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Interview: HÄMATOM
Titel: Spiegel der Zeit

Der originelle Titel lässt es eigentlich schon erahnen: Auf ihrem neuesten Albumstreich mit dem köstlich ironischen Titel „Keinzeitmensch“ zeigen sich die NDH- beziehungsweise Modern Thrash Metal-Durchstarter zeitkritisch drastischer denn je.

Doch auch auf musikalischem Sektor können die fünf fränkischen Maskenschergen erneut umfassend punkten. Was das neue Langspiel(boll)werk des martialisch aufspielenden Quintetts letztlich dann auch so viel mehr werden lässt als „nur“ eine hörenswerte Mahnung an die unzähligen „Screenslaves“ des Planeten.

„Wir befinden uns in einer Zeit der totalen Informationsflut. Alle teilen allen mit, was sie in dieser und in der nächsten Sekunde machen. Die Zeit der Informationsübermittlung nimmt oft mehr Raum ein, als der Vorgang, von dem man erzählen möchte, den man gerade erlebt hat. Ich will uns da auch als Band nicht unbedingt rausnehmen, wir möchten aber reflektieren, darauf hinweisen, dass das schon oft kranke Formen annimmt. Es ist der Mensch einer Wohlstandsgesellschaft, der so viel Zeit hat, dass er sie schon wieder dermaßen vergeudet, um wieder keine Zeit zu haben. Der Keinzeitmensch. Dieser Typus lässt sich schwer festlegen. Auf die Frage , ob man sich morgen trifft, ist die Antwort stets: ,Lass uns mal simsen oder telefonieren. Und zufällig reimt sich Keinzeitmensch auf Steinzeitmensch“, lässt Schlagzeuger Süd dazu trocken wissen.

Die aktuelle lyrische Direktive seiner Truppe möchte der Schlagwerker dabei nicht unbedingt als neu bezeichnen.

„Sie ist immer Inhalt der Hämatom-Texte gewesen. Wir schauen uns um, sehen die Nachrichten, lesen die Zeitung und schon sprudelt der Stoff für neue Songs. Dabei wollen wir aber nicht ermahnen. Wir laufen also nicht den ganzen Tag mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt. Wir wollen nur Denkanstöße versuchen zu geben und ein Ventil sein, um mal Dampf abzulassen. Unser Ziel ist es der Spiegel zu sein, was der einzelne damit macht, bleibt jedem selbst überlassen.“

Sieht man sich die tagtäglichen „News“ so an, so scheint es nicht wenig, als ob die Menschheit tatsächlich immer irrer wird, und das auf allen erdenklichen Ebenen.

„Immer extremer“, könnte man dazu auch sagen. Wie würde man das nach Ansicht des Drummers effizient aufhalten, abstellen oder korrigieren können?

Der Stockschwinger konstatiert diesbezüglich:

„Wichtig ist, dass man nicht versucht durch Verbote zu korrigieren, da das wiederum neue Fragen nach dogmatischen Richtlinien aufwirft. Und wer hat dabei die Entscheidungsgewalt? Das beste ist eine gesunde Eigenreflektion, die beispielsweise das Kaufverhalten oder das Konsumverhalten beeinflusst. Denn alle schlechten Angebote bleiben nur so lange bestehen, bis die Nachfrage nicht mehr vorhanden ist. Gehen alle Leute Biomilch kaufen, werden alle Supermärkte reagieren, ihr Angebot angleichen und der Bauer bekommt wieder einen besseren Milchpreis, kann die Tiere gut behandeln, diese werden weniger krank und wir Menschen damit auch. Ein vielleicht komisches Beispiel, aber diese Sachlage lässt sich wohl auf alles transferieren, auch auf die Bild-Zeitung. Fragt der Leser der Bildzeitung nach ausführlichen Berichten über geologische Gegebenheiten, wird die Redaktion reagieren, das kann ich mit Sicherheit sagen. Wo es eine spezifische Nachfrage gibt, entsteht auch ein passendes Angebot. Nebenbei will ich aber erwähnen, dass wir auch nicht unfehlbar sind, manchmal Mist kaufen und uns nicht immer vorbildlich verhalten.“

Man fragt sich: Setzt sich eine Band wie Hämatom denn überhaupt noch der massenmedialen Manipulation und neuronalen Konditionierung durch Gehirnwasch-TV & -Radio aus?

„Also bei uns persönlich findet diese ,Berieselung‘ immer seltener statt, da wir viel zu tun haben und somit also gar nicht die Zeit dafür da ist. Wir gehen auch lieber in den Proberaum und üben oder versuchen kreativ zu sein, also arbeiten am eigenen Output. Aber klar, manchmal landet man vor dem Fernseher und überhaupt ist es ist auch schwer, dieser Informationsflut an Nichtigkeiten total zu entkommen.“

Apropos: Was machst der Hämatom-Schlagzeuger in seiner freien Zeit neben der Band am liebsten?

„Ganz ehrlich: Da gibt es nicht so viel. Musik ist für mich Hobby und Beruf. Wenn es mal nichts dringendes für die Band zu tun gibt, gehe ich auch mal in den Proberaum und spiele Jazz. Musik steht also immer im Mittelpunkt meines Lebens. In den letzten zwei Jahren habe ich wieder verstärkt das Lesen von Romanen entdeckt. Also keine Lautstärke, kein Auseinandersetzen mit anderen Menschen, keine körperliche Belastung. Einfach sitzen und lesen. Der perfekte Ausgleich.“

Was genau erwartet die geneigten Hörer seiner eigenen Einschätzung nach nun auf musikalischer Ebene auf dem neuen Werk „Keinzeitmensch“?

Ist die Menschheit überhaupt reif dafür, von den fünf Franken schon wieder eine reingehauen zu bekommen?

„Ja ist sie! Wir erfinden nicht das Rad neu. Wir basteln aus vorhandenen, bekannten Einzelteilen ein neues Ganzes. Und wir waren bei dieser Arbeit sehr kritisch gegenüber uns selbst: Jeder Song, der uns nicht zu 100 % überzeugte, hat keinen Platz auf diesem Album gefunden. Wir hatten einen riesigen Pool an Ideen in den letzten zwei Jahren angehäuft und sind mehrmals in Klausur mit Produzenten gegangen, um an dem Material zu arbeiten, neu zu arrangieren, Refrains zu modifizieren. Dabei haben wir im Unterschied zu unseren Vorgängeralben auch verstärkt mit Elektro-Sounds gearbeitet, die ,Keinzeitmensch‘ sehr modern klingen lässt. Es ist wohl auch unser melodischstes Album, ohne an Härte im Vergleich zu den Vorgängern zu verlieren. Ich will auch erwähnen, dass wir uns textlich nicht ausschließlich auf einer sozialkritischen Ebene bewegen. So wird zum Beispiel im Song ,Panik‘ der Gefühlszustand einer Panikattacke beschrieben. Wir haben also darauf geachtet, dass wir textlich neues probieren und nach wie vor die Texte im Mittelpunkt stehen und nie lästiges Beiwerk der Musik sein dürfen.“

Hat Meister Süd schon eigene Favoriten, was die neuen Songs des aktuellen Albums angeht?

„Da gibt es mehrere, wobei ,Warum‘ ein ganz großer persönlicher Favorit für mich ist. ,Fleisch und Blut‘, ein Song über die Problematik des Klonens, ist für mich auch sehr gut gelingen. Wir zitieren in den Strophen Goethes Zauberlehrling und kombinieren damit den alten Klassiker mit modernen Metal. Im Song ,Sing‘ wurde der Refrain durch einen Kinderchor aufgeblasen, was mir immer noch beim Anhören Gänsehaut beschert, also auch ein Favorit für mich.“

Der Albumvorgänger „Wenn man vom Teufel spricht“ war doch sehr erfolgreich.

So sieht sich Süd nachfolgend mit der Fragestellung konfrontiert, ob es diesmal eher schwerer oder eher leichter für Hämatom gewesen ist, für die neue Veröffentlichung alles rund und vor allem zeitnah hinzubekommen?

Beziehungsweise, ob die Jungs sich selbst unter (Erfolgs)Druck gestellt haben.

„Ein wenig haben wir uns schon unter Druck gesetzt. Wir wollten ja nochmals eine Schippe drauflegen. Ich denke, dass Druck bis zu einem gewissen Punkt durchaus gut sein kann. Wir hatten auch schon mal im Kopf, das Album Anfang des Jahres herauszubringen, aber da waren wir noch nicht soweit. Leichter für uns war, dass wir seit dem Vorgänger ,Wenn man vom Teufel spricht‘ wissen, welche Richtung wir musikalisch weiterverfolgen. Bei den Alben zuvor gab es diesbezüglich noch viel Unsicherheit und wir wussten nicht so recht, was der eindeutige Hämatom-Sound ist. Zum Glück sind wir da jetzt einen Schritt weiter, weil uns die Diskussionen über den perfekten Sound oder Stil der Band sehr angestrengt haben.“

Wie gestaltete sich die Arbeit insgesamt an dem Werk überhaupt im Großen und Ganzen?

„Wir haben uns im Februar 2012 das erste Mal zusammengesetzt, wie immer in einer Ferienhütte, und erste Ideen gesammelt. Zu diesem Zeitpunkt war aber leider noch nicht so viel auf Band. Dann hatten wir immer wieder Gespräche, Meetings mit dem Produzenten, der uns auch klar sagte, dass der ein oder andere Song gar nicht geht. Neu hinzugekommen ist auch Warthy, eigentlich ein Studiogitarrist, der unter anderem für Unheilig recorded hat, uns aber durch Programmings und Electronic-Sounds sehr viel Unterstützung gab und viele Tracks nochmals veredelte.“

Und welche Bands beziehungsweise Soundtracks haben Hämatom hierfür beeinflusst, falls überhaupt?

„Da gibt es sehr viele. Im Juli supporteten wir Rammstein in Sofia und da wurde mir mal wieder klar, dass ich diese Band sehr verehre. Also da kann man bestimmt mal eine Inspiration in einem Hämatom-Song finden. Früher waren für mich natürlich auch Slipknot ganz groß. Die Liste ist sehr lang, da ich sehr viel Musik höre und letztendlich fließt alles bei Hämatom mit ein und es entsteht was neues. Der normale Prozess eben, der aus Blues- Rockmusik werden ließ. Welches mir persönlich das allerwichtigste Album auf dieser Welt ist? Diese Frage kann ich nicht beantworten. Da gibt es zu viele Über-Alben. Und es kommen immer wieder neue dazu. Tool ,Aenima‘ war für mich wichtig. System Of A Down ,Toxicity‘ ist ein Überwerk und so geht es weiter und weiter...“

Die aktuelle stilistische Mixtur auf „Keinzeitmensch“ - worin sieht der Kesselwart wohl deren allergrößte Stärke?

Süd legt in aller Entschlossenheit dar:

„Wir machen deutschsprachigen Metal mit konkreten geerdeten Texten. Wir sind hart, Metal, aber durch melodische Refrains auch griffig. Das kann stilistisch auch mal in Richtung Punk gehen. Den Begriff ,Neue Deutsche Härte‘ fände ich jetzt für Hämatom zu eng gefasst. Aber da ist es eh immer schwierig, Musik in Worte zu fassen. Deswegen macht man ja Musik, weil man ein Emotionsfeld beschreiben möchte, dass man nicht mit Worten erreicht.“

Gibt es auf der neuesten Veröffentlichung nach Ansicht des Trommelverdreschers Unterschiede in rein musikalischer Hinsicht zu in diesem weitläufigen Genre namens NDH oder „Deutsch Metal“ üblichen Alben?

Der Schlagzeuger hat wieder das Wort:

„Wie gesagt haben wir auch Punk-ähnliche Bausteine, die man vielleicht bei anderen Bands nicht so findet. Unverwechselbar ist meiner Meinung nach der Gesang. Da kenne ich nichts vergleichbares. Bei uns haben eben auch die Texte Mittelpunktsstellung. Ich will jetzt nicht unterstellen, dass das bei anderen Deutsch Metal-Bands nicht so wäre, aber bei uns steht die Bezeichnung ,Metal‘ nicht allein im Vordergrund, so dass wir auch durchaus viele Fans aus anderen Genres ansprechen.“

Abschließend dreht sich das Interview-Gespräch noch darum, was eigentlich das am meisten Spannende für den Mann beim Erarbeiten von „Keinzeitmensch“ war.

Und der auch im Dialog nicht wenig schlagfertige Drummer gibt dazu preis:

„Bei der Albumproduktion war es bemerkenswert, wie aus einem fertig arrangierten Lied nach vielen Diskussionen ein völlig neuer Song entstand, sich dann oft noch weiterentwickelte durch die Synths und am Ende die eigentliche Grundidee gar nicht mehr zu erkennen war. Und ich dann beim A-B-Vergleich feststellen durfte, dass sich der lange, nervige, steinige, nicht gerade unanstrengende Weg gelohnt hat. Aber so braucht eben ein Album seine Zeit, die es braucht.“

© Markus Eck, 02.09.2013

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