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Interview: HAGGARD
Titel: Orchestrale Exklusivität

Der Weg war weit, der musikalische Endpunkt nicht immer völlig klar, und doch verfolgte Bandgründer Asis Nasseri seit jeher sein ureigenes künstlerisches Ziel mit bemerkenswerter Entschlossenheit. 1991 von Nasseri samt Schlagzeuger Luz Marsen in München ins Leben gerufen, debütierten Haggard drei Jahre später mit dem Minialbum „Progressive“.

Innerhalb von nicht allzu langer Zeit führte der musikalische Selbstfindungsprozess weg von anfänglichen Death Metal-Klängen hin zu experimentellen, simultan auch immer stärker von Klassik beeinflussten Kompositionen. Eine spezifische Entwicklung, welche die klanglichen Geschicke von Haggard noch in viel stärkerem Maße dominieren sollte. Nach und nach fanden sich so eine Violistin, eine Cellistin, eine Sopranistin und gar ein Pianist unter Nasseris Ägide ein.

Als die Bandbesetzung eines Tages auf ganze 16 Musiker angewachsen war, schien das vielfältige Dark Metal-Orchester endlich komplettiert worden zu sein. Vor kurzem wurden nun die umfangreichen Arbeiten am dritten Studioalbum „Eppur Si Muove“ fertig gestellt.

Bei so vielen Mitgliedern erscheint es enorm schwierig, die Harmonie im Bandgefüge zu erhalten. Doch Asis Nasseri, der als Sänger und Gitarrist sowie im Weiteren als Rhythmusmann fungiert, bleibt bei diesem Thema ganz locker:

„Es gibt natürlich hin und wieder die eine oder andere Unstimmigkeit, doch Haggard ist eine sehr harmonische Gemeinschaft. Die Musiker stehen hinter der Band, und wir ziehen alle an einem Strang. Ich habe also keinen Grund, mich zu beschweren“, lacht er mir gut gelaunt entgegen.

Und der Rest des Ensembles steht da nicht nach:

„Die derzeitige Gesamtstimmung bei uns ist hervorragend. Denn die neue Scheibe ist im Kasten, jetzt stehen die Live-Gigs an. Und die CD wird von den Leuten, die sie bis jetzt gehört haben, sehr wohlwollend aufgenommen, und auch die Fans dürstet es nach dem neuen Album. Da fühlt man sich irgendwie gut.“, bekennt die bayerische Frohnatur, der selbst jüngst vollzogene Besetzungswechsel seines Schwermetallorchesters nicht zu schaffen machten: „Wir haben uns von unserer Alt-Sängerin Steffi, unserer gleichnamigen Geigerin sowie unserem Bassisten Andreas wegen diverser Differenzen getrennt. Unsere neuen im Bunde sind Bassist Robin Fischer, Violinistin Dorothea Zelinksy und Sopranistin Veronika Kramheller.“

Neue Mitglieder müssen laut Asis zunächst einmal von der jeweiligen Persönlichkeit her in die Band passen. „Narzissten, Egozentriker und andere Selbstverliebte haben bei uns nichts zu suchen. Wir sind ein großes Team, da muss man sich schon an Regeln halten“, stellt er klar. Eine Regel davon ist, dass alle Mitglieder von Haggard auf einer Stufe stehen. „Es ist ja gerade diese Einheit, die die Band ausmacht. Danach ist natürlich von Belang, wie gut die jeweilige musikalische Leistung ist, beispielsweise eine schnelle Auffassungsgabe und auch Rhythmusgefühl spielen da eine große Rolle. Wenn der Musiker dann noch bereit ist, eine gewisse Exklusivität zu wahren, dann beginnt eine sechsmonatige Probezeit. Danach ist er oder sie dabei.“

Obwohl die Musik von Haggard über starke mittelalterliche Nuancen verfügt, besteht laut Feststellung von Asis der Schwerpunkt der Einflüsse aus Renaissance-, Klassik- und Barockmusik. „Der größte Reiz dabei ist für mich, alte Musik mit neuen, düsteren und brutalen Elementen zu kombinieren und herauszufinden, dass es eine totale Einheit ergibt.“

Wie eingangs erwähnt, war Nasseri schon immer ein Mensch, der an seinen Visionen festhielt. Er blickt ein wenig zurück: „Als ich 1994/95 beim Label Major Records angerufen habe, hat mich der damalige Labelchef gefragt, ob ich noch mehr Musiker in die Band holen wolle. Damals waren wir sieben oder acht Leute. Nun, ich habe ihm erzählt, dass ich Haggard in der Art, wie die Band heute ist, plane. Er aber meinte, so etwas wäre niemals zu verwirklichen. Schlussendlich, also ganze drei Wochen später, ließ er mir über seine Sekretärin mitteilen, der uns angebotene Deal würde wohl nicht zustande kommen. Da hat wohl der liebe Gott eingegriffen, denn bei dieser Plattenfirma zu unterzeichnen, wäre das Schlimmste gewesen, das uns hätte passieren können.“

Zurück zur Neuzeit, und die bringt mit „Eppur Si Muove“ ein neues Album hervor, welches härter und manchmal auch eingängiger ausgefallen zu sein scheint. Asis:

„Die Produktion ist noch zu frisch, noch zu nah; es hat ja knapp sieben Monate gedauert und ich muss jetzt erstmal ein paar Wochen Abstand dazu einnehmen. Auf jeden Fall ist und war es mir eine Ehre, mit so talentierten Musikern zu arbeiten. Hervorragend ist auch wieder der Sound. Dieter Roth von Roth Recording aus Burghaslach hat mal wieder alle Register gezogen, er ist und bleibt der König der Regler. Auch Felix und Ulrike von Rank Graphics haben uns ein schönes Cover-Artwork gezaubert.“

Anschließend bat ich meinen Interview-Partner, den Lesern einige Stücke der neuen Veröffentlichung näher zu erläutern, was dieser bereitwillig tat.

„`All´inizio é la Morte` bedeutet übersetzt `Am Anfang ist der Tod`; der Song handelt über Giordano Bruno und die Inquisition. Giordano Bruno wurde 40 Jahre, bevor Galileo Galilei seine Prozesse hatte. Sein Tod auf dem Scheiterhaufen sollte ein Schreckenszeichen für die Gegner Roms sein, er wurde im 19. Jahrhundert zum Symbol der laizistischen Bewegung. Giordano Bruno war ein Kosmologe und Gedächtnistheoretiker. Das Stück `Eppur Si Muove`, übersetzt `Und sie dreht sich doch`, beschreibt den Umstand, dass Galileo Galilei schon als kleines Kind von seinem Vater, Vincenzo Galilei, dazu erzogen wurde, nur dem zu trauen, was seine eigenen Augen wahrnehmen, was natürlich vorrangig Bezug auf die Kirche hatte. Dies hat Vincenzo Galilei, der im Übrigen ein sehr guter Komponist, Musiker und Musiklehrer war, seinem Sohn schon sehr früh in seine Musikbücher geschrieben. Vincenzo Galilei war zunächst Lauten- und Violinspieler, studierte bei Zarlino und Mei Musiktheorie und ließ sich dann als Lautenlehrer nieder. Der Track `Of A Might Divine` handelt davon, dass Galilei im astronomischen Bereich große Entdeckungen machte, unter Anderem die Jupitermonde Calisto, Ganymed, Io und Europa. Er lehrte in Pisa zunächst die `alte Lehre` vom geozentrischen Weltbild, welches besagte, dass alle Planeten und die Sonne um die Erde kreisen, weil er von der Kirche dazu angehalten wurde. Später dann, als Dozent in Padua, lehrte er die schon von Kopernikus propagierte Lehre des heliozentrischen Weltbildes, welches die Sonne als Mittelpunkt darstellte, was ihm Ärger mit der Kirche einbrachte. Das Problem war nicht, dass die Kirche gar nicht wusste, dass die Erde keine Scheibe ist. Das wusste sie natürlich, und Galilei war nicht der erste, der diese `Die Erde ist rund`-Theorie hegte. Das eigentliche Problem war, dass Galilei eine Art der Forschung an den Tag legte, die keinerlei Ehrfurcht vor dem Kreuz hatte: `Ich forsche und nehme das zur Kenntnis, was meine Augen sehen`. Wenn mehrere namhafte damalige Wissenschaftler dieser Forschungsart gefolgt wären, wäre der Respekt gegenüber der Kirche bald auf Null gesunken. Deshalb musste man ein Exempel statuieren, wie damals schon bei Giordano Bruno. Das Lied `Per Aspera Ad Astra`, übersetzt `Auf holprigen Wegen zu den Sternen`, ist dann auch ein Track über Planeten und Sterne. Wenn man scheinbar große Probleme hat, und nicht mehr weiterweiß, dann gibt es dafür eine Möglichkeit, dieses Gefühl der Überlast in den Griff zu bekommen; so geht es mir zumindest: Man stelle sich bei Dunkelheit auf ein Feld, erhebe den Kopf und blicke in die sternenklare Nacht. Alles, was man sieht, existiert schon seit Jahrmillionen. Sterne. Planeten. Nebel. Ferne Galaxien. Vieles unerforscht. Allein dieser überwältigende Anblick gibt, ich kann da nur von mir selbst ausgehen, die Kraft und Hilfestellung, die jeweilig momentanen Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“

Wie sich im Nachfolgenden auftut, hegt Asis neben seinem Faible für klassische Musik auch eine ausgesprochene Passion für den guten alten Thrash- und Death Metal.

„Ich liebe alle Platten von Death, von Sodom bevorzuge ich die alten Sachen bis zu `Persecution Mania`, von Entombed gefällt mir das Debütalbum `Left Hand Path` super, im Weiteren stehe ich voll auf alles von Bathory , Possessed, Celtic Frost, Morbid Angel, Protector etc.“

Geht es hingegen um feingeistige historische Klänge, schwärmt der Mann in schwelgenden Tönen von großen Meistern wie Wolfgang Amadeus Mozart.

„Oberflächlich gesehen sind seine meisten Kompositionen süßlich und leicht, doch wenn man unter diese Oberfläche sieht, dann brodelt es an allen Ecken und Enden. Einfach geil. Manchmal hat man bei ihm das Gefühl, als parodiere er seine eigenen Zeitgenossen. Meine Favoriten von ihm sind `Requiem`, `Die Zauberflöte`, `Don Giovanni` und die `Haffnersymphonie`.“

Doch da wäre zum anderen der „Gegner“ Mozarts am Kaiserhofe, Antonio Salieri. Asis erklärt:

„Leider propagiert der Film `Mozart`, Salieri wäre eher ein armseliger Komponist gewesen, was aber definitiv nicht stimmt. Sicher, an Mozart kommt er nicht heran, aber der hatte ja auch die Gabe von Gott. Denn was er schuf, das ist mit Talent alleine nicht zu machen. Als großer Italien-Fan und Anhänger der venezianischen Musik hängt mein Herz natürlich auch an Antonio Vivaldi. Weiterhin bin ich ein großer Verehrer von Edvard Grieg, dem norwegischen Komponisten, der beispielsweise die `Peer Gynt Suite` komponierte. Ein Meisterwerk, epochal der Romantik zuzuordnen. Auch Felix Mendelsson-Bartholdy hat es mir schwer angetan. Seine Hebriden-Ouvertüre, die `Schottische` als auch die Sonaten für Violoncello sind einfach unbeschreiblich.“

Der Frontmann von Haggard könnte diese Auflistung endlos weiterführen, wie er im Weiteren aufzählt: „Auch Beethoven, Georg Friedrich Händel, Joseph Bodin de Boismortier, der ein genialer französischer Barockkomponist war, Johann Sebastian Bach, Arcangelo Corelli, Domenico Scarlatti, Richard Strauss und Johann Strauss höre ich mir immer wieder sehr gerne an.“

Das letzte Studioalbum „Awaking The Centuries“ wurde sehr euphorisch aufgenommen. Asis freut sich noch immer: „Das hat uns natürlich sehr geehrt. Wir haben ganz besondere Fans. Für manche Bands, die vier Jahre lang kein Album auf den Markt schmeißen, ist solch' ein Umstand geradezu ein Genickbruch. Ich habe sehr großen Respekt vor unseren Anhängern.“

Gerade Mittel-, Süd- und Lateinamerika, davon speziell Länder wie Mexico, Kolumbien, Venezuela, Brasilien und Argentinien nehmen die opulente Musik von Haggard sehr euphorisch auf. Die Fans dort sind laut Asis´ Aussage regelrechte Maniacs:

„Bei unserer letzten Tour in Mexiko haben wir fast ausschließlich in richtigen, bestuhlten Theatern gespielt und hatten pro Abend einige tausend Zuschauer. Es kommen Anfragen aus der ganzen Welt, und es verblüfft mich immer wieder, dass man unseren Sound beispielsweise auch in Syrien kennt.“ Haggard werden im Anschluss an den Release von „Eppur Si Muove“ im Mai 2004 diverse Konzerte in Nürnberg, Hamburg sowie dem Leipziger Wave Gotik Treffen und in München spielen. Zuvor wird das Ensemble laut Asis` Prognostizierung zuallererst jedoch noch so oft als möglich proben.

© Markus Eck, 07.04.2004

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