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Interview: HELLION
Titel: Weiblicher Idealismus

Die Veröffentlichung des letztes regulären Albums liegt bereits ganze zwölf Jahre zurück. Nun meldet sich diese trotzdem bei den Fans niemals in Vergessenheit geratene US-Legende entschlossen wieder bei ihren Anhängern. Endlich!

Die neuzeitlich wieder erstarkte LA-Band um Ann Boleyn, eine der allerersten Frontfrauen und Sängerinnen in der gesamten Schwermetallbranche, liefert mit ihrem neuen Album „Will Not Go Quietly“ melodischen und unverfälschten Heavy Metal. Und sie kreierten darauf einen erfreulich kernigen amerikanischen Sound, der zwar klingt, als wäre die Zeit damals stehengeblieben, aber keineswegs verstaubt anmutet.

Das schnell ins Auge stechende Frontcover-Artwork des Albums schuf Travis Smith. Hellion sind wohl die einzige Metal-Band, die in einem Geisterhaus gegründet wurde. Denn ins Leben gerufen wurde die Truppe 1982 in dem verwunschenen Anwesen, in welchem Ann damals lebte.

Mit einem selbstbetitelten Minialbum, welches später nochmals mit neuem Titel wiederveröffentlicht wurde, gelang ihnen damals ein optimaler Start.

Der darauf zum Tragen kommende rauhe, harte NWOBHM-beeinflusste Sound kam hervorragend an und bildete mit der aufsehenerregenden Ann als Frontfrau ein damaliges Novum.

Ann gründete nachfolgend mit New Renaissance Records ein eigenes Label, auf welchem das Debütalbum „Screams In The Night“ erschien; gefolgt von einem weiteren Minialbum namens „Postcards From The Asylum“.

Das vorerst letzte Hellion-Album vor der erwähnten langen Pause war besagtes „The Black Book“: Ein Konzeptalbum, welches in ihrer Heimat über Restless Records und in Europa über Music For Nations erschien und welches hervorragende Verkaufszahlen erreichte.

„Schon möglich, dass wir wirklich die allerersten waren, welche als Heavy Metal-Band überhaupt mit einer Sängerin aufkreuzten“, lässt mich Ann wissen, um sogleich noch anzufügen:

„In unseren Anfangstagen dachten die Leute gar, wir wären eine Punkband. Sie hatten wohl noch niemals ein Mädchen so singen gehört wie ich es tat.“

Die aktuelle Promotion des Labels spricht über Hellion und die Alben „Screams In The Night“ und „The Black Book“ mit Recht als eine echte Kult-Angelegenheit. Ann blickt daher ebenfalls zurecht stolz auf die Vergangenheit zurück.

„Wie auch immer man uns nun bewerten möchte, wir haben im Gegensatz zu vielen Anderen einen sehr hohen Grad an Popularität erreicht, ohne aber jemals eine Veröffentlichung auf einem Major-Label bekommen zu haben. Wenn man auf all die Dinge zurückblickt, die wir ohne Major-Company erreicht haben, kommt man wirklich ins Staunen. Mann, wir konnten zwei Videos auf MTV vorweisen und wir waren zudem die erste US-Band, welche durch die damalige Sowjetunion tourte! Ich könnte jetzt noch so einiges aufzählen.“ Insgesamt gesehen ist Ann sehr dankbar, denn „die Touren mit Hellion erlaubten es mir, die Welt zu sehen und vieles Außergewöhnliches und Schönes zu erleben.“

Nun zum neuen Album „Will Not Go Quietly“, mein Favorit ist der Song „Dream Deceiver“. Ann:

„Ich schrieb die neben den ganzen Texten und Melodielinien auch die meiste Musik der aktuellen Tracks, bis auf vier Songs. So komponierte unser Gitarrist Ray Schenck die Songs `Resurrection`, `Dead And Gone` sowie `Duchess Of Debauchery`. Chet Thompson schrieb die Musik für den Track `Shit`. Wir gaben unserem Produzenten Mikey Davis auch einige Credits, denn er half während der Aufnahme-Sessions mit einigen guten Arrangement-Ideen aus.“

Auch für das neue Werk „Will Not Go Quietly“ holte sie sich Inspirationen aus dem realen Leben als auch der Historie, wie die auffallend vitale Sängerin im Weiteren erzählt.

„Ich bin ein sehr idealistischer Mensch. So macht es mich oftmals sehr wütend, wenn ich sehen muss, wie die Menschen auf diesem Planeten sich gegenseitig so schlecht behandeln. Ich hatte in dieser Richtung eine ganze Menge an entsprechenden Erfahrungen in den letzten Jahren zu verbuchen.“

So basiert jedes der neuen Stücke auf „Will Not Go Quietly“ auf einer realen Begebenheit, wie Ann wissen lässt.

„`Dead And Gone` entstammt dem ebenso traurigen wie erschütternden Vorfall eines Raubmordes an einer Schwarzen, welche in Florida erstochen wurde. Unmittelbar nach der Tat schleppte sie sich von Tür zu Tür, um Hilfe zu erhalten, über eine ganze Stunde lang. Da sich das Verbrechen jedoch in einem von Weißen bewohnten Bezirk ereignete, öffnete ihr niemand und sie verstarb schließlich.“

Diese tragische Geschichte berührte die Sängerin sehr tief, denn sie erlebte so einige ähnliche Situationen.

„Während der damaligen Aufstände hier in LA lebte ich inmitten eines Wohnbezirkes, welcher niedergebrannt wurde. Ich lebte allein und war wirklich beängstigt. Jeder wusste, dass ich dort lebte, denn ich betrieb New Renaissance Records von meinem Appartment aus. Alle meine Freunde wussten damals ganz genau, in welcher großen Gefahr ich mich befand. Dennoch hielt es keiner für notwendig, mich zu fragen, ob ich bei ihm wohnen wolle bis die Unruhen vorüber sind. Dies regte so einige Gedankengänge in mir an und ich fing an, vieles in Frage zu stellen.“

© Markus Eck, 30.01.2003

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