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Interview: HORN
Titel: Von der Kraft der Natur

Ein höchst stimmiges Gesamtkunstwerk bemüht sich Nerrath seit einiger Zeit zu erzeugen, genauer ausgedrückt seit 2002. Der stark naturverbundene Saitenspieler hält sich nur allzu gerne im tiefsten Wald auf, möglichst weit weg von den all den absurden Irrsinnigkeiten der industrialisierten Moderne.

Da hat der tiefgründig agierende Alleinunterhalter also etwas ganz Entscheidendes mit mir gemeinsam. Unter dem Namen Horn entstanden mit großer Beflissenheit bisher schon diverse reizvoll obskure Untergrund-Tonträger, welche an kompositorischer Eigenwilligkeit und musikalischer Kauzigkeit zumindest bei mir nichts zu wünschen übrig lassen.

Nerrath, der sich – dem Bandnamen entsprechend – absichtlich stets mit einem Jagdhorn in der Hand ablichten lässt, agiert dabei auch noch als Schlagwerker, Grimm-Barde, Tastenmann und Lyriker. Was also einst mit selbst geschriebenen Naturgedichten begann und mit emotional intensivem Grim Melancholic Forest Metal weitergeführt wurde, das gipfelt demnächst mit der Veröffentlichung des neuen Albums „Die Kraft der Szenarien“.

Wie Nerrath im Zwiegespräch mitteilt, versucht er hauptsächlich der „Eigenständigkeit“ nachzukommen, ohne den Bezug zur „Ursprünglichkeit“ zu verlieren.

„Das stellt sich zumeist als recht schwierig heraus, da sich die beiden Begriffe gegenseitig etwas beißen. Man nistet sich irgendwo dazwischen ein und hofft, möglichst mittig zu liegen. Ich hatte in den Anfängen viele Thematik-Ideen, die umgesetzt worden wollten. Ich halte aber nicht viel davon, mal über dies und mal über das zu singen. Einen Kurs zu fahren war das Ziel. Das führt zwar dazu, dass einem schneller die Ideen ausgehen und die Thematik auf Dauer ihren Reiz verliert. Aber so was tut man ja gern unter dem Motto „Lesser of 2 evils ab“. Um nicht allzu sehr abzuschweifen und es kurz zu halten, greife ich mir mal folgenden Aspekt raus: Man hat ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn man vertont. Eine einfache konsequente Assoziation. Dieses Bild soweit auf die Musik zu projizieren, dass die anderen auch genau das von dir kreierte Bild fühlen und verstehen können, ist für mich eine bedeutende Form der „Kunst“. Die Symbiose von Thema und Musik erschafft etwas inneres Visuelles. Wer dieses Handwerk versteht, ist für mich ein Künstler. Auf mich bezogen: Was meine Musik bei den Leuten genau erzeugt, kann ich dir so genau nicht sagen. Aber ich gehe nach diesem Muster vor oder versuche es zumindest.“

Selbst Musik zu machen, dazu ist der passionierte Waldmann laut eigener Aussage aus einem eher herkömmlichen Grund gekommen. „Man hat viele Ideen und Gedanken im Kopf, die raus müssen. Andere Leute schreiben ein Buch oder schreien sich beim „Speaker´s Corner“ um den Verstand, die Musiker greifen eben nach der Gitarre.“

Im Endeffekt läuft es bei Horn immer nach dem gleichen Schema ab, bekundet Nerrath.

„Das künstlerische Endziel blieb stets beziehungsweise bleibt bei mir bestehen. Ideen sammeln sich und man muss sie loswerden – falls du das meinst. Interessen? Wie gesagt, ich versuche diesen einen Kurs beizubehalten, folgerichtig hat sich da nicht allzu viel geändert. Allerdings spielt „Entwicklung“ natürlich schon eine Rolle. Textlich habe ich mich da etwas vertieft von Scheibe zu Scheibe, von der bloßen Naturbeschreibung hin zur Einbindung bestimmter Gefühlslagen – die sich wiederum gut mithilfe der Natur und dessen Phänomenen beschreiben beziehungsweise vergleichen lassen. Musikalisch kann man die beiden bisherigen Demos als Experimente beziehungsweise Orientierungsphasen ansehen. Phasen, mit deren Hilfe ich letztendlich bei der Musik gelandet bin, die auf den beiden bisherigen Horn-Alben zu hören ist.“

Der Name Horn ist für den Naturfreund recht bedeutungsschwanger, wie er im Weiteren zu Protokoll gibt.

„Dieser Name beschreibt meine Thematik kompakt in einem Wort. Das „Horn“ als Instrument beziehungsweise der Klang, den es erzeugt, ist für mich die Hörbarkeit der Natur, der Heimat und der vertrauten ländlichen Umgebung, in der ich den Grossteil meines Lebens verbracht habe. So wie ich es mir vorstelle und zurechtlege. Andererseits beschreibt das Wort „Horn“ die Bergesspitzen, wie etwa in „Nebelhorn“ oder „Fellhorn“. Diese Berge stellen den Gegenpart zur ländlichen Vertrautheit dar, nämlich die faszinierende Ferne, in der sich aufgrund der vergleichsweise kurzen Aufenthaltsdauer und dem Fehlen des „Alltags“ die Eindrücke und Gefühle konzentrieren und intensivieren. Manchmal geistert es in meinem Kopf herum, ob das Horn auch für das Trinken steht, das uns das Leben in dieser verkommenen Welt etwas erträglicher macht. Aber diese Interpretation ist von der jeweiligen Situation her bedingt. Ich mag den Namen nicht zuletzt für seine Simplizität. Einfach auszusprechen, jedoch eben aufgrund dieser Simplizität beziehungsweise Einsilbigkeit nicht direkt verständlich.“

Wie der Multiinstrumentalist nachfolgend erläutert, hatte er die Idee zu dem Jagdhorn seit Längerem, eigentlich sogar schon von Beginn an. „Aber bei den ersten drei Werken hat da eigentlich immer ein Synthesizer herhalten müssen, einerseits aus Kostengründen, andererseits aus Faulheit. Bis dann irgendwann ein Bekannter mit einem plausiblen Angebot um die Ecke kam. Die Einbringung des Horns war dann sozusagen der Schlussstein in der ideologischen Vollendung. Allerdings habe ich es auch nur spärlich eingesetzt, da man dem guten Stück nicht grade viele Töne entlocken kann. Es wäre demnach schnell nervig geworden.“

Ich frage anschließend explizit nach, was es für meinen Gesprächspartner denn bedeutet, als Einmann-Band arbeiten zu können.

„Viel. Die Gründe liegen auf der Hand. Entscheidungsvollmacht von Anfang bis Ende. Der Alleingang ist notwendig, wenn man außergewöhnliche Ideen hat, die Bandkollegen nicht umsetzen wollen beziehungsweise können. Man hat diese gewisse Privatsphäre, die man braucht, um Wagnisse und Experimente einzugehen, die man sich möglicherweise vor einem vollbesetzten Bandkeller nicht zutrauen würde. Anderseits ist es, wie du bereits erwähntest, „Arbeit“. Arbeit, die man normalerweise durch drei, vier oder auch fünf Leute teilt. Aber man scheut ja für seine Hobbys bekanntlich weder Kosten noch Mühen.“

Was die Einstellung von Nerrath zur „Szene“ an sich betrifft, so will er mich primär mit keiner „Früher-war-alles-besser“-Theorie nerven, weil er sich laut eigener Aussage selbst noch nicht zu den „Alteingesessenen“ zählen kann.

„Die Erfahrungen, die ich sammeln konnte, sagen mir allerdings, dass es sich auch hier nur um „Menschen“ handelt. Es gibt Verrat, es gibt Freundschaft, es gibt Anfeindungen und Mitteilungsbedürfnisse. Was man mit den Menschen in der Szene teilt, ist eine gewisse Einstellung zum Leben und die Liebe zur Musik, und aufgrund dessen fühlt man sich einfach zugehörig, auch wenn das viele nicht wahrhaben wollen. Was mich traurig stimmt, ist das Fehlen eben dieses Zusammengehörigkeitsgefühls. Denn wenn sich diese recht kleine Gruppierung von „Gleichdenkenden“ in sich wieder spaltet, bleibt am Ende nichts außer vielen Individualisten.“

Demnach bevorzugt der nachdenkliche Horn-Meister weder Konzertbesuche in Menschenmengen noch das Alleinsein im Wald. Er lebt eher nach der Formel „Alles zu seiner Zeit“.

„Ich selbst bin kein frequenter Waldgänger, der jeden Sonntag in die Natur geht um sich Kraft und Inspiration für die kommende Woche zu holen. Auch wenn es aufgrund der Horn-Sache den Anschein hat. Auf diese gezwungene Weise würde die Natur ihren Reiz für mich nicht lange aufrecht halten. Es gibt einfach ganz bestimmte Situationen und Lebenslagen, die einen wie durch Geisterhand wieder „hinaus“ ziehen. Und genau dies sind die Momente, die in Erinnerung bleiben, die für mich die Kraft der Natur ausmachen. Zu den Konzerten: Da ich leidenschaftlicher Konzertgänger bin, zieht es mich dementsprechend oft durch die BRD. Aber auch hier gilt aufgrund der festgelegten Termine: „Alles zu seiner Zeit“. Soll heißen: Die Natur und die Konzerte stechen sich nicht aus.“

Aufgenommen hat Nerrath das kommende Werk „Die Kraft der Szenarien“ zweimal, wie von ihm in Erfahrung zu bringen ist.

„Denn die erste Version war mir vom Klang her zu lasch, und da habe ich mich in Unkosten gestürzt und das Schlagzeug noch einmal im Studio eingespielt. An den Gitarren und dem Gesang hat sich nach wie vor nichts geändert: Von der ersten Idee bis zur letztendlichen Umsetzung in Heimarbeit am Rechner. Für beide Versionen, von der Idee bis zur Vollendung, habe ich ungefähr zehn Monate gebraucht, da ich zwischenzeitig noch sehr viel verändert habe. Die zweite Version sollte auch eigentlich eine klanglich verbesserte Replik der ersten werden, ist aber letztendlich doch fast ein eigenständiges Album geworden. Wie mir die Arbeit daran gefallen hat? Es war stellenweise recht schweißtreibend und nervig, da nicht alles so gelaufen ist, wie ich es wollte. Aber das sind halt die Hürden, ohne die man nicht gefordert wäre.“

Der aktuelle Albumtitel „Die Kraft der Szenarien“ soll bewusst Assoziation erwecken, so Nerrath. „Genau, das Wort „Assoziation“ trifft es. Die Natur in all ihrer Mannigfaltigkeit hat die Kraft, uns ein bestimmtes visuelles oder auch olfaktorisches und akustisches Panorama zu liefern, das haargenau zu einer bestimmtem Gefühlslage passt. Was beispielsweise könnte Stimmungen wie Leere, Trauer oder Depression besser beschreiben als ein grauer Herbsttag? Der Titel zielt eben auf diese Kraft ab, die jedes Szenario in sich trägt und sich in einer Seele niederlässt.“

Die neuen Liedertexte von Horn sind demnach im Grunde genommen weiterführende, konkretisierte Erklärungen dessen, was der Urheber unter dem Titel versteht.

„Grob gesehen selbstredend „horn-typische“ Texte. Ich habe jedoch diesmal etwas mehr darauf geachtet, das Ganze nicht wieder ungewollt kitschig rüberzubringen, wie noch bei Teilen der Vorgänger.“

Das spezielle Interesse für die lyrischen Themen seiner Lieder hat sich noch vor den Anfangstagen Horns im Geist von Nerrath etabliert, wie er bereitwillig erzählt.

„Und das war dann auch der eigentliche Grund für mich, das Projekt zu starten. Wie bereits vorhergehend erwähnt, ist das textliche Thema bei Horn eigentlich schon sehr eingleisig und man muss demnach darauf achten, sich nicht zu wiederholen. Das mit dem Tiefgang wandelt sich von Text zu Text; es kommt mir nicht darauf an, wie perfekt ausgearbeitet die Teile sind, sondern was ich mit den Wortfolgen auf dem Papier direkt assoziiere. Die besten Texte entstehen folgerichtig in gefühlsschwangeren Situationen. Beispielsweise ist der Text zu „Alpenland“ lyrisch gesehen ziemlich beschissen, jedoch ist er seit jeher mein bester Text da ich genau weiß, dass der Hintergrund und der Entstehungsort zu diesem Text sehr bedeutungsvoll für mich ist.“

Musik hat für den leidenschaftlichen Wanderer und ambitionierten Musikus dennoch eindeutig Vorrang.

„Der Text ist sozusagen die Bedienungsanleitung zum jeweiligen Lied. Eine Art Erklärung für diejenigen, die das Lied versuchen zu interpretieren und einen kleinen Denkanstoss brauchen. Denn wer mit der Musik genau das ausdrücken kann, was er in den Texten meint, ohne dass der Hörer den Text verstanden hat, braucht keine Texte. Und da ich mich mir nicht anmaße, das zu bewerkstelligen, lege ich halt die „Bedienungsanleitung“ hinzu.“

Die wunderbaren Naturbilder im Innern des Begleitheftes zum kommenden Album regen mich zu einer tiefer gehenden Auseinandersetzung damit an.

Nerrath hierzu: „Das ist eine kleine Auswahl der Bilder, die sich über die Jahre angesammelt haben. Größtenteils im Paderborner Raum, im Sauerland und in den französischen Alpen aufgenommen.“

Front-Cover bei Platten aus dem Metal-Bereich sind ihm generell wichtig, und nun wird der Kerl gar impulsiv.

„Das hat weniger mit Oberflächlichkeit, sondern eher mit dem Vertrauen in den Künstler zu tun. Wenn ich ein geniales Cover sehe, dass mich eine bestimmte Sache erwarten lässt, dann riskiere ich natürlich lieber ein Ohr als bei Scheiben, die mich visuell nicht ansprechen. Letztendlich kann man sich auf diese Faustregel natürlich nicht verlassen, aber sie ist definitiv eine Entscheidungshilfe.“

Wir unterhalten uns im Folgenden noch darüber, wie der Platten-Vertrag mit Black Blood Records, einem neuen Sublabel von Einheit Produktionen, zustande kam. Nerrath:

„Die Gesichte ist recht interessant. Ich hatte mit Björn schon seit meinem ersten Demo Kontakt und habe ihm immer brav meine Scheiben zugesandt, da ich mich in diesem Labelumfeld gut aufgehoben sah. Es hat allerdings nie ganz zu einem Vertrag gereicht. Ich habe Björn dann auf mehreren Festivals getroffen und bin mit ihm irgendwann ins Gespräch gekommen, da er sich nun mittels Black Blood selbstständig macht. Die neue Scheiben scheinen ja nun das Zeug dafür zu haben und ich hoffe weiterhin auf eine gute Zusammenarbeit mit den beiden, die bis dato nichts zu wünschen übrig ließ.“

Ich erkundige mich, ob Nerrath beziehungsweise Horn schon mal live auf der Bühne gestanden ist.

„Schon. Das Ganze ist allerdings schwer zu realisieren. Ich bräuchte bis zu vier Gitarristen. Und Sessionmusiker, die zu Proben und Reisen gewillt sind, sind rar. Außerdem glaube ich, das Horn allein schon aufgrund der klanglichen Stimmung und den überlangen Liedern wenig bühnenkompatibel ist und bei Konzertgängern, die einen stimmungsvollen Abend erwarten, für lange Gesichter sorgen würde.“ Bei den Richtigen bestimmt nicht, wie ich meine.

Wir kommen zum Ende des Disputs, ich bitte Nerrath um obligatorische letzte Worte.

„Ich bedanke mich für die individuelle Fragestellung und das Weglassen der „Ich tausche einfach den Bandnamen aus und habe ein neues Interview“-Scheiße. Dir weiterhin viel Erfolg mit Metalmessage, mach' dein Ding, weiter so! Einen Gruß an alle, die Horn unterstützt haben und es immer noch tun. An den geneigten Hörer: Die neue Horn-CD erscheint am achten September 2006 über oben genanntes Label.“

© Markus Eck, 12.08.2006

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