚Addicted’ ist eine ziemlich gelungene Scheibe und hat große Momente. Einzig mit der ‚D-Fect’ habe ich meine Probleme, da wir damals eine schwierige Zeit in der Band hatten und die Produktion auch nicht unbedingt meinen Idealvorstellungen entspricht. Auch die unsägliche `D-Fect`-Remix EP finde ich rückblickend ziemlich überflüssig. Die sollte ursprünglich eigentlich nur in sehr kleiner Auflage bei unseren Shows vertickt werden. Aber, vorbei ist vorbei und ich schaue lieber vorwärts.“

Auf das neue Album setzen Gurd so einige Hoffnungen; Sechssaitenartist Spring offenbarte sie mir: „In erster Linie wollen wir uns mit `Encounter` in der Szene zurückmelden. Immerhin liegt der Release unseres letzten Albums `Bedlam` schon fast drei Jahre zurück. Auch hatten wir die letzten zwei Jahre einige Rückschläge zu verkraften, etwa den Ausstieg unseres Bassisten Andrej oder das Auslaufen des Plattenvertrages mit Century Media. Na ja, jetzt hat sich ja alles zum Guten gewendet, wir haben mit Franky einen hoch motivierten Bassisten und mit Diehard Music eine kompetente Plattenfirma gefunden.“

Wie anfangs erwähnt, titulieren Gurd ihre Musik „schlicht und einfach Metal“, und V.O. fügt hierzu noch energisch an: „Wir weigern uns generell, in irgendwelche Schubladen gesperrt zu werden. Klar, unser Sound hat Einflüsse von Thrash- und Power Metal, manchmal sogar ein wenig Hardcore oder Groove Metal, aber im Endeffekt ist es doch schlichtweg Heavy fuckin’ Metal.“

Liest man den Bandnamen der Schweizer Rhythmusmonster rückwärts, schließt man leicht auf die Verherrlichung von Rauschmitteln. V.O. erläutert mir daher: „Also, ich will hier gar nicht abstreiten, dass wir uns gerne ein paar Joints reinziehen. Aber der Bezug des Bandnamens zu Drogen rührt nur daher, dass für uns Musik die ultimative Droge ist! Ich meine, ohne Musik wären wir auch nicht besser dran, als ein Junkie auf Entzug.“ Nun wissen also alle Bescheid.

Bescheid wissen wollte ich auch über die privaten musikalischen Vorlieben meiner Interviewpartner. V.O. beginnt: „Bei mir läuft, von ein wenigen Ausnahmen abgesehen, eigentlich hauptsächlich Metal. Sei das jetzt altes Zeug aus den 80ern, wie Kiss , Judas Priest, Black Sabbath, Motörhead oder auch Led Zepellin oder besagte Bay Area Thrash-Schiene mit Exodus, Testament, Slayer, alten Metallica etc. bis hin zu aktuellem Stoff wie The Haunted, Strapping Young Lad, Shadows Fall oder Soilwork, Disturbed etc. Solange es rockt und mir zusagt, höre ich mir alles an! Mein dreijähriger Sohn Gary ist auch schon voll auf dem Metal-Trip und will die ganze Zeit Destruction, Slayer und, oh Wunder, Gurd hören!“

Spring will hier nicht nachstehen: „Meine Vorlieben sind breit gefächert; ich kann mir hintereinander die neue Marduk und die neue Nick Cave anhören, finde ich beide toll. Im harten Sektor höre ich mir fast alles an, was gut gemacht ist. Die letzten Platten, die ich mir gekauft habe sind die neue Anthrax, Strapping Young Lad und die Masterplan-Scheibe. Sowie endlich die CD-Version einer meiner absoluten Alltime Faves: `Under Look And Key` von Dokken. Ansonsten mag ich auch Jazz, Industrial, Rockabilly oder halt einfach Gitarrenmusik von Steve Vai, Al diMeola oder Mike Stern. Das Einzige, womit ich wirklich nix anfangen kann ist Schlagermucke, Kindergarten-Metal oder hochgepushten `Billigst-Euro-Dance-Müll` wie Bro’sis.“

Ich stimme ihm hier sowohl hinsichtlich Dokken als auch letztgenannter Meinungsäußerung vollkommen zu. Anschließend kamen wir auf die dem aktuellen Album von Gurd zugrunde liegenden Einflüsse zu sprechen; V.O. bekennt mir: „Tja, da ich mir vermehrt wieder altes Zeug reinziehe, denke ich dass Bands wie Kiss oder auch Slayer und Exodus sicher in dem einen oder anderen Song ihre Spuren hinterlassen haben. Auch habe ich wohl unbewusst den einen oder anderen Testament-Song ein bisschen zuviel gehört.“

Letzteres ist ja nichts Verkehrtes. Spring ergänzt in diesem Kontext:

„Mein Spiel ist wohl am ehesten von Leuten wie Randy Rhoads und Yngwie Malmsteen beeinflusst, was die Soli anbelangt und von James Hetfield und Jeff Waters, was die Rhythmusarbeit angeht. Ich denke allerdings nicht, dass diese Einflüsse eine entscheidende Rolle bei meinem Songwriting gespielt haben. Wenn ich Songs schreibe, beeinflusst mich wohl am meisten die Musik, welche ich gerade höre, wenn auch unbewusst. Auf `Encounter` könnte man höchstens bei den Leads die genannten Einflüsse raushören. Jeder, der auf gut gemachten Heavy Metal steht, sollte sich die neue Scheibe von uns zumindest mal anhören. Ich denke, unsere Musik weiß sowohl den Old School-Thrashern wie auch den New-Metallern oder auch den Liebhabern von Stoner Rock zu gefallen. Und dies gerade, weil sie von vielen Spielrichtungen des Metal beeinflusst ist.“

V.O. sieht das ganz ähnlich: „Wenn man auf handgemachten, ehrlichen Metal ohne Scheuklappen steht, kommt man an Gurd nicht vorbei!“, lacht der Gurd-Sänger, um mir danach den neuen Albumtitel zu erläutern: „Eine große Bedeutung steckt eigentlich nicht dahinter. Es geht eigentlich mehr um die Begegnung mit Gurd in der aktuellen Besetzung und mit unserer aktuellen Mucke. Für Leute, die uns schon länger kennen, gibt es sicherlich einige Überraschungen auf der neuen Platte. Für Neueinsteiger ist es sozusagen der ‚First Encounter’ mit unserem bisherigen Schaffen. Da wir ja jetzt doch schon wieder fast drei Jahre von der Bildfläche verschwunden waren, trifft wohl eher letzteres zu. Meiner Meinung nach stellt `Encounter` einen Querschnitt aus unseren bisherigen Alben dar. Wir haben den leicht thrashigeren Stil von `Bedlam` mit den Trademarks der alten Platten kombiniert und so eine Platte mit dem musikalischen Stand von Gurd anno 2003 gemacht.“

Das aktuelle Albumcover sieht mir aus wie ein Ufo; Spring erinnert sich: „Die Sache war die, dass wir uns mal wieder nicht über ein Motiv einigen konnten; ich hatte ein paar Layouts gemacht und auch die anderen waren mit Vorschlägen zur Stelle, aber irgendwie hatte uns nichts wirklich gefallen. Zu dieser Zeit war ich in Zürich mit meiner Diplomarbeit zum Multimedia Producer beschäftigt, als ich in einem 3D-Programm das Ufo konstruierte, eigentlich um eine kurze Videosequenz für meine Diplomarbeit zu machen. Ich schoss ein paar Screenshots von gerenderten Szenen und irgendwie fand ich, dass dieses Motiv auch seinen Reiz als Albumcover hätte. Ich zeigte die Bilder also den anderen in der Band und auch die fanden die Vorschläge ziemlich cool. So haben wir uns entschlossen, das Ufo auf unser neues Album zu packen.“

V.O. verneint jedoch einen von mir in Erwägung gezogenen Bezug des Covers zum textlichen Inhalt des aktuellen Albums: „Nein, eigentlich nicht. Es gibt weder ein Konzept hinter den Lyrics, noch haben wir einen Song mit der Ufo-Thematik auf der aktuellen Platte. Es sieht einfach cool aus und ich befasse mich ja schon seit geraumer Zeit mit diesen Dingen, deshalb hatte ich auch kein Problem damit. Ich glaube zwar, dass wir nicht alleine im Universum sind, denke aber auch, dass irgendwelche Aliens nicht so blöd sind und einfach beim Weißen Haus landen und dem lieben Onkel George Bush die Hand schütteln wollen.“

Das Songwriting für „Encounter“ war laut V.O. auch einer erneuten Vaterschaft seinerseits durchzogen: „Wie lange das Songwriting für `Encounter` in Anspruch genommen hat, kann man so pauschal nicht sagen, da zwischen dem Songwriting einige Dinge passierten. So wurde ich zum zweiten Mal Papa, unser Bassist Andrej verließ die Band und zusammen mit dem neuen Bassisten Franky baute ich in meinem Keller unser eigenes Little Creek-Studio auf, wo wir auch fleißig andere Bands aufgenommen haben, respektive aufnehmen. Im Moment sind wir gerade an der Vorproduktion der neuen Destruction-Scheibe, welche wir im Frühling dann machen werden.“

Spring trägt meiner Frage da schon etwas genauer Rechnung: „Wir hatten bereits Mitte 2001 angefangen, Songs für ein neues Album zu komponieren. Sowohl V.O. wie auch ich hatten einige fertige Songs mit Drumcomputer vorproduziert und die restlichen Ideen erarbeiteten wir zusammen im Proberaum. Schlussendlich würde ich sagen, dass das Songwriting alles in allem etwa fünf Monate gedauert hat. Allerdings haben wir auch noch im Studio an den Arrangements rumgebastelt und auch die meisten Texte sind erst im Studio entstanden. Von V.O. stammen sechs Songs, vier habe ich beigesteuert und die restlichen drei haben wir zusammen erarbeitet. Beim Schreiben der Songs hatten uns natürlich viele Faktoren beeinflusst: `A New War` und auch `Decision` entstanden kurz nach den Attacken vom elften September und dem von der Bush-Administration angekündigten `Krieg gegen den Terror`; der Einfluss dieser Ereignisse sowohl auf die Musik wie auch auf die Texte dieser Songs ist allgegenwärtig.“

V.O. stimmt seinem Bandkollegen zu: „Ja , das war sicherlich ein Einfluss. Allerdings gab es da auch noch andere Faktoren, welche mich bei den Lyrics beeinflusst haben. Mehr Sachen aus meinem persönlichen Umfeld. ‚Older But Wiser’ beispielsweise behandelt meine Gedanken zum Thema Älterwerden, man kann zwar nicht mehr soviel saufen wie früher, aber man muss dafür auch nicht mehr jeden Scheiß mitmachen, um ‚in’ zu sein. Man wird halt einfach ein bisschen ‚gescheiter’. Auch der Text zu ‚Strive’ ist eher persönlicher Natur und handelt davon, dass die Ehe mit meiner Frau Inga mir geholfen hat, meinen inneren Hass und meine Frustrationen besser zu kontrollieren und im Zaum zu halten. ‚May Day’ wiederum habe ich für meine kleine Tochter Leslie geschrieben, die kurz danach, an einem schönen Tag im Mai zur Welt kam. Ich zeichne sowieso für alle Texte verantwortlich, da ich den Scheiß ja auch singen muss“, lacht der Sänger.

Der Inhalt des zehnten Songs „Club Of Lies“ hat mein reges Interesse geweckt; das Statement der Band über eine textliche Verbindung zu konspirativen Verbindungen wie dem Illuminaten-Orden lässt meine Augenbrauen in Lichtgeschwindigkeit hochschnellen. V.O. gab meiner Bitte nach einer näheren Erläuterung zum informativen Hintergrund des Stücks gerne nach:

„Tja, ich muss dich wohl ein wenig enttäuschen, der Text enthält keine Offenbarungen oder Antworten auf diese Fragen. Es ist eher eine Zusammenfassung der ganzen Theorien einer ‚Verschwörung’, ob das jetzt die Illuminaten, der Club Of Rome oder wer auch immer ist. Im Prinzip geht es darum, wie wohl so eine Organisation versucht, einem angehenden Novizen die Sache schmackhaft zu machen. Dass man im Prinzip ein Teil der Elite wird, dafür aber absolut keine Skrupel oder Reuegefühle aufkommen lassen darf. Man hat dann ja schließlich die Möglichkeit die Geschicke der Welt mitzubestimmen und da sind menschliche Gefühle schlichtweg nicht tragbar.“

Spring zeichnete in dieser Hinsicht anschließend seine gegenwärtige Weltsicht für mich auf: „Ich bin an sich kein Pessimist, aber was sich gegenwärtig in der Welt abspielt, dämpft meine Hoffnung auf eine schönere Zukunft nicht unwesentlich. Die gegenwärtige US-Außenpolitik führt die Welt an einen Abgrund; die USA nutzen Ihre Stellung als einzige Supermacht gnadenlos aus, um ihre wirtschaftlichen und imperialistischen Interessen durchzusetzen. Henry Kissinger sagte mal: `Das Öl ist zu wichtig, um es den Arabern zu überlassen`. Die UNO wird zum gemeinnützigen Verein degradiert, French Fries heißen jetzt Freedom Fries und im `alten` Europa wird man wohl schon bald zur `Achse des Bösen` dazugezählt. Ich habe die Hoffnung, dass die Leute aufstehen und sich gegen ein neues `Römisches Großreich` mit wenigen Gewinnern und vielen Verlierern auflehnen. Schon heute gibt es auf der Welt einen viel größeren Widerstand gegen einen Irak-Angriff als noch vor dem ersten Golfkrieg, selbst im UN-Sicherheitsrat. Diese Entwicklung muss weitergehen und die Leute müssen endlich kapieren, dass es keinen Frieden auf dieser Welt geben kann, wenn der Wohlstand für die Einen den Tod für die Anderen bedeutet.“

V.O. sieht das ganz ähnlich: „Sehe ich ähnlich, da mittlerweile der Krieg losgegangen ist. Im TV läuft gerade die `Shock and awe`-Offensive der `Koalition der Willigen` auf Bagdad. Mein Glaube an die Vernunft der Menschheit hat sich verabschiedet. Da ich Kinder habe und ihnen eigentlich ein schönes Leben wünsche, hoffe ich doch, dass sich in naher Zukunft, und nicht in einer weit entfernten, die Menschen erheben und solcherlei Treiben Einhalt geboten wird. Ist es denn so schwer, in Frieden und gegenseitigem Respekt auf einer gerechten Welt zu leben? Würde die ganze Kohle, die für Waffen und Militär raus gehauen wird, nicht reichen, um alle Menschen zu ernähren? Wahrscheinlich bin ich aber nur ein hoffnungsloser Träumer und Pazifist, der auf dieser Welt bald keinen Platz mehr hat.“

Das wollen wir doch nicht hoffen. Dann schon lieber den Inhalt des von mir geforderten Interview-Abschlusssatzes von V.O., welchen er hier noch an seine Fans richtet: „Ja, lasst euch nicht für dumm verkaufen und folgt nicht blind irgendwelcher Propaganda, woher sie auch kommt.”

© Markus Eck, 24.03.2003

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